Bin ich es, Herr?

Das letzte Abendmahl, Theophanes von Kreta. Herr, bin ich es?
Das letzte Abendmahl, Theophanes von Kreta. Herr, bin ich es?

Meditation zum Abendmahl


Lidy Schuh

Eine Mahlzeit: Jesus mit seinen Jüngern. Der nach oben geklappte halbrunde Tisch ist reichlich gedeckt mit Brot, Gemüse, Fisch und auch mit dem Osterlamm. Das Osterfest der Juden wird gefeiert. An der Stirnseite des Tisches sitzt Jesus wie auf einem Thron, ein wenig größer als die anderen, eine Schriftrolle in der Hand, ­segnend.
Als Lehrer wird Er sicherlich die bekannten ­Geschichten erzählt haben, wie Gott sein Volk geführt hat, weg aus Unterdrückung und Sklaverei. Und dann am Ende der Erzählung tut Er ­etwas Neues. Er bricht das Brot und reicht den Becher: So will ich sein für euch, Fleisch und Blut, Essen und Trinken. Das klingt wie ein ­Testament. So sollt auch ihr sein, Essen und Trinken füreinander. Nur so werdet ihr frei werden vom Kreislauf der Gewalt und Sklaverei.

Eine aufgeladene Atmosphäre. Warum spricht Er so? Es hört sich an wie ein Abschiedsgruß. Und dann noch dieser fremde Ausdruck: „Der mein Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben.“ Und: „Einer von euch wird mich aus­liefern.“ Es liegt eine unruhige Spannung in der Darstellung, die sich auch auf die Betrachter auswirkt. Die Jünger sehen einander an. Die Hände fragend erhoben. Bin ich es, Herr?

Zwei Männer am Tisch nehmen eine besondere Haltung ein, nach vorne gebeugt in Richtung ­Jesus: Johannes legt sein Haupt an die Schulter Jesu, und seine Hände zeigen auf Ihn. Auch ­Judas beugt sich zu Jesus, aber die Haltung ­seiner Arme durchbricht den Kreis der Einheit. Mit grimmigem Blick reckt er sich über den Tisch, ziemlich ungezogen. Mit zwei Händen greift er quer über den Tisch nach der Schale mit Fisch. Da sitzt er, der Verräter, in Habgier gefangen: „Was wirst du mir geben, wenn ich Ihn euch in die Hände spiele?“

So will ich sein für euch: Fleisch und Blut, Essen und Trinken. Und das ist mehr als Liturgie ­allein. Es bedeutet aufstehen von dem Tisch, und dem anderen die Füße waschen, einem küssenden Judas als Freund begegnen. Das ungerechte Kreuz aufnehmen und tragen bis zum Ende. Tut genau dies zu meinem Gedächtnis.

Mit der Ikone werden zwei unterschiedliche Antworten gegeben auf die unbefangene Selbsthingabe Gottes: die dienende Liebe des Johannes und der Verräterkuss des Judas. Auch wir sitzen mit Jesus um den Tisch und brechen mit Ihm das Brot und teilen den Kelch. Damit unser tägliches Leben Ihn nicht verrate!
„Sohn Gottes, nimm mich heute an als Teilhaber deines geheimnisvollen Gastmahles. Dein ­Geheimnis werde ich deinen Feinden nicht verraten. Ich werde dir keinen Kuss geben, wie Judas es tat. Aber wie der Schächer am Kreuz bekenne ich dir: Gedenke meiner, o Herr, in deinem Reich!“

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