Nur das Ja trägt durch

Über die Bewährung der Liebe in der Ehe

von Rudolf Böhm


In diesem Jahr feierten wir vergnügt unseren 35. Hochzeitstag. „Fehlt dir etwas in unserer Beziehung?“, hat meine Frau mich gefragt. „Nein. Jetzt, da wir an unserem Festtag beieinander sind, fehlt mir gar nichts mehr...“ .

Auf unserem Weg miteinander sind wir durch manche Krisen hindurch – und dank der Gnade Gottes – geistig und geistlich immer mehr zusammengewachsen. In Momenten beglückender ­Begegnung drängt es mich, ihr immer wieder zu sagen, so schön, wie es jetzt zwischen uns sei, hätte ich es mir von Anfang an gewünscht. Und jedes Mal ist meine Frau erneut verwundert und er­widert: „Das hätte früher doch noch gar nicht zu uns gepasst; da mussten wir erst hinwachsen...“
Natürlich hat sie Recht. War bei der „Hochzeit zu Kana“ (Joh. 2, 1-12 ) der später servierte Wein nicht auch besser als der erste? In der Regel ist es im ehelichen Miteinander ja so: Die verzaubernde Kraft des Anfangs verliert sich. Der Wein – in der Bibel steht er für Lebensfreude, Lebenssinn, ­Lebensfülle – geht aus. Alles wird Routine. Auf diese Erfahrung antwortet das Evangelium: Die Größe Gottes ist mitten im Alltäglichen zugegen. Das Gewöhn­lichste verwandelt sich in etwas ­Außerordentliches, Übernatürliches, wenn wir bereit und gewillt sind, auf das einzugehen, ­worum Gott uns bittet. „Was er euch sagt, das tut!“ , das ist der gute Rat Marias für alle, die sich Christen nennen. Die Diener haben den Sinn des Befehls Jesu, mehrere hundert Liter Wasser vom entfernt gelegenen Brunnen zu holen, sicher nicht verstanden. Wer will schon auf einer Hochzeit Wasser trinken? Vielleicht geht es uns auch so mit den Weisungen Jesu. Wir denken, das ist doch mühselig, altmodisch, das macht doch keine Freude! Doch weil die Diener dem Rat Mariens folgen, kann Jesus ein Mega-Wunder wirken. Wasser wird zu Wein, die Hochzeit ist gerettet. Wo wir treu tun, was Jesus von uns will, da verwandelt sich alle Dumpfheit, Frustration und Sinnleere in Lebensfreude. So wird es möglich, aus den Illusionen des Verliebtseins heraus­zuwachsen und den Höhenweg der Liebe anzu­treten.

Bei Thomas von Aquin heißt es in der Schrift ­gegen die Heiden: „Je größer eine Freundschaft ist, desto fester und beständiger ist sie. Die größte Freundschaft aber besteht offenbar zwischen Mann und Frau.“ Miteinander vertraut werden, muss Raum und Zeit haben. Wir Menschen sehnen uns alle nach Intimität, in der wir uns selbst und einander am tiefsten begegnen. Intimität v­erstehe ich vor allem als eine geistige Dimension, als unbedingtes Vertrauen, so rückhaltlos, so ­existenziell, dass wir die Unauflöslichkeit der Verbindung gar nicht als Verbot, sondern als Selbst­verständlichkeit wahrnehmen.

Das Wesen Gottes ist Treue

Das Wesen Gottes ist Treue. Sie ist wie ein Mantel für den Tatbestand, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist. Gott ist der, der in einer Seele die unerlässliche Größe erschafft, die sie für Treue braucht. Darum erspürt vermutlich jeder Mensch intuitiv, wenn er sich einem anderen hingibt, dieses Treueversprechen Gottes, der mit uns Menschen einen unverbrüchlichen Bund geschlossen hat. Sein Ja verbindet Frau und Mann unaufhebbar miteinander: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6). Die Liebe, von der Jesus spricht und die er uns zum ­Gebot macht, hat ihren Ursprung in der Liebe ­Gottes, mit der er uns liebt. Frucht dieser Liebe ist die Freude, die Freundschaft, das Vertrauen.

Die Wirklichkeit um uns sieht allerdings anders aus. Ein jüdisches Sprichwort erklärt ganz nüchtern: „Eine gelungene Ehe ist ein größeres Wunder als der Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer.“ Ich frage mich manchmal, ob wir überhaupt noch tief genug den Wunsch haben, dass eine ­Beziehung auch gelingt, und nicht die Dinge so ­laufen, bis wir mit unseren natürlichen Voraus­setzungen am Ende sind. Ich war einige Male ­verblüfft, als in Diskussionen der Wert der Treue vehement infrage gestellt und als Bequemlichkeit oder als Angst vor Neuem interpretiert wurde. Wie im Fall eines Abteilungsleiters, der ein Verhältnis mit einer Angestellten hatte. Als es bekannt wurde, fand kaum jemand etwas Besonderes dabei. Als sich dieser Abteilungsleiter zuletzt doch für seine Ehe entschied, unterstellten ihm jüngere An­gestellte Feigheit, mangelnde Kreativität und ­Spontaneität. Treue war für sie offensichtlich nur eine verstaubte Vokabel, aber kein Wert. Glücklich sein und starke Gefühle haben wird in unserer ­Gesellschaft höher bewertet als Treue.
Ein anderer Mann hat seine Frau und seine Kinder verlassen, weil er sich in eine andere Frau verliebt hat. Er begründet seine Entscheidung: „Ich will endlich glücklich sein, meinen Gefühlen folgen; immer nur habe ich das getan, was andere von mir erwartet haben. Ich will endlich mal ich selbst sein.“ Kurz vor seiner Hochzeit klang das noch anders. Ich bin deshalb skeptisch, wie lange dieses neue Glück jetzt halten wird.
Elisabeth von Reute fasste im 15. Jahrhundert die Tragik des Scheiterns in einem bemerkenswerten Satz zusammen, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat,: „Viel Leid kommt in die Welt, weil die Menschen zuerst glücklich und nicht gut sein wollen.“ In der Bergpredigt sagt Jesus: „Euer Ja sei ein Ja und ein Nein sei ein Nein, alles andere stammt vom ­Bösen.“ ( Mt 5,37). In diesem Wort schwingt mit, dass wir Menschen ein Versprechen abgeben ­können, auf das sich die anderen verlassen dürfen, dass wir durchaus in der Lage sind, freie Ent­scheidungen zu treffen und durchzutragen.

Die Ehe gründet auf Gottes Treue

Die Geschichte Gottes mit uns Menschen ist die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Durch seinen Bund ist Gott eine Bindung mit uns eingegangen, die nicht gelöst werden kann. Die eigentliche Botschaft seiner Treue kann schlicht so ausgedrückt werden: „Ich liebe dich. Ich verpflichte mich dir ­gegenüber. Ich schwöre, dass ich dich niemals ver­lassen werde. Du bist mein und ich bin dein.
Dieser Gottesschwur klingt ganz ähnlich unserem traditionellen Eheversprechen. Das ist kein Wunder, denn das gründet darauf. Es ist erstaunlich, dass der Schöpfer eine so tiefe Liebe zu seinen ­Geschöpfen hat! Dieser Bund ist persönlich, absolut und meint: Du, nur du! Du, ganz und gar! Du, für immer! Das ist die Antwort auf die tiefste Sehnsucht des Menschen, einzigartig, unverwechselbar und nicht austauschbar zu sein.

Das heilige Versprechen macht die eheliche Treue zwar nicht leichter, aber möglich. Lebenslange ­Liebe kann nur in einem Bund gelebt werden, in dem es keineswegs nur um ein privates Glück geht, sondern um unser Heil. In Phil 2,12 heißt es: Müht euch um euer Heil mit Furcht und Zittern! Ja –auch dieser Ton gehört zu einem gesunden Eheverständnis. Allein mit romantischen Gefühlen und idea­listischen Vorstellungen lässt sich eine Ehe nicht dauerhaft führen. So viel steht dabei auf dem Spiel, ohne das sich das lebenslange Treueversprechen und die in diesem Treueversprechen inne­wohnende Gegenwart Gottes nicht leben lässt.
Der Leib ist ein Zeichen, welches das unsichtbare Geheimnis Gottes sichtbar macht. In dem neueren Hollywoodfilm „Vanilla Sky“ fällt der bemerkenswerte Satz: „Wenn du mit jemandem schläfst, macht dein Körper ein Versprechen, ob du willst oder nicht.“ Die Ehe lässt zwei Menschen so intim miteinander verbunden, so eng aufeinander be­zogen und so gefährlich voneinander verletzbar sein, dass sowohl der Mann als auch die Frau unter Eid gestellt werden müssen. An dieser Stelle wage ich einen profanen Vergleich: Zum Wohle der ­Allgemeinheit wird Polizisten oder Soldaten erst dann eine Waffe anvertraut, wenn sie ihren Diensteid abgelegt haben. Sie sollen fähig sein, der Ver­suchung zu widerstehen, die Waffe zu miss­brauchen. Um wie viel mehr braucht es des Bundesbandes Gottes, wenn zwei Menschen sich einander hingeben. Schon allein darum sollte der ­Geschlechtsverkehr für die Ehe bewahrt werden.

Das Eheversprechen verbindet die Menschen so eng miteinander, dass sie „ein Fleisch“ werden. Gott will, dass Mann und Frau nicht getrennt sind. Wenn man es genau nimmt, ist das Eheversprechen eine Last, die paradoxerweise Freiheit bewirkt. „XX, Du bist frei, alt und faltenreich zu werden, ­ohne Angst vor der Scheidung haben zu müssen; und du XY bist frei, eine Glatze und einen Bauch zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, dass ­deine Frau dich verlässt. Das muss möglich sein, weil Gott das eheliche Zusammenleben in diesen Schutzraum seines Treueversprechens gestellt hat. Seine Treue ist eine Verpflichtung für immer und Grundlage, Hilfe und Kraft für unsere Ver­pflichtung füreinander, solange wir leben.

Der Feind schläft nicht

Wenn eheliche Treue eine Frucht der Treue Gottes ist, dann müssen wir damit rechnen, dass der Feind des Lebens genau an dieser Stelle angreifen wird, um uns von Gott zu trennen. Wenn wir wissen wollen, was am kostbarsten, heiligsten in dieser Welt ist, dann müssen wir nur nach dem suchen, was am stärksten entweiht wird, und das ist derzeit die Ehe. Der Feind ist kein Dummkopf. Er setzt ­alles daran, dass Männer und Frauen davon abgebracht werden, das Geheimnis Gottes in ihrer Vereinigung zu erkennen. Es ist sicher kein Zufall, dass Paulus im Anschluss an seine Ausführungen über das „tiefe Geheimnis“ und das „Ein-Fleisch-Werden“ (Eph 5) die Epheser dazu aufruft, sich gegen den kosmischen Kampf von Gut und Böse zu rüsten (Eph 6). Als Ursprung der Familie und des Lebens selbst befindet sich die Vereinigung der Geschlechter im Zentrum des großen Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, zwischen der Liebe und allem, was sich der Liebe widersetzt. Wenn wir also den Kampf gewinnen wollen, müssen wir uns zuerst „mit Wahrheit gürten“ (Eph 6, 14), die uns zur Liebe befreien wird.

Schon nach ein paar Jahren Ehe hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen. Menschlich gesehen hatte ich mich in eine Position gebracht, von der keine Brücke zu meiner Frau führte. In dieser Situation führte uns Gott nach Taizé, wo ich beim Betreten der Kirche in eine Atmosphäre der Gegenwart ­Gottes eintauchte, die mich innerlich sehr ergriff. Die Erfahrung eines tiefen Friedens wurde für mich zum Auftakt für einen Neuanfang der Beziehung mit meiner Frau. Aus zwei Tagen, die wir da verbringen wollten, wurden zwei Wochen, an deren Ende eine Lebensbeichte stand. Entlastet, aber nicht entbunden von der Arbeit, das neu Geschenkte auch im Alltag aufrecht- und durchzuhalten, machten wir uns auf den Rückweg. Wir hatten noch längst keine gemeinsame Sprache gefunden, aber ein paar Lieder gelernt, die wir auf dem Nachhauseweg andächtig miteinander sangen. Das war der Beginn eines neu wachsenden Vertrauens, in die Tiefe des Geheimnisses, von dem der Apostel Paulus im Epheserbrief (5, 32) redet. Es hat noch zwei Jahre gedauert, bis unsere Beziehung wieder eine feste Grundlage hatte, die wir dann mit Gottes ­Hilfe bis heute nie mehr verloren.

Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt: Treue ist für die Entfaltung eines Ehepaares unbedingt und in jeder Hinsicht notwendig. Die Frage des Ehebruchs stellt sich ganz selten erst im „entscheidenden ­Moment“, sondern lange zuvor. Der Seitensprung beginnt im Kopf. Und wer sich immer wieder verführerischen Fantasien überlässt, schwächt sein Immunsystem. Wer mit dem Feuer spielt, nimmt Brandblasen in Kauf. Ein solches Spiel erscheint am Anfang harmlos, die Vorsicht übertrieben. Und ­Argumente hierfür fehlen nie: „Wir sind doch ­erwachsen; ist doch nichts dabei; ich hab doch alles im Griff und liebe meine Frau; ist doch nur ein ­Kaffee.“ Um dann nachher zu lügen: “Also ehrlich, das hat mich überkommen wie ein Orkan. Ich konnte nichts tun...“. Deshalb sind Vorsicht und Misstrauen gegenüber der eigenen Natur und ­persönlichen Schwächen geboten.

„Sei nicht so feige, ‘mutig’ zu sein. Fliehe!“, so schreibt der Ordenspriester Escriva de Balaguer. Wer ernsthaft gewillt ist, seinem Partner treu zu bleiben, der sollte sich schon im Vorfeld möglicher Versuchungen klug verhal­ten. Es geht nicht um falsche Skrupel, sondern um Klugheit und das realistische Einschätzen konkreter Situationen, die ­irgendwann „gefährlich“ werden könnten. Es geht um die berühmten Kleinigkeiten – wie beispielsweise zu demjenigen, den man aus Nachbarschaft, Schule oder Büro kennt und der attraktiver ­erscheint als andere, von Anfang an ein wenig ­größere Distanz zu halten.
Auch wenn unsere Gedanken und Haltungen dem Partner verborgen bleiben, werden sie indirekt auf die Ehe zurückwirken und zum Misstrauen führen. Anhaltende Untreue ist der Tod der Liebe. Um treu zu bleiben, muss man in der heutigen Welt wirklich auf Gottes Hilfe rechnen.

Bereitschaft zum Loslassen

Eines der größten Hindernisse für das Gelingen ­eines gemeinsamen Lebens scheint mir zu sein, dass Mann und Frau versuchen, die Kontrolle über den anderen zu behalten. In vielen Bereichen halten wir an dem fest, was der Liebe grundlegend entgegengesetzt ist: an selbst gemachten Sicherheiten, dem Streben nach Annahme, Größe und Über­legenheit, Ehre und Ansehen. Wir verteidigen heldenhaft unser selbst gemachtes Glück und betrachten die unvermeidbaren Verluste als Versagen anstatt als Möglichkeit, uns mehr der Liebe Gottes zu öffnen. Wir können uns selbst nicht annehmen, unseren Ehepartner nicht annehmen und ebenso wenig die Dinge, wie sie gerade sind. Möglicher­weise reden wir noch viel von Gott, aber bei ge­nauem Hinsehen existiert seine Wahrheit bestenfalls in unserem Kopf. Das Herz bleibt von Gottes heilendem Einfluss unerreicht, weil es von Angst und Sorge um sich selbst besetzt ist.

Die Bereitschaft zum Loslassen gehört zu den ­größten Herausforderungen, vor die wir gestellt sind. Bei frisch Verliebten sieht man oft, dass ihre Unterschiedlichkeit sie angezogen hat. Im gemeinsamen Leben will dann einer den anderen ändern, damit er so denkt und handelt, wie er es jeweils wünscht. Angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten in der Ehe wird er immer aggressiver, ja ­sogar verletzend, um seine Ziele zu erreichen. ­Diese Haltung bewirkt gegenseitige Kränkungen und schränkt die Freiheit des anderen ein. Am Ende fühlt sich jeder eingesperrt und das Leben wird ­unerträglich. Eine Ehefrau, deren Mann sie kürzlich verlassen hat, bat ihren Mann in einer aktuellen Situation um Verzeihung für ihr Verhalten. Darauf sagte ihr Mann: „Ich vergebe dir alles, aber ich kann dich nicht ertragen!“ Die unzähligen ­gegenseitigen Kränkungen haben die Liebe erstickt.

Die Berater fühlen sich dann häufig berechtigt, zur Trennung zu raten. Sie haben recht mit ihrer Feststellung, dass die Situation unerträglich ist. Aber sie denken nicht weit genug, wenn sie die Trennung als Lösung empfehlen, während es einen anderen Weg gibt: sein Unrecht einsehen, den anderen um ­Verzeihung bitten, alles verzeihen und in der Achtung von seiner inneren Freiheit sein Anderssein vollständig akzeptieren. Es ist einfach, die Freiheit derer zu achten, die weit von uns entfernt sind. Wenn es sich aber um unsere Angehörigen handelt – jene, die wir lieben, und insbesondere unseren Ehepartner – , ist es viel schwieriger. Ich glaube, die Freiheit ist die am meisten verkannte Tugend. ­Freiheit gewähren bedeutet, meinen Ehepartner nicht manipulieren, ihn nicht beherrschen, sondern ihn kennen lernen wollen. Nicht ihn nehmen, ­sondern ihn aus den Händen Gottes empfangen, und täglich neu Ja zu ihm zu sagen. Ludwig Börne hat es einmal treffend auf den Punkt gebracht mit dem Worten: „Liebe ist die Freude an der wechselseitigen Unvollkommenheit.“ Dietrich Bonhoeffer entstammt das Wort: „Gottes Liebe macht uns frei von uns selbst für den anderen. Frei sein heißt nichts anderes als in der Liebe sein.“ Diese Freiheit in der Ehe einzuüben, könnte bedeuten:
•    Jeder Ehepartner muss sich so nehmen wie er ist, und seine Schwächen, Fehler und Dummheiten Gott übergeben, damit Er sie in Gnaden und Segen verwandelt, nach dem jeder Gott sein vollständiges Ja gegeben hat.
•    Jeder Ehepartner muss den anderen so nehmen, wie er ist, ohne ihn ändern zu wollen.
•    Jeder Ehepartner muss davon überzeugt sein, dass er keine Macht über das Verhalten des ­anderen hat. Handelt einer der beiden schließlich nach Gottes willen und erlaubt Gott, durch ihn zu wirken, genügt diese Haltung für die Rettung der ihnen anvertrauten Einheit, auch wenn das Verhalten des anderen manchmal ­kritikwürdig ist.­

Mein geistlicher Begleiter sagte einmal: „Die Freiheit ist dann am besten genutzt, wenn sie ohne Rücksicht auf Mühen und Entbehrungen den ­Willen Gottes erfüllt.“ Mit anderen Worten: alles von Gott erwarten, alles von ihm erbitten, bereits sein, die Antwort anzunehmen, und ihm für alles danken.

Eine Ehe zu „dritt“

Das Heilmittel, um dazu in der Lage zu sein, ist ­eine „Ehe zu dritt“, in der Gott in die Mitte und über die beiden gestellt wird. Sobald die Situation schwierig wird oder der andere nicht zu verstehen scheint, was man ihm übermitteln möchte, sollte man damit beginnen, die Kommunikation über Gott zu lenken und ihn zuzutrauen, dass er das Herz des anderen bewegen kann. Ausüben von Zwang ist jedenfalls keine Lösung. Viel zu wenig machen wir uns klar, dass Christus in uns lebt und darauf wartet, dass wir ihm unser Ja dazu geben, der Handelnde sein zu dürfen. Er möchte in Seiner liebenden und versöhnenden Kraft mir und dem anderen begegnen, und zwar umso mehr, desto auswegloser die Situation erscheint. Machen wir uns klar: Wenn Christus nicht zwischen uns ist, werden Angst und Stolz uns dazu zwingen, ein­ander zu verletzen.

Peter Lippert hat in seinem Buch „Marienminne“ über die Ehe geschrieben: Immer wird ein Meer zwischen uns liegen, über das unsere Seelen nicht hinüber fahren können. Und groß und weit wird es sein. Immer wird Gott zwischen uns liegen: er verbindet uns und er trennt uns. Wo Gott nicht mehr zwei Menschen trennt, da sind sie schrecklich weit auseinander gerissen und nirgends mehr aufzu­finden. Näher können sich zwei Liebende, die durch die Ehe miteinander verbunden sind, niemals ­kommen, als wenn Gott zwischen ihnen steht. Aus einer großen Ferne und Gehaltenheit sich gegenüberstehen - aber gerade so ist es möglich, sich bis ins I­nnerste verstehen und lieben zu können...

Wir müssen radikal umdenken, um miteinander glücklich werden zu können. Das ist nur möglich, wenn ich mein Vertrauen ganz auf Gott setze und mein Ja dazu gebe, dass er nicht den anderen ­ändert, sondern mich, damit ich der Ehemann bzw. die Ehefrau werde, wie er mich will.

Selbst wenn nur einer der beiden Eheleute bereit ist, zur Verbesserung der Situation sein Vertrauen in Gottes Liebe zu setzen, vollzieht sich eine Verwandlung. Gott wird beginnen, beide zu verändern.

Das Erkennen der eigenen Fehler siegt über den Wunsch, Recht zu haben.
Das Bitten um Verzeihung ersetzt die Beschuldigungen gegen den anderen.
Das Empfangen der großen Barmherzigkeit des ­Vaters und seiner Liebe besetzt das Schuldgefühl.
Das Annehmen des anderen in seinem Anderssein hat Vorrang vor dem Wunsch, ihn zu ändern.
Das Bekunden seiner Wertschätzung ersetzt die Vorwürfe.
Die Entfaltung und das wachsende Glück des ­Menschen ersetzen die Angst.

A couple who prays together stays together

Seit einigen Jahren beginnen meine Frau und ich den Tag mit einer gemeinsamen Gebetszeit. Die längste Zeit unserer Ehe pflegte jeder sein eigenes Gebetsleben. Vor allem ich wollte das gerne so. Es erschien mir männlich, ich empfand es als Freiheit und merkte lange nicht, wie meine Frau darunter litt. Ich rechtfertigte meine Haltung mit der Notwendigkeit einer vom anderen abgewandten Seite, die allein zu Gott hin offen ist. Da, wo ich frei bin von dem Zugriff des anderen, wo niemand mich bedrängt mit seinen Erwartungen und Wünschen, etc. Ohne es zu merken habe ich mich damit ­meiner Frau entzogen, sie quasi von meinem Innersten ausgesperrt. Meine Umkehr wurde ausgelöst während einer betenden Betrachtung der Weihnachtsgeschichte, wo es heißt: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammen­gekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind ­erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes (Mt 1,18). Josef, der noch nichts von all dem ­verstand, zieht es vor, sich zu­rückzuziehen: Er wollte sie nicht bloßstellen und beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist... Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich (Mt 1, 19b-20.24). Diese fünf Worte er nahm seine Frau zu sich (vgl. Mt 1,24) beunruhigten mich und verbanden sich unversehens mit der konkreten Frage: Hast du denn deine Frau schon zu dir genommen? Ich war erschrocken, merkte aber, dass ich jetzt zu einer neuen Entscheidung aufgerufen war. Darum bat ich den Heiligen Geist, mir zu helfen, diese Frage ehrlich zu beantworten. Sofort kamen mir aus jüngster Zeit mehrere Stationen vor Augen, in denen ich meine Frau alleine gelassen hatte. Mir wurde sehr schnell erschreckend klar, dass sie sich über unsere ganze Ehe hinweg immer wieder von mir verlassen bzw. im Stich gelassen fühlen musste. Äußerlich schien alles in Ordnung, aber was nun anstand, betraf die Dynamik meiner gesamten eigenen Existenz: Das freie und wagemutige Hineinnehmen meiner Frau in mein innerstes Leben, mein innerstes Sein.

Ich möchte zum Schluss noch einmal auf das Wesen des Bundes zu sprechen kommen. Es ist weit mehr als ein Abkommen oder ein Vertrag, d. h. ­eine Beziehung auf Distanz im Ausüben gewohnheitsmäßiger Tätigkeiten. Bund bedeutet auch mehr als eine Lebensverbindung zweier Menschen auf der Grundlage einer willentlichen Übereinkunft, in der jeder seinen eigenen Bereich hat und absichert. Eine Bundesbeziehung ist eine authentische Beziehung mit demjenigen, der sich mit ­seinem ganzen Sein mit mir vermählen will. Es ist die Vereinigung in Heiligkeit: Du lebst für mich, du bleibst in mir. Du gehörst ganz mir, ich gehöre ganz dir.

Dieser Bund ist ein Geschenk Gottes, dass wir niemals zu Ende auspacken können; es lässt sich nur nach und nach entdecken, wenn wir – un­abhängig davon, wo wir sind und was wir tun – uneingeschränkt, ungeteilt und immer wieder Ja zueinander sagen.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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