Unter Tränen getröstet

Jesus Christus ist im Leid hautnah bei uns

Christa und Burghard Affeld
 

Warum? Dieses Wort liest und hört man immer wieder bei großen Katastrophen. Nach dem ­Terroranschlag in New York, nach dem Amoklauf von Winnenden. Kerzen brennen zwischen B­lumen am Tatort. Mittendrin ein großes Blatt mit der Frage „Warum?“. Was werden die Lehrer ihren Schülern sagen? Wie werden die Angehörigen mit ihrem Schmerz fertig? Was würden wir antworten, wenn uns Eltern, Geschwister und Ehepartner der Opfer diese Frage stellten?
An diesen Grenzen fragt selten jemand: „Sollte ich nicht gerade jetzt Christ werden?“, sondern „Warum lässt Gott das zu?“. Warum fliehen so wenige vom Leid gebeutelte Menschen in seine Arme? Wäre es nicht das Selbstverständlichste, wie ein Kind in die Arme des liebenden Vaters zu fliehen? Aber da liegt das Problem. Wer in guten Zeiten nichts mit Gott am Hut hatte, erwartet in schlechten Tagen von ihm keine Hilfe.

Verzweifelte Eltern

Nie werde ich die Eltern vergessen, die gerade ­ihren Sohn durch einen Motorradunfall verloren hatten. Nun saßen sie vor mir, weinten und immer wieder brach es aus ihnen heraus: „Warum, Herr Pastor? Warum? Wir haben ihn so geliebt!“ Der Vater brachte es dann für sich auf den Punkt: „Ich bin alt. Der Herrgott hätte mich doch holen können. Wenn ich durch meine Tränen meinen Sohn wieder lebendig machen könnte! Ich würde mein Leben lang weinen und weinen. Aber so hat mein Leben keinen Sinn mehr.“

Auch ein Pastor weiß nicht, warum Gott so viel Leid auf dieser Erde zulässt. Wir wissen nicht, ­warum etwas geschieht, aber wir wissen doch, Gott kennt uns, Gott hört uns, Gott fühlt mit uns. Ihm ist unser Leid nicht gleichgültig. Er selbst hat in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz gelitten. Wenn einer Menschen in ihrem Leid jetzt versteht, dann ist es der lebendige Gott, der Herr über Leben und Tod. Gerade im Leid ist uns Gott ganz nah.

Ich höre immer wieder: „Es ist schlimm, wenn ein Kind seine Eltern verliert. Aber das ist normal. Es ist schlimmer, wenn einer seinen Ehepartner verliert, da geht ein Stück von ihm selbst. Am schlimmsten aber ist es, wenn Eltern ein Kind verlieren, weil sie damit Zukunft und Hoffnung verlieren.“

 

Bernhards Unfalltod

Diese Worte fielen mir wieder ein, als mir im April 2000 der Oberarzt der Intensivstation einer Osnabrücker Klinik am Telefon in knappen Worten mitteilte, dass unser Sohn Bernhard schwer verunglückt sei, dass die äußeren Verletzungen nicht so schlimm seien, aber man annehmen müsse, dass das Gehirn stark beschädigt sei. Die Hoffnung auf Heilung werde von Stunde zu Stunde geringer. Ganz mechanisch fragte ich die ­medizinischen Details der Diagnose ab und erschrak einen Moment über mich selbst. Als Notfallseelsorger kannte ich vergleichbare Situationen. Aber hier handelte es sich nicht um irgend­einen Patienten, sondern um unseren Sohn.

Im Krankenhaus sahen wir Bernhard. Ein paar Schrammen im Gesicht. Die Hautfarbe rosig. Die Beatmungsmaschine summte leise und pumpte Sauerstoff in seine Lungen, die sich hoben und senkten. Es sah aus, als ob Bernhard schliefe. Die Realität aber war, dass sein Gehirn dem so­genannten Hirntod entgegenging. Wir hofften und beteten um ein Wunder.

Immer wieder schossen mir widersprüchlichste Gedanken durch den Kopf. Manche klangen wie Hohn oder wie eine zynische Herausforderung: „Pastor, jetzt bist du dran. Anderen hast du Trost gespendet. Wo ist nun dein Trost? Nun entdeckst du, wie schwer es ist, ein Kind zu verlieren! Kannst du dein Kind loslassen und gleichzeitig an Christus festhalten?“

Die letzten Worte

Am Tag nach dem Unfall hatte ich die Passionsandacht zu halten. Die letzten Worte Jesu am Kreuz waren mein Thema. Nie wieder hatte ich so bang vor einer Predigt gesessen. Und noch nie vorher hatte ich so sehr gespürt, wie gerade die Passionslieder mich trösteten und mir Kraft ­gaben. „Jesus, du hast mehr gelitten als ich. Jesus, du weißt, was Leiden ist. Jesus, hilf mir, dass ich das Tröstliche den Menschen vermitteln kann, auch wenn ich selbst dieses noch gar nicht ­empfinde.“ So betete ich im Stillen.

In meiner Ansprache kam ich an das Wort Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Während ich sprach, dachte ich: „Herr, das sind meine Worte! Das ist der Schrei meiner Seele! Gib mir Antwort!“ Und sie kam. Jesus sprach zu mir in einem Wort aus den Psalmen: „Ich befehle meinen Geist in deine Hände, denn du bist mein Herr und Retter“ (Psalm 31,6). Wie ein Lichtstrahl durchzuckte es die Finsternis ­meines Herzens.


Auf die Frage „Warum“ bekommen wir keine Antwort. Wir wollen Erklärungen, Gott aber möchte unser Bekenntnis: „Ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl. Was war das für eine Entlastung! Ich brauchte Herz und Kopf nicht mehr mit der Frage zu zermartern: „Warum, warum?“ Auch ich ­befehle ihm mein Leben an. Am Sterben und Tod meines Sohnes kann ich nichts mehr ändern.


Der Abschied von Bernhard war schwer. Wir konnten uns eine Woche lang darauf vorbereiten. Immer noch war unser Herz voller Hoffnung auf ein Wunder. Aber schon am Unglückstag hatte ich mir meine bösen Ahnungen vom Herzen ­geschrien: „Ade, Börni, mein geliebter Sohn. Ade, Börni, du begabter Kameramann, du gewitzter Zeichner, du leidenschaftlicher Musiker, du sportlicher Mountainbiker! Hab Dank für deine Liebe und Ehrlichkeit. Ade, Börni, geh zu unserem Herrn in die Ewigkeit. Wir wollen weiter den Sieg Christi über den Tod verkünden und dich nicht vergessen.“

 

Jeder trauert anders

Offiziell war Bernhard noch nicht tot. So hatte ­jeder in der Familie Zeit, sich in der Trauer auf die neue Situation einzustellen. Unser ältester Sohn war wie erstarrt. Er sah sich nicht in der Lage, über seine Gefühle zu sprechen. Noch war es ihm nicht möglich, sich der Realität seines sterbenden Bruders zu stellen. Später entschied er sich, ins Krankenhaus zu gehen.

In Süddeutschland lebte unsere älteste Tochter. Als Krankenschwester wusste sie, was die Diagnose „Hirntod“ bedeutete. Nur sehr schwer konnte sie das ferne Sterben ihres Bruders fassen.

Der jüngste Sohn versuchte sich abzulenken. Er konnte den Gedanken des Todes seines Bruders nicht ertragen, und ertränkte sie in den Reizen ­einer Großstadt. Es war der Versuch, die Realität zu ignorieren.

Die jüngste Tochter dichtete einen Text für ihren sterbenden Bruder. Danach schuf sie eine Collage von Bildern auf einer großen Pappe.

Jeder Mensch trauert anders. Dies zu akzeptieren ist wichtig. In der Familie haben wir das erlebt. Die Schwierigkeit besteht darin, den anderen bei seiner Trauer im Auge zu behalten. Gemeinsames Schweigen kann helfen oder eine vorsichtige Umarmung. Die Trauersituation ist für jeden eine höchst sensible Situation. Es gibt für das Trauern zu wenig Vorbilder in unserer Gesellschaft. Trauernde wissen oft nicht, was für sie gut ist. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und haben andererseits Angst vor dem Alleinsein. Man kann nur empfehlen, behutsam miteinander umzugehen.

Große Probleme haben auch diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind. Sie möchten ihre Betroffenheit ausdrücken, wissen aber nicht wie und wann. Oft fehlen ihnen die Worte. Wir mussten in unserer Situation manche Beileidsbekundung nicht so ernst nehmen, weil sie uns sonst nur ge­ärgert hätte. So meinte zum Beispiel ein Anrufer: „Ihr kennt ja den Trost, den wir Christen haben.“ Daraufhin folgte eine belanglose Frage, von echter Betroffenheit konnten wir nichts verspüren.

 

Klarheit bekommen

Bald war klar, dass Bernhard nicht mehr geholfen werden konnte. Noch lag er an die Beatmungs­maschine angeschlossen auf der Intensivstation. Das Gehirn war durch den Druck zusammen­gefallen und hatte sich selbst zerstört. Bernhards Kopf war tot, aber sein Körper lebte noch. Das war das Schwere für uns: Sein Körper war warm und der Brustkorb hob und senkte sich, als ob er ­schlafen würde. Das Pflegepersonal ging so mit ihm um, als würde er noch alles verstehen und ­empfinden. „Es ist das Beste, wenn auch Sie mit ihm so sprechen, als würde er Sie hören können“, meinte eine Krankenschwester.  

Die Ärzte versuchten uns zu erklären, dass man nicht mit absoluter Gewissheit wüsste, ob der ­Patient nicht doch etwas mitbekommen würde. Um Klarheit zu bekommen, griff meine Frau auf ihre Erfahrung vom Bauernhof zurück: „Ist es so, wie beim Schlachten eines Hahnes? Den Hahn muss man beim Schlachten an Flügeln und Füßen festhalten, weil er, obwohl der Kopf schon abgeschlagen ist, weiterfliegen würde. Ist Bernhard jetzt kopflos?“ Das bestätigten die Ärzte.

Diese Erfahrung zeigt uns, wie wichtig es ist, dass die Trauernden Klarheit über die Situation des Angehörigen bekommen. Alle Unklarheiten und Unsicherheiten steigern die Belastungsgefühle bei der Trauer. Die Verharmlosung der Situation und eine unehrliche Beruhigung zerstören Vertrauen. In ihrer Unsicherheit aber benötigen Trauernde Vertrauen, damit sie wieder Orientierung für ihr Leben finden können.

In Trauer handeln

Wir haben mit unseren Kindern gemeinsam die Trauerkarte und die Anzeige entworfen. Auch der Trauergottesdienst musste geplant werden. Das war wichtig. Unsere Situation war deshalb außerordentlich schwierig, da Bernhard physisch noch lebte. Wie konnten wir da so tun, als ob er schon gestorben wäre? Immer wieder brachten uns ­unsere Gefühle durcheinander.

Wochen, Monate und Jahre danach kam dieses sich widersprechende Gefühl in Abständen zurück: Wie konnten wir nur Bernhards endgültigen Tod auf dem Papier vorwegnehmen, während er noch im Krankenhaus lag? Bei der Traueranzeige kamen wir unausweichlich an das Sterbedatum, das aber noch gar nicht feststand. Wann wird es sein? Legt der Arzt das Sterbedatum fest oder ist es nicht doch Gottes Sache?

Oft ganz unerwartet kommt mir die Erinnerung an Bernhard wieder ins Bewusstsein. Bei einer großen Veranstaltung sitze ich mit dem Fest­redner vor der Bühne. Mein Blick bleibt an einem wunderbaren Schlagzeug hängen, wie er auch ­eines hatte. Ich werde die Gedanken an ihn die ganze Veranstaltung hindurch nicht los. Dann kommt das letzte Lied: „Bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit, Gottes Liebe hält bis in Ewigkeit…“ Dieses Lied hatten wir am Sterbebett als Abschiedslied gemeinsam gesungen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. In Gedanken ­befand ich mich wieder im Sterbezimmer. Ein Freund nahm mich in den Arm, der damals dabei war. Wie gut mir das getan hatte! In meinen ­Tränen wurde ich getröstet und froh.

Neue Belastung: Organspende

Es war wohl der dritte Tag nach dem Unfall. Einer der leitenden Pfleger der Station war gleichzeitig Transplantationsbeauftragter. Er bat um ein ­Gespräch, in dem er seine ehrliche Sorge um mein körperliches und seelisches Wohl ausdrückte. Meine äußere Stabilität und Professionalität im Umgang mit dem Sterben unseres Sohnes hatte bei ihm Bedenken ausgelöst. Er fürchtete, dass ich zusammenbrechen könnte. Für diese Fürsorge bedankte ich mich, konnte ihn aber beruhigen. „Ich habe Freunde, bei denen ich mich ausweinen und aussprechen kann. Noch stärker aber als meine Freunde hier auf Erden, macht mich mein Freund im Himmel stark. Jesus Christus selbst verleiht meinem Glauben und damit auch meinem Körper und meiner Seele die Stärke, die ich jetzt brauche.“

Dann aber wollte er mir noch etwas anderes ­sagen. „Haben Sie schon einmal an Organspende gedacht?“ Das traf mich wie ein Keulenschlag. Er hatte diese Frage einfühlsam vorbereitet, dennoch war mein erster Gedanke: „Wer hat etwas davon? Wird unser Sohn zum Organ-Ersatzteillager? Wird er dabei nicht doch noch etwas empfinden? Bekomme ich einen Nachweis dafür, dass mit seinen Organen verantwortlich umgegangen wird?“ Fragen über Fragen überfielen mich, die ich zwar alle theoretisch vor Jahren schon bearbeitet hatte. Nun aber durchbohrten sie mein Herz.

Einen Tag später hörte ich, dass die Klinik unter Zeitdruck stünde. Wenn die Diagnose „Tod“ feststeht, zahlt die Krankenkasse nicht mehr. Also ist die Klinik daran interessiert, dass möglichst bald die Diagnose endgültig ist. Die Organentnahme müsse dann auch schnell geschehen, da sonst das Krankenhaus auf den Restkosten sitzen bleibe oder die Organe zur Transplantation nicht mehr tauglich seien. Wir müssten also schnell ent­scheiden, ob eine Organspende im Sinne des ­Sterbenden sei oder nicht.

Die behandelnden Ärzte waren sehr freundlich, aber für solche Gespräche nicht geschult. Sie ­kamen aus ihrem Fachjargon kaum heraus. Ihre vagen Äußerungen und übervorsichtigen Formulierungen machten mich nur noch skeptischer und aggressiver. Nein, solchen Ärzten wollte ich unseren Sohn nicht anvertrauen. Freundlichkeit reichte nicht, auch nicht guter Wille und vorgeführtes ­Bemühen. Ein befreundetes Arztehepaar kam von weit her ganz selbstverständlich zu diesem Gespräch in die Klinik. Sie waren für uns die Über­setzer der medizinischen Fachsprache und halfen ­ihren Kollegen und uns, die Situation zu klären.

Sich erinnern

Am Sterbebett unseres Sohnes habe ich lange über die Bedeutung der Auferstehung Jesu Christi nachgedacht. Diesen alten Leib verliert er und ­bekommt dann einen neuen. Einem toten Körper nutzen die Organe nichts mehr. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Dann können sicher auch die ­Organe aus diesem sterbenden Leib herausgenommen werden, damit andere Menschen leben können. Vielleicht gibt Gott ihnen dann noch eine Chance, an seinen Sohn Jesus Christus zu glauben. Warum also sollten wir die Organe nicht für andere leidende Menschen zur Verfügung stellen?

Laut Transplantationsgesetz hatten meine Frau und ich die Aufgabe, darüber nachzudenken, wie Bernhard wohl entschieden hätte. Nach langem Nachdenken erinnerte ich mich an ein Gespräch als ich nachts – spät heimkommend – Bernhard noch am Computer vorfand. Er hielt mich auf und fragte, was ich von Organspende hielte. Er selber sei dagegen. Es folgte ein langes Gespräch weit über Mitternacht hinaus. Bernhard sollte in der Schule über das Problem der Organtransplan­tation ein Kurzreferat halten. Als er aus der Schule kam, fragte ich ihn, was aus dem Referat geworden wäre. „Gut ist es gewesen. Wir haben viel ­diskutiert“, meinte er. „Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“ „Na, ist doch klar! Nach ­unserem Gespräch bin ich für Organspende.“

Auf der einen Seite mussten wir von Bernhard Abschied nehmen und ihn loslassen. Andererseits mussten wir ihn wieder in unser Gefühl und ­Gedächtnis heranholen und einen Dialog mit ihm halten mit der Frage, ob er wohl einer Organspende zugestimmt hätte. Wir erlebten einen doppelten Schmerz, wir mussten Abschied nehmen und eine Entscheidung im Sinne unseres Sohnes ­fällen. Ich war froh, denn wir hatten die fast ­un­lösbare Aufgabe bewältigt. Für uns war es ein Gnadenzeichen Gottes, dass ich mich an diese kleine Begebenheit in der Nacht erinnern konnte.


Häufig wird das Motiv der Nächstenliebe für eine Organspende genannt. Liebe aber ist ein Beziehungsbegriff. Sie setzt zwischen Geber und Empfänger von Liebesgaben ein Mindestmaß an personaler Beziehung voraus. Bei der Organspende ist alles anonym und sachlich. Der Spender kann den Empfänger nicht mehr wahrnehmen, da er bereits hirntot ist. Auch dem Empfänger bleibt der Spender unbekannt. Eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende muss frei von mora­lischen Forderungen sein. Die Ablehnung von ­Organspende ist kein Verstoß gegen das Gebot der Nächstenliebe!

 

Traumatische Träume

Aber unsere Entscheidung hatte Nachwehen. ­Immer wieder trat die Frage auf, ob Bernhard ­womöglich etwas gespürt hat, als ihm die Organe entnommen wurden, und damit Schuldgefühle, Albträume und Horrorfantasien. Manchmal ­wurde ich nachts schweißgebadet wach. So ­geschah es auch nach folgendem Traum:

Von irgendwoher hatte ich gehört, dass unserem Sohn an diesem Tag die Organe entnommen ­werden sollten. Ich eilte in die Klinik, suchte und fand endlich nach langem Irrlauf Bernhard. Ich zog mich um und stürmte in den Operationssaal, dann sah ich, wie unserem Sohn die Organe ­entnommen wurden. Da richtete er ganz langsam seinen Oberkörper auf, sah mich durchdringend an und fragte: „Warum, Papa, warum?“ Dann fiel er wie umgehauen zurück auf den OP-Tisch. Nun war er tot. Ich schlich zurück wie ein geprügelter Hund mit der quälenden Frage: Warum habe ich das zugelassen? War er wirklich tot? Spürte er wirklich nichts mehr?

Hirntod ist nur ein Teil-Tod des Körpers. Er ist ­eine juristische Kunstform, um die Ärzte straffrei zu halten, wenn alle Funktionen im Gehirn ­er­loschen sind, der übrige Körper aber noch lebt. Organe müssen aus einem lebenden Körper ­genommen werden, damit sie transplantiert werden können. Das führt zur Tötung des Patienten. Der Arzt würde zum Mörder. Der Hirntod aber ist unwiderruflich. Der Patient lebt nur noch bio­logisch. Das ist die einzige Situation, in der Ärzte Organe entnehmen und transplantieren können. Also muss der Patient für tot erklärt werden.

In vielen Kulturen ist Blut Leben. Seit Jahrhunderten wurde der Tod daran festgemacht, ob das Blut noch floss. Dann wird der Körper kalt und starr. Das ist von den Angehörigen unmittelbar erfahrbar. Beim Hirntod ist das nicht der Fall. Bis auf ­eine kleine Ausnahme. Meine Frau und ich hatten die Augenlider unseres Sohnes hochgezogen, während er immer noch künstlich beatmet wurde. Die Augen hatten den Glanz verloren. In ihnen war kein Leben mehr. Die Hauptschlagadern zum Gehirn waren verstopft. Das konnten die Ärzte mit einem Sonographen feststellen. Die Augen ­unseres Sohnes halfen uns, den Hirntod nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern auch ein Stück emotional nachzuvollziehen. Das war und ist uns bis heute eine große Hilfe.

Wichtig ist es, unsere Entscheidungen verantwortlich zu treffen. Sollten wir trotz besseren Wissens und Gewissens dennoch an unserem Sohn ­schuldig geworden sein, dann wissen wir, wohin wir mit dieser Schuld gehen können. Christus wird uns vergeben.

 

Abschied nehmen

Die Fragen nach der Organspende hatten uns sehr beschäftigt und auch ein wenig abgelenkt. Eines von Bernhards Lieblingsliedern, das er als Solo in seinem Jugendchor gesungen hatte, war das Spiritual „O happy day.“ Immer noch ist dieses Lied für uns wie ein Vermächtnis. O herrlicher Tag des ­Erbarmens Gottes in dieser erbarmungslosen Welt! Welch ein Trost angesichts von Sterben und Tod! Sieben Tage lang hatten wir gebangt, gelitten und gehofft, obwohl medizinisch gesehen schon lange keine Hoffnung mehr bestand.

Dann kam das Unausweichliche. Wir wurden ins Krankenhaus gerufen. Bernhard lag allein im Zimmer. Wie weiße Pinguine eingekleidet in die Schutzkleidung standen wir unbeholfen um das Bett des eigentlich schon Toten. Die Maschinen liefen. In die Stille hinein hörten wir auf Psalm 77: „Ich schreie mit meiner Stimme zu Gott; zu Gott schreie ich, und er erhört mich (V 1) … Ich muss das leiden; die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern“ (V 11). Die Worte schnitten mir durchs Herz und heilten es zugleich. Dann ein Gebet. Schweigen. Einzeln traten wir ans Bett, streichelten und küssten unseren Börni. Jeder nahm ­Abschied auf seine Weise. Weinend lagen wir uns in den Armen. Dann wurde es wieder still. Einer fing leise an zu singen und wir stimmten vor­sichtig mit ein: „Bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit, deine Liebe hält bis in Ewigkeit …“ Die tiefe, finstere Trauer wurde durchleuchtet von der strahlenden Gewissheit: „Deine Liebe ist stärker als der Tod. Wenn du für uns bist, wer kann gegen uns sein.“

Wir spürten in seinem Sterbezimmer: Das Leben geht zu Ende wie ein Tag. Das Licht taucht in die Nacht. Aber als Christen wissen wir: Es kommt ein neuer Morgen. Ein Stück Ewigkeit brach in unsere Herzen. Dankbarkeit und Freude keimten auf in Trauer und Verzweiflung.

Der Trauergottesdienst war Karfreitags- und Ostergottesdienst zugleich. „Bernhard ist am Ziel und wir sind in Not“, hieß es in der Predigt ­treffend. Klage und Jubel wechselten sich ab. Laut in Wort und in Musik und leise in unseren ­Herzen. So ist das Leben eines Christen, so war das Leben von Börni, unserem Sohn. Ade, Börni! Ewigkeit heißt, Zeitliches, Vergängliches los­­zu­lassen. Und wir fingen damals an, das einzuüben.

Von

  • Christa und Burghard Affeld

    Burghard Affeld ist gelernter Betriebselektriker, Thelologe, Psychologe und Philosoph. Mit seiner Frau Christa hat er fünf Kinder und wa 33 Jahre Pfarrer der Paulusgemeinde in Osnabrück.

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