Editorial zu Gem(Einsam)keit

 

Liebe Mitchristen,

 

in Basel, der vielleicht internationalsten Stadt der Schweiz, besuche ich gerade eine Freundin. Es ist Freitagabend und der „Fellowship“-Kreis trifft sich. Die anwesenden 17 Personen vertreten zehn Nationen und vier Kontinente. Ein bunter, ungenormter Austausch über den Bibeltext kommt unter der ­Moderation von Tom aus Burma zustande. Fast alle sind sich einig: dass dir Gerechtigkeit geschieht, darum darfst und kannst du immer bitten – wie diese bittende Witwe im Lukas-Evangelium. „Dass Gott diesen Glauben hier bei uns findet – das wünsch ich mir sehr für ihn.“ Die junge Frau aus Kolumbien schließt mit diesem Satz ihren Beitrag ab.

 

Mitenand geht‘s besser

Ausgewandert, vertrieben, verunsichert – so sitzen sie im Kreis, singen Loblieder; wir kommen dabei einmal rund um den Erdball. Sie fühlen sich ­erleichtert, dass sie diese wöchentliche Gemeinschaft haben, in der das Vertrauen wieder langsam wachsen kann. Im Anschluss ans Bibelteilen findet noch ein gemeinsames Essen statt, das meistens von zwei Leuten vorbereitet wird. Heute Abend gibt es geschenktes, belegtes Baguette und Alex aus ­Sierra Leone tischt noch einen leckeren, selbst zubereiteten Gemüseauflauf auf. Beim Essen kommen die verschiedenen Alltagsdinge zur Sprache: die ­bevorstehende Firmung des Sohnes, die zurückliegende Konfirmation der beiden Jugendlichen, die Lungenentzündung des älteren Herrn aus Fernost und dass er Hilfe braucht, oder dass der Vater des politischen Asylanten immer noch auf sein Visum wartet… Hier in Basel pfeifen es längst schon alle Spatzen von den Dächern: Mitenand geht es besser!

 

Ich wohne hier im Mitenand-Haus. Meine Freundin, eine alleinstehende Lehrerin, hat dieses Haus zusammen mit zwei Ehepaaren erworben und instand gesetzt. Sie teilt es nun mit Migranten aus der ganzen Welt und teilt auch deren Sorgen um die zurückgelassenen Familienangehörigen, um nötige Papiere, um Schulen für die Kinder, usw. Evangelisch, katholisch, kirchlich ungebunden – miteinander beleben sie die große Kirche in Klein-Basel, das zu über fünfzig Prozent von Migranten bewohnt wird. Hier bleibt keiner einsam. Hier geht keiner verloren. Sei es die pensionierte Lehrerin aus Guatemala, die mit ihrem kleinen Enkel Zuflucht findet, nachdem ihre Tochter am hellen Tag entführt worden war und unauffindbar verschwand; oder der Student, der Hals über Kopf fliehen musste und hier ein neues Zuhause fand; sei es die junge Familie aus Südostasien, die die Mitenand-Bewegung tatkräftig mitverantwortet – sie alle erleben es: hier muss niemand allein bleiben mit seinem Schmerz um das Verlorene, mit der tiefen Trauer und der so großen  und demütigenden Hilflosigkeit angesichts alles Neuen und der fremden Institutionen.

Ein Pfarrersehepaar hatte dieses „Mitenand“ begonnen, indem sie ihre Herzen und ihr Haus öffneten und den Entwurzelten neuen Wurzelboden zu finden halfen. Von denen, die das erlebt haben, sind es heute etliche, die es genauso tun, denn mitenand geht es besser, die unausweichlichen Schwierigkeiten und ­hohen Hürden des täglichen Lebens anzugehen und zu bewältigen. „Kein Migrant soll allein bleiben müssen in unserer Stadt!, dafür stehen wir als Christen von der Mitenand-Bewegung“ – darin sind sich alle einig.

 

Netzwerk für Frauen

In Norddeutschland hat Astrid Eichler die EmwAg-­Bewegung angestoßen. „Es muss was Anderes geben“ unter diesem Motto machen sich, seit 2006, vor allem alleinstehende Frauen auf, um mögliche Formen ­gemeinsamen Lebens „neben Kommunität oder Ehe“ auszuprobieren. „Könnten nicht überall im Land kleine Gemeinschaften entstehen, die einander unterstützen, einen Blick füreinander bekommen, Zeiten des ­Lebens teilen, einander Wärme und Geborgenheit ­geben, Heimat und Herausforderung, neue Aufträge entdecken, die füreinander da sind? Wir wollen ein weites, ­offenes Netzwerk sein und zugleich die Möglichkeit der kleinen vertrauten Gemeinschaften bieten“ ist auf den Internetseiten zu lesen. Dort findet sich auch die Einladung zu den Impulstagen : www.emwag.de

 

Gemeinschaft der Heiligen

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, so lautet die Kurzformel. „Kirche“ sind zunächst die, die sich vom Geist Gottes rufen lassen, im Geist Jesu zu leben; sich heilend berühren und ihre Beziehungslosigkeiten von Gott überbrücken lassen, die in der Liebe zu Gott und den Mitmenschen wachsen und reifen wollen, die in den vielfältigen Formen der Kulturen und Zeiten sich vom Geist der Wahrheit in die „Gemeinschaft der Heiligen“ – die weltweit, vielfältig und zeitlos ist – einfügen lassen. Der Heilige Geist ist der, der uns miteinander verbindet und verbündet und in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott hineinzieht. Paulus spricht im Kolosserbrief vom Band der Liebe.

 

In diesem Sinn ermutigt uns die Pfingstbetrachtung von Dr. Stefan Kunz zu neuer Offenheit dem Geist Gottes gegenüber (S. 18). Rudi Böhm entfaltet, wie sich Einsamkeit als Unverbundenheit zerstörerisch auswirkt und wie Einsamsein zum geöffneten Raum für die Begegnung mit Gott und Mitmensch werden kann (S. 4). Der gekürzte Aufsatz von Dr. Wolfgang Bittner (S. 22) hilft, die biblischen Bilder des Menschseins neu in den Blick zu nehmen: von allen Seiten ­gesehen ist und bleibt jeder Mensch ein Beziehungswesen; alles Wesentliche empfangen wir, verdanken wir und sind gerufen und berufen zur Verantwortung: zum Weitergeben und zum Miteinander Teilen. Um wieder einen Geschmack für das Empfangen dessen zu bekommen, was Gott mit uns teilen will, kann die Übung des Lebenswortes (S. 16) eine erfrischende und erneuernde Handreichung werden.

 

Zuletzt soll Henry Nouwen, der in Einsamkeit und Gemeinschaft Erfahrene, das Wort erhalten : „Es ist das Geheimnis der Liebe, das Für-Sich-Sein des anderen zu schützen und zu achten und den Freiraum zu schaffen, der es ihm ermöglicht, seine Einsamkeit zu einer Stille umzugestalten, die gemeinschaftsoffen ist. … In dieser Stille können uns allmählich die Augen dafür aufgehen, dass Er da ist, der die Seinen umfängt…“ (aus: Der dreifache Weg, 1975, leider nicht mehr lieferbar, aber im Internet gebraucht erhältlich).

 

Zu dieser Gem(einsam)keit segne uns der Heilige Geist.

In herzlicher Verbundenheit grüße ich Sie – auch im Namen des ganzen Redaktionsteams

 

Ihre

Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal