Das Böse oder der Böse?

Über den christlichen Kampf mit dem Bösen

von Thomas Gertler SJ


Die Frage, ob der Mond von der Erde nun 384400 km oder 384401 km entfernt ist, mag für jemanden, der im Quiz von Günther Jauch mitspielt, entscheidend sein. Aber für meine Alltag spielt es keine Rolle, ob ich die Entfernung kenne oder nicht. Ob es das Böse oder den Bösen gibt, das ist eine Frage, die ich nicht so neutral und objektiv behandeln kann. Denn sie hat direkt mit dem Leben eines jeden Menschen zu tun.

Die Frage nach dem Bösen 

Gibt es das Böse wirklich? Das scheint eine geradezu zynische Frage angesichts der Erfahrungen, die wir machen und von denen die Zeitungen voll sind. Das Böse ist eine Erfahrungstatsache. Und doch ist das nicht so einfach. Denn das Böse im christlichen Verständnis hat einiges zur Voraussetzung. Es muss dann auch das Gute geben. Nicht weil das Böse das Gegenteil des Guten wäre, sondern weil das Böse die bewusste Entscheidung gegen das erkannte Gute ist. Ja, und dann muss das Gute dem Menschen auch ausreichend erkennbar sein. Ist es das? Ist der Mensch wirklich fähig, die Wahrheit zu erkennen, ist er wahrheitsfähig? Und dann muss er noch tatsächlich so frei sein, das Böse oder – hoffentlich besser – das Gute auch tun zu können. Das Böse hat also das Gute, die Wahrheit und die Freiheit zur Voraussetzung. Darum sprechen heute viele so ein großes Wort wie „das Böse“ gar nicht mehr aus.

Die Frage nach dem Bösen verlangt nicht nur Nachdenken, sondern meine Stellungnahme und meine Entscheidung. Mit der Frage, ob es das Gute und das Böse gibt, fälle ich eine Entscheidung über mein Leben, nämlich ob ich mich tatsächlich gegen das Böse und für das Gute einsetzen will. Wer das offen lässt, wird auch große Probleme damit haben, ob es das Böse wirklich gibt oder ob das nicht anders zu definieren sei, etwa als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse, als psychische Fehlorientierung, als Verhängnis, als Tragik. All das gibt es: schlimme gesellschaftliche Verhältnisse, psychische Verformungen, Verhängnisse und große Tragik. Das ist nicht das Böse. Das Böse geht immer aus Freiheit und Einsicht hervor. Das Böse ist gewollt. Es passiert nicht aus Versehen. Es ist nicht triebbedingt.
Ein Löwe, der ein Lamm frisst, tut nichts Böses. Er folgt seinem Jagdtrieb und seinem Hunger. Aber der Fabrikbesitzer, der heimlich Gift in den Fluss ablässt, um Kosten zu sparen, handelt böse. Er weiß, was er tut. Ein kleines Kind, das beim Spielen mit Streichhölzern ein Haus anzündet, tut etwas sehr Schlimmes, und wenn dabei Menschen zu Schaden kommen, auch etwas sehr Tragisches. Aber es handelt nicht böse, weil es keine Einsicht in sein Tun hat. Es weiß noch nicht, was passieren kann. Aber der Mann, der sich betrunken ans Steuer setzt, weiß, was passieren kann. Er handelt böse. Das Böse ist die bewusste und freie Entscheidung gegen das erkannte Gute. Damit ist auch klar, dass das Böse eben nicht die Psyche, kein bestimmter Trieb des Menschen wie die Sexualität oder die Aggression, auch nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht die politische Macht ist, so sehr das alles durch das Böse mit verformt und beeinflusst sein kann. Böses kann nur aus freiem Willen und klarer Erkenntnis hervorgehen. Es kann immer nur von Personen getan werden.
Es ist allerdings die Wirkung des Bösen, dass es mir gerade diese beiden Grundeigenschaften des Menschen, nämlich frei und vernünftig zu sein, immer mehr nimmt und einschränkt. Wer unmenschlich handelt, wird selbst zum Unmenschen, verformt sich als Person, wird immer unfreier und immer blinder für die Wahrheit.

Gibt es auch den Bösen?

Diese Frage führt einigen Ballast mit sich. Der Teufel ist seit der Aufklärung zum Kinderschreck und Gegenstand des Aberglaubens geworden. In der aufgeklärten Welt der modernen Naturwissenschaften ist alles, was geschieht, durch die Naturgesetze bestimmt. Einen Platz für so etwas wie Engel oder Dämonen und den Teufel gibt es da nicht. Höchstens Gott gibt es noch als den Weltverursacher, der aber mit dem Weltgeschehen, wie es nach der Erschaffung der Welt abläuft, nichts mehr zu tun hat. Gott hat die Weltenuhr einmal aufgezogen. Jetzt läuft sie nach den in sie gelegten Naturgesetzen ohne Eingriffe von außen ab.
Wir erleben zur Zeit einen großen Umbruch in diesem Weltbild. Das geschilderte „naturwissenschaftliche“ Weltbild wird zunehmend kritisch gesehen und steht nicht mehr so hoch im Kurs. Es ist einseitig. Das naturwissenschaftliche Denken hat die Natur nur benutzt und zerstört, es kennt keine Ehrfurcht, nur den Nutzen. So der Vorwurf. Dagegen entsteht ein neues Weltbild, das ganzheitlicher ist und eher mit dem geschilderten kindlich-mythischen Weltbild zu tun hat. Da gibt es nicht neben dem Materiellen auch das Spirituelle. Der Mensch ist darin nicht Krone der Schöpfung, sondern nur Teil von ihr. Er sieht alle Wesen als seine Mitgeschöpfe an. Alles ist miteinander vernetzt. Ein solches Weltbild, wie es die New Age-Bewegung vertritt, ist offener dafür, dass der tiefste Grund der Welt nicht ein letztlich apersonales, kaltes, gleichgültiges Naturgesetz ist, sondern letztlich personal ist, etwas mit mir zu tun hat. Es ist klar, dass in einem solchen Denken auch wieder Platz ist für Mächte und Gewalten, die nicht nur naturgesetzlich zu verstehen sind, sondern irgendwie auch personal sind. Darin sehe ich den Grund, dass es einen solchen Engelboom gibt. Aber es gibt in diesem Weltbild auch die Gefahr, dass als letzter Weltgrund eine böse Macht, ein sadistisches Wesen angenommen wird oder dass es einen guten und einen bösen Gott gibt.
Lebe ich eher in dem ersten Weltbild, das von den Naturwissenschaften geprägt ist, so werde ich große Probleme damit haben, so etwas wie den Teufel für möglich zu halten. Lebe ich eher im zweiten Weltbild, so ist das gar keine Frage für mich. Es gibt den Teufel oder wenigstens böse Geister, Dämonen, so wie es gute Geister oder Engel gibt. Aber es braucht noch die Unterscheidung des Christlichen:

1. Das Böse kommt nicht von irgendwelchen apersonalen Mächten. Es kann nur durch Personen mit Freiheit und Einsicht getan werden.
2. Der Glaube sagt ganz eindeutig, dass das Böse nicht von der Person Gottes kommt. Gott ist der, der von Anfang an gegen das Böse und seine schrecklichen Folgen kämpft und uns davon erlöst hat. Es gibt im christlichen Glauben neben Gott keine gleichberechtigte böse Macht oder neben einem guten Gott noch einen bösen Gott. Es gibt nur einen einzigen Gott. Dieser eine Gott ist durch und durch gut. Er ist nicht ein bisschen gut und ein bisschen böse. Außer Gott gibt es nur die von ihm geschaffene Wirklichkeit und nichts von Gott Unabhängiges.
Ist das existierende Böse also allein durch das böse Tun des Menschen zu erklären oder gibt es über den Menschen hinaus noch andere personale Wesen, die von Gott geschaffen sind, aber Böses tun?
3. Die Bibel und auch die Tradition der Kirche gehen davon aus, dass es den Teufel und die Dämonen gibt. Es ist in der Bibel vor allem Jesus, der es intensiver mit dem Teufel zu tun hat, angefangen von den Versuchungsgeschichten zu Beginn der Evangelien über die vielen Dämonenaustreibungen bis hin zu seinem Leiden. Jesus hat aktiv gegen das Böse gekämpft und es aus der Welt hinausgeworfen. Und er hat intensiv dessen Widerstand und Bösartigkeit zu spüren bekommen.
Viele große Heilige der Geschichte, die aktiv gegen das Böse gekämpft haben, haben vom Bösen als einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit gesprochen und mit dieser Macht gerungen.
Diese Dämonen oder teuflischen Wesen sind von Gott nicht als böse Wesen, sondern gut geschaffen und haben sich aus eigener freier Entscheidung gegen Gott und für das Böse entschieden. Wichtiger aber als diese theologischen Aussagen ist mein eigener Umgang mit dem Bösen. Ich bin aufgerufen, dagegen zu kämpfen und davon frei zu werden. Wie aber erkenne ich das Böse und wie werde ich davon frei?

Die Wirkungen des Bösen

Das Böse geht zwar immer aus Freiheit und Einsicht hervor, aber es hat die Wirkung, den Menschen seiner Freiheit immer mehr zu berauben und die Wahrheitserkenntnis zu verdunkeln. So verbirgt der, der lügt, nicht nur anderen die Wahrheit, sondern wird selbst immer blinder für die Wahrheit. Weil er lügt, hat er stets das Gefühl, selbst belogen zu werden. Er wird immer misstrauischer, verstrickt sich immer tiefer in Lügen. Am Ende weiß er nicht mehr, was wahr und was gelogen ist.
Das Gleiche gilt für die Freiheit. Das Böse versklavt den Menschen. Wer das Böse wählt, gewinnt nicht, wie die Satanisten meinen, mehr Freiheit. Er verliert sie. Das Böse ist also in seiner Zielrichtung gegen das gerichtet, was mein Menschsein ausmacht, nämlich gegen meine Freiheit und gegen meine Wahrheitsfähigkeit. Christlich kann ich das noch tiefer sehen. Das Böse verschließt mich gegen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Es bewirkt Misstrauen gegen alles und jeden. Es führt in hoffnungslose Verzweiflung. Die zentrale Motivation meines Lebens wird nicht mehr die Liebe und Bejahung, sondern Hass und das Nein zu allem sein. Es beginnt damit, dass ich einen bestimmten Menschen ablehne und weg wünsche bis zum innerlichen Mord an meinem Bruder oder meiner Schwester (vgl. Mt 5,21-26). Dabei bleibt der Hass nicht stehen. Wer hasst, hasst auch sich selbst wegen seines Hasses. Schlussendlich will Hass alles vernichten. Das ist die letzte Richtung des Bösen. Es will das Nichts. Damit ist es strikt dem Willen Gottes entgegengerichtet. Gott will, dass es uns gibt, dass es die gute Schöpfung gibt und nicht das Nichts.

Der Umgang mit dem Bösen

Um das Böse zu erkennen und sich in rechter Weise dagegen wehren zu können, sind die Regeln des heiligen Ignatius von der Unterscheidung der Geister sehr hilfreich. Ignatius benutzt drei Vergleiche, die die Wirkung des Bösen erklären und die uns im Kampf dagegen helfen.
Er vergleicht das Böse als erstes mit einem „bösen Weib“. Wenn ich Angst vor ihm habe und fliehe, wird es in seiner Rachsucht immer wilder und unzähmbarer. Wenn ich mich aber wehre, ihm „die starke Stirn zeige“, dann flieht es. Das heißt, das Böse macht sich mächtig, ist aber nicht mächtig. Es ist wie ein Luftballon. Es bläht sich immer stärker in mir auf und nimmt mir die Luft zum Atmen. Es lässt mich meine Freiheit und Handlungsmöglichkeiten vergessen. Es erzeugt in mir das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Es macht mich immer unfreier, aber es ist nicht wirklich stark in sich selbst. Achten Sie einmal auf die typischen Denk-und Redeweisen der Unfreiheit: „Damit – mit meinem Alkoholproblem, meiner Fress-Sucht usw. – werde ich nie fertig. Das bleibt immer so. Da kann man nichts machen.“ Typisch ist die Verzweiflung an eigenen Änderungsmöglichkeiten, die Aufgabe der Freiheit und die Resignation, die Aufgabe des Kampfes und die Flucht. Typisch ist das Reden vom „man“. Das Böse anonymisiert mich, lässt mich mein Ich hinter dem verallgemeinernden „man“ verstecken. Alles soll beim Alten bleiben und jede Chance auf Änderung meines Zustandes wird bestritten: „Ich habe schon alles probiert. Es hat doch keinen Zweck.“
Eines der Grundkennzeichen dieser Macht des Bösen ist der Teufelskreis. Die Hexenprozesse liefen nach dem Schema: Wer leugnete, eine Hexe zu sein, wurde gefoltert. Wenn die Frau unter der Folter zugab, eine Hexe zu sein, wurde sie verbrannt. Wenn sie nicht gestand, dann wurde sie auch verbrannt. Denn die Folter könne nur bestehen, wer im Bund mit dem Teufel stehe.

Wer hat die Verantwortung?

Die schlimmsten Verbrechen in der Weltgeschichte geschehen nicht durch Einzelne als Einzelne, sondern immer in Gemeinschaft. Oft mit dem gleichen Trick. Verantwortung und Ausführung werden getrennt. Wer die Ermordung befiehlt, braucht sie nicht auszuführen, wer sie ausführt, braucht dafür keine Verantwortung zu übernehmen. Anonymisierung und Verantwortungslosigkeit sind die Fundamente aller Diktaturen. Sie nehmen dem Einzelnen die Verantwortung und damit seine Freiheit und letztlich sein Menschsein ab. Ich bleibe aber (auch im christlichen) Gehorsam immer für meine Taten verantwortlich. Wir müssen überaus wachsam sein, wenn uns jemand unsere Verantwortung abnehmen will. Das mag gut gemeint sein, ist aber stets (lebens)gefährlich.
Ich muss wissen: Ich bin nie ganz ohnmächtig, selbst wenn ich im Gefängnis sitze. Ich kann immer etwas tun, denn es kommt nicht darauf an, wo ich gerade stehe, sondern wohin ich mich bewege. Geht es in einer sich verengenden Spirale abwärts oder tue ich den nächsten Schritt aus der Gefangenschaft heraus? Sobald ich den ersten Schritt tue, wachsen Hoffnung, Zuversicht und Kraft in mir.
Lassen Sie sich nicht tiefer und tiefer in Unfreiheit verstricken, sondern tun Sie den nächsten, Ihnen möglichen Schritt dagegen. Achten Sie auch auf Ihre Sprache. Sagen Sie nicht „man“, wenn Sie „ich“ meinen. Ich habe gemerkt, wie das mein Reden und Denken tatsächlich verändert hat.

Was ist Wahrheit?

Der Böse ist ein Lügner von Anbeginn. Er beginnt mit ganz subtilen Verdrehungen. Bis heute gültig ist das in dem Dialog zwischen Eva und der Schlange im Paradies geschildert (Gen 3). Das Böse sät Misstrauen. Es lässt uns daran zweifeln, dass wir überhaupt die Wahrheit erkennen können. Typische Redeweisen: „Jeder hat seine Sicht. Alles ist relativ. Du siehst das so. Ich sehe das anders. Niemand besitzt die ganze Wahrheit. Man muss tolerant sein. Ich muss meinem Gewissen folgen.“
All das sind richtige Sätze, und doch kann sich darin auf teuflische Weise eine Verdrehung der Wahrheit vollziehen. Das Verzweifeln an der Wahrheit ist eine sehr moderne Erscheinung und in der gegenwärtigen Situation meiner Meinung nach weiter verbreitet und gefährlicher als die Verzweiflung an der Freiheit. Wenn ich mir die Wahrheit als etwas Allgemeines, Überpersönliches vorstelle, wenn sie keinen Anspruch mehr an mich als Person hat, sondern nur „objektiv“ ist, dann wird es gefährlich. So gefährlich wie beim Gespräch zwischen Jesus und Pilatus (Joh 18,37f). Pilatus fragt Jesus im Verhör: „Was ist Wahrheit?“ Die Antwort darauf ist schwerwiegend. Und schon war Jesus zum Tode verurteilt und Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Das ist eine Folge davon, wenn man an der Wahrheitsfähigkeit des Menschen (ver)zweifelt.
Ich will damit nicht behaupten, dass ich „im Besitz“ der Wahrheit bin. Nein, der Wahrheit kann ich mich immer nur unterstellen. Ich kann ihr nur zu dienen versuchen. Die Wahrheit ist immer größer als ich. Das aber bedeutet nicht, dass ich keine Wahrheit erkennen und keine Wahrheit aussprechen und formulieren könnte. Auch wenn ich die Wahrheit nie ganz erfasse.
Ich kenne dazu kaum eine bessere Geschichte als die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Alle sind darin verstrickt und lügen aus Angst und Konvention. Nur ein Kind ruft: „Der Kaiser ist ja nackt.“ Es sagt die Wahrheit. So also können wir das Lügengespinst zerreißen und werden wieder wie die Kinder in ihrem unverstellten Verhältnis zur Wahrheit: Wir sprechen die Wahrheit vor uns selbst und vor anderen aus. Aussprechen befreit. Das immer in mir kreisende Problem kommt heraus aus mir, wenn ich es ausspreche. Aussprechen distanziert. Ich kann das Problem dann anschauen und anders damit umgehen. Für den einzelnen kann dieses Aussprechen in geistlicher Begleitung und Beichte geschehen. Gemeinsam stellen wir uns der Wahrheit und ihrem Anspruch, gegen alle Zweifel und alles moderne Misstrauen der Wahrheitsfähigkeit des Menschen gegenüber.

Der Betrug des Bösen

Der Böse verhält sich wie ein Feldherr, der immer auf die schwachen Seiten seines Gegners zielt. Wichtig ist, dass ich darauf achte, wie bei mir Stärke und Schwäche zusammenhängen. Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille. Gerade meine starken Seiten sind unter Umständen meine stärkste Versuchung. Meine Stärken machen oft die anderen schwach, gehen ihnen auf den Wecker oder wirken bedrohlich, wenn ich sie richtig mächtig ausfahre und ausspiele. Andererseits können meine schwachen Seiten auch meine Stärken sein. Wenn jemand ein Choleriker ist, dann empfindet er und oft auch seine Mitmenschen es als Schwäche, dass er so leicht wütend wird. Andererseits kann es aber auch gerade gut sein, dass er in seinem Zorn einmal jemandem die Wahrheit sagt und Grenzen setzt, bei dem es sonst keiner wagt. Ich sollte darüber nachdenken, wo die schwachen Seiten meiner Stärken sind und welche starken Seiten meine Schwächen haben. So kann ich wacher und ausgesöhnter mir selbst gegenüber sein.
Eine andere Methode des Bösen ist, dass es meine Eigenschaften bis ins Extrem übertreibt. Der Böse macht den sensiblen Menschen zur Mimose oder zum Skrupulanten; positive Toleranz führt er in gefährliche Gleichgültigkeit. Großzügigen Menschen macht er zu Chaoten. Gefährlich ist, dass es sich oft um gute Eigenschaften handelt, die aber übertrieben und verbogen werden. Und dass es dabei nicht nur um harmlose Dinge geht, zeigt der Extremismus in Politik und Religion. Hoher Idealismus und Bereitschaft zur Hingabe wird unter der Hand zur Bereitschaft zu Terrorismus und brutaler Gewalt. Letztlich führt dieser Hang zu Übertreibung immer in die Selbstzerstörung, und findet damit auch ihr Ende; aber wie oft erst nach unendlichem Leid.
Fragen Sie sich in der Stille: Wo neige ich zu Übertreibungen? Wo bin ich aus dem Gleichgewicht? Hier gilt es, wieder in die Mitte zu finden.

Gott ist die Wahrheit

Entscheidend ist, dass wir auf dem Hintergrund dieser negativen Kriterien die positiven Kennzeichen des Weges Gottes erkennen: Gott führt immer in größere Freiheit, nicht in Enge und Ausweglosigkeit. Gott führt immer tiefer in die Wahrheit, nicht in Schlauheit, Taktieren und Selbstbetrug. Unehrlichkeit, Schönfärberei und Kritiklosigkeit sind nicht Wege Gottes. Gottes Weg führt ins Konkrete und nicht ins Nebulöse, er führt uns in die Wirklichkeit hinein und nicht hinaus. So wie Gottes Wort in Jesus Fleisch wird und sich festnageln ließ am Kreuz, so führt er uns in die Entscheidung und Bindung, und damit in die Freiheit und Wahrheit.

Von

  • Thomas Gertler

    SJ. Er ist katholischer Theologe und derzeit für die Gemeinschaft Christlichen Lebens in Augsburg tätig.

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