Leid als Versuchung

Von Klaus Berger


Nach Auffassung insbesondere des Neuen Testamentes haben die Leiden, die dem Menschen ­begegnen, ihm etwas zu sagen. Sie sind, gerade weil sie nicht die Ordnung der Herrschaft Gottes darstellen und „nicht in Ordnung“ sind, für den Menschen wie Wegweiser in Richtung auf Gott. Sie sind in dieser Rolle rings um den einzigen Punkt angeordnet, der im Leben eines anderen Menschen wichtig ist: um seine Hinwendung zu Gott. Treffen sie ihn vor der Hinwendung zu Gott, dann sagen sie genauso etwas, wie wenn sie ihn nachher treffen. Die Hinwendung zu Gott aber ist der Punkt, an dem der einzelne Mensch Gottes Herrschaft (sein Reich) anerkennt. Insofern sind alle Leiden, die dem Menschen überhaupt begegnen, hingeordnet auf die Herrschaft und das Reich Gottes. Die Bibel nennt die Leiden, die den Menschen in diesem Sinne treffen, Versuchung.

 

Über Versuchung

Diesen Begriff hat man oft gründlich missverstanden. Wir unternehmen es, ihn neu zu interpretieren. Diese Sichtweise ist neu; sie macht es möglich, die Frage nach dem Wozu des Bösen und des Leids direkt im Zusammenhang mit dem Zentralthema der Botschaft Jesu zu beantworten. Denn alles Leid in dieser Welt ist nur ein Vorspiel, ein Vorspiel für das, was noch schrecklicher ist oder sein könnte, nämlich sich auf immer selbst zu verfehlen.

In Joh 5,14 sagt Jesus, nachdem er den Lahmen ­geheilt hat, der 38 Jahre lang krank war, erstaun­licherweise: „Sieh hin, du bist gesund geworden. Sündige nicht mehr, damit es dir nicht noch schlechter ergeht.“ Diese scheinbar zynische, ­jedenfalls aber unverständliche Rede Jesu bedeutet: Wenn er sündigt, wird es dem Geheilten noch viel schlimmer gehen als in den 38 Jahren der Krankheit. Jesus führt hier nicht die lange Krankheit auf Sünde zurück. Vielmehr macht er deutlich, dass die Folge des Sündigens noch schlimmer ist, als 38 Jahre lange gelähmt und ohne Aussicht auf Heilung dazuliegen.

Über Sünde

Sündigen heißt hier: Gottes Lebensangebot in ­Jesu Person missachten, sich weigern, das Gebotene und den Geschenkten anzunehmen. Aus der Katastrophe, die noch größer ist als endloses Siechtum, wird der Mensch nicht ohne diesen ­einen Funken an „Selbstbeteiligung“ erlöst. Er muss wollen und aufhören, er muss das Angebot annehmen. Aus diesem Grunde fragt Jesus auch vorher (in 5,6): „Willst du gesund werden?“ Die Ausleger haben sich über diese Frage schon immer gewundert. Bei einer so langen Krankheit ist es doch klar, dass ein Mensch gesund werden will. Bei der noch schlimmeren Krankheit, nämlich der Sünde, ist das aber leider nicht so klar. Daher ist Jesu Frage: „Willst du gesund werden?“ schon ein Vorspiel auf die zweite, noch ernstere Hälfte der Geschichte. Denn dort gilt erst recht und vor allem: Willst du aufhören zu sündigen? Willst du von der Sucht frei werden? Oder anders: Wenn du nicht willst, kannst du nicht frei und gesund werden. Was bei der leiblichen Krankheit selbstverständliche Sehnsucht ist, sollte und müsste bei der anderen Krankheit, der Sünde, ebenso sein. Im Übrigen wird der Geheilte von der Sünde befreit, indem er sich zu Jesus bekennt und so in die ­Lebensgemeinschaft mit dem Menschensohn eintritt, was nichts anderes bedeutet, als nach der ­Regel des Himmels zu leben, von oben her neu ­geboren zu sein, Einheit und Friede unter den ­Geschwistern zu bewahren.

Das Ergebnis dieser Überlegungen kann man so zusammenfassen: Von sich aus sprechen die Leiden nicht. Sie stören, quälen, machen ratlos. Sie wecken auf und lassen uns Fragen stellen. Das Buch Hiob und seine Vorläufer und Nachfahren schildern solche Fragen. Das Frühjudentum und das Neue Testament versuchen nun, diese Fragen aufzunehmen und sie nicht einfach mit dem Hinweis auf Gottes unerforschlichen Willen abzutun. Sie wissen nicht mehr über Gott und das Warum des Leidens als wir. Aber sie kommen einen Schritt weiter in der Frage nach dem Wozu.

 

Über Leiden

Erstens teilen sie mit dem Alten Testament die Auffassung, dass das Böse und das Leiden nicht aus Gott kommen, sondern vorgefunden werden. Zweitens aber haben Juden zur Zeit des Früh­judentums seit der Entstehung des Buches Deuteronium sowie verwandter Schriften ein wichtiges Stück der prophetischen Botschaft aufgegriffen und geradezu ein theologisches Programm daraus gemacht, das sich in zwei Wörtern zusammen­fassen lässt: Umkehr, Bekehrung.

Von diesem (die Bibelwissenschaft nennt es „deuteronomistischen“) Programm her wird nun das Leiden des Menschen und das Böse in der Welt neu und „in einem Wurf“ gedeutet: Es wird der Umkehr des Menschen zugeordnet. Das kann man schon an der Neudeutung der Gestalt Hiobs im Frühjudentum sehen. Hiob wird gedeutet als jemand, der sich zum Gott Israels, zum Judentum hinwendet und bekehrt. Seine Leiden und der Tod seiner Kinder werden als notwendig im Kontext dieser Bekehrung aufgefasst. Hiob wird vom ­Satan versucht, weil dies der Weg ist, auf dem sein Glaube Gestalt gewinnt und vertieft wird. Hiob erfährt dabei so intensiv wie nie zuvor, wer dieser Gott ist. Und im frühen Christentum werden ganz entsprechend alle Leiden des Menschen entweder vor oder nach seiner „Umkehr“ oder „Bekehrung“ angesetzt. Das bedeutet: Sie erhalten ­einen Sinn in Bezug auf das Eine, das Gott vom Menschen will. Vorausgesetzt ist immer: Dieser Gott hat gesprochen. Mose und die Propheten verkündeten sein Wort. Der Mensch will aber nicht hören. Angesichts dessen greifen diese ­späteren Schriften das Leiden in der Welt auf und können nun die Fragen, die entstehen, wenigstens im Sinne eines Wozu beantworten. Der Akt der Unterbrechung und Richtungsänderung ist notwendig.

Was bedeutet das für das Thema Leiden? Auch das Leiden ist eine Unterbrechung des Gewohnten. Oft genug bedeutet es Änderung der Lebensgewohnheiten, immer aber ist es Krise, Anfrage, Aufbrechen des Selbstverständlichen. Zu Recht nimmt man meistens an, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen moralischen Versäumnissen („Schuld“) und Leiden gibt. Dennoch stellt man die Zeit vor Beginn des Leids oder Leidens nahezu automatisch infrage. Erfahrung von Leiden und Hinwendung zu Gott gehören daher nicht nur im Exil des jüdischen Volkes zusammen, sondern überhaupt. Denn wer leidet, ruft nach Änderung. Der Gott der Bibel bietet die Möglichkeit zu umfassender Therapie und Änderung an. Denn auch das irdische Leben ist nur ein Teil in dem größeren Ganzen eines unteilbaren (zeitlichen und ewigen) Lebens. Leiden ist in diesem Sinne ein Signal, sich Gott anzuvertrauen, um so den „totalen Tod“ zu vermeiden. Dabei geht es also nicht um das Warum, sondern um das Wozu des Leidens.

Immer betrifft irdisches Leiden noch nicht die letzte denkbare Katastrophe. Noch immer geht es um das Vorletzte, das der Mensch im Leiden erduldet. Eben aus diesem Grunde sind alle Leiden, die den Menschen treffen, nur Zeichen. Denn ein Zeichen ist nur Teil eines umfassenderen Ganzen, es weist auf das Größere.

Über Gefährdung und Rettung

Auch der leibliche Tod – etwa der Tod Jesu am Kreuz (hier verstanden als Versuchung) – ist nach Auffassung des Frühjudentums des Neuen Testamentes nur ein Zeichen und nicht das Ganze.

Interessant ist nun, dass so, wie die Leiden Zeichen sind, auch die im Sinne der Bibel notwen­dige Antwort des Menschen in Gestalt von Zeichen ­gegeben wird. Denn wenn der Mensch sich überhaupt zu Gott hinwendet, dann so, dass er „Gott die Ehre gibt“, das heißt: Er lobpreist ihn mit den Worten des Bekenntnisses. Alle (Glaubens)­Bekenntnisse haben ihren Ursprung in solchen Lobpreisungen. Worte werden hier zu lebendigen Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott. Sie stehen für den ganzen Menschen und sind insofern Zeichen. Und wenn der Mensch nach der Hinwendung zu Gott durch Leiden getroffen wird, die sein Gottvertrauen in neue Dimensionen hineinführen, dann ist der Weg des Menschen, auf dem er bestehen kann, das Gebet. Wie beim Bekenntnis geht es um Zeichen mit Worten.

Wir halten fest: Sowohl die Leiden, die den Menschen auf Erden treffen, als auch deren Beantwortung gehören in den Bereich der Zeichen. Denn die Leiden betreffen einen Teil des Ganzen, das nicht verloren gehen soll, und Bekenntnis und ­Gebet stehen für den ganzen Menschen, der geheilt und gerettet werden soll. Beide, Gefährdung und Rettung, spielen sich im Vorfeld, auf der ­Ebene der Zeichen, ab. So wird darauf hinge­wiesen, dass das Ganze auf dem Spiel steht.

 

Über die Person Gottes

Unser bisheriger Weg in den beiden Abschnitten „Schöpfung“ und „Versuchung“ lässt erkennen, dass man zum Verständnis biblischer Aussagen gegen zwei Fronten ankämpfen muss. Einerseits ist es wichtig (Abschnitt „Versuchung“), Gott nicht zum Prinzip und zum „rein Guten“ zu ­machen. Denn er ist eigenwillig, für Menschen nicht durchsichtig und hat deutliche Züge des „verborgenen Gottes“ Luthers, der indes nicht der Zwielichtige, vielleicht doch Bösartige ist, sondern lediglich der stets überraschend Handelnde. ­Damit kämpfen wir gegen weisheitliche, philo­sophische und deistische Vorstellungen, nach ­denen Gott der „Gute“ oder das Prinzip Liebe sei. Hier geht es uns um die Person Gottes, um seine Hoheit, Verborgenheit, auch Unverrechenbarkeit. In diesem Sinne kann es sehr wohl auch das Böse im Zusammenhang von Gottes Handeln geben, freilich ohne dass Gott dessen Ursache wäre, aber er lässt es geschehen; der sterbende Jesus kann ­sagen, Gott habe ihn verlassen. Nach Jes 45,7 „schafft“ Gott das Böse, indem er Strafgerichte kommen lässt. Andererseits (Abschnitt „Schöpfung“) aber ist das Lebensfeindliche, Chaotische und Böse, die Wüste vorgegeben und nicht zu ­erklären, auch nicht durch irgendeine Aktivität Gottes. Damit kämpfen wir gegen die (stets miss­lungenen) Versuche an, aus einer „an sich“ guten Schöpfung dann doch noch das Böse entstehen zu lassen. Hier geht es gerade um Gottes Kampf ­gegen das Böse.

Rein theoretisch betrachtet, kann sich beides zumindest teilweise widersprechen. Unsere Absicht ist indessen nicht, eine in sich abgeschlossene, ­widerspruchsfreie Theorie zu bieten, sondern die Geschichte Gottes mit den Menschen nach den Aussagen der Bibel zu „verstehen“. Wie in der großen Politik gibt es, sehr kühn formuliert, beides: Prinzipientreue und große Koalitionen. Wer realistisch ist, rechnet mit beiden Möglichkeiten.

Über die Provokation

Beide Wege könnte man auch so zusammenbringen, dass man sagt: Bei dem zweiten Thema („Versuchung“) geht es um die Erfahrung mit Gott im Verlauf der Geschichte. Sie ist mehrheitlich dunkel und undurchschaubar. Bei dem ersten Thema („Schöpfung“) ging es um „Ursprung und Ziel“, weil von Anbeginn Gott dem Lebensfeindlichen gegenübersteht und es am Ende besiegen will und wird. Statt „Versuchung“ sollte man übrigens ­lieber „Herausforderung“, „Provokation“ sagen; sie ist ein „Stachel“, der den Christen auf seinem Weg antreibt, damit er im Glauben wachse, in das neue Verhältnis zu Gott hineinwachse.

Eines aber ist mit Versuchung nicht gemeint: Sie ist kein Spielchen, in dem Gott den Menschen ­testen möchte. Es geht keineswegs darum, dass Gott auf diesem Wege wissen möchte, „wieweit er es treiben kann“, bis der Mensch zusammenbricht. Nicht Gott quält den Menschen, sondern der Mensch gerät in der Welt, wie sie ist, in Umstände, die sein Verhältnis zu Gott auf die Probe stellen. Etwas versucht, sich zwischen Gott und Mensch zu schieben, und in dieser Situation kann sich der Mensch nur an Gott halten.

Andererseits jedoch bekommen die Leiden und auch der sinnlose Tod für den Menschen eine ­andere Qualität, wenn er zu Gott gehört. Leiden und Tod werden für ihn zu einer grundsätzlichen Frage, ob nicht alles sinnlos sei, schärfer denn je zuvor. Sollte man diesem Gott, der so kühne Hoffnungen weckt und ein Himmelreich verspricht, nicht angesichts fortdauernder Katastrophen alles vor die Füße werfen? Erwacht nicht Religionskritik gerade dann, wenn Hoffnungen und Ansprüche zu hoch sind? Die Erklärung, im Christentum gehe es nur um „Heilige“, die bald (!) Erben eines Königreiches würden, wird doch schnell fragwürdig, und so wird die Sinnfrage bis zum Äußersten verschärft, wenn man auf das Elend der Welt blickt. Es besteht also eine Beziehung zwischen gesteigerter Liebeszusage Gottes an den Menschen und der sogenannten Versuchung, die am Ende immer eine Versuchung zum Nihilismus ist. Die im frühen Christentum besonders ausgeprägte „Naherwartung“, dass man alsbald mit dem Ende aller Dinge zu rechnen habe, gewinnt für diese Frage eine Bedeutung. Denn es wird öfter darauf hingewiesen, die Zeit des Leidens, das der Erprobung diene, sei nur kurz (1Petr 1,6 und 5,10).

Wir halten fest: Gerade das christliche Gottesbild und die Aussagen der Bibel über Gottes Liebe ­haben angesichts der fortdauernden Gräuel der Weltgeschichte die Sinnfrage auf die Spitze getrieben. Bleibt am Ende wirklich nur die Auskunft, dass Gott tot sei? Jedenfalls wird verständlich, dass die hoch gesteckten Ansprüche und Erwartungen des Christentums den Nihilismus gleich welcher Spielart begünstigt haben.

Die Bibel kennt dieses Phänomen genau und nennt es Versuchung. Besonders überraschend ist, dass nach der Darstellung der Bibel gerade Jesus selbst wiederholt diese Art Versuchung erlebt hat. Wenn Gottes Sohn, oder wie auch immer Jesus sich selbst verstanden haben mag, so schmerzlich kurz nur wirken kann und so offensichtlich sinnlos zu Tode kommt, dann ist damit die Frage nach dem Wirken Gottes in der Geschichte bis zum Äußersten verschärft.

Versuchung hat aber auch etwas mit Glauben zu tun: Glauben heißt in der Bibel, Stabilität in Gott zu gewinnen, sich auf Gott zu gründen, in ihm seinen Halt zu suchen. Immer wieder sprechen die Bilder vom Festsein, von der Standfestigkeit oder auch von der Treue, wenn vom Glauben die Rede ist. Hat das gesamte Dasein trotz Leiden, Katastrophen, Sünde und Tod einen Sinn oder nicht? Nur unter diesem Aspekt, nicht im Sinne einer dogmatischen Gotteslehre, ist hier auch die Frage nach Gott wichtig. Denn an Gott glauben heißt, einen Sinn bejahen. Die Versuchung ist dann die schonungslose Anfrage an den Leidenden und Sterbenden, ob nicht vielleicht doch alles sinnlos sei. Es ist die feste Überzeugung der biblischen Schriften, dass der Mensch nur dann stabil ist, wenn er sich auf den festen Boden gründet, der Gott selbst ist. Wenn das so ist, dann kann die Versuchung, die an den zum Glauben Gekommenen herantritt, dadurch überwunden werden, dass dieser sich umso fester, umso eindeutiger und ­klarer an Gott hält. Beim alttestamentlichen Hiob wird die Frage nach dem Warum und Wozu nur in Bezug auf die irdischen Leiden gestellt. Im Neuen Testament tritt für Jesus die Dimension des Todes hinzu. Die Versuchung Jesu in Gethsemane geht eben dem Tod Jesu voraus. Die Todesangst, der sichere Tod vor Augen, das ist die letzte und größte Versuchung Jesu.

 

Über Tod und Sterben

Recht besehen gilt das nicht nur für Jesus. Der Tod ist die größte Provokation für jede Aussage über einen Sinn. Dass sie den Tod – und damit die Auferstehung – in die Fragestellung der Theo­dizee (Verteidigung Gottes angesichts des Leides in der Welt) einbeziehen, darin liegt der Gedankenfortschritt der Judenchristen gegenüber dem Judentum. Der Tod ist immer das sinnloseste aller katastrophalen Ereignisse. Im Widerstand gegen diese Versuchung gewinnt besonders das Gebet des Sterbenden große Bedeutung. Denn in dieser äußersten Zuspitzung der Sinnfrage bedeutet es Festhalten am Sinn oder zumindest äußerstes Einfordern des Sinns, indem es an Gott gerichtet ist wie der Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, wozu hast du mich verlassen …?

Wie jede Versuchung so kann auch der Tod als ­eine Begegnung mit Gott verstanden werden. Wir sahen bereits beim Thema „Schöpfung“, dass der Mensch im Tod Gott begegnet. Auch beim Thema Versuchung kommt dieser Aspekt vor, jedoch in ganz anderem Sinne. Im Sterben versucht Gott den Menschen, und er fragt ihn: „Willst du trotz meiner überwältigenden und schier zermalmenden Macht festhalten an der Zusage meiner Liebe?“ Wie in einer dramatischen Liebesgeschichte kommt alles darauf an, dass im entscheidenden Augenblick der eine Partner sich ganz auf die zugesagte Liebe des anderen verlässt. Nur dann und nur so wird er gerettet. Das Gegenargument gegen diese Liebe, bereits gegen ihre schlichte Möglichkeit, ist die absolute Hoheit des Gegenübers. Sie wird zur Versuchung, an Gott zu zweifeln. Eine Versuchung, die nicht von Pappe ist, da der Tod eine absolut überwältigende Realität besitzt. Im Tod erfährt der Mensch die Herrlichkeit Gottes und den Abstand zwischen Gott und Mensch schonungslos und ohne jede Schutzwand.

Nun ist freilich Jesus der Letzte, der im Sterben von Gott verlassen ist. Alle Christen nach Jesus dürfen den Tod als Übergang vom Exil in die Heimat auffassen, denn Jesus Christus ist schon dort. Paulus kann sagen, dass er sich darauf freut, beim Herrn zu sein. Denn wenn er stirbt, wartet dort drüben einer auf ihn, der ihn mit offenen Armen empfängt. Das gilt für alle Christen, es gibt für uns keine tödliche Unterbrechung.

Ähnliches meinte wohl Martin Luther, wenn er ­„allein“ den Glauben und das Vertrauen so hoch stellte: Man muss gegen allen Augenschein auf ­Gottes eigenste Liebe vertrauen. Denn der Tod scheint alle Lebenszusagen des lebendigen Gottes zunichte zu machen. Der Mensch kann Gottes würdig sein, wenn er sich im entscheidenden Augenblick der Sinnanfrage auf Gottes Liebeszusage verlässt. Für den Einzelnen ist also der Tod eine Ver­suchung, eine Probe, ob er angesichts des äußersten Grauens, Leidens und Schreckens an Gott festhält.

 

Über die Gottverlassenheit

Obwohl die Schöpfung Gottes „gut“ ist, kann gleichwohl nur das Stabile überleben. Es ist zweifellos ein „Kampf ums Dasein“. Glaube ist weit mehr als eine freundliche Gesinnung Gott gegenüber. Er ist das Gewinnen lebensrettender Stabilisierung. Wenn das Herz des Menschen fest geworden ist, so die Überzeugung der Bibel, dann kann er überleben.

Nach den Evangelien des Markus und des Mat­thäus ist das letzte Wort Jesu am Kreuz der Satz: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ Dieser Satz ist ein Zitat aus Ps 22,1. Jesus klagt vor Gott, als er in unvorstellbaren Schmerzen am Kreuz hängt. Niemand rettet ihn. Das letzte Wort Jesu ist diese Klage der Gottverlassenheit. Gottverlassen nennen wir trostlose Orte. Da ist es wieder, das Motiv der lebensfeindlichen ­Wüste. Jesus klagt vor Gott, er fügt sich nicht einfach in das, was geschieht. Seine Worte sind zugleich auch Anklage. Doch entscheidend ist: Jesus wendet sich Gott zu. Denn in dem, was ihm ­widerfährt, erblickt er Gottes Tun, Gottes Handschrift. Dass es sich um ein nicht ganz untypisches Verhalten Gottes handelt, also wirklich auch in diesem Sinne um seine Handschrift, weiß der Gekreuzigte auch. Daher zitiert er Psalm 22. Jesus teilt diesen Ruf aus der Gottverlassenheit mit vielen anderen. Er reiht sich solidarisch in den langen Zug derer ein, die sterbend diesen Psalm gesprochen haben. Jeder erlebt zumindest einmal im ­Leben diese Situation: Der unschuldig Leidende erfährt, dass der Himmel stumm bleibt, wie Blei auf ihm lastet. Gott schweigt gerade dann, wenn er nicht schweigen dürfte. Jesus erfährt seinen ­nahenden Tod daher als eine sehr zweifelhafte, ja skandalöse „Begegnung“ mit Gott. Gott hat Jesus nicht nur ohne Hilfe gelassen, ihn den Menschen „übergeben“, er macht sich auch jetzt, da Jesus am Kreuz hängt, unterlassener Hilfeleistung schuldig.

Ich treffe oft Menschen, die diese Lesart des ­Gebets Jesu für zu kühn halten. Voller Harmoniebedürfnis weisen sie darauf hin, dass Ps 22 in seinen dann folgenden Passagen, die Jesus oder der Evangelist mitgemeint habe, auch Tröstliches enthalte. Sie mögen den Gedanken der Gottverlassenheit weder für sich noch für Jesus ertragen. Aber: Von den anderen Versen dieses Psalms sagt Jesus hier nichts. Und er sagt eben auch nicht: „Lieber Gott, ich freue mich auf den Ostermorgen“ (man muss es sich so klar machen, um nicht die falschen Schlüsse zu ziehen). Menschen weigern sich heute oft, den Tod, wie es Ps 22,1 tut, als Gottverlassenheit zu sehen, weil der Glaube an ­eine Auferstehung so schwierig zu sein scheint. Denn den Tod kompromisslos als Gottverlassenheit ansehen kann nur jemand, der die feste Hoffnung hat, dass Gott sich in der Auferstehung ihm wieder zuwenden wird. Die Gottferne wird nur erträglich, wenn Gott sein Verhalten ändern kann und sich dem Beter wieder nähert. Wer das nicht glauben mag, der wird den Gedanken, der Tod sei Gottverlassenheit, immer zurückweisen. Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, da man auf die Grabsteine schrieb: „Der hier ruht, wartet auf seine fröhliche Auferstehung.“ Dem, der nicht auf diese Fröhlichkeit hoffen kann, darf man wohl die ­Gegenwart nicht zu realistisch darstellen, da er sie womöglich nicht erträgt.

Aber so ist es bei Jesus: Indem er schreit, klagt er auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Er ruft nach Gott, wie wenn er sagen wollte. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein, Herr! Ohne Zweifel: Er sieht den Tod als eine Begegnung mit Gott, grausam, wie dieser Tod ist. Und obgleich er doch irgendwie zufällig zustande gekommen ist, er­füllen auch die Mörder, wie wir sehen werden, in bestimmten Sinne Gottes Willen. Der so schreit, denkt nicht, dass Gott tot ist. Gott ist fern, aber nicht tot. Jesus appelliert an den lebendigen Gott. Er weiß, dass Leben nur dort ist, wo man in der Nähe zum lebendigen Gott lebt. Gott ist wie eine Quelle in ödem Land. Je näher an der Quelle man wohnt, umso leichter ist jegliches Leben. Wohnt man fern von ihr, so erstirbt alles. Nähe oder Ferne zu Gott sind gleichbedeutend damit, dass man leben kann oder sterben muss. Jede Not ist ein Stück Tod.

Von

  • Klaus Berger

    Prof. Dr., Emeritus für Neutestamentliche Theologie an der Fakultät für Evangelische Theologie in Heidelberg, veröffentlicht neben Monographien und Fachaufsätzen regelmäßig Beiträge in der FAZ.

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