Der andere ist das,            
was meine Liebe aus ihm macht.
Und wir sind das,
was Gottes Liebe aus uns macht.

Helmut Thielicke (1908 - 1986)

Liebe Mitchristen,

das Böse ist eine Macht, die uns in Versuchung führt und von der vertrauensvollen Beziehung mit Gott und unseren Mitmenschen abbringen will. Schon beim Blick in die Morgenzeitung springt es uns in den Nachrichten entgegen: der unauffällige Ehemann und Vater ist zum Mör­der geworden. Die nette Frau von nebenan hat ihre Kinder erstickt. Der sonst zuverlässige Chef hat wegen einer Lappalie die sofortige Kündi­gung ausgesprochen. Der Fahrer hatte zu viel getrunken und ist zu schnell gefahren, als er tödlich verunglückte usw. Schier endlos sind diese Meldungen von Ereignissen, die sich so auf der ganzen Welt abspielen und die ihnen zu Grunde liegenden Beziehungsstörungen wider­spiegeln.

Das Böse hat Macht. Das wissen und erleben wir alle. Und dennoch erfahren wir seinen Aus­bruch als etwas Unerklärliches. Das Böse äng­stigt uns: Wir haben es nicht im Griff, und es steckt in uns allen, auch in einem selbst.

„Und erlöse uns von dem Bösen“, beten wir in dem Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat. Mit der Bitte sage ich, dass das Böse um mich her­um, aber auch in mir zu finden ist. Von beiden Arten brauchen wir Erlösung.

Der Hörfunkredakteur der kath. Kirche beim NDR, Klaus Böllert (Theologe und Journalist) sagte in einer Morgenandacht: Was meinte Jesus mit diesem Bösen? Gläubige Juden seiner Zeit hatten keine Definition vom Bösen, sondern Er­fahrungen, Beispiele, Erzählungen. Das Böse trat vielfältig in Erscheinung: Als gefährliche Begeg­nung mit bösen Menschen, bösen Nachbarn, als Bedrohung des Lebens durch Krankheiten und andere Bedrängnisse, und auch als böser Trieb im Innern des Menschen. Genau das meinte Jesus wohl, als er sagte: Ihr, die ihr böse seid. Die Bitte „erlöse uns von dem Bösen“ bedeutet also einer­seits: Erlöse uns von Krankheiten, vom Neid an­derer bis hin zu: Erlöse uns von Menschen wie Mircos Mörder. Erlöse uns von dem Bösen bedeutet auf der anderen Seite aber auch: Erlöse mich von dem Bösen in mir, erlöse uns also von dem, was mir Angst macht. Sicher, die allermeisten Menschen werden deshalb keine Mörder. Auch ich habe noch nie den Drang ge­spürt, jemandem etwas Schlimmes anzutun. Dafür bin ich dankbar. Aber ich kenne das, was Paulus sagt: „Ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. Dann aber bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. ... Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ So weit Paulus (Röm 7, 15,19-20). Ich habe mit nichts Dramatischem, sondern mit alltäglichem Bösem zu kämpfen. Ich kann manchmal bei Nichtigkeiten richtig wütend werden. Dennoch: Erlö­se mich von dem Bösen. Und ich habe Hoffnung, dass ich das Böse in mir überwinden kann, denn Jesus hat auch gesagt: wer bittet, dem wird gegeben. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich vom Bösen erlöst, wenn ich ihn bitte.

In dieser Bitte drücken wir unser Vertrauen aus, dass Gott uns aus den inneren und äußeren Bedro­hungen durch das Böse retten kann. Er rettet uns in vertiefte Beziehungen zu sich und zu unseren Mit­menschen hinein.

Davon handeln auch die Beiträge dieses Brenn­punkts, seien es die theologischen Impulse von Thomas Gertler SJ oder die praktischen Beiträge von Andrea Stein. Was allen sonst so unterschiedlichen Beiträgen gemeinsam ist: Sie atmen den Geist von Pfingsten. Ohne diesen Beistand und Begleiter wüssten wir noch nicht einmal, dass wir Gott mit unserer Bitte am Herzen liegen; ganz zu schweigen vom Wachsen in Freiheit und Liebe.

Am Himmelfahrtstag am 17. Mai feiert die OJC ihren Tag der Offensive, diesmal mit der Verab­schiedung der alten und der Einsegnung der neuen Leiter. Dazu laden wir Sie auch an dieser Stelle ganz herzlich ein.

Mit gesegneten Grüßen zu Himmelfahrt und Pfingsten im Namen des ganzen Redaktionsteams, herzlich, Ihre


Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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