Warum müssen wir leiden?

Liebe Mitchristen,


Warum gerade ich? Was soll ich noch alles aushalten? Konnte Gott nicht besser aufpassen?

Diese Fragen und Zweifel kennen wir alle; sie stellen sich ein, wenn eine unangenehme Diagnose gestellt wird, wenn wir Unfallopfer wurden, wenn einem geliebten Menschen etwas ­­Böses widerfährt. Plötzlich erleben wir uns ­bewusster und verstärkt in der Spannung ­zwischen Leben und Tod, Vertrauen und ­Unglauben, Glück und Leid, Macht und Ohnmacht. Es scheint unsere Lebensaufgabe zu sein, uns immer wieder in einer misslichen oder schmerzlichen Situation neu zu „positionieren“: Wie gehen wir mit diesen Ereignissen und ­Erschütterungen um, in die das Leben uns stellt? Wie glauben wir noch in der Lage, in die sie uns gebracht haben?


Immer wieder, wenn ich selbst in solche leid­vollen Lagen gerate, fallen mir seit Jahrzehnten als erstes ein Buchtitel, ein Schicksal und ein ­Bibelvers ein. „Heil im Unheil“ betitelte Pater R. Leuven seine biografischen Notizen über die Karmelitin Edith Stein, die am 9. August 1942 in einer Gaskammer in Auschwitz zu Tode ­gebracht wurde. Das Heil, so arbeitet der Biograf heraus, das Gott uns zugedacht hat, ist auch im Unheil dieser Welt gegenwärtig und zu finden. Weil Gott der ist, der anwesend ist und dabei bleibt. So konnte Edith Stein schreiben: „Was nicht in meinem Plan lag, das hat in Gottes Plan gelegen ... lebendiger wird in mir die Glaubensüberzeugung, dass es von Gott her gesehen keinen Zufall gibt.“ „Es muss so sein, dass wir uns ohne jede Sicherung ganz in Gottes Hände legen – um so tiefer ist dann die Geborgenheit. Gott weiß, was er mit mir vorhat, ich brauche mich darum nicht zu sorgen.“


Als ich Sr. Hildegardis kennenlernte, war sie schon um viele Zentimeter „geschrumpft“ und konnte sich nur mühsam und unter Schmerzen im Zimmer bewegen. Sie litt an einer unheilbaren Krankheit, bei der sich die Knochen, alle!, nach und nach sehr schmerzhaft zersetzen. Eigentlich hatte sie in die Mission ausreisen wollen, als bei einem letzten Gesundheitscheck die Krankheit entdeckt wurde. Alle ihre hoffnungsvollen Pläne und Zukunftsvorstellungen wurden plötzlich und unerwartet durcheinandergewirbelt. Nichts von ihren Lebensentwürfen ging jemals in Erfüllung. Stattdessen wurde sie mit anderen „Missions­feldern“ konfrontiert und auf einen Lebensweg verwiesen, den sich keiner aussuchen kann. ­Knochenschmerzen, zunehmende Schwäche und Zerbrechlichkeit, immer wieder Krankenhäuser, dann als noch relativ junge Frau der Umzug ins Pflegeheim. Wer sie dort besuchte, dem fiel als ­erstes in ihrem Zimmerchen das riesige „Ton­studio“ auf. Sie sprach, wann immer ihr Zustand es erlaubte, Vorträge, Bibelarbeiten, geistliche Impulse auf Tonbänder für eine diakonische Einrichtung, die sich vor allem blinder Menschen ­annahm. Schreiben konnte sie nicht mehr. Von ihr hörte ich, als sie wieder einmal um Luft und Sprechkraft ringen musste: „Diese Krankheit hat mich wie nichts sonst in die Nähe Gottes ­gebracht. Sie hält mich auch dort. Sie ist meine ‚Liebesschule‘, in der ich lerne, dem Vater im Himmel seine Liebe zu glauben.“ Ich verstand das damals nicht, sah aber sehr wohl, dass in Sr. Hilde­gardis ein helleres, klareres Feuer brannte als nur eine „Heldentum-Flamme“.

Ihr Schicksal und wie sie damit in diesen paar Jahren noch lebte, illustrierte mir einen Satz des Apostel Paulus im Römerbrief: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (8,28). Doch was soll das sein, das Beste? Um es noch einmal in den Worten des Paulus zu ­sagen: „... dass wir dem Bild seines Sohnes gleich sein sollen“ (Vers 29) „... und dass nichts und niemand uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Vers 39).


Alle Beiträge in dieser Ausgabe zeigen uns etwas davon auf, dass auch wir in den spannungsvollen und leidvollen Lebenslagen mit Gottes und mit Freundes Hilfe wählen können zwischen der ­Umkehr und Hinwendung zum Lebensfürsten oder dem Verharren und Erstarren in Krankheit und Leid. Oder ob wir, wie es der Theologie­professor Klaus Berger entfaltet – die jeweilige ­Lebenslage als eine göttliche Provokation zum Hineinwachsen in das erneuerte Verhältnis zu Gott annehmen.


Der Tod eines Kindes ist eine Tragödie; sie überwältigt die Eltern, ebenso die Geschwister, ganz gleich, was die Todesursache oder das Alter der Kinder war. Diese Tragödie hat auch Familie ­Affeld erschüttert bis auf den Grund. Sie teilen ­ihre Erfahrungen mit uns, und lassen uns auch etwas von dem überwältigenden Schmerz durch den tödlichen Unfall ihres gerade erwachsen ­gewordenen Sohnes mitempfinden. Unser ganz besonderer und herzlicher Dank gilt Burghard und Christa Affeld, dass sie uns diesen Beitrag für den Brennpunkt schrieben und zur Verfügung stellten.


„Gottes Wirklichkeit ist anders als unsere. Und das große Ziel ist und bleibt die Freude. Die Freude an Gott selbst und daran, dass er bei uns und in uns lebt“ schreibt Elke Werner in ihrem sehr empfehlenswerten handlichen Buch zur kommenden Jahreslosung (Werner, Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, SCM R. Brockhaus).

Ganz ähnlich formuliert das auch der Prophet ­Jesaja: „Die Trümmer werden fröhlich sein und jubeln ... denn der Herr hat getröstet und erlöst ... dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes“ (Jes 52,9).

In diesem Sinn wollen wir uns auch im neuen Jahr über die Liebe des Vaters im Himmel freuen und seine Ehre preisen.


Wir danken Ihnen für Ihre Begleitung und alle Ihre finanzielle Unterstützung.

In herzlicher Verbundenheit grüße ich Sie, auch im Namen des ganzen Redaktionsteams,

Ihre

Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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