Dass Jesus siegt, bleibt ...

Von der sichtbaren und der unsichtbaren Welt

von Maria Kaißling


Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht,
sein wird die ganze Welt.
Denn alles ist nach seines Todes Nacht
in seine Hand gestellt. Ja, Jesus siegt!


So dichtete der schwäbische Pfarrer Joh. Chr. Blumhardt. Freunde erzählten mir, dass sie in ihrer Familie oft den Abend mit dem gemeinsamen Sprechen beschließen:
Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht. Sein ist die ganze Welt, sein sind auch wir. Halleluja. Amen.
Ja, der Sieg Jesu bleibt, auch wenn es immer wieder nach Niederlagen aussehen kann, nach verlorenen Kämpfen, wie auf dieser Ikone von der Kreuzigung Christi. Zwei Wirklichkeiten sind auf der Ikone zu sehen. Einmal die Szenerie mit den drei aufgerichteten Kreuzen, dem Geschacher um die Kleider, Leidende, Trauernde, Spottende, auch Mitleidige. Das ist die sichtbare Wirklichkeit. In der unsichtbaren Welt, wie auf der Ikone angedeutet, trauern Engel. Andere Engel tragen die Seelen der Verstorbenen; wir sehen auch die Toten, die aus ihren Gräbern erweckt werden als Zeichen, dass der Tod besiegt ist. Aber worin siegt Jesus? Wofür wird er als Befreier gefeiert?
Er siegte über Sünde, Tod und Teufel. Er besiegte sie nicht nur, sondern – wie es die Ikone beschreibt – er rammte wie ein siegreicher Feldherr seine Standarte, sein Sieges-und Hoheitszeichen mitten in die Welt hinein – sein Kreuz. Auf der Ikone scheint es die Welt aufzuspalten. Dieses Kreuz Jesu als Siegeszeichen der Liebe Gottes über Schuld, Sünde und Tod bleibt stehen, für die einen als Ärgernis, für die anderen als Zeichen der Kraft dieser glühenden Retterliebe Jesu Christi.

Wie siegt Jesus für uns?

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre!“ (1 Joh 3,8)
„Opera diaboli“ heißen die „Werke“ in der lateinischen Übersetzung . Dieses Wort erinnert an Oper, Drama, Schauspiel; der „diabolos“ ist der Durcheinanderbringer, der Chaos verbreitet, der für das Dysfunktionale steht. Das Leben der Welt als ganzes ist dramatisch, bzw. sehr tragisch.
In unserem Teil der Welt versuchen wir schon lange aus den Tragödien des Lebens eine Art komische Oper zu machen – wir haschen nach der Glitzerwelt und brennen aus für ein Immer-mehr. Die „Opera diaboli“ versucht uns einzureden, dass Christsein langweilig und ein Leben ohne Christus aufregend sei. Schon in unserer Wortwahl wird das deutlich, so klingt z. B. „Regenbogenfamilie“ doch viel interessanter als „normale Familie“! Dass wir so verdreht denken, ist schon ein Werk des Teufels.

Paulus schreibt im Epheserbrief vom „Geist, der in der Luft herrscht“ (Eph 2,2). Was ist damit gemeint?
Dieser Geist ist der Bestimmer der Atmosphäre, einer, der Stimmung macht und Atmosphäre prägt.


Anregung für die Stille: Was bestimmt die Atmosphäre in meinem Zuhause? Welche Stimmung, welche Gefühle verbinde ich mit meiner Wohnung? Können sich andere da willkommen fühlen? Ein Kennzeichen des Reiches Gottes ist Freude. Wo drücken sich in der Atmosphäre meines Zuhauses Freude und Wärme aus? Dass unsere Wohnungen Oasen des Lebens und der Freude für uns und für andere sein können – dazu sind wir befreit!

Eine Kultur des Gebets

„Die Heiligen werden siegen, weil sie Schöpfer sind; unversieglich wie die Sonne sind sie in ihrer Liebe. Unversieglich ist auch die Erfahrung des Gebets. Das Gebet kann nicht zum Instrument werden. Das Gebet widersteht dem Parasitentum der modernen Verbrauchergesellschaft. In ihr, wo alles Gegenstand des Verkaufs und des passiven Genusses ist, vermag allein das Gebet zu erbauen und aufzubauen, und es wird von dieser Gesellschaft, die gierig wie ein Vampir und langweilig wie die Hölle ist, nie verschlungen werden.“
(Tatjana Goritschewa)

Die Heiligen werden siegen: Die Brüder und Schwestern Jesu werden siegen in den Widerwärtigkeiten dieses Lebens, weil Gott ihnen Anteil gibt an seiner Schöpferkraft, weil Jesus ihnen Anteil gibt an der Kraft und Dynamik seiner Liebesfähigkeit. (Der Teufel hat keine Schöpferkraft, er heißt auch „der Affe Gottes“, er kann nur nachäffen und damit blenden; oder er errichtet ein Angst-und Terrorregime.) Gott gibt uns Anteil an seiner Schöpferkraft.
Das Gebet steht für Beziehung und Begegnung mit dem dreieinigen Gott. Auf der Ikone werden wir hingewiesen auf diese Begegnung zwischen dem gekreuzigten Jesus und dem mitgekreuzigten Schächer. „Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst“ spricht ihn der Räuber an. Jesus antwortet: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,43). Nur indem sie sich einander zuwenden, ist diese Begegnung noch möglich.

Eine Kultur des Lebens

Wieso soll unsere Gesellschaft „langweilig wie die Hölle“ sein? Alles, was wir uns immer noch kaufen können, macht uns in der Sehnsucht unseres Herzens nicht satt. Wir gleichen Dürstenden, die Salzwasser trinken – es verstärkt den Durst. Wir wollen immer weiter, höher, schneller. Der Teufel ist ein unersättlicher Vampir. Jesus nennt ihn treffend „Menschenmörder von Anfang an“ (Joh 8,44). Davon spricht auch die Bibel gleich am Anfang in den Geschichten der ersten großen Tragödien und den ersten dysfunktionalen Familien. Zerbrochene Beziehungen, Neid, Kains Mord an Abel, Noah und die Sintflut, der Turmbau zu Babel: Alle diese Erzählungen haben im Kern mit zerstörten Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch, Volk und Volk zu tun.
Der „Menschenmörder von Anfang an“ hat eine Kultur des Todes in Gang gesetzt. Ich nenne hier einmal zwei Beispiele, an die wir uns schon weitgehend gewöhnt haben: Heute tragen viele Kinder Kleidung mit Totenschädeln und Skeletten. Sie finden sich auch auf Schulheften und Stiften. Das ist nicht harmlos, denn was wir anschauen, prägt und formt unser Gemüt im Guten wie im Bösen.
Laut Statistik werden jedes Jahr weltweit 42 Millionen Abtreibungen durchgeführt. Das sind ganze Völker, die Jahr für Jahr nicht ins Leben kommen! Zum Vergleich: Ungarn hat 10 Millionen Einwohner.

Wie hat Jesus gesiegt? Er schafft eine Kultur des Lebens; Orte des Lebens mitten in der Wüste. Seinen Nachfolgern und Freunden verspricht er im Johannesevangelium den „Geist der Wahrheit“ (Joh 14, 17), den Tröster, den Beistand, der uns in alle Wahrheit führt. Der Weg heraus aus der Welt von Lügen und Halbwahrheiten beginnt mit der Bitte um Liebe zur Wahrheit.

Wozu brauchen wir den Heiligen Geist?

Um unseren Weg als Kinder Gottes zu gehen und am Ziel anzukommen! Das Ziel des Lebens eines jeden Christen ist Lieben in Vollendung. Der Weg heißt: in der Liebe und Zuwendungsfähigkeit wachsen, reifen und nicht aufgeben. Dabei bleiben wir Lehrlinge in der „Liebesschule“ Jesu! Über ihrem Eingang steht als Motto: „Niemand hat größere Liebe als wer sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15, 13). Diese Liebe zum Menschen ist der Maßstab; denn Liebe und Retterwille sind Ausdruck der Wesensart Gottes, die Er in uns hineingesät hat. Wir sind der Acker, auf dem diese Saat aufgeht und Frucht bringt. Was es bedeutet, in diesem Sinne zu lieben, lesen wir in 1 Joh 3,16: „Er hat sein Leben für uns gelassen und wir lassen unser Leben für die Geschwister.“ Als ich noch jung war, dachte ich, es wäre ganz einfach, mein Leben für die gute Sache zu opfern und als Märtyrer zu sterben. Aber es geht darum, mein Leben für die Geschwister zu geben und mehr noch, mit den Geschwistern zu leben, jeden Tag.

Anregung für die Stille: Wer sind meine Nächsten, ganz konkret zwei, drei oder vier Menschen? Dürfen sie mich mein Leben kosten? Wie sieht das für mich aus?

Lieben wie Jesus liebt

Sein Leben für den Nächsten zu geben und mit den Geschwistern zu leben, hat immer ganz praktische Folgen. Zum Beispiel stellen wir eigene Ideen und Pläne zur Disposition. (Passt es für alle? Passt es jetzt?) Das finden wir normalerweise im Dialog miteinander heraus. Und wenn es nicht passt? Dann stellen wir das Eigene zurück, so schmerzhaft das zunächst sein kann.
Ich erinnere mich noch sehr gut: Im Jahr nach dem Mauerfall hatte ich zunehmend den Eindruck, dass einige unserer Kommunität in die neuen Bundesländer umziehen sollten. Für mich war die Idee, in den Osten zu gehen, eine Vision, die Gott mir ins Herz gegeben hatte. Aber zunächst sagte die Mehrheit der Gemeinschaft „Nein, wir sehen das nicht“. Nach vielen Angeboten und Bitten, die OJC solle doch kommen, und rund 6 Jahre später gab die Gemeinschaft grünes Licht. Danach ging der Umzug relativ schnell über die Bühne. Doch das Wichtigste, was ich in dieser „Prüfungszeit“ lernte: jetzt konnten alle in der Gemeinschaft unsere Zelle in Greifswald mittragen. Wenn ich früher gegangen wäre, wäre das eher wie eine Scheidung gewesen! Und ist es nicht so: was echt ist an einer „Vision“ hat auch nach längerer Zeit noch seine Richtigkeit und Bestand.

Lieben lernen in der Art wie Jesus liebt, dazu benötigen wir eine feste Entschlossenheit, denn es folgen Entscheidungen, die nicht unbedingt unserer Natur entsprechen. Liebesfähigkeit wächst nicht automatisch. Sie wächst am Ja und Nein. Dieser pädagogische Grundsatz lässt sich auch auf das Wachsen des geistlichen Menschen übertragen. Was will ich lieben und wie leben? Was muss ich dafür lassen?

Das Leben wächst bei Ja und Nein

Ein weiteres pädagogisches Prinzip betrifft den Ablauf von Versuchungen: Erster Blick -zweiter Blick – Gedanke – Wunsch – Begehren – Tun. Die Entscheidung zu einem Ja oder Nein fällt am Anfang dieser Kette leichter und wird gegen Ende immer schwerer bis unmöglich. Ein Sprichwort beschreibt anschaulich, wie wir Entscheidungen treffen können:

Säe einen Gedanken und du erntest eine Tat.
Säe eine Tat und du erntest eine Gewohnheit.
Säe eine Gewohnheit
und du erntest einen Charakter.
Säe einen Charakter, und du erntest ein Schicksal.

Das gilt im Guten wie im Bösen. Und wir finden darin die Urteilsfähigkeit, die durch ständigen Gebrauch reift, wie es im Hebräer-und im Jakobusbrief ausgeführt wird.


Anregung für die Stille: Was säte Jesus schon in den Acker meines Lebens? Mache ich mir Jesu Art zur Gewohnheit? Übe ich mich im Ja und Nein?

Liebe kostet das Leben

Jeder von uns hat in seinem Leben immer wieder die Wahl zu lieben oder es zu lassen.

Wenn es euch aber nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“ (Josua 24, 15).

Das Lieben zu wählen bedeutet auch, etwas zu riskieren. Wir riskieren z. B.
• nicht verstanden zu werden
• mit eigenen Vorstellungen zu scheitern
• auch falsch zu entscheiden
• umkehren zu müssen usw.

Doch auf dem Weg des Einübens in die Liebe geht Gott mit! Er gibt Gemeinschaft, schickt seine Boten,
umgibt uns mit Menschen und Abenteuern -ganz wie im Leben Jesu. Nicht zu lieben ist auch risikoreich, und kostet ebenfalls das Leben! Sehr markant schildert die amerikanische Autorin Hannah Green diese Wahl in ihrem Roman „Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen“. Die Hauptperson des Buches, Deborah, gerät durch verschiedene Umstände in einen psychotischen Zustand. Nachdem es ihr in der Klinik wieder besser geht, muss sie sich entscheiden zwischen der Krankheit und dem damit verbundenen Umsorgtwerden; oder sie wählt den Weg in ein selbst verantwortetes Leben. Das bedeutet, dass sie sich den Menschen und Aufgaben stellen muss. Sie wählt das Leben mit allen seinen Unsicherheiten und Freuden, statt im Kranksein zu versinken.

Jesus, der Fürst des Lebens

Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht, sein ist die ganze Welt, sein sind auch wir. Halleluja, Amen.
Damit wir das singen, beten, bekennen, leben können, dafür schafft Gott selbst die Voraussetzungen. In der frühen Kirche nannte man den gekreuzigten und auferstandenen Jesus „Pontifex“. Das Wort heißt Brückenbauer. (Der heidnische, kaiserliche Hohepriester in Rom wurde mit Pontifex betitelt.) Dieser Titel wurde dann auf Jesus übertragen (und später auf den Bischof von Rom). Jesus, der Brückenbauer, hat mit seinem Leib und Leben die Trennung, die durch Schuld und Beziehungslosigkeit in die Welt kam, aufgehoben, die uns von Gott und den Mitmenschen trennt. Mit seiner eigenen Existenz hat er diese Brücke geschlagen und uns den Weg frei gemacht. Seit Jesu Tod am Kreuz steht er als Fürst des Lebens und König der Wahrheit über dem Fürsten dieser Weltzeit, dem Herrscher der Luft, den er entrechtet hat. Darum können auch wir uns immer die Bitte des Räubers zu eigen machen: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,42-43).

 

Vergib uns unsere Sünden,
unsere treulosen Tränen,
unser mürrisches und unzufriedenes Gebrumme.
Hebe uns in die Flut Deiner Liebe
und mache uns bewusst, was es heißt,
Dich, Christus, in uns zu haben –die Hoffnung auf Herrlichkeit.

F. B. Meyer (1847-1929)

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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