Nicht gegen Fleisch und Blut

© Henrique Frazão

Beim Lesen im Matthäus-Evangelium ist mir ein Satz in der Passionsgeschichte aufgefallen, der mich nachdenklich gemacht hat. Da heißt es, dass einer der Jünger in dem Augenblick, als Jesus  von den Soldaten brutal gepackt und gefangen genommen  wird, sein Schwert herauszieht und zuschlägt.  Er hatte einmal versprochen, für Jesus  sein Leben zu lassen, und nun ist er dazu bereit;  aber vorher sollen einige andere ihres verlieren.  Jesus aber ruft Petrus zurück mit dem Wort: „Stecke dein Schwert in die Scheide. Denn wer zum  Schwert greift, der wird auch durch das Schwert  umkommen.“ Dann begründet Jesus seinen  Befehl, der nicht nur Petrus, sondern auch den  anderen Jüngern sinnlos erscheinen muss. Und  diese Begründung ist überraschend und ungewöhnlich. Jesus sagt, vor allen Leuten, auch vor den Knechten, die ihn gefangen nehmen: „Meinst  du, ich könnte meinen Vater im Himmel nicht bitten, mir zwölf Legionen Engel zu schicken – oder auch mehr? Das wäre mir doch eine Kleinigkeit. Aber wie würden dann die Verheißungen der Schrift erfüllt?“ (Mt 26,52-54). 

Welche Macht hat Jesus? 

Nun fragen wir uns natürlich: Stand das wirklich  in seiner Macht? Wäre es für Jesus eine reale  Möglichkeit gewesen, bei seinem Vater im Himmel  kämpferische Heerscharen aus der Welt  Gottes anzufordern, die in Sekundenschnelle mit  der Tempelwache des Herodes und den anderen  Soldaten aufgeräumt hätten? Er hätte darum  bitten  können. Klar. Wir bitten ja auch um Vielerlei  – nur ist unsere Erfahrung, dass es eben oft  nicht so erfüllt wird, wie wir es uns wünschen.  Was wäre also geschehen, wenn Jesus diese Bitte  ausgesprochen hätte? Wir können darauf antworten,  wenn wir in die Bibel schauen. Was ist bei anderen  Gelegenheiten geschehen, wenn Jesus seinen  Vater im Himmel gebeten hat? Dass er Kranke  heilte, das nehmen wir hin als etwas, was auch  viele seiner Nachfolger getan haben. Aber dieser  überdimensionale Fischzug – der ist schon etwas  anderes. Aber auch der hätte noch mehr oder weniger  ein Zufallstreffer sein können. Aber dann  berichten die Evangelisten von einem Ereignis, bei  dem es sich nicht um einen Zufall handeln kann.  Die Tat Jesu geschah, als die Jünger in einen  gefährlichen  Seesturm gerieten, wie es sie ähnlich  auch auf dem Bodensee gibt. Sie bangen um ihr  Leben, während Jesus schläft. Da rütteln sie ihn  wach. Aber Jesus bleibt ganz gelassen und fragt:  Warum fürchtet ihr euch? Und dann gebietet er  dem Sturmwind, und der gehorcht ihm! Wie kann  ein Unwetter aufs Wort gehorchen? Noch etwas  Seltsames wird berichtet: Zuerst zittern die Jünger  um ihr Leben, aber gleich darauf zittern sie vor ihrem  Meister und fragen sich: Wer ist der, der  einem  Seesturm gebieten kann? Ich denke, wir  müssen – wie die Jünger – ernsthaft fragen: Wer  ist der, dem wir unser Leben übereignet haben  und der solch eine Macht hat? Aber in den Evangelien  wird auch von einer Beerdigung berichtet:  Ein Trauerzug geht zur Stadt heraus, in die Jesus  gerade hineingehen will. Eine fassungslose Witwe  folgt tränenüberströmt dem Sarg ihres letzten  Sohnes, der ihr Ernährer war. Da tritt Jesus an  den Sarg heran und gebietet dem Toten: „Junger  Mann, ich sage dir: Stehe auf!“ Ein klarer Befehl,  der auch im Reich der Toten gehört wird und –  der junge Mann richtet sich auf. Jesus gibt ihn seiner  Mutter zurück. Er holt auch Lazarus aus dem  Schattenreich des Todes zurück. Welche Kraft ist  im Wort Jesu verborgen! Heute wird viel von  „kosmischen Energien“ gesprochen, die sich der  Mensch durch Magie nutzbar machen könne. Gegenüber  dem, was ein Wort Jesu vermag, verblassen  alle sogenannten kosmischen Energien zu  einem dürftigen Versuch, in die unsichtbare Welt  einzudringen, in der Jesus zu Hause zu sein  scheint. 

Was sollen uns die Evangelien zeigen? 

Sie stellen uns vor Augen, dass Jesus Zugang hat  zur unsichtbaren, verborgenen Welt Gottes, zu Bereichen, die bisher allen Sterblichen verschlossen geblieben sind. Wundertäter hat es zu allen Zeiten gegeben. Auch Spiritisten, die versucht haben, ins Totenreich einzudringen und dabei nur auf  Geister  und Dämonen gestoßen sind. Aber es hat  noch keiner bisher von sich behauptet, er könne  zwölf Legionen Engel mobil machen. Jesus hat  zeitlebens nie eine Unwahrheit gesagt. Sollte er  ausgerechnet hier übertrieben haben? Die unzähligen  Beweise seiner Vollmacht und seiner  lebendigen  Verbindung mit seinem Vater im Himmel lassen uns annehmen, dass er auch hier ganz realistisch geblieben ist. Aber dann folgt die  nächste Frage: Wo sind seine Legionen stationiert?  Wo wären sie denn hergekommen? Sitzen sie irgendwo  auf Abruf bereit – und wenn ja, warum  können wir sie nicht erreichen und notfalls mobilisieren?  Wir wollen die Bibel nach der unsichtbaren  Welt befragen. 

1. Alles, was hier vor unseren Augen auf dieser Erde  geschieht, wird von einer Welt wahrgenommen, die normalerweise für uns unsichtbar ist. 

Dass es diese andere Dimension wirklich gibt und dass es Menschen gibt, die mehr wahrnehmen als  ein gewöhnlicher Sterblicher, dafür finden wir im  6. Kapitel des 2. Buches der Könige ein anschauliches  Beispiel: 

Da belagert eine große syrische Kriegseinheit die  Stadt Dothan mit dem Ziel, die Stadt einzunehmen,  um den Propheten Elisa gefangen zu  nehmen und zu beseitigen. Warum? Er verrät seinem  Volk jede neue Kriegslist, die sie sich einfallen  lassen, so dass sie es nicht überlisten und  besiegen können. Elisa ist ein Mann, der mit Gott redet und dem Gott Geheimnisse anvertraut. Ein Prophet. Als nun Elisas Diener eines frühen Morgens  die Stadt von feindlichen Truppen umzingelt  sieht, bekommt er Angst um sein Leben und fragt:  „0 weh, Meister, was sollen wir tun?“ Da antwortet ihm Elisa: „Fürchte dich doch nicht! Denn die  Kämpfer auf unserer Seite sind viel mehr als die  auf der anderen Seite!“ Der Diener versteht seinen  Meister nicht, er sieht nur die paar ungeübten  Männer der Israelis und fragt: „Wo sind sie  denn?“ Da betet Elisa laut: „Herr, öffne ihm die  Augen, dass er sehe!“ In diesem Augenblick  nimmt der Diener wahr, dass der ganze Berg voller  feuriger Rosse und Wagen steht. Eine für ihn bisher unsichtbare Streitmacht umgibt den Mann Gottes.

Neben der sichtbaren Welt lebt mitten unter uns und um uns her eine unsichtbare Welt, die wir nicht mit unseren Augen wahrnehmen können, von der aber das Wort Gottes Zeugnis gibt. 

2. Die unsichtbare Welt ragt hinein in unsere  Welt. Sie nimmt Anteil an dem, was geschieht und greift ein, wenn es nötig ist. 

Das entscheidende Eingreifen Gottes in die Geschichte  der Menschheit geschah bei der Geburt  Jesu. Gott legte den Finger auf das laufende Band  der Geschichte und sagte: Halt! Hier will ich ein  Zeichen setzen, das die Welt verändern wird! Und er sandte seinen Sohn mitten hinein auf unsere Erde. Da wird in der Nähe von Jerusalem ein Kind geboren. In einem unscheinbaren Nebengebäude  am Rand eines überfüllten Gasthofes. Ein ganz  alltägliches Ereignis. Kein Mensch hätte davon Kenntnis genommen oder ihm, wenn er es bemerkt hätte, besondere Bedeutung zugemessen, wenn sich nicht gleichzeitig etwas Außergewöhnliches  ereignet hätte. Draußen vor der Stadt leuchtete  mitten in der Finsternis der Nacht ein überaus helles Licht. Ein paar Hirten sind zu Tode erschrocken. Diese harten, kampferprobten Männer  fürchten sich sehr! Da hören sie alle aus dem  Lichtglanz eine Stimme: „Fürchtet euch nicht!  Heute ist etwas außerordentlich Wichtiges geschehen.  Es wird die Welt verändern, darum sollen alle  Menschen es hören. Der Retter der Menschheit ist  heute Nacht geboren. Ihr könnt ihn mit eigenen  Augen sehen. Ganz in eurer Nähe liegt er, in Windeln  gewickelt, bitter arm in einem Futtertrog...“  In dieser Nacht geschieht einer der seltenen  wahrnehmbaren Einbrüche aus der Welt Gottes in  unsere Welt, in Zeit und Raum. Obwohl Israel  schon seit Jahrhunderten auf den Welterlöser wartete, hätte kein Israelit seine Ankunft wahrgenommen, wenn Gott den Menschen nicht besondere Boten geschickt hätte. 

3. Gott schickt Boten. 

Immer dann, wenn die Menschen nicht recht verstehen können, was das Geschehene bedeuten soll, erscheinen Boten Gottes, dann geben Engel den Menschen Nachhilfeunterricht und erklären die Ereignisse, z. B. an Ostern, am Grab Jesu. Wir können also soviel sagen: 

Unsichtbare Mächte sind eine Realität. Sie existieren, auch wenn wir sie nicht wahrnehmen können. Wir müssen mit ihnen rechnen. Sie leuchten  dem aufgeklärten Verstand des von unserer Zeit  und unserem Denken geprägten modernen Menschen  nicht ein, weil sie nicht logisch erfassbar, weil sie mit unseren Computern nicht berechenbar  sind. Trotzdem haben wir nicht nur als Einzelwesen, sondern auch als ganze Völker mit ihrem  Wirken zu rechnen.

Die Bibel unterscheidet zwischen Mächten des  Lichtes, den Engelmächten und Mächten der Finsternis (und auch unsauberen Geistern). Aus den  ersten Kapiteln des Johannesevangeliums geht  deutlich hervor, dass unsere Menschenwelt zum Herrschaftsbereich des Fürsten der Finsternis  gehört. 

Jesus wird im Neuen Testament ‚Kyrios‘ genannt,  der Herr über alles, über die sichtbare und die unsichtbare  Welt. Das wird besonders deutlich aus  der Reaktion unsichtbar gegenwärtiger Dämonen, die überall da aufschreien, wo Jesus in ihre Nähe  kommt. Markus beschreibt eine solche Begegnung  gleich im ersten Kapitel seines Evangeliums. Da  kommt aus einem besessenen Menschen die Stimme: „Halt! Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!“  Von seinen Mitmenschen hatte noch keiner in  Jesus  den Messias erkannt. Nicht einmal die  eigene  Mutter! Aber wo immer die Geister der Finsternis Jesus begegnen, äußern sie Furcht und  Schrecken. Sie wissen um seine Vollmacht und  kennen den Auftrag Jesu, der uns im ersten  Johannesbrief  (3,8) so beschrieben wird: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. 

Christen sind Wanderer zwischen den Welten 

An Himmelfahrt gibt Jesus seinen Jüngern den  Befehl: Mir ist gegeben alle vollziehende Gewalt in der schtbaren und in der unsichtbaren Welt, im  Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet  zu Jüngern alle Völker... (Mt 28,18). Die Vollmacht Jesu ist die Voraussetzung für jeden missionarischen Einsatz, ganz besonders auch für unseren Seelsorgedienst. Mit seinem Befehl, zu den  Menschen zu gehen und sie aus dem Bann der  Mächte der Finsternis zu befreien und sie unter  seine liebende Herrschaft zu rufen, hat Jesus einen  Strom von Menschen in Bewegung gesetzt, die  mitgeholfen haben, das Leben für viele auf dieser  Erde erträglicher zu gestalten. 

Was bedeutet das für die Seelsorger? Wir leben  unser Leben als Jünger Jesu von außen gesehen  nicht anders, als die Menschen um uns herum.  Dabei dürfen wir uns aber weder über uns selbst noch über den Zustand der Welt täuschen. Die  Erde  steht unter der Herrschaft des Fürsten dieser  Welt! Im Bann des Bösen. Deshalb hat uns Jesus beten gelehrt: „Erlöse uns von dem Bösen!“ Befreie nicht nur mich, sondern die ganze Welt, von der  Herrschaft von Sünde, Tod und Teufel. Christen  sind das erklärte Eigentum Gottes und gehören jetzt schon dem hier noch unsichtbaren Herrschaftsbereich Jesu Christi an. 

Darum ist für sie das maßgebend, was er sagt. Mögen ihre Zeitgenossen andere, gefälligere, „modernere“  Maßstäbe haben und die ihren lächerlich  und altmodisch finden, für sie gilt, dass Jesus sagt: „Wer mich liebt, der hält sich an mein Wort.“ Damit  hat er Anteil an dem unzerstörbaren Leben, das über den Tod hinausreicht. Er hat Bürgerrecht in der zukünftigen Welt Gottes, die heute und hier schon Gegenwart ist und unsere Welt durchdringt. 

Der Mensch ist frei zu wählen

Im apokryphen Buch der Weisheit kann ich in  den ersten beiden Kapiteln eine Menge lernen über den Unterschied zwischen Menschen, die ihr Leben in Gottesfurcht führen, und solchen, die  das gar nicht wollen. „Die Gottlosen ringen nach dem Tode mit Worten und Werken, denn sie halten ihn für einen Freund!“ 

Paulus sieht das anders: „Der letzte Feind, der aufgehoben  wird, ist der Tod.“ Wie können Menschen ihren offensichtlichen Feind zum Freund erklären? Nur durch Blindheit und Selbstbetrug. Dadurch, dass sie der Wahrheit nicht ins Auge zu  sehen wagen. Weiter lesen wir: „Der Mund, der da  lügt, tötet die Seele.“ Es kann sich niemand auf die Dauer mit Halbwahrheiten umgeben, ohne Schaden an seiner eigenen Seele zu nehmen. Menschen aus dem Netz ihrer selbst gestrickten Lügengewebe  zu befreien, aus den Verstrickungen in  Sünde und ihre vielfältigen Folgen, das ist der  Auftrag der Seelsorge. Dieser Befreiungskampf  wäre nicht notwendig, wenn Gott es so eingerichtet  hätte, wie es die Juden erwartet hatten: dass die  Welterlösung und die Machtübernahme des Gottessohnes  hier auf der Erde gleichzeitig geschehen wären. Dann wäre an Ostern bereits das Reich Gottes auf Erden angebrochen. Mit der Auferstehung  Jesu hätte der Böse seine Macht auf Erden verloren. Aber so hat er hier nur sein Recht verloren. Sein Anrecht auf die, die Jesus befreit hat  und nun zu den Seinen zählt. Doch er hat noch  Macht zu verführen, zu versuchen, zu beeinflussen,  zu beherrschen und zu töten. 

Der Mensch, die Krone der Schöpfung Gottes, ist  frei zu wählen zwischen der Herrschaft der Finsternis  und der Herrschaft Jesu Christi. Wir könnten auch sagen: zu wählen zwischen Tod und  Leben, zwischen Hass und Liebe, zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen der Freiheit, zu tun und  zu lassen, was einem jetzt gerade passt, und der Freiheit eines Christenmenschen, der das Wagnis des Glaubens eingeht und als Sicherheit nur die Verheißungen und Zusagen Jesu besitzt.

Wie gewinnen die Mächte Zugang? 

Dazu ein Beispiel: Zwei Brüder feiern Erntedank.  Während des Gottesdienstes schaut der Ältere neidisch zum Jüngeren hinüber. Er hat den Eindruck: Dem gelingt alles. Er hat nicht nur die  größere  Liebe von Vater und Mutter, sondern er  hat auch ein kindliches Vertrauen zu Gott, das der  Große schon lange nicht mehr besitzt. Der Große denkt: „Da schufte ich das ganze Jahr über auf  meinen Feldern, bis was Anständiges wächst, und  dann soll ich einem unsichtbaren Gott dafür danken. Ich, ich selber bin der, dem zu danken wäre. Mein Leben ist hart, aber es wäre wenigstens  erträglich ohne den Rivalen neben mir, der mir  die Schau stiehlt.“ Und während er so denkt, hört  er eine Stimme sagen: „Warum bist du so grimmig?  Warum senkst du deinen Kopf wie ein Stier?  Warum verstellst du dich und tust freundlich, obwohl  der Hass dich verzehrt?“ Der junge Mann schweigt. Da spricht die Stimme weiter: „Ist es  nicht so: Wenn du mir vertraust, dann fühlst du  dich angenommen, dann kannst du frei aufschauen und hast es nicht nötig, dich mit einem  anderen zu vergleichen. Wendest du dich aber von  mir ab, dann lauert die Sünde vor deiner Tür, und nach dir lechzt sie, um dich zu benebeln, zu verstricken, vielleicht sogar zum Mord zu verleiten. Lass dich nicht einwickeln, sondern bleib Herr über deine Gefühle! Das Spiel, das deine Gedanken  treiben, ist lebensgefährlich!“ (vgl. 1. Mose 4)  Es ist die Bestimmung des Menschen, Herr zu  bleiben über die Mächte der Zerstörung, die sein Inneres durch negative Einstellungen beeinflussen  wollen. Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht: Kain ist seit Jahren mit seinem Hass auf den  Bruder befreundet. Er will nicht wahrhaben, dass seine Gedanken nur die Zerstörung von Menschenleben zum Ziel haben, dass er die Freiheit  hätte, sich gegen ihren Einfluss zu wehren. Statt dessen entscheidet er sich dafür, seinen negativen Gefühlen nachzugeben und den Bruder zu töten.  Damit aber vernichtet er nicht nur Abels Leben, sondern auch sein eigenes. Er wird ruhelos. Unstet und flüchtig‘ nennt das die Bibel. Leben zu  zerstören, zu vernichten, das ist das Ziel der  Mächte der Finsternis! So wie es das Ziel Gottes  mit den Menschen ist, Leben zu schaffen, zu  erhalten und ihm Erfüllung zu geben. 

Es war mir immer schwer zu begreifen, dass der erste Mörder der Weltgeschichte ein Mann war, der an Gott glaubte und ihm Opfer brachte. Daraus  sollten wir für die Seelsorge etwas lernen. Es gibt Menschen, die sich für Gott geradezu aufopfern und trotzdem in ihrem Herzen schwere  Vorbehalte gegen ihn hegen: Misstrauen, dass er  ihnen ja doch nichts Gutes im Leben gönnt; Neid  auf andere, denen er es scheinbar so viel besser gehen  lässt. Sie selber hätten in dieser Welt alles  ganz anders eingerichtet als Gott. Seit dem Sündenfall  spukt im Herzen der Menschen nämlich das „Seinwollen wie Gott“. Es ist die Ursünde des Menschen, der Hochmut, der sich dagegen auflehnt, nur Geschöpf zu sein und einen Schöpfer als Herrn über sich anerkennen zu sollen. „Wir  wollen nicht, dass dieser über uns herrsche!“ (Lk  19,14) Das hat das Volk nicht nur vor 2000 Jahren  über Jesus gesagt, sondern so denken und sprechen Millionen von Menschen heute noch, nicht nur Gottlose oder Heiden. Der Einfluss der Mächte  beginnt oft damit, dass man sich nichts sagen lassen will, mit der Ablehnung jeder Autorität, mit  Selbstherrlichkeit. „Hochmut ist die nach oben  gerichtete  Maßlosigkeit“, sagten die Kirchenväter,  „die sich vermisst, autonom und von Gott und  von jeder anderen Herrschaft unabhängig leben  zu wollen!“ Dem Bösen liegt sehr viel daran, unerkannt  zu bleiben. Er kann viel freier im Verborgenen  wirken und sich entfalten, wenn es ihn  angeblich  gar nicht gibt. Dann kann er um so geschickter die Menschen in seine Richtung manipulieren. Der Hochmütige möchte Gott Vorschriften machen, wie er die Welt hätte einrichten  sollen; er weiß, was man den Menschen zumuten  kann und was nicht. Seine Haltung nennt er dann  „Liebe zur Menschheit“, oder er spricht vom Aufbau des „Paradieses“ hier auf Erden. An der Einstellung  des Herzens zu Gott entscheidet sich, ob  Mächte der Finsternis Einfluss auf einen Menschen  gewinnen oder nicht. Vertrauen zum  himmlischen Vater ist die beste Waffe dagegen.  Aber der Einfluss kann auch durch scheinbar  harmlose Praktiken beginnen, die wir okkulte,  d. h. verborgene Praktiken nennen. Sie sind zu einem  gefährlichen Gesellschaftsspiel geworden. Es  gilt als fortschrittlich, sich mit dunklen Mächten  in Verbindung zu setzen. Da werden die Geister z.  B. nach dem eigenen Sterbedatum befragt. Besprechen  und Verfluchen, Wahrsagen und Horoskope  sind Praktiken, durch die sich verborgene, unsichtbare  Mächte ein offizielles Anrecht auf Menschen  verschaffen, ein Recht, das über den Tod  hinaus Gültigkeit hat. Sagen Sie den Menschen, denen Sie begegnen, dass die Gefahr besteht, sich  mit harmlos erscheinenden Praktiken in die Gewalt  von unsichtbaren, dunklen Mächten zu begeben.  Aber die Wirkungen dieser Mächte sind  schon hier in diesem Leben wahrnehmbar. Sie treten  nicht erst nach dem Tod in Kraft. 

Wie wirken sich finstere Mächte aus? 

Menschen, die nicht aus der Herrschaft dieser  Mächte befreit wurden, leben oft in einer großen Lebenslüge. Sie betrügen sich selbst und machen  auch anderen etwas vor. Zu diesem Zweck müssen  sie einen Teil der Wirklichkeit ausblenden. Das sieht dann oft so aus: Alles, was Freude machen  könnte, was schön ist im Leben, was es lebenswert  macht, das darf nicht wahr sein. Es würde dem  Misstrauen oder der Rebellion gegen Gott die  Grundlage entziehen. Das selbst gebaute System  seiner negativen Lebenssicht würde aufgebrochen. Und das darf nicht geschehen, weil sonst die eigene  Einstellung als Lüge entlarvt wäre. Diese Unwahrhaftigkeit  ist meist eng mit der Unfähigkeit  zur Dankbarkeit verwoben. Ist das denn so  schlimm? Oder gar gefährlich? Jesus nennt den  Teufel den „Vater der Lüge“. Und im Buch der  Weisheit heißt es im ersten Kapitel: „Der Mund,  der lügt, tötet die Seele“ (die eigene Seele!). Menschen aus ihrer Lebenslüge ins Licht der Wahrheit zu führen, ist einer der wichtigsten und  schwersten Aufträge des Seelsorgers. Die meisten  Menschen lieben ihre Lügengespinste aus Träumerei  und Halbwahrheiten, in die sie sich hineingesponnen  haben. Sie scheinen das Leben so viel  leichter zu machen. Aber Jesus sagt unmissverständlich:  „Wer aus der Wahrheit ist, hört meine  Stimme“. Das heißt: Wer sich selber mit Lügen  oder Halbwahrheiten umgibt, der vernimmt ihn  nicht und braucht sich nicht zu wundern, wenn  ihm das Wort Gottes „nichts mehr sagt“. Zur Undankbarkeit  kommen Unruhe, Unversöhnlichkeit  und Angst. Warum sind Menschen, warum ist die  Gesellschaft und in ihr auch viele Christen so von  Angst geprägt? Weil sie dem Fürsten dieser Welt  zu viel Macht über sich eingeräumt haben. Auch  durch ihre Liebe zum Geld, das ihnen in dieser  unsicheren Welt scheinbar Sicherheit gibt. Dabei  geht es aber nicht nur um das Persönliche. Jedes teuflische System, jede unmenschliche Diktatur  baut ihre Herrschaft auf Lüge, verbunden mit Terror,  der Angst verbreitet, auf. Wer kann in einem  solchen Staat noch Widerstand leisten? Nur Menschen,  die sich nicht fürchten, die einen Weg zur  Überwindung der Angst gefunden haben und die  Lüge in ihrer vielfältigen Gestalt durchschauen  lernen. Die Herrschaft der Finsternis kann aber auch in  aller Stille stattfinden. Da erlebt ein Mensch, dass Gott oder seine Mitmenschen ihm einen Herzenswunsch  nicht erfüllen. Von da an tritt seine Seele  „in Streik“. Er fängt an, Nein zu sagen zum Leben  und zum eigenen Lebensweg. Nicht der Verstand  streikt, der kann voll funktionsfähig bleiben, so  dass jemand eine hervorragende Doktorarbeit  schreibt. Aber seine Seele kann sich nicht mehr  freuen, nicht mehr hoffen, nicht mehr vertrauen  und vor allem nicht mehr lieben! Solche Menschen  verbreiten um sich herum eine freudlose,  lebensfeindliche  Atmosphäre. Sie werden sich  selbst zur Last. Eine junge Frau sagte mir während  eines fröhlichen Festes: „Ich fühle mich mitten  unter all diesen Menschen wie ein lebloser Klotz.  Ich kann mich seit Jahren nicht mehr freuen.“  Solche  Menschen verstehen es, anderen Schuldgefühle  dafür zu machen, dass die sich freuen  können oder neigen dazu, Menschen total für sich  allein zu beschlagnahmen und geradezu „auszusaugen“, das heißt, von ihrer Lebenskraft zu  zehren. Ihre eigene Kraft verbrauchen sie für ihre  Rebellion und ihren Hass gegen Gott und  Menschen.

Wie geschieht nun Befreiung? 

Wer selber unter solcher Herrschaft steht, wird  andere nicht daraus befreien können. Darum sollte  ein Seelsorger ein für alle Mal klären: Wer ist  der Herr meines Lebens, meines Wollens und  meines Denkens? Der Herr meiner Entscheidungen  im Alltag? Jeder kann da am besten zur Befreiung  helfen, wo ihm selber geholfen wurde. Kein Mensch lässt sich auf Veränderungen ein, der nicht spürt, mein Gegenüber besitzt das, wonach ich mich schon lange sehne. Nur im Raum der Liebe ist Befreiung und Erneuerung möglich.  Ein Mensch, der sich geliebt weiß, fasst Mut, sich  der Wahrheit über sich selber zu stellen. Und das  ist der erste Schritt in die Freiheit: Die Wahrheit  wahr sein lassen! Jesus sagt: „Die Wahrheit wird  euch frei machen!“ Aber dazu gehört Mut. 

Fürchtet euch nicht! Jesus ist Sieger über alle  Mächte der Finsternis. Das ist die wichtigste  Grundregel im Umgang mit Belasteten. Aber nur da, wo ein Kampf gewagt wird, kann am Ende  auch ein Sieg stehen. Die Lösung aus jahre- oder  jahrzehntelangen Bindungen fällt keinem in den  Schoß. Manchmal muss der Kampf zu zweit geführt werden. Christoph Blumhardt holte sich  immer einen zweiten Mann dazu, wenn er mit  schwer Belasteten oder Besessenen zu tun hatte. Wie geschieht Befreiung? Im Konfirmandenunterricht  haben wir ein Absagegebet auswendig  gelernt, das wir bei der Konfirmation gemeinsam  am Altar gesprochen haben, bevor wir eingesegnet  wurden. Ich verwende es heute noch in der Seelsorge als Absage an die Mächte: 

Ich entsage dem Teufel 
und allen seinen Werken
und allem seinem Wesen
und ergebe mich Dir, 
Du dreieiniger Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist,
im Glauben und Gehorsam
Dir treu zu sein
bis an mein Ende. 
Amen. 

Die Ev. Marienschwestern haben ein kleines Heft für den Glaubenskampf herausgegeben, in dem auch Absagegebete stehen, die sich in der Seelsorge  bewährt haben. Es heißt „Im Namen Jesu ist  die Macht!“ (Darmstadt-Eberstadt, 1972). In ihm stehen Gebete, die man laut gemeinsam mit einem Seelsorger beten kann, wenn man von Belastungen  und Bindungen frei werden will. Außerdem  gibt es die Möglichkeit der Beichte. Ein aufrichtiges  Bekenntnis der eigenen Schuld vor Gott und einem Zeugen – ohne „Rückstände“ – kann ein  Menschenleben von Grund auf verändern und ihm eine neue Richtung geben. 

Das eindrücklichste Beispiel dafür, das ich kenne, ist das Leben des französischen Offiziers CharIes  de Foucauld, der aus einem eigenwilligen Playboy zu einem Gott hingegebenen Ordensgründer wurde. Zum Wendepunkt in seinem Leben wurde eine  ehrliche Lebensbeichte. Sünde, die im Dunkel  verborgen bleibt, kann zum Angelpunkt des Feindes werden und unsere Beziehung zu Gott vergiften oder töten. 

Nicht nur hier auf der Erde findet ein Kampf um jeden einzelnen Menschen statt, sondern auch in der Welt Gottes. Die unsichtbaren Mächte des Lichtes nehmen Anteil an jeder Menschenseele! Sie ist Gott unendlich viel wert! Darum lohnt es sich, jede Seelsorge intensiv im Gebet vorzubereiten und zu begleiten, auch zu zweit oder zu dritt. Denn letztlich ist es nicht unser Kampf, der die Gebundenen befreit, sondern Jesus selber ist der, der aus Bindungen löst und von Ketten befreit. Welche der Sohn frei macht, die sind wirklich befreit!  „Gottesglaube und der Glaube an das Endziel  Gottes mit der Geschichte gehören untrennbar zusammen“, schreibt der Tübinger Theologe  Karl Heim. „In dieser Welt hat sich ein Vernichtungswille gegen Gott erhoben, eine Macht, die sich in dämonischer Weise selbst anbetet und sich auflehnt gegen jede Art von Autorität. Das Menschengeschlecht würde wohl in Selbstvernichtung  enden, wenn Gott nicht alle Widerstände besiegen  würde. Die letzte Zukunft gehört Gott!“  Auf diesem Hintergrund arbeiten wir als Seelsorger für die Befreiung von Menschen!    

Von

  • Irmela Hofmann

    (1924-2003) gründete 1968 mit ihrem Mann Horst-Klaus die Großfamilie der Offensive Junger Christen. Sie war als Bibellehrerin, Seelsorgerin und Schriftstellerin über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

    Alle Artikel von Irmela Hofmann

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