Verraten und verkauft

Wenn Untreue das Leben zersetzt – und wie wir zur Vergebung gelangen

Interview mit Anja Schmidt*

Als ihr geheiratet habt, hattet ihr schon ein Kind, das zweite war unterwegs. Was hat das Treuegelöbnis dir damals bedeutet?

Ich wollte komplett Ja sagen. Ich hatte zwar ­immer wieder überlegt, unsere – ohnehin schon langjährige – Beziehung offen zu lassen. Es gab auch mal einen anderen Mann, von dem ich gedacht hatte, dass er besser zu mir passen würde. Doch ich habe bewusst Ja gesagt, auch zu den Schwierigkeiten, die ich damals schon bei dem Vater meiner Kinder und in unserer Beziehung sah. Ich fand, ich sei jetzt alt genug, es bei dem zu belassen, wie es war. Allerdings gab es auch wirtschaftliche Gründe. Nach Abschluss des Studiums war Verheiratetsein einfach steuerlich günstiger.

Von dem Moment an, als ich Ja gesagt hatte, war Treue für mich etwas selbstverständliches, und das  erwartete ich auch von meinem Mann. Wir hatten ja schon einen eingespielten Alltag, als Kleinfamilie mit Kind. Das zweite Kind war ­erwünscht und gewollt. Hartmut, dessen Eltern in ihrer Ehe gescheitert waren, hatte immer wieder gesagt, dass er nie erleben wollte, was seinen ­Eltern passiert war.

Was hast du gefühlt, als du erfahren hast, dass dein Mann eine Geliebte hat?

Wut, das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein, verraten und verkauft.
Ich hatte ihm doch alles gegeben, was mir zu dem Zeitpunkt möglich war. Trotzdem hatte ich es nicht geschafft, ihn zufrieden zu stellen. Ich war schockiert, wusste nicht mehr, wo ich hingehörte und bin dann über Nacht ausgezogen.

Ich habe mich selbst ganz neu kennengelernt, ­einen Hass in mir entdeckt, der mir neu war. ­Eigentlich bin ich ein lieber Mensch, aber jetzt wurde ich zu einer Bestie. Ich benutzte Wörter, die ich sonst nicht in den Mund nehmen würde, habe Kleidung zerrissen und Geschirr zerschlagen. Ich habe mich total gehen lassen und es war mir auch egal, was die Nachbarn dachten. Ich wollte Hartmut wehtun und habe sogar versucht, ihn zu schlagen.
Ein Teil meiner Wut galt auch dieser Frau, die ­eine gute Bekannte von mir gewesen war. Ich wollte sie so verletzen, wie sie mich verletzt hatte.
Zu wissen, dass die beiden eine sexuelle Beziehung hatten, war mir unerträglich. Sein Ehebruch zeigte mir, dass ich schon seit Jahren abgeschrieben war und dass er nur noch aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen bei mir geblieben war. Das reicht aber nicht für eine Ehe! Es war praktisch, es funktionierte im Alltag, aber emotional war der Abstand sehr groß geworden.
Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ganz stark sein zu müssen. Mich anstrengen und abstrampeln zu müssen, der Kinder wegen und auch meinet­wegen.

Warst du jemals versucht, deinerseits die Treue zu brechen?

Nachdem ich mein Ja gegeben und die Treue gelobt hatte, gab es nicht eine Situation, in der ich das infrage gestellt hätte. Ich war absolut willens und bereit, jeden Tag wieder neu zu beginnen. Vielleicht war ich auch deshalb so verletzt, weil ich nie mit dieser Möglichkeit gerechnet hätte. Heute ist das anders. Es scheint mir, dass es fast kein Paar gibt, das nicht von Untreue und Scheidung bedroht ist.

Was hat die Erfahrung der Treulosigkeit für dein Gottesbild bedeutet?

Es gibt dieses Lied, das wir oft im Kindergottesdienst singen: „Gottes Treue ist so wunderbar“. Früher habe ich den Kindern erklärt, so wie Mama und Papa einander treu sind, so ist es auch mit Gott. Nach der Trennung von meinem Mann bin ich ganz anders vorgegangen. Ich habe ihnen gesagt, Mama und Papa sind sich zwar treu, aber der Mensch macht Fehler, Untreue ist etwas, was es in der Welt gibt. Der einzige, der uns treu ist, ist Gott. Deshalb können wir das Lied auch nur so singen: Gottes Treue…

Ich habe die Erfahrung machen müssen, dass der Mann, den ich liebe, mich verlässt. Zusätzlich habe ich ja meine ganze Schwiegerfamilie verloren. Untreue ist eine Erfahrung, die anscheinend zu unserem Leben hier auf der Erde dazugehört. Das ist sehr schmerzhaft.
Gott ist der einzige, der festen Bestand hat, der für mich da ist. Er war auch für mich da, als ich, aus meiner Wut heraus, völlig entfesselt reagierte. Er hat nie zu mir gesagt, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben will, wie mein Mann es gesagt hat. Als ich mich derart in Frage gestellt, verlassen und schwach erlebte, war das genau der Moment, in dem Gott mich erreichen konnte. Dass Menschen mit mir und für mich beten, konnte ich vorher nie zulassen. In dieser Situation sind endlich Türen in mir aufgegangen. Ich hatte mein Gottesbild, das ich von Kindesbeinen an aufgesogen hatte, nie angezweifelt, doch nun war mein Verständnis seiner Treue und Fürsorge gewachsen. Und weil das mit einem Mal in mein Herz gerutscht war, weil Jesus mir vergeben hat, konnte ich später auch meinem Mann vergeben.

Was hättet ihr anders machen sollen, um den Treuebruch deines Mannes zu verhindern?

Im Nachhinein habe ich schon verstanden, was nicht in Ordnung war in unserer Ehe. Manches konnte ich einfach nicht leisten, was für meinen Mann notwendig war. Er wollte am liebsten täglich hören, wie sehr ich ihn liebe und das auch körperlich ausdrücken. Die Kinder haben mich gebraucht, da war der Beruf, ich war viel zu oft einfach nur erschöpft. Heute würde ich jedem Paar raten, gerade wenn da kleine Kinder sind, nehmt euch Auszeiten. Macht es irgendwie möglich, verreist übers Wochenende, sucht euch Kinderbetreuung. Die Liebe zum Partner ist wie ein Muskel, der täglich trainiert werden muss – oder er wird abgebaut und geht verloren. Wir hatten das Gespräch vernachlässigt, waren von unserem Alltag so ausgefüllt, dass wir dem Miteinander nicht genug Raum gegeben haben.

Ich habe auch darüber geweint, dass das so war. Aber alles Fragen nach dem Ob und Wie und Wenn bringt nichts. Auch wenn ich mich mehr angestrengt hätte, wenn ich das getan oder jenes nicht getan hätte, wären wir heute wohl nicht mehr verheiratet. Wenn einer der beiden Partner diese Bereitschaft, jeden Morgen neu Ja zu sagen, nicht mehr hat, dann muss man ihn gehen lassen. Man kann es nicht verhindern, nicht mit besserem Essen, nicht mit besserem Sex, nicht mit besseren Goldgeschenken.
Menschen sind fehlbar und nur wenn wir ein­ander jeden Tag neu vergeben, haben wir eine Chance. Das wusste ich schon damals und damit habe ich gelebt. Ich hatte meinem Mann schon ­damals angeboten zu bleiben, trotz seines Fremdgehens. Aber er wollte gehen und ich musste ihn gehen lassen.

Wie ging es dann weiter?

Irgendwann musste ich mich fragen, ob ich ­immer nur dem nachtrauern wollte, was es nicht mehr gab, einer heilen Kleinfamilie, und nicht stattdessen nach vorne schauen, den Alltag mit den Kindern alleine gestalten. Das war sehr ­anstrengend.
Entschuldigungen und Schuldzuweisungen führten nicht weiter. Da war nichts mehr, was man hätte ausbessern oder auf das man hätte aufbauen können. Für uns beide war ein kompletter Neuanfang der richtige Weg. Das bedeutete sehr viel Verlust auf mehreren Ebenen. Zuerst einmal finan­ziell, aber viel schlimmer war der Verlust von Freunden und am schlimmsten der Verlust des Zuhauses. Wir haben jetzt beide schöne Wohnungen, aber die Kinder haben ihrem Elternhaus ­lange nachgetrauert.
Andererseits wurden für mich auch Fesseln gesprengt. Ich hatte immer alles richtig machen ­wollen, mich für alles verantwortlich gefühlt. Das hat enorme Kraft gekostet. Heute kann ich das abgeben, im Gebet, aber auch ganz konkret um ­Hilfe bitten, wenn nötig. Ich bin freier geworden.

Schon nach einem Jahr habe ich meinem geschiedenen Ehemann vergeben. Wir treffen uns heute ­regelmäßig, können wieder gemeinsam am Ess­tisch sitzen, besprechen vieles wegen der Kinder und manchmal auch Privates von früher und heute.

Hast du dich sehr verändert?

Ich glaube nicht, dass ich ein anderer, ein neuer Mensch geworden bin. Viel mehr hatte ich Zeit, mich wieder auf mich selbst und auf Dinge zu ­besinnen, die mir früher viel bedeutet hatten. Ich schloss mich einem Chor an, hörte die Musik, die mir gefiel, nahm mir Zeit für lange Gespräche mit Freunden.
In den ersten zwei bis drei Jahren nach der Trennung suchte meine Seele Frieden und Heilung. Das habe ich gefunden, weil ich mit meinen Kindern intensiv am Gemeindeleben teilgenommen und viele Gottesdienste besucht habe. Hier fühlte  ich mich angenommen, hier begegneten mir ­lachende Gesichter und fröhliche Menschen und ich fand eine neue Heimat. Ich ging öfter zum Abendmahl; Buße, Vergebung, Segen, das habe ich gebraucht, um frei zu werden.
Ich habe aber auch gelernt, dass alles auf dieser Welt möglich ist. Heiraten und für immer zu­sammen leben, das kann man hoffen, aber das ist nicht selbstverständlich und geschieht nicht von alleine. Wir können überhaupt nicht erahnen, welche Aufgaben uns das Leben stellt, zu denen wir gar nicht selber etwas direkt beitragen. Tod, Krankheit, Krieg, Flucht, Naturkatastrophen, ­Arbeitslosigkeit, Betrug, Scheidung.
Nach der Trennung habe ich mehrere große Reisen gemacht. Jedes Mal habe ich eine Fragestellung, ein Problem mitgenommen und sozusagen in ein Päckchen gepackt und dann dort gelassen. Das waren Themen wie „ich habe versagt, ich bin gescheitert“, „ich habe es nicht geschafft, diesen Menschen so zu lieben, wie er es gebraucht hätte“, „alte Verletzungen aus meiner Herkunftsfamilie“ usw. Heute sind sie nicht mehr da, ich kann und will sie auch nicht mehr benennen.

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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