Kinder sind klasse!

Dehnungsübungen für ein enges Vaterherz

Hansjörg Forster

Dass es so weit kommen musste! Klein David klammert sich laut schreiend und mit verkrampften Fäustchen an den Türrahmen des elterlichen Schlafzimmers, während ihn sein Vater nun schon zum siebten Mal in dieser Nacht in sein eigenes Bettchen zurückzerrt. Das ist zu viel. Die Augen des Zweijährigen verraten, dass hier nackte Angst im Spiel ist vor einem Mann, der vor seiner eigenen ­Gefühlskälte erschrickt.

Hilfe, ein Mitbewerber!

Dieser Vater war ich. Wie hatte ich mich auf unser erstes Kind gefreut! Nach unserer Heirat waren Helen und ich bald bereit, eine Familie zu gründen. Mein Beitrag dazu war meine innige Liebe zu meiner Frau, meine sichere ­Arbeitsstelle als Ingenieur und meine liebevolle Art, mit der ich schon immer gut mit kleinen Kindern umgegangen war. Was sollte da noch fehlen?

Gefehlt hat mir schon unmittelbar nach der Geburt von David die ungeteilte Aufmerksamkeit von Helen in unserer noch jungen Ehe. Ich war über Nacht konfrontiert mit einem kleinen, aber sehr erfolgreichen Mitbewerber um die Liebe der wichtigsten Frau in meinem Leben. Als ­störend empfand ich den mühevollen Ablauf von Füttern, Saubermachen und Beruhigen unseres ständig weinenden Babys − Aufopferung und Verzicht fast ohne Unter­brechung. Doch was mir am meisten zusetzte: Ich war nicht der Vater, der ich eigentlich sein wollte!

Ringend mit den ersten Enttäuschungen in der ehelichen Liebesbeziehung fasste ich den festen Entschluss, unserem Nachwuchs den Platz zuzuweisen, an dem meine Ansprüche nicht gefährdet waren: kein Kind im Ehebett, damit die Intimität nicht gestört wurde; möglichst wenig Geld für die Kinderstube, um genügend Finanzen für meine theologische Zweitausbildung zur Verfügung zu haben; ­Limitierung der Familienzeit, da ich mich mit voller Kraft für Gottes Sache einsetzen wollte. Ich war ja gerade daran, mich auf eine neue Aufgabe als Pastor vorzubereiten.

„Kinder sind Klasse“, dieser Ausspruch beschämt mich, wenn ich mir die Gefühlslagen meiner ersten Familien­jahre innerlich vergegenwärtige. Dabei machte David es mir eigentlich so einfach. Ich musste ihn nur in mein Herz schließen mit seiner Begeisterungsfähigkeit, dem herzerweichenden Quietschen, wenn er auf dem Fahrrad-Kindersitz mit mir den Berg hinunter­sausen durfte.

Aber ich war nicht bereit, ich war auf der Suche nach dem Vater in mir. Und das dauerte − drei­einhalb Jahre. Unser ursprünglicher Wunsch nach vier Kindern war mittlerweile auf zwei Kinder ­zurückgeschmolzen. Mehr trauten wir uns nicht zu. Und die Wahrheit dahinter: Mir persönlich war der Kinderwunsch vergangen. Ich spürte als Christ höchstens noch so etwas wie eine Pflicht zum Kinderkriegen. So ein Unsinn! Aber gibt es Dehnungsübungen für ein enges Vaterherz?

Die Maske des liebenden Vaters

Ja, wenn es sie gäbe, dann hätte ich sie gewollt. Ich wollte unbedingt etwas an mir ändern. Insgeheim bewunderte ich Väter, die sich so frei ihren Kindern schenken konnten, die sich Zeit nahmen, um in die Welt ihrer Kinder einzutreten. Ich selber ­beobachtete mich immer wieder, wie ich zwar im Schneidersitz im Kinderzimmer meines Sohnes saß und mit ihm Lego spielte, mich aber nicht richtig auf ihn einließ: Am Ende war es dann doch wieder mein Projekt mit dem Turm, dem Zoo oder dem Flughafen. Und weil Klein-David einen starken Willen hatte, endete manch eine Vater-Sohn-Zeit im Chaos. Die erste Dehnungsübung war total unfreiwillig: Kinder entlarven jede Spur von Egoismus im Herzen ihrer Eltern. Ich hatte die Wahl, dem auszuweichen oder den entlarvenden Blick auf mein Innerstes zuzulassen. Ich entschied mich für Letzteres. Die Maske des vermeintlich liebenden Vaters musste mir entrissen werden, wenn ich überhaupt je zu einem richtigen Vater werden ­wollte.

Jetzt kam Isabel zur Welt, ein ruhiges und zufriedenes Baby. Das tat gut. Nicht doppelter Stress mit nunmehr zwei Kindern, sondern intensivere Vatergefühle: einfach auf dem Bauch liegen im Strandbad, die Köpfe zueinander strecken und zusammen einen Grashalm im Wind beobachten. Solche Augenblicke scheinen nie zu vergehen. Oder leuchtende Kinderaugen beim Anblick des nächtlich blinkenden Riesenrades auf dem Münsterplatz in Basel. Ganz sicher, ohne Kinder wäre mein Leben viel ärmer. Die Geburt unserer Andrea weitere zwei Jahre später machte mein Glück noch größer. Ich kann mich so gut an ihre Geburt erinnern, wie sie der Hebamme und mir quasi vom Gebärtisch entgegenpurzelte. Sie war einfach süß mit ihren Pölsterchen und den dunklen Lockenhaaren. ­Freudestrahlend hielten Helen und ich unser drittes Kind in den Armen. Und Freunde gaben uns zu verstehen: „Jetzt seid ihr eine richtige Familie!“

Den Preis bezahlen

Doch wie in aller Welt kamen diese schönen ­Gefühle zustande? All die durchwachten Nachtstunden? Aufgeschobene oder gar aufgehobene Träume in der Partnerschaft? Eine Ehefrau, die wegen der Kinderpflichten für mehrere Jahre nicht mit meinem Pastorendienst Schritt halten konnte? War der Preis dafür nicht zu hoch? Ich war als ehemaliger Ingenieur gewohnt, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Und das hier war jenseits aller Vernunft, wenn es um meinen persönlichen Gewinn ging. Doch es ging nicht nur um mich! Diese Wahrheit machte mich zusehends freier in meinen Äußerungen als Vater. Kinder sind tatsächlich klasse, weil sie in uns Eltern diese Bereitschaft wecken, für sie da zu sein.

Mit ihrer Abhängigkeit in den alltäglichen Verrichtungen und Lernschritten lockten mich meine Kleinen aus der Reserve. Meine Gedanken waren nun öfter bei ihnen. Ich bin ihnen so dankbar für ihre Hilfsbedürftigkeit bei den ersten Fahrrad­versuchen. Ihr Fortschritt beflügelte mich. Mein Beitrag war willkommen. Sie beschenkten mich mit ihrer Aufmerksamkeit, wenn ich ihnen abends am Bett Geschichten erzählte. Eine ihrer liebsten Storys war die selbst erfundene von Hampidamp und Lumpidump. Mein Vaterherz konnte sich ­weiter öffnen.

Eigentlich war unsere Familienplanung zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen. Der Job in der Gemeinde lief gut. Mit dem Lohn kamen wir aus. Die wachsende Routine machte das Familienleben wieder planbarer. Schon lagen wieder kleinere Ferienabenteuer drin, und das jenseits von Kinderwagen­rennen auf den gut asphaltierten Strecken rund um unser Dorf. Unser Auto, ein Opel Astra ­Kombi, war gerade groß genug, um die Jungmannschaft samt Gepäck aufzunehmen.

„Small is beautiful!“, alles überschaubar und ­bescheiden, war meine Devise. Dieser Leitsatz war nicht nur bestimmend bei der Wahl des Familienwagens, sondern insgesamt ein Abbild meiner ­berechnenden Vaterschaft. Wir hatten jetzt drei Kids und lagen damit 1,6 Kinder über dem Schweizer Durchschnitt pro Paar. Für mich stand fest: Bis hierher und nicht weiter! In meinem Herzen existierte eine klar definierte Demarkations­linie, über die meine Familie nicht treten durfte.

In der kirchlichen Arbeit wurde ich gelobt. Aber in meinem häuslichen Umfeld fehlte mir diese Bestätigung oft. Sobald die Bedürfnisse der Kinder mit der Gemeindearbeit kollidierten, was mit Kinderfesten, Krankheitszeiten oder Schlafschwierigkeiten nicht selten der Fall war, wurde ich un­willig und ließ es meine Umgebung deutlich spüren. Die Familie musste einwandfrei als Rädchen im ­Getriebe meines Lebens funktionieren.

Die gnädige Dreingabe Gottes

„Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn. Sie sind wie Pfeile in der Hand ihrer Eltern. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat“ (freier Auszug aus Psalm 127). Völlig unerwartet war Helen mit unserem vierten Kind schwanger. Offensichtlich teilte Gott nicht unsere Auffassung, dass wir schon genug Pfeile im Köcher hätten. Seit Monaten hatten wir uns mit Sterilisation als Ver­hütungsmöglichkeit auseinander gesetzt, aber nichts entschieden. Umso vorsichtiger waren wir in der Anwendung unserer seit Jahren erprobten Methode. Und jetzt das! Als sich Helen bereits in verhaltener Vorfreude auf die Geburt vorbereitete, realisierte ich erst, wie tief die Krise mich getroffen hatte.

Evelyn ist heute unsere gnädige Dreingabe Gottes. Mit ihrer Ankunft hat sich mein Herz nochmals radikal verändert. Meine Selbstverwirklichung als Vater auf vermeintlich sicherem, da sauber ab­gegrenztem Terrain, hatte als Lebensmuster ausgedient. Ich musste kapitulieren. Widerwillig ging ich auf die Suche nach einem größeren Auto und rechnete die Finanzen durch. In der Stille schrie ich zu Gott und argumentierte, warum ich mich dieser Prüfung meines Lebenskonzeptes unter­ziehen musste.

Gott konnte zu meinem Herzen ­reden, wie es all die Jahre vorher nicht möglich war. Er zeigte mir mehr von seinem ­väterlichen Charakter und ­unendlichen Liebe für mich. Diese Erfahrung wurde zur entscheidenden Dehnung für mein ­enges Vaterherz. Die eigenen Übungen mussten aufhören. Ohne die Qualität Gottes in meinem Leben waren schon drei Kinder eine Überforderung, nicht erst das vierte. Nun durfte ich Platz machen und die ­Vaterschaft Gottes sich in meiner Person entfalten lassen.

Was ich gelernt habe? Nicht Geld, nicht Zeit, auch nicht in erster Linie die Kraft ist das entscheidende Kriterium für die Anzahl der Kinder, sondern der Platz, der in deinem Herzen für Kinder ­geschaffen wird.

Lauter Halbfertigprodukte

Ehe und Familie sind zu meiner Berufung geworden. Ich arbeite heute als Geschäftsführer einer christlichen Arbeit in diesem Bereich. Und das nicht aus einer Position der Stärke heraus. Ich brauche meine vier Kinder (und meine liebe Frau), um mich schrittweise an das Geheimnis des ­Lebens heranzuführen. Ihr Schöpfer hat sie mir als Gabe anvertraut, damit ich als Lernender sie lehren kann. Mein Glaube hat sich vertieft und in vielen schwierigen Alltagssituationen neuen ­Boden gefunden. „Vergebung“ heißt der Stoff, von dem wir als Familie tagtäglich leben. Glaube hat nichts mit Perfektionismus zu tun, denn mit Kindern ist man nie am Ende. Familie ist ein Laden von lauter Halbfertigprodukten aus Gottes Hand. Da zähle ich mich als Vater dazu. Zusammen wachsen wir und üben uns darin, uns gegenseitig in Freiheit zu begleiten. Reifen können wir nur, wenn wir trotz unserer Defizite zueinander ­halten. Meine vier Kinder sind vom Störfaktor Nummer eins zu meiner lohnendsten Aufgabe ­geworden. Sie sind nicht nur schuld an meinen ­ersten grauen Haaren, sondern haben einen wichtigen Anteil an meiner Bestimmung.

„Ich habe euch bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe“ (Joh 15, 16).


Hansjörg Forster, 1966, ist verheiratet mit Helen, hat drei Töchter und einen Sohn und lebt mit ­seiner Familie in der Nähe von Winterthur
.


Aus: Martin Gundlach (Hg.), Kinder sind Klasse,

SCM-Brockhaus, Witten 2006

Von

  • Hansjörg Forster

    geb. 1966, ist verheiratet mit Helen, hat drei Töchter und einen Sohn und lebt mit ­seiner Familie in der Nähe von Winterthur.

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