Bis dass der Frust uns scheidet?

Bis das der Frust uns scheidet?
© Christos Lamprianidis, www.christos-lamprianidis.gr

Auch die große Liebe braucht Beziehungspflege

von Rolf Trauernicht


Am Anfang war alles in Ordnung. Sie waren bis über beide Ohren verliebt, verbrachten jede freie Minute miteinander, diskutierten bis spät in die Nacht und waren sich ganz sicher: sie waren füreinander bestimmt. Den Herausforderung der ersten Ehejahre stellten sie sich gemeinsam, doch als die Kinder kamen, mussten sie zunehmend getrennte Wege gehen. Sie kümmerte sich um das Haus und die Kinder.  Er war in der Firma sehr gefordert und den ganzen Tag außer Haus. Wenn sie sich abends ab­gespannt und müde im Wohnzimmer trafen, reichte die Kraft oft nur noch für die nötigsten Absprachen vor dem abendlichen Fernsehprogramm. Sex gab es schon lange keinen mehr. Wer konnte es ihm verübeln, dass er zu den Avancen der netten neuen Kollegin nicht nein sagte?

So oder ähnlich lauten viele Geschichten, wenn Ehepaare in die Beratung kommen. Seitensprünge sind weit verbreitet. Scheidungen allenthalben. Umfragen besagen, dass ­jeder zweite Mann und jede dritte Frau mindestens einmal im Leben fremdgehen. Einige Statistiken behaupten sogar, dass bis zu 94 % aller Männer und 74 % aller Frauen fremdgehen. Wahrscheinlich liegen die Unterschiede der Statistiken in der unterschiedlichen Auffassung von „fremdgehen“. Für die einen fängt es beim Kuss an, für andere erst beim Sex.
Eine Umfrage besagt, dass 64% der Ehefrauen von einem Seitensprung ihres Partners wissen, 15 % von mindestens zwei und 10% von mehr als drei Seitensprüngen. Dabei geht es bei 12% um einen One-Night-Stand. Mehr als 60% bleiben ihrem neuen Partner mehr als einen Monat treu. Dabei handelt es sich vorwiegend um Partner aus dem Arbeitsumfeld und danach aus dem gemein­samen Freundeskreis.
Ein Seitensprung kann den totalen Bruch einer Beziehung bedeuten. Als Mittel zur Belebung ­einer Beziehung ist er ungeeignet.

Warum fremdgehen?

Die sexuelle Unzufriedenheit in der eigenen ­Partnerschaft ist der häufigste Grund für einen Seitensprung, wie eine Studie ergab: Von 2601 ­untersuchten untreuen Männern und Frauen, ­entschieden sich 79 % der Männer und 85 % der Frauen für den Seitensprung vor allem wegen i­hrer sexuellen Unzufriedenheit in der eigenen Partnerschaft.

Dass die sexuelle Anziehungskraft nachlässt, hat viele mögliche Ursachen.
Zuerst einmal ist es normal, dass in einer länger andauernden Beziehung die ursprüngliche ­Leidenschaft nachlässt. Gerade deshalb ist es so wichtig, jenseits von Verliebtheitsgefühlen in eine tragfähige Freundschaft zueinander zu in­vestieren und die Beziehung interessant und ­lebendig zu halten.
•    Häufig läuft der Fernseher jeden Abend und diese Zeit geht der Kommunikation und den ­gemeinsamen Interessen verloren. Man nimmt sich nicht mehr wahr und Partner vereinsamen und leben wie zwei Singles zusammen.
•    Eine weitere Ursache liegt oft darin, dass man zu wenig gemeinsam unternimmt. Ich denke dabei an ein Wellnesswochenende, einen Konzertbesuch, Spaziergänge oder Fahrradfahren. Manchmal bedarf es nur der Überlegung, was dem Paar am Anfang der Beziehung gut getan hat. Es ist nicht immer angesagt, eine Therapie zu machen. Das ist dann erforderlich, wenn ­alles sehr verfahren ist und man die Ursachen nicht mehr alleine benennen und ändern kann.
•    Immer dann, wenn Heimlichkeiten sich häufen, lebt man sich auseinander. Typische Heimlichkeiten sind verborgene Kontakte, unab­gesprochene Geldausgaben, Pornografie­abhängigkeiten und wenig Austausch der ­Gedanken.

Was der Ehebeziehung gut tut

Wenn Sie in der Ehe in eine Krise gekommen sind, bedarf es eines Neuanfangs. Klären Sie miteinander in Ruhe, was Sie vernachlässigt haben und vergeben Sie einander. Aber mit der Ver­gebung allein ist es nicht getan. Es gilt zu über­legen, was alles der Ehe geschadet hat, damit ­Weichen gestellt werden können.

Änderungen bei sich selbst:
Wenn Sie etwas ändern wollen, fangen Sie bei sich selber an.
Machen Sie nicht den Partner für ihr Glück ­verantwortlich. Das wäre eine Überforderung der Ehe. Und geben Sie es auf, ihren Partner glücklich machen zu wollen. Sie können allenfalls dazu ­beitragen.
 Neue Hobbys, Seelsorge, mal allein wegfahren und sich klären, an einer schlechten Angewohnheit (z. B. Nörgeln) arbeiten...
Es ist nicht sinnvoll, immer alles bis ins Letzte ­erklären zu wollen. Es wird eine lebenslange Übung bleiben, sich wirklich zu verstehen, vor ­allem in den Unterschieden als Mann und Frau.
Lesen Sie auch nicht so viele Magazine, in denen erklärt wird, wie viele sexuelle Kontakte im ­Monat normal sind. Der Vergleich mit anderen Paaren hilft auch nicht weiter.

Es bleibt zu klären, was Sie in Zukunft ändern wollen: Hier will ich einige Tipps geben, die sich bewährt haben:

Zugehörigkeiten, die entfaltet werden sollen
Ist es der gemeinsame Kontakt zur Gemeinde, die Sportart, für die sich beide begeistern, ein ­Urlaubswochenende, eine Fahrradtour, das ­gemeinsame Lesen von Büchern, oder Pflege der Freundschaften? Damit die Herausforderungen des Alltags diese und andere Interessen nicht verkümmern lassen, ist es wichtig, sich dafür Zeiten zu reservieren.

Wertschätzung einüben
Wertschätzung zu erfahren ist ein Grundbedürfnis des Menschen und sie zu geben, ist nicht schwer. Es kann die Blume sein, das Abnehmen ungeliebter Aufgaben, der Dank für die gebügelten Hemden oder die kleine Aufmerksamkeit in dem Koffer, wenn der Partner verreist.

Der Sexualität einen neuen Stellenwert geben
Sexualität hat einen hohen Stellenwert in der Ehe. Die Ursachen der Probleme in diesem Bereich sind sehr vielfältig und können hier nicht 
ent­faltet werden. Manche praktischen Tipps ­kön­nen ­Sie unseren Internetseiten entnehmen 
(www.sexinderehe.de) und sie miteinander ­besprechen. ­Hervorheben möchte ich hier nur, dass Sie darüber reden sollten, was sie schön ­finden und was nicht, was sie hindert und was sie fördern wollen. Reden Sie ganz offen miteinander über ihre sexuellen Erlebnisse, sei es in Form von Missbrauch, Pornografieschädigungen oder ­Neigungen. Wenn das schwierig ist, seien Sie sich nicht zu schade, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie schaden sonst sich selber, ihrem Partner und ­damit auch ihren Kindern und der Gottesbeziehung. Unerfüllte sexuelle Wünsche haben fast ­immer damit zu tun, dass die Ehepartner zu ­wenig oder verletzend kommunizieren oder die erwähnten und noch auszuführenden Hinweise nicht leben.

Wünsche aneinander
In der Beratung frage ich oft, welche drei ­Wünsche Sie gegenseitig aneinander haben. ­Meistens tun sich die Männer schwer, das zu ­formulieren. Bei den Frauen sind die Wünsche meistens sehr präsent. Ein Wunsch kommt dabei bei den Frauen oft vor. Es ist der Wunsch, wahr­genommen zu werden und zwar nicht nur die ­Leistung im Haushalt oder in der Erziehung, sondern als Person mit ihren Bedürfnissen, Ängsten, ­Träumen, Verletzungen und Gefühlen.
Eine zentrale Ursache vieler Ehekrisen, die oft in Seitensprüngen enden, sehe ich in der mangelnden Kommunikation und in den oberflächlichen Beziehungen. Im Folgenden schildere ich eine Struktur, die ich oft mit Betroffenen einübe, die immer ihre Wirkung zeigt.

Kommunikation in der Ehe

In meiner Arbeit mit Menschen stelle ich fest, dass wir folgende fünf Ebenen der Kommunikation einüben und immer mehr beherrschen sollten, um eine erfüllte Ehebeziehung aber auch andere ­Beziehungen zu vertiefen:

Smalltalk
Dazu gehört, dass man sich begrüßt und über ­belanglose Dinge miteinander reden kann. Manche Ehepaare nehmen sich kaum wahr, wenn sie gehen oder kommen.

Informationsaustausch
Am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der Gesellschaft leben Beziehungen vom Austausch der Informationen. Wenn das nicht geschieht, entstehen Missverständnisse, man ärgert sich und hat sich irgendwann nichts mehr zu sagen. Wenn ein Partner nach Hause kommt, ist ein Austausch angesagt, denn jeder hat Menschen getroffen, kleine Erlebnisse gehabt oder denkt über irgendetwas nach.

Meinungsverschiedenheiten
Ob in der Politik, in der Vorgehensweise der ­Arbeitsabläufe oder in Erziehungsfragen gibt es immer wieder verschiedene Ansichten. Sie müssen kommuniziert und nicht selten müssen Kompromisse gefunden werden. Wenn wir sie aus Angst vor Emotionen verschweigen, entfremden wir uns.

Die emotionale Ebene
Mit dieser Ebene tun vor allem wir Männer uns schwer. Hier werden Gefühle wie Ärger, Freude, Angst, Trauer oder Frust benannt oder vielleicht sogar zum Ausdruck gebracht. Viele Frauen leiden darunter, dass ihre Männer wenig Gefühle zeigen, aber sie sind es, die zwei Menschen besonders ­verbinden.

Selbstoffenbarung
Eine wirkliche Beziehung entsteht erst dort, wenn man sich mitteilt, wie es einem wirklich geht. Das können Über- oder Unterforderung an der Arbeit, intime Probleme mit Pornografie, Selbstbefrie­digung oder Ängste, Glaubenszweifel, Krank­heiten oder die Sorge um die Kinder, Finanzen oder das Älterwerden sein.
Wer alle Ebenen einübt und den Anfang macht, wird seinen Ehepartner neu lieb gewinnen. Wer aber den Schmerz ausspart, wird keine tiefen ­Beziehungen kennenlernen und vereinsamen.

Von

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