Editorial - Unser Auftrag: Biblische Seelsorge

Liebe Mitchristen,

„WwJd?“

– Erinnern Sie sich? Es ist noch gar nicht lange her, da war dieses Kürzel auf bunten Arm­bändern zu lesen. Ausgeschrieben und übersetzt heißt es : „What would Jesus do?“ – Was würde Jesus tun in meiner Situation? Was würde er denken, sagen, planen, wie handeln?


In Ephesus, zur Zeit des Paulus, trug man freilich nicht solche Armbänder. Dennoch fragten die jungen Christen dieser Multi-Kulti-Welt­handelsmetropole danach, wie ein christusgemäßes Leben, ein ihm entsprechender Lebensstil aussehen sollte. Für sie bedeutete Christus-Nachfolge die Herausforderung, das Abenteuer ihres Lebens. Von Paulus evangelisiert und danach drei Jahre lang in den Grundzügen christlichen Lebens und Denkens unterwiesen, stellte sich dennoch im Alltag, in der Familie, im Beruf die Frage: Was wäre jetzt christusgemäß?


Diesen fragenden Gemeindemitgliedern antwortet Paulus im Brief an die Epheser. Nach seinen ausführlichen Kapiteln über die Herrlichkeit Gottes, des Vaters, über den Lobpreis und Dank für das Geschenk des neuen Lebens und des neuen Miteinanders in der Gemeinde folgt mit Kapitel 4 zunächst das Lob des Heiligen Geistes, der ein Geist der Einheit und des Friedens ist und doch viele und unterschiedliche Gaben schenkt. Ohne ihn und seine Gaben kann der Leib Christi nicht erbaut werden. Es ist Aufgabe jedes einzelnen in der Gemeinde und aller miteinander, „wahrhaftig zu sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.“

Dabei unterstützen sich Christen gegenseitig.

Im Anschluss weist Paulus darauf hin, dass dieses Wachsen immer an einem Ja und Nein geschieht. Wer den neuen Menschen anziehen will, sollte zuvor den alten Menschen ablegen. Was das bedeutet, wie das aussehen kann und sich gestalten lässt, beschreibt er an einigen praktischen Beispielen des gemeinschaftlichen Alltags, zum Beispiel in Kapitel 4,25-32 und Kapitel 5,1-9.


Jeder, der sich auch nur ein wenig kennt, weiß, wie schwierig das werden kann und dass wir in Hunderten von strittigen Situationen und unumgänglichen Konflikten Beistand und Hilfe, Trost und Perspektivwechsel brauchen. Eine Ermutigung zur Nachfolge. Hier beginnt das, was wir heute Seelsorge nennen.


Es ist schon tausendfach gesagt und geschrieben: den Begriff „Seelsorge“ gibt es so weder im Alten noch im Neuen Testament. Professor Christian Müller schreibt (als Einleitung zu seinen vier Bänden „Geschichte der Seelsorge“) Seelsorge sei „Atemhilfe, Hilfe zum Klagen und Loben vor Gott, Hilfe dazu, dass der Mensch in den Atemrhythmus Gottes wieder hinein kommt.“

Der heilige Geist, „der Paraklet ist der eigentliche und wahre Seelsorger für das neue Leben, das in Jesus zur Erscheinung gekommen ist und sich mit seinem Namen und seiner Person ein für allemal verbündet hat.“


Vom Paraklet her umfasst biblische Seelsorger das weite Feld des Tröstens, Mahnens, Ermutigens, der Unterweisung und der Einladung, sich an den Erlöser zu wenden und wieder mit ihm verbündet zu leben. In täglicher Gemeinschaft an seiner ­Seite zu leben und Zwiesprache zu halten mit dem Gott, den Jesus „Abba“ nennt, ist der Zielhorizont unserer Seelsorge. Sie dient dazu, dass wir Christen in eine tiefere, festere Verbundenheit mit Gott (und auch mit unseren Mitmenschen) wachsen und aus dieser „communio(n)“ heraus leben und handeln. Diese Verbundenheit mit Christus erweitert auch unsere menschliche Freiheit.


Während der 45 Jahre unser OJC Gemeinschaft ist inzwischen und erfreulicherweise wieder eine neue Generation von Leitern und Seelsorgern herangewachsen. Auf ihre Bitte hin haben wir in den letzten beiden Jahren ein Leitbild der OJC-Seelsorge erarbeitet. Wir legen es in dieser Ausgabe auch Ihnen mit dankbarem Herzen vor.


Das Leitbild sowie die anderen Beiträge dieser Brennpunkt Nummer sollen uns ermutigen, wenn wir atemlos oder kurzatmig geworden sind, wieder in den Atemrhythmus Gottes hinein zu ­finden, der uns belebt und erneuert. Freilich bleibt, solange wir auf dieser Erde leben, gültig was Martin Luther so ausdrückt:


„Das Leben ist nicht ein Frommsein, 
sondern ein Frommwerden, 
nicht ein Gesundsein, 
sondern ein Gesundwerden, 
überhaupt nicht ein Wesen, 
sondern ein Werden; 
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. 
Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber, 
es ist noch nicht getan und geschehen, 
es ist aber im Schwang. 
Es glüht und glänzt noch nicht alles, 
es regt sich aber alles. 
Wir sind noch nicht daheim, 
wir sind aber wohl auf dem Weg.“

 

Mit herzlichen und dankbaren Grüßen

in dieser Pfingstzeit

mit dem ganzen Redaktionsteam

Ihre


Maria Kaißling

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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