Zerbrochen und erlöst

Zerbrochen und erlöst. Berufen zu einem entschiedenen Leben im Geist. © Petr Mika, Tchechien
Zerbrochen und erlöst. Berufen zu einem entschiedenen Leben im Geist. © Petr Mika

Berufen zu einem entschiedenen Leben im Geist

von Rudolf M. Böhm

 

Was ist los mit dem Menschen?

Der Mensch ist dem Menschen ein Geheimnis. Oft versteht er sich nicht einmal selbst. Der englische Philosoph Thomas Hobbes zitierte den römischen Dichter Titus Maccius Plautus mit dem Satz: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Und die Geschichte lehrt uns, dass der Mensch sowohl ein großer Heiliger als auch eine große Bestie sein kann.

Ein guter Gott - und doch gibt es das Böse

Jeder Mensch macht gute und schlechte Erfah­rungen. Ungerechtigkeit, Folter, Vergewaltigung und Krieg gehören zu dem Schrecklichsten, das einem Menschen begegnen kann. Wer an einen allmächtigen Schöpfergott glaubt, kann dadurch in tiefe Krisen geraten: Warum geschieht Böses in einer Welt, die ein liebender Gott geschaffen hat? Es ist die Frage nach der Gerechtigkeit und der Rechtfertigung Gottes. In der Theologie spielt sie eine große Rolle und wird zusammengefasst unter einem Begriff, der sich aus den griechischen Wör­tern theos (Gott) und dike (Recht, Gerechtigkeit) zusammensetzt: Theodizee.

Will Gott das Übel?

Das nizänische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten: „Wir glauben an einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sicht­baren und Unsichtbaren.“ Wenn Gott alles geschaffen hat, heißt das, dass Gott auch das Böse geschaffen hat? Nein, die Bibel sagt uns bereits in der ersten Schöpfungsgeschichte, dass Gott alles gut gemacht hat (Gen 1,4.10.12.18.21.25.31).
Wenn aber das Böse nicht von Gott ist, gibt es dann einen zweiten Gott? Nein, es gibt kein doppeltes Prinzip, keinen „bösen“ neben einem „guten“ Gott. Allmächtig kann nur ein Gott sein, der der Einzige ist. Wenn es zwei Götter gäbe, wäre keiner der beiden allmächtig!

Woher kommt das Böse?

Nach seiner Erschaffung hatte der Mensch, so zeigt uns die Bibel, eine wunderbar vertrauens­volle Beziehung zu Gott. Sie sind im Garten Eden miteinander einhergegangen. Das möchte uns sagen: Zwischen Mensch und Gott war eine unglaublich große Nähe. Auch die Beziehung zwischen den Menschen war ungetrübt und ver­trauensvoll: „Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,25). Es war ein paradiesischer Zustand. Das Paradies war ein Ort auf dieser Erde. Die Menschen, die darin lebten, waren unsterblich. Das Leid und der Tod kamen erst durch die Sün­de (Paulus in Röm 5,12). Gott hat den Tod nicht gewollt, die Sünde hat ihn mit sich gebracht.
Mit der ersten Sünde beginnt das Drama der gan­zen Menschheitsgeschichte. Wir kennen alle die Geschichte von der Schlange, die Eva im Paradies versucht. Die Schlange ist Luzifer, der sich mit einer Schar anderer Engel gegen Gott erhoben hatte. Sie wollten sein wie Gott. Sie taten das, was man tut, wenn man an das Höchste nicht heran kommen kann: Man vergreift sich an dem, was ihm besonders lieb ist, und das sind bei Gott die Menschen. Der böse Geist versucht den Men­schen, um ihn von Gott zu trennen. Wir hören, wie er schlau auf Eva zugeht, ihr etwas ins Ohr flüstert. Eva willigt ein, sie lässt sich verführen und sündigt. Dann ruft sie nach Adam, und auch er sündigt. Beide misstrauen Gott. Und in diesem Moment zerbricht die Harmonie. An den Folgen tragen wir bis heute. Wir leben nicht mehr im Paradies. Beziehungen sind gestört.

Der vierfache Beziehungsbruch durch die Sünde

Die Beziehung zu Gott: Die Freundschaft und liebevolle Beziehung des Geschöpfes zu seinem Schöpfer füllt sich mit Angst.

Die Beziehung zum Mitmenschen: Die transpa­renten und liebevollen Beziehungen unter den Menschen werden getrübt durch Scham voreinan­der. Die Folge sind Misstrauen, Neid, Egoismus.

Die Beziehung zu sich selbst: Der Mensch verliert das Gespür dafür, was es heißt, gut mit sich um­zugehen und danach zu streben, was ihm gut tut. Er kennt sich selber nicht mehr und schwankt zwischen Schwachheit und Bosheit, zwischen „ich will, aber ich kann nicht“ und „ich könnte wohl, aber ich will nicht“. Da ist Ohnmacht, aber auch meine eigene Absicht. Da gibt es mein Unvermö­gen zu widerstehen, aber auch meine alleinige, persönliche Verantwortung. Wie gehe ich mit die­sen beiden Seiten in mir um? Die Grenze zwi­schen Schwachheit und Bosheit lässt sich schwer ziehen. Wir laufen Gefahr, uns selbst entschuldi­gen zu wollen. Paulus sagt in Römer 7, 23-24 : „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden. Ich unglück­licher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (Einheitsübersetzung).

Die Beziehung zu den Dingen: Die Zerbrochen­heit im Umgang des Menschen mit seiner Um­welt, dem Materiellen und der Arbeit führen dazu, dass er zu wichtig nimmt, was ihm Schmerz und Sorge bereitet, anstatt sich auf Gott auszurichten.

Die sechs Seelenkräfte des Menschen

Um die Dynamik der Sünde und unsere innere Zerrissenheit besser verstehen zu können, schau­en wir uns die sechs Seelenkräfte an, die aufeinan­der wirken und miteinander interagieren.

Die Vernunft, der Intellekt: Der Mensch ist sprachfähig, weil er abstrakt denken kann, weil er eine Aussage machen kann. Er kann verschiedene Aussagen miteinander verbinden und dadurch logische Schlüsse ziehen. Das sind die drei Fähig­keiten des Intellektes: Abstraktionsfähigkeit, Sprachfähigkeit, logisches Denken.

 

Das Gewissen: Das Gewissen ist eine Stimme in uns, die unsere Taten als gut oder schlecht beurteilt. Unser Gewissen ist das Schmerzempfinden unserer Seele, damit wir unsere eigene Seele nicht verwun­den. Es ist das dem Menschen eigene Sinnesorgan.
Hat sich ein Mensch in Lügen, Irrtümer, gar in Schuld verstrickt, weiß die innere Stimme um einen Ausweg.
Kann sich ein Mensch in einem Konflikt schwer entscheiden, kennt die innere Stimme die Priori­täten.
Ist ein Mensch aufs Schändlichste gedemütigt und gequält worden, flüstert die innere Stimme ihm seine unverlierbare Würde zu.
In Kontakt mit seiner inneren Stimme sein heißt, auf dem rechten Weg zu sein, unabhängig davon, was andere Personen meinen, verlangen, einem vorwerfen oder vormachen. Es heißt auch, das sich in der Stille offenbarende Eigene, Einzigarti­ge und Einmalige wahrzunehmen. Das lateinische Wort „personare“, von dem sich unser abendlän­discher Personenbegriff ableitet, bedeutet „durch­klingen“. Die „innere Stimme“ ist die Stimme der Transzendenz, die in uns klingt.

 

Der Wille: Der Wille ist eine Kraft. Das Gute sel­ber kann er nicht erkennen. Es ist eine freie Kraft, die uns eben das tun lässt, wofür wir uns entscheiden. Doch wie wir uns entscheiden, hängt von vielen Faktoren ab.

 

Die Triebe: Die drei wichtigsten Triebe, die Gott in uns hineingelegt hat, sind der Fortpflanzungstrieb, der Selbsterhaltungstrieb und der Selbstverteidi­gungstrieb.
Gott wollte, dass wir Menschen nicht aussterben. Deshalb hat er in uns den Fortpflanzungstrieb hin­eingelegt. Das Bedürfnis, sich sexuell zu betätigen, ist ursprünglich um der Fortpflanzung willen an­gelegt. Der Selbsterhaltungstrieb treibt uns an, uns die Dinge zu verschaffen, die wir für unser Leben brauchen: Kleidung, Nahrung, ein Dach über dem Kopf.
Der Selbstverteidigungstrieb sorgt dafür, dass wir uns verteidigen, wenn Gefahr droht. All diese Trie­be finden wir auch in der Tierwelt. Wenn diese Triebe aus ihrem sinnhaften Kontext geraten, und das können wir in unserer Gesellschaft häufig sehen, dann wird der Fortpflanzungstrieb einfach zu Sex, der Selbsterhaltungstrieb zur Besitzgier, der Selbstverteidigungstrieb zur Macht über andere.

 

Die Leidenschaften: Die Leidenschaften setzen sich aus zwei Impulsen in uns zusammen, die weder gut noch schlecht sind, sondern neutral. Es ist nicht an sich schon gut, etwas zu begehren und etwas zu hassen, sondern es kommt immer darauf an, worauf sich dieses Begehren und Hassen aus­richtet. Begehren wir das Schöne und Gute und weisen das Böse und Schlechte zurück, so sind sie gut eingesetzt, andersherum führen sie zum Schlechten. Und aus diesen zwei Kräften können wir in gewisser Weise viele unserer Grundgefühle ableiten.

 

Die Gefühle: In unserer heutigen Gesellschaft können wir das ständig in der Werbung beobach­ten: Lass es dir gut gehen. Hauptsache, du fühlst dich gut. Das Wichtigste ist nicht, was gut und richtig ist, sondern was deine Gefühle sagen. Dabei können Gefühle den Menschen erheblich täuschen und sind daher als Handlungsmaßstab ungeeignet. Ein Alkoholkranker fühlt sich wohl, wenn er ein Glas Wein getrunken hat, und fühlt sich elend, nachdem er darauf verzichtet hat. In Wirklichkeit aber würde es ihm wohlergehen, wenn er den Verzicht tapfer durchhalten würde. Ein Kleptomane fühlt sich wohl, wenn er gestoh­len hat, ein Pyromane, wenn er Feuer gelegt, ein Pädophiler, wenn er ein Kind unsittlich berührt hat. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass unser Gefühl „falsch ticken“ kann. In diesem Fall darf ihm nicht gehorcht werden.


Diese sechs Seelenkräfte im Menschen müssen aufeinander abgestimmt sein und in einem sinn­haften Kontext stehen.
Die Vernunft erkennt, was wahr ist.
Das Gewissen zeigt uns, was gut ist.
Die beiden informieren den Willen, so dass der Wille nach dem Wahren und Guten streben kann.
Die Gefühle erfreuen sich daran.
Die Leidenschaften unterstützen das Ganze.
Die Triebe sind dem untergeordnet.

Die Grundkräfte des unerlösten Menschen

Wir sündigen stets dann, wenn wir diese von Gott gewollte Hierarchie auf den Kopf stellen. Statt Gott über alles zu lieben, machen wir das Geschaffene selbst zum letzten Ziel unseres Be­gehrens: den Ehepartner oder Freund, Schokolade oder Alkohol, Bücher oder Autos. Je mehr wir an geschaffenen Gütern hängen, desto weniger spü­ren wir das Bedürfnis nach Gott – obwohl er es ist, der uns diese Güter geschenkt hat! Das macht uns verletzlich und anfällig für Versuchungen.


Das hat für unser Leben dreierlei Auswirkungen:

1. Wir werden um den Verstand gebracht. Unse­re Fähigkeit, vernünftig zu denken, wird jetzt bestimmt von Gefühlen und Trieben, von unse­rem „Bauch“.

2. Unser Wille wird in der Ausführung des Guten geschwächt. Er wird tätig auf der Grundlage dessen, was der – jetzt umnebelte – Verstand ihm sagt. So wird der Wille irregeführt.

3. Unsere Neigungen geraten in Unordnung. Das Verlangen nach Essen, Schlaf oder sexueller Inti­mität, alle diese Triebe sind an sich gut. Das Pro­blem ist nicht, dass wir Geschaffenes anziehend finden, sondern dass wir es anziehender finden als Gott. Gott hatte den ersten Menschen geboten, auf die Früchte des Baumes der Erkenntnis zu ver­zichten. Es ist nicht an sich schlecht, nach Weis­heit und nach reifen Äpfeln zu verlangen; schlecht aber ist es, dies auf eine Weise zu tun, die von Gott wegführt. Das tut dem Menschen auf Dauer nicht gut, denn nur in der Ganzheit – wenn der Mensch so lebt, wie er ursprünglich von Gott gemeint war – wird er sein wahres Glück finden. Und darüber jubelt Paulus: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (Röm 7,25)

Die Dynamik der Sünde

Wir Menschen stehen in der Spannung, dass wir vorher erkennen, was gut und was schlecht ist, und im Nachhinein einsehen müssen: Was ich getan habe war nicht gut, es war schlecht. Was spielt sich da ab?
Erst wenn wir dieses Schema erkennen, können wir es durchbrechen und der Sünde widerstehen. Vor jeder Sünde steht immer eine Versuchung. Aus Neid verführt der Teufel die Menschen zum Aufstand und vereitelt so ihren Aufstieg zu Gott. Ziel seiner Verführung ist die Begehrlichkeit, das Leben auf das irdische Dasein zu begrenzen, Glückseligkeit aufs Wohlsein zu reduzieren und die Seele von Gott loszureißen und an diese Welt zu binden. Satan versteht es, die Begierden der Menschen zu reizen: den Stolz und die Eitelkeit, Macht, Geld und Karriere. Die Versuchung kommt oft ganz zahm und fein daher, erscheint attraktiv und als etwas Gutes.


Versuchung knüpft oft da an, wo wir verletzt sind, das Gefühl haben, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Wir fühlen uns benachteiligt, unterlegen, unverstanden, zu wenig beachtet, nicht er­wünscht, allein gelassen, übergangen, von Gott und von Menschen enttäuscht. Wir neigen dazu, uns darauf zu fixieren, so dass wir nur noch aus unseren Verletzungen heraus reagieren und nicht mehr frei sind, Gottes Liebe zu sehen. Auf diese Weise sind wir anfällig für die Einflüsterungen und Anklagen des Teufels. Oft sind Verletzungen auch eng mit Schuld verbunden. Unerlöste Verlet­zungen in mir tendieren zu Unwahrhaftigkeit, Unmäßigkeit, sexuellen Ersatzbefriedigungen, Flucht in ungesundes Essen oder Trinken, in Kompromisslosigkeit, Machtkampf, Strebertum. Das alles sind Fehlformen, um mit Verletzungen fertig zu werden. Ich bemerke dabei oft nicht, wie ich aus einem Opfergefühl heraus selber zum Täter werde. Satan arbeitet mit dem Mittel der Lüge: Jesus nennt ihn „Vater der Lüge“ und „Mör­der von Anbeginn“ (Joh 8,44). Mit Lügen versucht er, Menschen gegen Gott aufzubringen und misstrauisch zu machen. Und durch die Sünde übt der Teufel seine Herrschaft über die Menschen aus.

Was hilft zum Widerstand?

Innehalten würde helfen, mir meine Verletzungen aufrecht, ohne Selbstmitleid und Rachegedanken anzuschauen und die Tür zur Vergebung zu su­chen. Der Teufel hasst das Leben und die Liebe. Denn beides kommt von Gott. Deshalb versucht er den Menschen von der Anbetung Gottes, der Quelle des Lebens und der Liebe, fernzuhalten. Dem Menschen wird plausibel gemacht, sich stets „für das Vernünftige“ zu entscheiden, für den Vorrang einer geplanten und durchorganisierten Welt, und dabei Gott aus dem Spiel zu lassen. Er sei hinderlich für seine Freiheit und Entwicklung.
Der nächste Schritt ist entscheidend: Wenn wir die Versuchung zurückweisen, haben wir schon fast gewonnen. Sobald wir auf sie hören, wird es schwierig. Es ist zwecklos, mit Satan diskutieren zu wollen. Er wird immer gewinnen; denn er ist ein Meister der Überredungskunst. Nur Gott besiegt ihn. Das Einzige, was in der Versuchung hilft, ist, sich an Gott zu wenden, damit er für uns und durch uns spricht.

Falsche Kompromisse

Eine alte Fabel aus Russland erzählt, wie folgen­reich Kompromisse sein können: Ein Jäger geht in den Wald. Dort begegnet er einem großen Bären. Er nimmt sein Gewehr hoch und will abdrücken. Aber da sagt der Bär mit sanfter Stimme: „Sollten wir nicht lieber reden, statt Blut zu vergießen? Lass uns über die Sache verhandeln und einen Kompromiss schließen.“ Der Jäger geht auf den Vorschlag ein – wer wollte sich schon einem Dia­log verweigern? Er nimmt sein Gewehr herunter und sagt: „Nun, was ich brauche, ist ein Pelzman­tel.“ – „Gut“, meint der Bär, „darüber lässt sich reden. Nun aber kommt mein Anliegen. Was ich brauche, ist ein voller Magen. Und jetzt wollen wir einen Kompromiss aushandeln!“ Beide lassen sich auf dem Waldboden nieder, um miteinander zu reden. Nach einer Weile wandert der Bär ganz allein davon. Die Verhandlungen waren in jeder Hinsicht erfolgreich: Der Bär hat einen vollen Magen, und der Jäger ist eingehüllt in einen Pelz­mantel ... nur unter etwas anderen Bedingungen, als er es sich vorgestellt hat. Der Versuchung erlie­gen wir durch Zustimmung. Nach der Zustim­mung kommt der Genuss. Sobald wir die Sünde genossen bzw. begangen haben, kommt, was auch Adam und Eva geschehen ist: „Da gingen ihnen die Augen auf und sie schämten sich“ (1 Mo 3, 7). Auch der Aufschrei des Paulus wird uns jetzt ver­ständlicher: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erret­ten?“ (Röm 7,24, Einheitsübersetzung) Mit Paulus können auch wir uns gewiss sein, dass unsere Ret­tung von Jesus Christus, unserem Herrn, kommt.
Was geschieht, wenn wir der verbotenen Lust nachgeben? Gott straft die Sünder nicht, indem er Blitze vom Himmel schleudert. Die Strafe besteht in der Anziehungskraft, die die Sünde auf uns ausübt. Wenn Menschen sich auf eine verbotene Lust einlassen, wird ihnen dieses Vergnügen zur Strafe für ihre Sünde werden; denn sobald sie ihm nachgehen, wollen sie mehr und immer mehr. Wenn Gott uns unerlaubten Vergnügungen über­lässt, werden wir ihnen bald gar nicht mehr widerstehen können. Über kurz oder lang sind wir gefangen. Wir sind abhängig, hörig oder süchtig geworden. Sobald uns eine Sünde gefangen hält, werden unsere Werte auf den Kopf gestellt. Das Böse wird für uns zum sehnlichsten Verlangen, während das wirklich Gute wie etwas „Böses“ vor uns steht, das uns von der Befriedigung unseres Verlangens abzuhalten droht.

Die Zuversicht der Reue

Aber Gott verlässt uns nicht. Er gibt uns immer eine neue Chance. Unser Gewissen, das uns zuvor schon gewarnt hatte: Tu das nicht! Du schadest dir damit! Tu das Gute, lass das Böse! – arbeitet wei­ter in uns und sagt: „Was du getan hast, war nicht gut!“ Das hören wir nicht gern, aber danken wir Gott, dass er uns diese innere Stimme gegeben hat. Obwohl wir gesündigt haben, obwohl wir gefallen sind, gibt es einen Weg zurück, den Weg der Reue. Reue bedeutet einzusehen und zu bekennen, dass man gesündigt hat, dass man auf einem falschen Weg gegangen ist, dass man um­kehren muss.
Wer bereut, hat Zukunftsaussichten. Wer nicht zugeben kann, dass er etwas falsch gemacht hat, verhärtet innerlich und beginnt, die Wahrheit zu verfälschen. Wir leben nicht mehr in der Wahr­heit, sondern in der Lüge und verhärten uns im Selbstbetrug.
So können wir in den ersten Menschen die Dyna­mik der Sünde erkennen: von Gott so wunderbar geschaffen und beschenkt – sie hatten alles, was sie brauchten, sie hatten Gott, Freundschaft unter­einander, Harmonie in ihrem eigenen Leben – doch sie haben sich versuchen lassen. Es gab da eine Kraft, die das Ganze mitverschuldet hat. Aber letztlich sind wir nicht determiniert zur Sünde. Letztendlich sind wir freie Menschen, die immer frei entscheiden können, soweit wir seelisch gesund sind. Auch wenn die Versuchun­gen stark sind in unserem Leben; Gefühle uns hin und her zerren, letztendlich gibt es doch immer diese letzte Freiheit, die uns dann auch verant­wortlich macht für die Dinge, die wir tun.

Das Geschenk Gottes

Das ist das große Geschenk Gottes: Er liebt uns. Er liebt uns auch nach der Sünde. Diese große Lie­be leuchtet uns großartig auf: Obwohl wir den Plan Gottes mit unserer Sünde fast zerstört haben, wendet Gott sich nicht von uns ab; im Gegenteil: Er kommt uns näher, er sucht uns, er geht uns nach. Er kümmert sich um uns und tröstet uns... Darauf können wir hoffen und vertrauen!
Gott hat seine Geschichte mit uns Menschen als Liebesgeschichte gedacht. Wir haben aus dieser Liebesgeschichte durch unsere Sünde eine Leidensgeschichte gemacht. Aber Gott ist und bleibt die Liebe. Durch sein Wirken, durch sein Einschreiten hat er aus unserer Leidensgeschichte Heilsgeschichte gemacht.

 

 

Gott braucht uns ganz und gar nicht,
und doch hört seine Liebe zu uns nie auf.
Wir brauchen ihn ganz und gar, und doch
widerstreben wir dauernd seiner Liebe.
Wir ziehen ihm die Erdendinge vor ...
Gott aber zieht uns nichts vor. Er hatte einen
eingeborenen Sohn und gab ihn für uns hin.

Johannes Chrysostomos (349-407 n. Chr.)

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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