"Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."
(Mt 19,6)

Liebe Mitchristen,

Hand aufs Herz: Wir Christen in Europa und Amerika haben keine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte aufzuweisen, wenn es darum geht, der weltlichen Kultur um uns einen alternativen ­Lebensstil vorzuschlagen. Das geht allein schon aus den Statistiken über Ehescheidung, Abtreibung und außerehelichen Geschlechtsverkehr hervor. Diese Generation hat die faulen Früchte der sexuellen ­Revolution geerntet. An den zerbrochenen Fami­lien und zerstörten Existenzen sehen wir die Folgen. Ein Wandel ist dringend nötig! Es braucht wesentlich den Schlüssel zum Verständnis der tiefen inneren Bedeutung der ehelichen Liebe und Treue.
In den ersten Jahrhunderten mussten Christen i­hren Glauben immer wieder erklären und verteidigen. Einige der Schriften, die erhalten geblieben sind, bezeugen, dass ihre reine Lebensweise für die Heiden etwas Außergewöhnliches und Unglaub­liches war. Im Diognetbrief (3. Jh.), heißt es z. B.: „Die Christen heiraten wie alle anderen, aber sie setzen ihre Neugeborenen nicht aus. Sie haben Tischgemeinschaft, teilen aber nicht das Bett. Sie ­leben im Fleisch, aber nicht nach dem Fleisch, sie wohnen auf der Erde, sind aber in Wirklichkeit Bürger des Himmels. ... Die Welt hasst die Christen, obwohl ihr nichts Böses geschieht, nur weil die Christen sich der Lust widersetzen.“

Treue und Menschsein

Die Tugenden der Treue und Reinheit sind – zunehmend auch unter den Christen – in Vergessenheit geraten oder werden belächelt. Oft sagen wir: Ich schade doch niemandem, wenn ich meine ­Sexualität so auslebe, wie es mir gefällt. Aber wir täuschen uns. Es ist nicht wahr, dass das, was ich ­lebe, nur auf mich selbst beschränkt bleibt. Das veranschaulicht eine Geschichte im Talmud. Da heißt es: An Bord eines Schiffes befanden sich mehrere Menschen. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann unter sich ein Loch zu bohren. Als die anderen Passagiere das sahen, sagten sie zu ihm: „Was tust du da?“ Er antwortete: „Was geht euch das an, ist das nicht mein Sitz, unter dem ich das Loch mache?“ „Ja,“ antworteten sie, „aber das Wasser wird eindringen, und wir alle werden ­ertrinken.“

In diesem Heft geht es um das größere Zusammenspiel von Treue und Menschsein. Im Besonderen soll es dazu ermutigen, die Treue in der ehelichen Liebe, die ihre in Gottes dreifaltiger ­Liebesgemeinschaft begründete Schönheit notwendig zusammenhält, wieder wahrzunehmen und beherzt zu verteidigen. Ist uns eigentlich noch bewusst, dass Johannes der Täufer, den Jesus den „größten unter allen Menschen“ (Mt 11,11) genannt hat, für die Verteidigung der Bedeutung der Ehe seinen Kopf hingehalten hat, als er sich mit Herodias, die mit Herodes die Ehe gebrochen hatte, anlegte (s. Mt 14,1-12)?
In welchem Maße sind wir bereit, ein Opfer zu bringen, um die herausfordernden, aber tief bereichernden biblischen Wahrheit heute noch zu leben? Das gemeinschaftliche Zeugnis der Christen für Gottes liebevolle Wahrheit ist für das Weiterleben der nächsten Generation unverzichtbar.

Treue und Freiheit

Das Verständnis von Freiheit wurde nach den 68ern immer mehr reduziert auf ein Aussteigen. Von Gott her betrachtet ist Freiheit jedoch ein Einsteigen – eine Teilhabe am Sein selbst. Kaum wird heute noch danach gefragt, was gut ist. Anstatt nach dem Guten zu fragen, gibt es ein ziel­loses Streben nach Neuem, das als Erfüllung der Freiheit gilt. Jede Erfahrung ist ‚gleich gültig’, ­Unvollkommenheiten und Fehler dürfen nicht benannt werden. Sexualerziehung wird zurück­gefahren auf eine Art Risikomanagement, das blind ist für die Schönheit der ehelichen Liebe.

In der Debatte über die Ehescheidung verweist ­Jesus gegenüber der rabbinischen Fragestellung, welcher Grund zur Ehescheidung hinreichend sei, auf die ursprüngliche, von Gott geschaffene ­natürliche Ordnung. Was Gott geschaffen und ­geordnet hat, kann durch kein menschliches Recht außer Kraft gesetzt werden. Gott hat Mann und Frau zur unlösbaren Einheit geschaffen. Die Einheit kann durch menschliches Versagen zerbrechen; auch die Bindung zwischen Gott und seinem Volk konnte von dieser „ehebrecherischen Generation“ aufgekündigt werden, jedoch ohne dass dieser Abfall ein neues Recht begründet hätte. Anstatt vom ursprünglichen Plan Gottes für Mann und Frau auszugehen, suchen viele Christen nach Wegen, den Willen Gottes zu umgehen und Ausnahmen geltend zu machen. Wir schauen auf die Angelegenheit mit unseren eigenen ­begrenzten Erfahrungen und mit den Augen der gängigen Meinung, anstatt alles von Gott zu ­erwarten, alles von ihm zu erbitten und bereit zu sein, seine Antwort anzunehmen. Jesus hielt es nicht für nötig, der Volksmenge nach dem Mund zu reden oder einen einfacheren Weg anzubieten, wenn der schwierige nicht gefiel. Er war auf das fokussiert, was Gott beabsichtigte, und auch heute fordert er jeden auf, das zu erfüllen.
Lernen wir also neu, an die umwandelnde Begegnung mit der Gnade Christi zu glauben und sie anderen zu vermitteln, da sie uns befähigt, an­dere so zu lieben „wie er uns geliebt hat”. Wo Christen tatsächlich als Christen leben, wird etwas vom Geheimnis Gottes sichtbar in dieser Welt. Das gilt im Besonderen für die christliche Familie, die in der Zeit der Apostel ebenso wenig selbstverständlich war wie heute. Paulus diskutiert nicht die rechtlichen und sozialen Voraussetzungen; aber er stellt, was die Ehe betrifft, alles in das Licht des tiefen Geheimnisses (vgl Eph 5, 21-32). Durch ­ihre Ehrfurcht vor Gott und die Liebe zu Christus erweisen christliche Eheleute ihre Gemeinschaft als lebendiges Abbild der innigen Verbindung, die zwischen Christus und seiner Kirche besteht.
Johannes der Täufer vertraute sich ohne Angst Gott an und gab sein Leben in der Verteidigung des Guten hin – das Gute der tiefen inneren ­Bedeutung der ehelichen Liebe und Treue. Lassen Sie uns miteinander den Heiligen Geist um die Stärke bitten, dass wir, wie Johannes der Täufer, als Zeugen dieser Wahrheit leben und so mit­helfen, das Geheimnis Gottes wieder zugänglich zu machen.

Rudolf Böhm

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

    Alle Artikel von Rudolf M. J. Böhm

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