Schmerzhafte Ereignisse als Aufruf zum Wachsen

Über die Freiheit im Leiden

Rudolf M. Böhm
 

Die Allgegenwart des Leidens wird immer wieder als Argument gegen die Existenz eines guten Gottes angeführt. Wenn Gott Leiden „zulässt“, scheint er entweder unfähig oder ein Sadist zu sein. Vielen fällt es leichter, die unvermeidliche Tatsache des Leidens mit einem zufälligen Universum zu vereinbaren, als die traditionelle biblische Antwort auf dieses Problem zu akzeptieren: Leiden ist, genau wie das Böse, die Kehrseite der Freiheit. Eine Welt der Freiheit ist eine Welt, in der die Dinge auch schiefgehen können – und sie tun es.

Die Bibel ist ein großes Buch über das Leiden. ­Darin finden wir Beispiele für jeden Schmerz der Seele; den Tod eines Kindes, die Furcht vor Vernichtung, Kinderlosigkeit, Verbannung, Verfolgung und Hohn, Einsamkeit und Verrat, den Wohlstand der Frevler und das Elend der Gerechten, Untreue und Undankbarkeit. Leiden hat in der biblischen Welt ganz unverkennbar etwas mit dem Bösen zu tun. Wir leiden, wenn uns Böses widerfährt.
Dennoch gewinnen wir als Christen aus dem ­ersten Kapitel des Alten Testaments die Überzeugung, dass die Schöpfung wesentlich gut ist. Wenn die Welt, die Gott geschaffen hat, wesentlich gut ist, es aber andererseits auch das Böse in der Welt gibt, dann müssen das Gute und das Übel in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. Wir leiden wegen des Bösen, doch das Leiden selbst verweist uns auf etwas Gutes. Leiden ist ein Teil des Zusammenspiels von Gut und Böse in der Welt. Leiden ist in das Geheimnis der menschlichen Freiheit hineingewoben. Wie frei ich wirklich bin, kann ich daran erkennen, wie ich mit Leiden umgehe. Dieser Zusammenhang soll in meinen Ausführungen klar herauskommen.

Ereignisse des Lebens

Es gibt mindestens zwei Mittel, durch die Gott seine Anrufe an uns richtet: sein Wort und die Ereignisse des Lebens. Im Hebräischen hat das Wort dawar diese zwei Bedeutungen zugleich: Wort und Ereignis. Die Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes ist immer auch ein Ereignis, das sich in unserem Leben auswirken möchte. Umgekehrt ist jedes Ereignis in unserem Leben auch ein Wort Gottes an uns. Es gibt kein Ereignis in unserem Leben, das nicht in der einen oder anderen Weise einen Anruf Gottes beinhaltet.

Selbstverständlich gibt es viele Ereignisse in unserem Leben, die nicht „gottgewollt“ sind. Wenn wir den Ablauf unseres Lebens jedoch mit einem Blick des Glaubens betrachten, dann können wir erkennen, dass Gott in allem gegenwärtig ist und dass er alles zu unserem Wohl beitragen lassen kann, auch die schwierigsten Situationen.

Zwei Gefahren

Diese Wahrheit ist grundlegend, kann aber auch falsch verstanden werden. Sie kann dazu verleiten, alles, was wir erleben, übereilt zu interpretieren, indem wir ihm eine spirituelle Bedeutung geben. Darin kann eine Versuchung zu einem gewissen Fatalismus liegen. Oft kennen wir die Bedeutung dessen, was wir erleben, nicht. Die Anrufe Gottes durch die Ereignisse müssen deutlich und vorsichtig unterschieden werden. Es geht also nicht darum, alle Situationen irgendwie zu interpretieren, sondern sie im Vertrauen in Gott anzunehmen und zu leben, selbst wenn wir sie nicht verstehen.


Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein. (Rainer Maria Rilke)1


Eine andere Gefahr könnte darin liegen, unbedingt in allem einen Sinn finden zu wollen, aus Angst, den göttlichen Willen zu verfehlen. Diese Angst wurzelt in dem Bedürfnis nach Sicherheit. Sie entfremdet uns von der Freiheit der Kinder Gottes.

Wir berühren hier einen schwierigen Bereich. In jedem Ereignis einen Anruf Gottes zu sehen, darf nicht als „Plan Gottes“ missverstanden werden, der über den Kopf des Menschen hinweggeht. Vielmehr erschließt sich diese Sichtweise dem Menschen, der sich auf dem Weg Gottes Fürsorge anvertraut. Wo dies geschieht ist für den, der glaubt, Gott schon jetzt „alles in allem“. Auch wenn der Gläubige keine anderen äußeren Verhältnisse schaffen kann, werden sie doch anders, weil er weiß, dass „nichts ihn scheiden kann von der ­Liebe Christi“(vgl. Röm 8,35) und „dass die Leiden der ­gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18, Einheitsübersetzung). In letzter Instanz ist es der Anruf Gottes, der es uns erlaubt, jede ­Situation positiv zu erleben. Sie eröffnet uns einen Weg der Freiheit und des Lebens in jeder Lage.

 

Aufruf zur Dankbarkeit

Die positiven Ereignissen, die kleinen oder großen Glücksmomente, sind ein Aufruf zur Dankbarkeit. Das Glück, das wir empfangen, wird noch größer, wenn wir darauf mit Danken antworten. Die Haltung der Dankbarkeit vertieft die Beziehung zum Geber und macht das Herz weit und ­offener.

Die Geschenke Gottes sind auch eine Einladung zum Teilen, um so die empfangene Gabe für uns und für andere fruchtbar zu machen. Sie sind ein Aufruf, im Gegenzug uns selbst hinzugeben und die gleiche Großzügigkeit walten zu lassen, die wir von Gott erfahren haben.

Gott lädt uns heute auch zu einer persönlichen ­Beziehung ein, in der wir nicht bloß passive Empfänger seiner Gnade sind, sondern Mitarbeiter an seinem Erlösungswerk. Ein Leben der Danksagung schenkt reichen Segen für unsere eigene ­Seele, ­unsere Familien und unsere Gemeinden. Eine gute Übung dafür ist der Tagesrückblick: „Ich will heute über die vielen Geschenke nachdenken, die Gott mir gemacht hat. Ich werde mir Zeit nehmen, ihm mit meinem ganzen Sein zu danken.“

 

Anruf zum Wachsen

Das schwierigere Kapitel sind die schmerzhaften Ereignisse. Auch sie enthalten Anrufe Gottes. Sie können eine Einladung zum Glauben, zur Geduld, zum Mut, zur Vergebung oder zur Annahme der persönlichen Grenzen sein.

Wenn wir uns in einer schwierigen Situation ­befinden, ist es nicht am wichtigsten, sie möglichst schnell zu lösen, sondern den dahinter verborgenen Anruf zu hören, der uns durch diese Situation vermittelt wird. Dieser Anruf lässt sich häufig nur nach und nach heraushören, wenn wir unser Ja zu dieser Situation geben und wenn wir uns ehrlich fragen, was Gott von uns erwartet.


Bis vor acht Jahren hatte ich zu unserer ältesten Tochter eine innige Beziehung, auf die ich sehr stolz war. Sie bestätigte mich immer wieder darin, ein guter Vater zu sein. Doch eines Tages vertrat sie Dinge, die mich bis ins Mark erschütterten. Sie vermittelte mir und meiner Frau, dass wir nicht richtig und ernsthaft genug glauben, und nachdem wir uns von ihrer Sichtweise nicht über­zeugen ließen, hat sie den Kontakt schließlich ganz abgebrochen.

Bis heute hat sich daran nichts geändert. Trotz des nach wie vor tiefen Schmerzes über die Trennung, habe ich Frieden darüber gefunden. Ich habe hinter diesem Ereignis die liebende Aufforderung Gottes gesehen, eine notwendige Lektion zu ­lernen. Für mich waren es Sanftmut und Barmherzigkeit. Gott hat mich erkennen lassen, dass ich von Natur aus ein sehr enges Herz habe. Ich neige dazu, an allem, was nicht meiner Richtung angehört, etwas Schlechtes zu finden. Hier hat mir meine Tochter in erschütternder Weise einen Spiegel vorgehalten. Dabei musste ich erkennen: So wie sie ist, bin ich ja auch. Das anzuerkennen war für mich ein bitterer Abstieg in die Wahrheit. Gleichzeitig erlebte ich dabei Antworten auf ­meine tiefste Sehnsucht: Gott kennt mich. Er schaut mich mit einem liebenden Blick an. So ­habe ich mit der Zeit gelernt, mich auf eine tiefere Weise nach der Barmherzigkeit Gottes auszustrecken, mich seiner Liebe zu öffnen, sie zu empfangen und dabei ihre verwandelnde Kraft zu erfahren. Mich auf diese harte Schule einzulassen, hat mir tiefes Vertrauen in göttliche Vorsehung zumindest erleichtert. Was damit gemeint ist, ist für mich am besten in den Worten des katholischen Theologen Romano Guardini wieder­gegeben:

Das Wort Vorsehung kommt von ‚sehen für‘. Gott sieht für uns. Er sieht besser als wir, was nötig ist, und er gibt, was er aufträgt. Wir können nicht an seiner Stelle handeln. Er sieht, was wir brauchen und sorgt dafür, dass wir es bekommen. … ‚Vorsehung‘ muss nicht Wohlergehen und Erfolg bedeuten; Gott kann auch Misserfolg und Entbehrung schicken. Sie muss nicht bedeuten, dass die Arbeit Frucht bringt und die menschlichen ­Beziehungen sich erfüllen; die schönsten Dinge können zerbrechen, und es kann sein, als sollten die Fragen ‚Warum‘ und ‚Wozu‘ überhaupt keine Antwort bekommen. … Worum es eigentlich geht, ist das Werden des Reiches Gottes und des Menschen in ihm; dafür können Gesundheit, Besitz, Erfolg Hilfen, aber auch Hindernisse sein; und das, was der Mensch Unglück nennt, kann ebenso gut ­nützen wie schaden. Wer an die Vorsehung glaubt, der glaubt in Gottes Geheimnis hinein.2


Diese Sicht hat mein bisheriges Leben sehr ­bestimmt und vor mancher Katastrophe bewahrt. Nach meiner Erfahrung geht es der göttlichen Vorsehung (= Gott selbst) ausschließlich um unser Heil, und dazu nutzt sie alles mit bewunderns­werter Weisheit. Doch damit uns alles zu unserem Heil gereichen kann, braucht Gott unser Einverständnis und das Mitwirken unseres freien Willens. Er stülpt uns nichts über; er ersucht uns um unsere Einwilligung. So kann jedes Ereignis – auch wenn es die Folge eines Irrtums oder einer Sünde gewesen sein mag – als ein Anruf Gottes aufgenommen und verstanden werden. Dann ­werden wir auch bereit zur Mitarbeit.

Die Hilfe, die der Herr uns in einer gegebenen ­Situation zukommen lässt, will uns aktiv in sein Handeln einbeziehen. Wenn Gott für uns handelt, handelt er doch niemals ohne uns: Er weist uns dazu an, die Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Und er achtet unseren freien Willen, Entscheidungen zu treffen und neue Haltungen einzunehmen. Es gibt demnach also kein gött­liches Eingreifen in unser Leben ohne einen Aufruf zur Bekehrung.

 

Die richtigen Fragen

Wenn wir eine Krankheitszeit durchmachen, ruft das in uns immer eine Menge Fragen hervor, auf die es leider nicht immer (gleich!) eine Antwort gibt.

Nach meinem Schlaganfall im Jahr 2000 habe ich viel gegrübelt über Fragen wie: Warum ist mir das widerfahren? – Wie lange wird das andauern? – Warum befinde ich mich in dieser Situation? – Wer ist schuld? – Wer trägt die Verantwortung? Doch alle Antworten, die ich fand, waren letztlich unbefriedigend und änderten nichts an dem Tatbestand meiner erfahrenen Ohnmacht und der Unsicherheit darüber, was daraus werden würde. Solche Fragen sind legitim, bis zu einem gewissen Grad auch notwendig, doch man kann sich nicht endlos mit ihnen beschäftigen. Man kann ein ­Leben lang versuchen, die Verantwortlichkeit dieser oder jener Person in einer bestimmten Situa­tion festzustellen, ohne dass die Dinge dadurch klarer würden. Eine Spruchpostkarte hat mich damals meine Spur finden lassen:

„Gottes Wege sind überall anzubeten, aber nicht überall zu ergründen. Ich bin des Vaters Kind – nicht sein Geheimrat.“

(Mutter Basilea Schlink, Ev. Marienschwestern)

Das Heil liegt nicht darin, immer eine Antwort auf seine Fragen zu besitzen. Der Weg des Lebens wird oft darin liegen, den Mut zu haben, einige Fragen unbeantwortet zu lassen (was immer schmerzhaft ist) und auf einer anderen Ebene zu fragen:  „Was erwartet Gott in dieser Situation von mir?“


Dieser Ebenenwechsel erfordert notwendiger­weise eine gewisse Bekehrung, weil wir uns so schrecklich fest an das Bedürfnis klammern, alles verstehen zu wollen. Doch der große Vorteil dieser neuen Frage liegt darin, dass wir über kurz oder lang eine Antwort bekommen. Wenn wir aufrichtig den Willen Gottes suchen, dann wird dieser sich immer zeigen. Sobald jemand in einer schwierigen Situation akzeptiert, dass er nicht ­alles versteht und nicht alles unter Kontrolle hat, und sich ganz einfach fragt, was Gott in diesem gegenwärtigen Augenblick von ihm erwartet, dann erhellt sich nach und nach seine Situation.

Die Antwort meiner katholischen Großmutter, wenn ich als Schulbub mit Schrecken einem Zahnarztbesuch entgegensah, lautete gewöhnlich: „Opfere es Gott als Buße für deine eigenen Sünden auf.“ Diese Standardantwort (die man heutzutage fast nirgendwo mehr hört) ist erstmal verblüffend und liegt irgendwo zwischen bizarr und grausam. Doch vielleicht steckt mehr dahinter. Denn diese Antwort ist ein Versuch, unser Leiden im Hier und Jetzt mit dem Erlöserleiden Christi und der Läuterung in Verbindung zu bringen, die die Gnade Christi in unserem eigenen Leben ­bewirken kann.


Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Mann, der sehr verbittert war, weil sein Wunsch nach Bestätigung, Anerkennung und Ermutigung immer wieder ­enttäuscht worden war. Er fand einfach keinen Ort, keine Gemeinde, wo er nicht mehr verletzt wurde. Schließlich zog er sich aus allem heraus, um nicht mehr verletzt zu werden. Ich sagte ihm, dass wir am Leben Jesu ablesen können, dass es kein verletzungsfreies Leben gibt. Es gibt ein absolut sicheres Mittel, sich unglücklich zu machen: „Richte dein Leben so ein, dass du um jeden Preis dem Schmerz entfliehst und nichts anderes suchst als das Vergnügen.“ Sich weigern zu leiden, heißt, sich weigern zu leben. „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“, sagt Jesus.

„Lieben heißt verletzlich sein. Wenn du ganz sicher sein willst, dass deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal an ein Tier. Umgib es sorgfältig mit harmlosen Hobbys und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließe es sicher im Schrein deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftdicht – verändert es sich. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Die Alternative zum Leiden, oder wenigstens zum Wagnis des Leidens, ist die Verdammung. Es gibt nur einen Ort außer dem Himmel, an dem wir vor allen Gefahren und Wirrungen der Liebe vollkommen sicher sind: die Hölle.“3  (C.S.Lewis)


Jesus zeigt uns auf seinem Weg, dass man verletzt werden und dennoch in der Liebe bleiben kann. Als Jesus seine Freunde am meisten gebraucht hätte, sind sie davongelaufen und ließen ihn im Stich. Auf schmerzliche Weise zeigt sich früher oder später im Leben eines jeden: Auf Menschen ist kein Verlass! Es hat keinen Sinn, die Schuld bei sich zu suchen oder andere zu beschuldigen. Wir können nur auf die Seite Jesu hinüberwechseln, denn auch Jesus wurde von Menschen enttäuscht. Sicheren Halt gibt es allein in Gott.

Wenn ein Mensch das zu glauben wagt, wird er Vertrauen fassen; wird er z. B. bereit sein, jemandem zu vergeben. Und wenn er dieser Einsicht treu bleibt, hat das eine unmittelbare Auswirkung: Er fühlt sich nicht mehr als Gefangener oder ­Opfer der Situation (auch wenn diese nach außen hin unverändert geblieben ist) und wird neu zur handelnden Person in seinem Leben. Die Zukunft liegt wieder offen vor ihm.

Natürlich geht nicht immer alles so einfach vonstatten. Doch es berührt mich trotzdem sehr, in vielen Gesprächen mitverfolgen zu können, dass Gott denen Gnade zur Umkehr schenkt, die aufrichtig danach trachten, in ihrem Leben in der Wahrheit zu sein und ihn dazu um Hilfe bitten. Meistens kommt es zu einer allmählichen Verschiebung in der Fragestellung. Schematisch dar­gestellt lautet die erste Frage fast immer: „Ich leide und ich erwarte eine Lösung, um nicht mehr leiden zu müssen.“ Diese Haltung führt in eine Sackgasse. Doch nach und nach lenkt einen das unaufdring­liche Wirken des Heiligen Geistes zu einer anderen Fragestellung: „Was erwartet Gott von mir in all dem?“ Darauf kann ich eine Antwort finden. Dabei handelt es sich meistens um einen nächsten Schritt, der heute getan werden sollte und als tägliche Übung eine Zeit lang beizubehalten ist.

Man soll von der Frage „Was verlange ich vom ­Leben?“ zu der Frage  „Was verlangt das Leben von mir?“ kommen. Diese kleine Wende verändert alles. Dieses Umkehren des Blickes ist immer notwendig und immer fruchtbar. Das Evangelium lädt uns sehr oft zu dieser Veränderung der Blickrichtung ein, z. B. wenn Jesus sagt:  „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).

 

Wahre und falsche Antworten

Die Antwort auf die Frage:  „Welcher Anruf ergeht in dieser Situation an mich?“ denkt man sich grundsätzlich nicht aus. Sie wird empfangen als Frucht des Gebetes. Sie wirkt beruhigend und ­befreiend.

Es kommt vor, dass wir angesichts der verschiedenen Situationen vorgefertigte Antworten parat ­haben. Sie entspringen unseren kulturellen Mustern, unseren Denkgewohnheiten, den Lebensstrategien, die wir entwickelt haben. Um die wahren Anrufe des Geistes wahrzunehmen, ist es wichtig, sich selbst kennenzulernen und sich anderen zu öffnen, die oft klarer sehen können. Wer Erfahrung mit geistiger Begleitung hat, erfasst ziemlich schnell, was von der verletzten Psyche kommt. Eine Haltung der Selbstanklage, Zähne zusammenbeißen und durchhalten, anklagen und die Schuld zuweisen; ein sich zum Heldentum verpflichtet fühlen; Angst, seine Schwachheit einzugestehen; Verzicht oder Flucht nach vorn. Die Früchte davon sind meistens geistige Unbeweglichkeit, Unruhe und Anspannung.

Im Gegensatz dazu weisen die Antworten, die vom Geiste kommen, folgende Charakteristika auf: Sie sind in Einklang mit dem Wort Gottes; haben den Nachgeschmack des Evangeliums nach Sanftheit, Demut, Frieden; den Duft nach Einfachheit und Wahrhaftigkeit; den Klang von etwas Frischem und Neuem. Sie schaffen ein Klima des Vertrauens und machen Mut. Sie fördern innere Begeisterung und die Wahrung des freien Willens. Sie führen zu wirklichen Änderungen. Durch sie kommt dieses Neue in unser Leben, das nur Gott bewirken kann.

 

Anrufe Gottes

Die Anrufe Gottes können höchst unterschied­liche Inhalte haben. Das kann sich nach den Umständen und nach den Abschnitten unseres Lebens richten und nach dem besonderen und einzigartigen Lebensweg, den Gott jedem Einzelnen von uns bereitet. Es können Aufrufe sein zu Geduld, zu Vergebung, zu der konkreten Zusage eines Dienstes, zu Gebet, zu Selbstannahme, zu Hingabe, zu Demut, zu einer Geste der Zärtlichkeit, zum Annehmen einer Freude usw. Alle Anrufe sind Aufrufe zu Glauben, Hoffnung und Liebe.

Der erste Anruf, den Gott (besonders in schwierigen Situationen) an uns richtet, ist ein Aufruf zum Glauben: Wir sollen glauben, dass Gott gegenwärtig ist, dass er treu ist, dass er alles in der Hand hat, dass er uns nicht vergisst. Da Gott Vater ist, ist der tiefste und radikalste Aufruf, den er an uns ergehen lässt, ein Aufruf zu Vertrauen.

Der zweite Anruf, den er an uns richtet, ist ein Aufruf zur Hoffnung. Wir sollen von ihm Hilfe erwarten und nicht nur von unserer eigenen ­Betriebsamkeit. Wir sollen in ihn unsere Sicherheit setzen und nicht in selbst fabrizierte Sicherheiten. Auf der Grundlage von Glaube und Hoffnung können wir die Aufrufe zur Liebe wahr­nehmen und annehmen.

Wenn wir eine schwere Zeit durchmachen, sind es immer der Glaube, die Hoffnung und die Liebe, die letzten Endes geprüft bzw. in Frage gestellt werden.

Jede Prüfung ist eine Prüfung des Glaubens. Jede Notsituation enthält auf die eine oder andere ­Weise die Frage nach dem Glauben:

• Glaubst du, dass Gott in diesem Augenblick ­deines Lebens gegenwärtig ist?

• Glaubst du noch an seine Liebe, an seine Macht? Daran, dass er alles in der Hand hat und dir alles zu deinem Besten dienen lässt?

Jede Prüfung ist auch in gewisser Weise eine Prüfung der Hoffnung und stellt Fragen an uns, die man so formulieren könnte: Von wem erwartest du dein Heil? Von dir selbst? Von deiner eigenen Kraft? Von der Hilfe anderer Menschen? Worin oder in wen setzt du deine Sicherheit? In deine materiellen Güter, in deine Erfahrung, deine Ausbildung, in eine bestimmte Person oder Institu­tion? Oder hast du deine Sicherheit in Gott allein gesetzt, in seine unendliche Barmherzigkeit?

Schließlich ist jede Prüfung (ganz besonders im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, z. B. bei einer Partnerschaftskrise) auch eine ­Probe für die Liebe: Ist deine Liebe echt? Ist sie un­eigennützig? Worin besteht sie? Ist deine Groß­zügigkeit nicht doch ein verdecktes Feilschen?

Jede schwierige Zeit ist also ein Aufruf zu mehr Entschiedenheit im Glauben, zum Wachstum im Vertrauen, in der Hoffnung, zu reifender Reinheit und Treue in der Liebe. Wir brauchen also keine Angst zu haben vor den Prüfungen des Lebens, auch wenn sie in Form von Krankheiten oder ­Unfällen an uns herangetragen werden. Sie sind notwendig. Sie lassen uns wirklich wachsen.

Anmerkungen

  1. Diese Zeilen stammen aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „an einen jungen Dichter“ (Franz Xaver Kappus), in den sie eingestreut sind.
  2. Romano Guardini, Was Jesus unter Vorsehung versteht, Werkbund Verlag, Würzburg 1939.
  3. C.S. Lewis, Was man Liebe nennt (Brunnen Verlag Basel, Gießen 1998), S. 125.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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