Grosses Wagnis Dialog

Von David G. Benner

Das persönliche Glaubensleben als Herzstück der Seelsorge

Es kann ebenso befreiend wie beängstigend sein, sich in eine seelsorgerliche Beziehung hineinzubegeben. Bei dieser Begegnung mit einem anderen, beim „Dialog“ also, kommt es nicht so sehr auf unser Tun als vielmehr auf unser Sein an. Einerseits bedeutet das, dass ich mir weniger Gedanken darüber machen muss, irgendwelche Theorien zu beherrschen oder kluge Dinge zu tun, andererseits aber auch, dass es nichts gibt, wohinter ich mich verstecken könnte. Richtig verstanden, ist es eher ein Privileg als eine Aufgabe, eher ein Geschenk als eine Leistung.

Die Kraft des Dialoges liegt nach Martin Buber darin, dass Beziehung die Essenz des Lebens ist. Sein heißt, in Beziehungen stehen. Darum ist der Dialog das Herz des persönlichen Lebens, etwas, was uns einen kleinen Blick in die Ewigkeit gewährt. Er ist das „unvorhersagbare, unbesitzbare Zusammentreffen mit dem anderen“. Durch die Gnade Gottes, nicht durch unser eigenes Geschick oder unsere Klugheit, bietet uns ein solches Zusammentreffen tief greifende Möglichkeiten, das Leben mit mehr Bewusstsein für unser Selbst, Vitalität, Ganzheit und Zielstrebigkeit zu leben. Das ist das Wunder des Dialogs, und es ist der Kern der Seelsorge. (Von der Redaktion leicht gekürzt).

Praktische Ratschläge für Seelsorger

Wie schafft jemand, der Seelsorge anbietet, die Möglichkeit zum Dialog? Worüber sollte man sprechen, und wie sollte das Gespräch geführt werden? Es folgen einige praktische Ratschläge.

1. Dialog wird erleichtert durch persönliche Vorbereitung.

Mich auf den seelsorgerlichen Dialog vorbereiten heißt, einen Raum der Stille in mir selbst herzurichten, einen Raum, in den ich eine andere Person einladen und der ich dort begegnen kann. Es ist schwer, sich auf einen echten Dialog einzulassen, wenn mich äußere Belastungen ablenken oder ich mit inneren Problemen beschäftigt bin. Stilles, betendes Nachdenken beruhigt meine eigene Seele, bringt mich in Kontakt mit Gott und hilft mir, einen inneren Raum für den anderen frei zu machen. Außerdem macht es mich bereit, der anderen Person zu begegnen, wie sie ist – klar unterschieden von mir, von meinen Gedanken über sie und sogar von meinen bisherigen Erfahrungen mit dieser Person.

2. Dialog wird erleichtert, wenn ich alle Wünsche beiseitelege.

Wünsche – mit Ausnahme der Liebe – sind ein Hindernis für den seelsorgerlichen Dialog. Selbst so positive Wünsche wie der, behilflich oder ein erfahrener, guter Zuhörer zu sein, lenken oft vom echten Dialog ab, weil sie meinen Blick auf mich selbst lenken. Nur Liebe gibt mir die Freiheit, mich selbst einschließlich meiner Bedürfnisse und Wünsche zur Seite zu legen. Nur Liebe ermöglicht es mir, vorübergehend aus meinen eigenen Erfahrungen und Deutungen der Welt herauszutreten und mich ganz und gar auf diejenigen einzulassen, denen ich zu helfen versuche. Wie schon gesagt, wird der Dialog selbst durch den Wunsch gestört, sich Dinge einzuprägen oder etwas zu begreifen. Es liegt viel Weisheit in Freuds Ratschlag, beim Zuhören nicht zu versuchen, sich Dinge zu merken oder sie zu verstehen. Das Bedürfnis, sich zu erinnern oder auch etwas zu verstehen, wirkt verkrampfend, während ein Zuhören unter den Bedingungen einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit mich offen und optimal empfänglich für die andere Person bleiben lässt.

3. Der Fokus des seelsorgerlichen Dialogs sollte die innere Erfahrung desjenigen sein, der die Seelsorge empfängt.

Seelsorgerlicher Dialog folgt keinem starren Drehbuch. Die Absicht ist es, dem Empfänger der Seelsorge die Möglichkeit zu geben, seine Geschichte zu erzählen. Der Anbieter der Seelsorge sollte ihm durch die Art und Weise seines Zuhörens und seiner Interaktionen dabei helfen. Der Aspekt der Geschichte und der Erfahrung, um den es in der Seelsorge besonders geht, ist die innere Erfahrung. Sie umfasst die Gefühle, die inneren Auseinandersetzungen, Hoffnungen, Wertvorstellungen und Wünsche der Person. Auch die Gotteserfahrung und andere Aspekte ihres spirituellen Lebens gehören dazu. Hören Sie darum mit dem Ziel zu, sich auf die Erfahrung des Gegenübers einzulassen und die Welt aus der Perspektive seines Bezugsrahmens sehen zu können.

4. Horchen Sie bei allen Äußerungen auf die eingebettete spirituelle Bedeutung.

Es wäre irreführend, zu erwarten, dass sich in der christlichen Seelsorge das Gespräch immer oder auch nur meistens um religiöse oder explizit geistliche Dinge dreht. Ein solches Gespräch passt natürlich dorthin, aber es muss nicht erzwungen werden. Stattdessen sollten christliche Seelsorger lernen, bei allem, worüber gesprochen wird, auf die spirituelle Bedeutung zu horchen. Dieses Urteilsvermögen ist eine Gabe des heiligen Geistes, von dem christliche Seelsorger immer abhängig sein müssen.

5. Hören Sie respektvoll zu.

Christliche Seelsorge kann nicht ohne tiefen Respekt vor dem Empfänger der Seelsorge angeboten werden. Dieser Respekt gründet sich auf die Anerkennung des Wertes dieser Person, der nach dem Bild Gottes erschaffen ist, und auf die Erwartung, dass eine echte Begegnung mit ihm oder ihr Möglichkeiten zum Lernen und zum Wachstum für beide Seiten bietet. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es ein gewaltiges Privileg ist, in den inneren Garten eines anderen eingeladen zu werden. Diesen inneren, heiligen Raum sollte man nur mit Respekt und Behutsamkeit betreten und sich mit schnellen Urteilen zurückhalten.

6. Achten Sie auf Ihre eigene Erfahrung im Dialog.

Während das Hauptaugenmerk des Seelsorgers auf den Worten des anderen liegen sollte, ist ein kleines Maß an Aufmerksamkeit auf die eigene innere Erfahrung oft hilfreich, um die Erfahrung des anderen zu verstehen. Durch den Blick auf die eigene innere Erfahrung kommen einem oft Metaphern in den Sinn, die sich im Dialog als hilfreich erweisen können. Wenn Sie zum Beispiel jemandem zuhören, der Ihnen von dem Druck erzählt, dem er bei seiner Arbeit ausgesetzt ist, und Sie bemerken dabei ein Engegefühl in Ihrer Brust, sollten Sie überlegen, den Begriff „Enge“ in Ihrer Antwort zu verwenden. Oder jemand schildert Ihnen seine oder ihre Furcht oder eine andere schmerzhafte Emotion, und Ihnen steht plötzlich das Bild von jemandem vor Augen, der oder die sich zu einer Kugel zusammenrollt, in ein Loch kriecht und das Loch hinter sich verschließt, dann vertrauen Sie auf diese intuitive Metapher und nutzen Sie sie in Ihrer Antwort. Gute Kommunikation berührt mehr als nur unser Bewusstsein. Sie berührt auch die Tiefen unseres Unbewussten und von dort aus auch unseren Körper. Gute Metaphern lassen sich erzeugen, indem wir einfach über das Gehörte nachdenken. Die besten Metaphern ebenso wie die ergiebigsten kreativen Ideen kommen zustande, wenn wir auf die tieferen Schichten unserer Erfahrung hören.

7. Laden Sie zur moralischen Reflexion der Dinge ein, von denen die Rede ist.

 Laden Sie Ihr Gegenüber dazu ein, diese Reflexion selbst vorzunehmen. Hilfreich sind oft Fragen wie: „Ich frage mich, wie Sie dies beurteilen“, oder: „Wie gehen Sie mit dem ethischen oder moralischen Aspekt um?“ Natürlich muss man sorgfältig darauf achten, diese moralische Perspektive nicht verurteilend auszusprechen.

8. Scheuen Sie sich nicht vor Ratschlägen, Anregungen oder Wegweisungen.

Das Ideal in der Seelsorge sollte Respekt sein, nicht Passivität oder Richtungslosigkeit. Dabei ist ein autoritärer Stil fast immer (wenn nicht sogar immer) unangebracht, doch das heißt nicht, dass der Seelsorger niemals Ratschläge erteilen, Anregungen geben oder Wegweisungen anbieten sollte. Wenn der Dialog echt sein soll, muss der Seelsorger eine echte Person sein. Also sollte er sich auch wie eine Person verhalten, nicht nur wie eine Zuhörmaschine. Sich selbst zur Verfügung stellen heißt auch, im richtigen Maß eigene Gedanken und Vorschläge anzubieten.

Aus: David G. Benner, Kraftvolle Seelsorge. Die wichtigsten Wege, um Gott zu erfahren und Menschen zu begleiten. © Brunnen-Verlag Basel 2014

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