Was auf Erden gebunden ist ...

Bindungen und ihre Folgen

von Andrea Stein


Wer von uns hat sich nicht vorgenommen, niemals so zu werden, wie seine Mutter oder Vater. Und dann ist genau das passiert. Oder wir treffen auf eine unbekannte Person und spüren, wie uns sprichwörtlich das Messer in der Tasche aufgeht. Erschrocken fragen wir: Wie kann das sein?
Die Beispiele wollen zeigen, dass wir einem bestimmten Verhalten in uns nahezu ohnmächtig gegenüberstehen. An das wir gebunden sind. Dort, wo wir eine Wunde erlitten haben, rutschen wir wie von selbst in ein Verhalten hinein, das wir nicht beeinflussen können. Sie betreffen Verhaltens-und Reaktionsmuster, die aus Verletzungen entstanden sind. Bindung meint in erster Linie ein Verhalten, das aus den Wunden unseres Lebens entstanden ist.Wie durch ein unsichtbares Band werden wir immer wieder in ein gleiches Verhalten gezogen, reagieren in dem gleichen Muster, das wir eigentlich gar nicht wollen, gegen das wir vielleicht schon lange Zeit kämpfen. Und wenn wir denken, es geschafft zu haben, müssen wir wieder enttäuscht unser Versagen feststellen.
Um das besser zu verstehen, ist es wichtig, uns unsere Herkunft vor Augen zu führen. Wir sind Menschen, die von Gott geschaffen sind. Wir sind mit Gaben, Möglichkeiten und Grenzen beschenkt. Wir haben ein bestimmtes Aussehen und tragen Erbanlagen in uns.
Aber wir gleichen auch Gefäßen, die gefüllt werden. Zuallererst mit der Liebe und Fürsorge unserer Eltern. So kann sich all das entfalten, was Gott in uns hineingelegt hat. Doch auch unsere Eltern stehen unter ihren Verletzungen und Schicksalsschlägen, aus denen heraus sie reagieren. Aus ihren Wunden heraus verletzen sie wiederum uns. Unsere Eltern und Großeltern konnten jeweils nur leben und weitergeben, was in ihnen angelegt ist und sie empfangen haben. In der Folge haben auch wir zunächst nur das zur Verfügung, was in uns hineingelegt und hineingefüllt wurde. Eine Bindung ist wie die Vererbung von etwas Unsichtbaren. Bindung heißt gebunden, festgehalten, eingeengt sein. Wir sind gebunden an etwas, das aus Wunden entstanden und dadurch unfreiwillig ist, das unser Leben behindert und Gottes Vorhersehung entgegensteht. Ein Bund dagegen ist freiwillig und geschenkt. Auf ihm ruht der Segen Gottes, z. B. der Bund Gottes mit seinem Volk Israel oder der Ehebund.

Gebunden an Verhalten

Wir können gebunden sein an ein Verhalten, Personen und Festlegungen. Das umfasst drei Dimensionen: mit mir wurde etwas getan, ich tue es mit mir selbst und ich tue es mit anderen. Vielleicht wurde mir nichts zugetraut, dann traue ich mir selber nichts zu, und traue anderen nichts zu. Dabei können wir das, was uns angetan wurde, in gleicher Weise verarbeiten oder genau gegenteilig.
In Ersterem wird Gleiches weitergegeben. In der gegenteiligen Verarbeitung zeigt der Betroffene Verhaltensweisen im anderen Extrem. Mir wurde nichts zugetraut, aber ich scheue vor keiner Aufgabe zurück und erwarte auch von anderen Überwältigendes. Beide Verhaltensmuster sind ungesund, da sie eine Reaktion auf Verwundungen sind, sich aber nicht an dem orientieren, was Gott in uns hineingelegt hat.

Meine Mutter war ein Kind des Krieges. Ihr Vater ging in den Krieg, als sie drei Jahre alt war, und fiel, als sie sieben war. Für sie war das Leben nicht mehr selbstverständlich und auch das Weitergeben von Leben nicht. Sie wollte keine Kinder: „Wozu Kinder, wenn ein Krieg sie mir wieder nimmt?” Gott schenkte ihr trotzdem zwei gesunde Kinder. Doch ich fühlte mich übersehen und abgelehnt. Im Laufe der Zeit merkte ich, dass ich angesehen war, wenn ich gute und besondere Leistungen vollbrachte. Das wurde zur Ausrichtung für mein Leben. Ich erwarb mir meine Daseinsberechtigung durch Leistung. Gleiches prägte meine Beziehung zu anderen, auch ihnen gewährte ich kein selbstverständliches Sein, sondern bewertete sie nach ihrer Leistung und ihrem Verhalten.
Bindung heißt für mich also: ich war nicht selbstverständlich im Leben und auch andere waren für mich nicht selbstverständlich da.
Ein weiteres Beispiel: Für meine Mutter war das Leben durch ihre Erfahrungen des Krieges bedrohlich geworden. Diese Bedrohlichkeit vermittelte sie mir, sie stellte mir die Welt als gefährlich da, konnte mir aber keinen dafür angemessenen Schutz gewähren. Ich fühlte mich schutzlos und begann, mich selbst unangemessen und zwanghaft ängstlich zu schützen. Als mir als Erwachsener Menschen anvertraut wurden, passte ich wie eine Glucke auf sie auf.

Es gibt viele Bindungen ans Verhalten:
• Menschen, die keinen Trost erfahren haben, können sich nicht trösten lassen und keinen Trost geben, oder zerfließen im Mitleid sich selbst und anderen gegenüber.
• Menschen, die keine Verantwortung tragen lernten, können keine Verantwortung übernehmen oder sie fühlen sich für alles verantwortlich.
• Menschen, denen nichts gegönnt wurde, gönnen auch sich und anderen nichts oder führen ein verschwenderisches Leben.

Wer erfahren hat, nicht gehalten, haltlos zu sein, sich nicht anlehnen zu können, kann stark wirken, obwohl er innerlich in tiefster Not steckt. Eine Frau, die in Unordnung groß geworden ist, erzählte mir, dass sie pedantisch und zwanghaft sauber ist, und darunter leidet.
Bindungen ans Verhalten können auch Funktionen betreffen: Wurde ein Mensch als Streitschlichter genutzt, tut er das jetzt selbst, egal ob es seine Aufgabe ist oder nicht. Er nutzt auch andere als Streitschlichter. Oder er läuft vor allen Auseinandersetzungen weg. Jemand, der für gute Stimmung verantwortlich war, der Familienclown, macht überall gute Stimmung und erwartet gleiches von anderen. Oder er entfernt sich, wenn er bedrückte Stimmung wahrnimmt.
Derartige Verhaltensweisen können für uns als Kinder sehr wichtig gewesen sein, um zu leben und zu überleben. Doch als Erwachsene hindern sie uns am eigentlichen Leben. Sie kosten Kraft, erschweren Beziehungen und stehen dem, was Gott mit uns vorhat, entgegen.

Gebunden an Personen

Das klassische Beispiel für das Gebundensein an eine Person ist der angekündigte Besuch der Mutter oder Schwiegermutter: Die Wohnung wird geputzt, die Stimmung ist angespannt, das Miteinander verkrampft. Hier sind Menschen nicht frei, sondern gekettet an Erwartungen, Wünsche, Vorstellungen und Vorgaben eines anderen Menschen. Genau das meint Gebundensein an eine Person: Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was diese  Person will, braucht, von uns erwartet, sich vorstellt. Oder umgekehrt, wir sind mit unserer Aufmerksamkeit dem verhaftet, was wir uns von ihr erhoffen und wünschen.
Eine junge Frau war 8 Jahre alt, als ihre Mutter Witwe wurde. Sie erlebte ihre Mutter als schwach, einsam und schutzlos und so galt ihre ganze Sorge ihr. Sie versuchte sie zu schonen und vor allem zu schützen. Wo sie nur konnte, übernahm sie die schweren Arbeiten für die Familie und wurde im Laufe der Zeit ihr Gesprächsgegenüber. Durch diese Sorge um ihre Mutter war sie gebunden. Die Mutter hat es angenommen und sich gefallen lassen. Als die Tochter erwachsen war, merkte sie, dass sie aus dieser Abhängigkeit nicht herauskam. Die Verantwortung für die Mutter war für sie zum Lebensinhalt geworden und für ihre Mutter ein Ausdruck von Liebe ihr gegenüber. Beim Versuch, sich aus dieser Bindung zu lösen, meldeten sich Stimmen aus der unsichtbaren Welt: Du liebst deine Mutter nicht mehr, du sollst sie ehren! Was hat deine Mutter denn noch, wenn sie dich jetzt auch verliert? Das führte zu schlechtem Gewissen und Mitleid. Für sie wurde es wichtig, sich aus dieser Bindung an ihre Mutter zu lösen.

Gebunden an Festlegungen

Ein junger Mann erlebte, wie der Vater sich während seines Scheidungsprozesses das Leben nahm. In den Augen der Mutter war der Vater der Schuldige. Und immer, wenn Mutter und Sohn eine Auseinandersetzung hatten, rutschte auch er in die Rolle des Schuldigen: „Du bist genau wie dein Vater!” Diese Festlegung prägte ihn und er führte lange Zeit das gleiche unruhige, konfliktbeladene und verzweifelte Leben wie sein Vater.
Festlegungen können wir willentlich nicht auslöschen. „Du taugst nichts; das schaffst du nie; es wäre besser, es hätte dich nie gegeben; du wirst es zu nichts bringen; wenn du nicht wärst...” sind negative Lebensbotschaften, die unserer Entfaltung entgegenstehen. Auch eigene Vorsätze, „das wird mir nie wieder passieren; mit dem will ich nichts mehr zu tun haben” legen unser Handeln fest.
Und doch sehnen wir uns alle danach, zu empfangen, was Gott für uns bereitet hat. Deshalb sind wir eingeladen, dieses Gebundensein an Verhalten, Personen und Festlegungen durch Jesus lösen zu lassen. Das geschieht in einem gemeinsamen Gebet. Danach kann der Weg beginnen, in der Begleitung durch einen Seelsorger, neues Verhalten einzuüben. Auf diesem Weg brauchen wir uns nicht mehr selber zu schützen, sind auch nicht schutzlos ausgeliefert, sondern dürfen auf den Schutz Jesu vertrauen. Wir brauchen uns unsere Daseinsberechtigung nicht mehr zu erarbeiten, sondern dürfen aus der Zusage Gottes leben, dass er uns schon gesehen hat, bevor wir bereitet waren. Das Lösen von Bindungen macht den Weg frei, dass Gottes Verheißungen in unserem Leben Raum einnehmen können.

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