Durchblick verleiht allein der Geist Gottes

Gedanken zur Unterscheidung der Geister

Eine befreundete Seelsorgerin bemerkt in unseren Gesprächen, dass viele Menschen, die zu ihr kommen, ganz augenscheinlich „den falschen Geist bedienen“. Da erscheint es sinnvoll, sich auf „die Gabe der Unterscheidung der Geister“ zu besinnen. Tagtäglich steht der Mensch vor Entscheidungen.

Und gelegentlich sind auch größere Weichenstellungen dabei, die einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf eines Lebens haben. In all diesen Situationen erfährt der Mensch oft ein inneres Hin- und Hergerissen-sein und vor allemeine Widersprüchlichkeit der inneren Stimmen, die ihn in die eine oder andere Richtung drängen.

Innere Stimmen unterscheiden

In der Geschichte der Kirche unterscheidet man drei Kategorien von inneren Stimmen und inneren Regungen, die das Verhalten des Menschen zu steuern versuchen. Da ist zunächst einmal und hauptsächlich das eigene Ich: die eigenen Gedanken, Einfälle, Wünsche und Sehnsüchte, die das Verhalten beeinflussen.

Als Zweites wirkt in jedem Christen der heilige Geist: Er wirbt unablässig um den Menschen. Die Geister des Bösen aber wollen den Menschen von Gott abdrängen und auf ihre Seite ziehen und ins Verderben stürzen. Deswegen ruft uns der Apostel Petrus auf, stets wachsam zu sein: Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann (1 Petr 5,8). Im Einzelfall lässt sich oft nicht genau klären, inwieweit innere Impulse, die zur Sünde und zum Bösen verführen wollen, einzig unserem menschlichen Ich entspringen oder auch aus dem Wirken des bösen Geistes herrühren. Entscheidend ist letztlich, dass der Mensch den Verführungen zur Sünde nicht nachgibt, sondern sich vom Bösen abwendet und zu Gott hinwendet (Umkehr), indem er sich immer von Neuem dem Wirken des heiligen Geistes öffnet. Im Buch der Sprichwörter wird uns der Hinweis gegeben: Jeder meint, sein Verhalten sei fehlerfrei, doch der Herr prüft die Geister (Spr 16,2). Demnach können wir also nur mit den Augen des Herrn eine wirkliche Prüfung vollziehen. Johannes sagt uns: Traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind (1 Joh 4,1). Gemeint ist hier, was der Apostel Paulus uns im Thessalonicherbrief rät: Prüft alles, das Gute behaltet (1 Thess 5, 21). Diese Prüfung ist notwendig, weil nicht alles was uns gut scheint, auch wirklich gut ist. Benedikt von Nursia sagt dazu: Manche Wege scheinen am Anfang gut zu sein und führen doch in den Abgrund der Hölle. Stolz, Hochmut und Neugierde sind dabei Einfallstore, die unser Denken in falsche Bahnen lenken können. Aber auch der böse Feind kann von außen an uns herantreten, unsere Verstandeskraft und Willenskraft beeinflussen. Gern vermischt er
dabei Wahres mit Falschem, um die Sache schwer durchschaubar zu machen. Es ist nicht leicht, Täuschungen aufzudecken, gerade weil sie uns mit scheinbar guten Absichten begegnen. Der Mensch ist irrtumsfähig und der geistigen Verwirrung in der Welt ausgesetzt. Es bedarf deshalb einer sorgsamen Prüfung.

Die Behutsamkeit ist hier die Tochter der Demut: Seht zu, dass ihr vorsichtig handelt (Eph 5, 15). Geistliche Begleitung und ein intaktes Gebetsleben sind wesentliche Voraussetzungen, durch die ich höre, lerne und annehme, was in Gottes Augen gut und wahr ist. Gott kommt uns mit seiner Gnade immer wieder zu Hilfe. Sein Licht hilft uns zu unterscheiden, sein Wort hilft uns, das Gute zu erkennen und danach zu leben. Der Apostel Paulus nennt die Frucht des heiligen Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (Gal 5, 22). Die Unterscheidung der Geister kann nur mit Gottes Hilfe gelingen, der heilige Geist selbst muss uns helfen. Manchen Menschen schenkt der heilige Geist als besondere Begabung sogar ein eigenes Charisma der Unterscheidung der Geister (vgl. 1 Kor 12,10). Rufen wir daher im Gebet immer wieder den heiligen Geist an und bitten ihn um diese Fähigkeit. Im Folgenden werden grundlegende Regeln aufgeführt, die die persönliche Unterscheidungsfähigkeit verbessern und die geistlichen Sinne schärfen können. Ich richte mich nach einer Vorlage des geistlich erfahrenen Exerzitienmeisters Pater Hans Buob.

Der Geist Gottes

1. … verstößt nie gegen die Liebe

Was gegen die Liebe verstößt, kommt nicht von Gott, denn Gott ist die Liebe und jeder, der in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm (1. Joh. 16b). Darum ist auch das höchste Gebot, das Jesus uns gegeben hat, das Gebot der Liebe. Dort will er uns hinführen: zur Liebe, so wie er sie uns vorgelebt hat. Dazu braucht er unsere vertrauensvolle Zustimmung, unser bedingungsloses Ja in seine unendliche Güte und maßlose Barmherzigkeit. Gott respektiert unsere Freiheit. Er handelt nicht gegen unseren Willen. Er drängt sich niemandem auf, zwingt uns zu nichts und stülpt uns nichts über. Niemals droht er uns; immer sind wir ganz frei, zu seinen Angeboten auch Nein zu sagen. So sehr macht unser Herr sich von uns abhängig. Christus verpflichtet uns nicht, sondern wartet geduldig auf unser Ja. Ich stehe vor der Tür und klopfe an... (Off 3,20).

Die Geister der Verwirrung dagegen achten unsere Freiheit nicht, sie brechen einfach da ein, wo sie können. Der Teufel weiß die Schwäche der menschlichen Natur zu nutzen, um uns in Versuchung zu führen. „Satan und die bösen Geister missbrauchen eine jegliche Schwachstelle des Menschen – ob psychisch, physisch oder geistlich. Sie fragen nicht, ob sie das dürfen, sondern sie schlagen einfach zu, sobald sie eine Schwachstelle entdecken“ (Prof. Görres, München). Sie drängen, drohen, manipulieren, attackieren, missachten, verlocken und verführen. Richtgeist, Hass und Lieblosigkeit, Neid, Eifersucht, Streit, Rechthaberei und Besserwisserei sind Einfallstore des Bösen, die unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Der böse Geist will uns damit den Glauben an den Sinn des Liebeshandelns Gottes nehmen. Er will die Hoffnung auf Gnade und Erbarmen schwächen. Der Apostel Jakobus fordert uns darum auf: Widersteht dem Teufel, dann flieht er von euch!“(Jak 4,7).

Die Wüstenväter raten zu folgender Verhaltensregel zur Abwehr von Gedanken, Eingebungen und Einflüsterungen des Teufels: Halte aus! Lauf nicht weg! Beurteile weder dich noch richte die anderen! Vergleiche dich nicht mit anderen! Widerstehe jedem Rachegedanken! Mache dich nicht zum Maßstab für andere! Rede nicht ungefragt! Werde gelassen! Halte in allem Maß, auch in geistlichen Dingen! Verstehe deine Lebenszeit als tägliche Chance, die Gott dir schenkt!

 2. … schenkt Ruhe, Kraft und Sicherheit

Der heilige Geist erscheint nie forsch, fordernd oder ungeduldig. Er setzt niemals unter Druck durch Angst machende Drohungen oder überfordernde Leistungsansprüche! Echte prophetische Worte sind demütig und anbietend.

Schwieriger zu erkennen ist der Teufel, wenn er eine falsche Demut hervorruft, etwa indem er uns ständig an unsere Sünden erinnert, die wir begangen haben und uns unsere Unvollkommenheiten vor Augen stellt. Auf diese Weise erzeugt der Geist Verwirrung in uns und ein andauernd schlechtes, unruhiges Gewissen. Er bedrängt uns, stellt ultimative Forderungen, droht mit Strafen oder mahnt schlimme Versäumnisse an, so dass man nicht mehr in der „Freude am Herrn“ ist. Das führt auf Dauer zu Angst und Verzweiflung, zu Resignation und Lähmung („ich bring’s einfach nicht“; „bei mir ist Hopfen und Malz verloren“, „ich lass es lieber sein...“). Zuletzt werden wir dabei unfähig zur Umkehr.

Gott überfordert nie. Er nimmt mich so, wie ich bin. Er schaut nicht auf meine Verfehlungen und Mängel, sondern möchte mir den Frieden seiner Nähe schenken, egal, was ich falsch gemacht habe: Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. (1 Joh 3,19+20)

3. … führt einen einsichtigen Weg

Der heilige Geist gibt klare, verlässliche Anweisungen und entscheidet nie sprunghaft. Der einmal gegebene Anruf wird von außen und von innen immer wieder bestätigt und vertieft. Der Geist der Verwirrung dagegen wählt oft verworrene Wege, ist in seinen Anweisungen wechselhaft, unberechenbar und ändert seine Meinung. Dabei drückt er sich vielfach auch noch verwaschen und unklar aus, so dass es an verlässlicher Orientierung fehlt und eine andauernde Hab-acht-Stellung erzeugt im krampfhaften Bemühen, nichts falsch zu machen. Das erzeugt Angst und Abhängigkeit, die durch beständige Manipulation genährt wird. Ständig ist der oder die Betreffende in Hochspannung versetzt, den Willen Gottes zu erfassen und folgt dabei jedem Impuls ohne zu warten, ob ein weiteres Kriterium dazukommt oder eine Bestätigung von außen, die es sinnvoll erscheinen lassen, gerade diesen Weg zu gehen. Stattdessen kommt es immer wieder zu Spontanreaktionen, Abbrüchen und Sonderaktionen, die die persönliche Not vergrößern und ihre Mitmenschen irritieren.

4. … will keine Übertreibungen

 Der Geist der Verwirrung gibt oft unnatürliche und widersinnige Anweisungen, die den Menschen so in Beschlag nehmen, dass er häufig seinen eigentlichen Pflichten oder den normalen alltäglichen Aufgaben nicht mehr nachkommt. Hier wird das Gewissen (die Ansprechbarkeit und Bereitschaft, das Gute zu tun) missbraucht durch immer noch größere Forderungen, die zu der Person in keinem Verhältnis stehen. Die guten Werke entsprechen nicht mehr den äußeren Umständen, kommen zur falschen Zeit, am falschen Ort, betreffen die falschen Personen, werden ihrem Alter, Beruf und Stand nicht mehr gerecht. Wer unter diesen Einfluss gerät, wird keinen Frieden und keine Ruhe finden, mag er auch noch so sehr der Meinung sein, mit seinem religiösen Eifer Gott einen Dienst zu tun.

Der Teufel und seine bösen Geister stacheln auch die Menschen, die schon auf dem Weg der Heiligkeit sind, zur Übertreibung im Guten an. Was der Teufel nicht verhindern kann, versucht er zu übertreiben. Übereifer und Überforderung sind dem heiligen Geist fremd. Eine der vier großen Tugenden ist die Mäßigung; daher kommt auch das Wort Regelmäßigkeit. Demnach könnte man zum Beispiel sagen: mäßiges, aber regelmäßiges Beten bringt uns Gott näher als jeder Übereifer. Der Mensch verliert in der Übertreibung den Blick fürs rechte Maß, bis er sich überanstrengt und schließlich zusammenbricht. Burn-out kann eine Folge sein; die Persönlichkeit verbrennt sozusagen unter dem Druck ihrer heiligen Ansprüche und entwertet sich damit unentwegt selbst.

5. … lässt reifen und wachsen

Gottes Gnade knüpft immer an unserer Schwachheit an und verwandelt jedes seiner Kinder in einem langsamen Läuterungsprozess zu einem von göttlicher Liebe erfüllten Menschen. Nichts verändert sich auf Knopfdruck. Die Wunder, die Gott uns erleben lassen will, ereignen sich nicht so sehr in äußeren Ereignissen, sondern vor allem darin, dass sie uns die schwierigen äußeren Situationen des Alltags auf gute Weise bestehen lassen. Wir hätten gern, dass alles sich ganz schnell ändert, aber Gott lässt sich Zeit; er bewirkt unseren Umgestaltungsprozess langsam. Die göttliche Liebe lässt uns die Freiheit einzuwilligen in das, was Gott will, und Nein zu sagen zu allem, wasseiner Liebe widerspricht. Dazu lässt er uns Zeit und wartet auf uns.

Wir dürfen in unserem Leben ohne falsche Scham Rückschau halten, wo wir an Erfahrungen gereift und gewachsen sind in der Erkenntnis und Weisheit, die vom heiligen Geist kommt. Der Teufel und seine bösen Geister wecken Gefühle des Hochmuts, des Stolzes, der Eitelkeit, der Überheblichkeit, gerade auch bei guten Werken. Der heilige Geist sorgt dafür, dass der Mensch bei allem geistlichen Fortschritt, den er macht, nicht überheblich wird, sondern bescheiden bleibt. Der Demütige bleibt sich seiner Schwächen, Fehler und Sünden weiterhin bewusst und weiß, dass alle Tugend letztlich Früchte des heiligen Geistes sind und nicht Resultat eigener Anstrengung.

Die Bibel redet viel von Heiligung, aber Heiligung bedeutet nicht, dass ich an mir arbeite, sondern dass ich Gott mein Herz öffne, um seine Liebe anzunehmen, die Er in mich ausgießen möchte. Noch nicht einmal das kann ich aus eigener Kraft. Der erste Schritt besteht darin, dass ich meine Ohnmacht, meine Grenzen und meine Schwächen anerkenne und nichts anderes mehr sein will als ein Sünder, der Freude daran hat, ganz aus dem Erbarmen Gottes zu leben.

6. … gibt Anstöße zum Tätigwerden

Der Geist Gottes weckt in uns das Verlangen, ein williges Werkzeug in seinen Händen zu sein. Der Geist der Verwirrung dagegen lähmt unser Handeln, indem er zu neutralisieren versucht, was Gott von uns wünscht. Dabei verwendet er ganz bestimmte Taktiken. In meiner Arbeit erlebe ich es manchmal, dass der Feind mir einflüstert, dass das, was ich einem Menschen oder in einem Vortrag gesagt habe, nicht gut war und nicht dem entspricht, was der Vater im Himmel von mir wollte. Er versucht uns zu entmutigen mit dem Ziel, dass wir uns zurückziehen. Oder er sagt mir: Du warst heut wirklich gut! Du kannst echt stolz sein auf dich! ... Damit will er mich zum Hochmut verführen. Manchmal zeigt er sich auf die eine und manchmal auf die andere Weise. Wenn er mit keiner dieser Taktiken Erfolg hat, wird er noch andere Mittel anwenden, versuchen, Ängste hervorzurufen und Entzweiung zu provozieren, z. B. durch kleine Bemerkungen, die unsinnige Streitigkeiten oder ungute Reaktionen provozieren; kleine Missverständnisse, die Ärger hervorrufen...

Angesichts dieser Gefahren ist es wichtig, keine Zeit mit dem Widersacher zu verlieren, sondern den Blick fest auf den Vater gerichtet zu halten und seine Barmherzigkeit, seinen Frieden und seine Liebe zu betrachten. Dazu gehört der feste Entschluss, alles allein von ihm zu erwarten.

7. … macht hellhörig für die Sünde

Je mehr wir uns vom Geist Gottes leiten lassen, um so feinfühliger werden wir für unsere Sünden. Da kann es sein, dass Sünden, die wir früher nicht so ernst genommen haben, plötzlich stark und massiv vor uns stehen.

Der Geist der Verwirrung dagegen macht rechthaberisch, lieblos, verbittert und führt zur Verhärtung des Herzens. Dabei versucht er den Menschen so auf sich selbst hin zu verkrümmen, dass er sich nichts mehr sagen lassen will und in den eigenen Überzeugungen festgefahren bleibt. Die Ausrichtung auf andere Menschen und auf Gott geht verloren. Franz von Sales hat dies einmal treffend beschrieben: Den Nächsten klagen wir wegen des kleinsten Vergehens an, uns selbst aber entschuldigen wir bei der schwersten Verfehlung. Wir wollen recht teuer verkaufen und billig einkaufen. Für die anderen soll die strenge Gerechtigkeit gelten, für uns aber Barmherzigkeit und Nachsicht.

Eine regelmäßige Beichtpraxis lässt uns sensibler werden für unsere Schwächen und Neigungen. Denken wir nur an die vielen Lieblosigkeiten, die vielen von uns unmerklich passieren. Gott geht es nicht darum, uns durch Sündenerkenntnis das Gefühl der Schlechtigkeit zu vermitteln, sondern will uns in der Liebe wachsen lassen: „Wem viel vergeben ist, der liebt viel.“ Das alles geschieht aber nicht bedrängend, sondern Gottes Geist zeigt uns unsere Fehler und Schwächen so, dass wir uns gerne ändern wollen. Das ist befreiend. Wenn es dagegen bedrückend für mich ist, wenn mir Fehler bewusst werden – auch wenn es meine wirklichen Fehler sind – dann kommt das gewiss von der anderen Seite. „Der Teufel nimmt uns die Scham beim Sündigen, und gibt sie uns wieder beim Beichten“ (Pfarrer von Ars).

Der Geist Gottes gibt uns immer neuen Mut und neue Hoffnung – auch wenn wir völlig versagt hätten. Er hilft dem Menschen, seine Sünden mit wachem Auge anzuschauen und Scham, Schmerz und Reue zu empfinden. Aber er muss darüber nicht verzweifeln, sondern immer neu mit Entschlossenheit sein Herz zu Gott erheben und auf seine Barmherzigkeit vertrauen: Gottes Barmherzigkeit ist größer und mächtiger als das ganze Bündel menschlicher Sünden. Wahre Demut gibt Kraft zum Neubeginn durch Werke der Buße und der Wiedergutmachung. Der heilige Geist hilft dabei, er vermittelt den Beistand des Allmächtigen, von dem schon der Psalmist verkündet hat: Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben (Ps 91,3).

8. … führt zu Jesus hin

Gottes Geist führt zur Liebe zu Jesus. „Wer mich liebt“, so sagt Jesus selbst, wird von meinem Vater geliebt werden“, und: „Der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt habt (vgl. Joh 14,21+23; 16,27). Und „Wer mich liebt, dem werde ich mich offenbaren“ (vgl. Joh 14,21). Den wahren Jesus offenbaren nicht Intelligenz und Forscherdrang dem Menschen, sondern der Vater im Himmel (vgl. Mt 16,17), und der Vater offenbart ihn nicht den Neugierigen, sondern den Liebenden; nicht den Weisen und Klugen, sondern den Unmündigen (vgl. Mt 11,25).

Wenn mir als Kind etwas schwer fiel, pflegte meine Großmutter zu sagen: Sag Ja aus Liebe zu Jesus“– ein Gebet, das dem Wirken des heiligen Geistes Raum schafft. Nur wenn wir Jesus lieben, können wir auf sein Wort hören und seine Gebote halten. Er selbst hat gesagt: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“, und: „Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest (Joh 14,15+24). Das bedeutet, dass es ohne eine echte Liebe zu Jesus Christus nicht möglich ist, wirklich Christ zu sein, das heißt konkret, den radikalen Geboten und Forderungen des Evangeliums zu folgen. Und selbst wenn dies jemandem gelingen sollte, wäre es dennoch wertlos; ohne die Liebe würde es ihm nichts nützen. Selbst wenn er seinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, wäre es nichts nütze (vgl. 1 Kor 13,3). Ohne Liebe fehlt uns die Kraft zu handeln und zu gehorchen. Wer aber liebt, dem verleiht die Liebe Flügel und nichts scheint ihm unmöglich oder zu schwierig.

Der Geist Gottes verhilft zu der Sicht, dass ich voll und ganz, von Kopf bis Fuß, ein zutiefst von Gott geliebtes Wesen bin. Im Johannesevangelium heißt es, als Jesus vor seiner Passion den Jüngern die Füße wäscht und damit ein Beispiel seiner Art zu lieben gibt: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13,1b). Vollendung, das ist die Krönung von allem Bisherigen. Aber Vollendung ist keine Perfektion. An der Stelle müssen wir lernen, zwischen Vollkommenheit und Perfektion zu unterscheiden. Der Perfektionist ist bemüht, die Größe Gottes mit seiner eigenen Großartigkeit anzureichern. Der Vollkommene ist nicht perfekt, aber er lässt sich von Jesus die Füße waschen und widersteht dem Impuls des Widersachers, nicht würdig zu sein.

Die vollkommene Liebe schließt alles ein, was zu mir gehört: das Verständliche wie das Unverständliche, das ganze Leben, wie es war, das ganze Leben, wie es ist, das ganze Leben, wie es kommt. Nichts davon ist ausgeschlossen: die Brüche meines Lebens, die ich nicht heilen kann; Verletztes und Zerstörtes, das ich nicht tragen kann. Ich meinerseits kann nichts vollenden, ganz und gar nichts von dem, was im Leben wichtig ist. Jesus vollendet sein und unser Leben nicht in einem Kraftakt, sondern im Erweis seiner Liebe. Ich traue es ihm zu und vertraue darauf und vertraue mich und meine Mitmenschen ihm an. Er wird es vollenden auf seine Weise wie es in einem alten Gebet heißt: „Vollende, was du in uns begonnen hast.“ Das lässt uns getrost und mutig tun, was nötig ist. Und schenkt uns die Freude und Hoffnung, dass alles zu einem guten Ende kommt, weil Er es vollenden wird – auf seine Weise. Darum ist es wichtig, dass wir uns von Gott die Quellen unserer Freude zeigen lassen, aus denen wir leben können: Das Gebet, das Abendmahl, die Betrach Betrachtung der Heiligen Schrift, die Anbetung, der vertraute Umgang mit dem Dreieinigen Gott.

9. … führt zu Vergebung und Versöhnung

Andere anzuklagen ist leicht und wird auch gerne betrieben, nicht selten, um von sich selbst ein wenig abzulenken, um sich selbst sagen zu können: „Du bist halt ein bisschen besser als diese oder jener“. Leider ist es auch oft so, dass man gerne die eigene Sünde auf die anderen projiziert und sie ihnen zum Vorwurf macht. Zur Demut wird uns diese Haltung sicher nicht führen. Wir müssen zwischen der Sünde, die wir hassen sollen und dem Sünder, den wir um Christi Willen lieben sollen, unterscheiden. Der Ankläger unserer Brüder und Schwestern ist nicht Gott, sondern der Teufel, so können wir es in der Offenbarung des Johannes nachlesen (vgl. Offb 12,10), weil er uns nichts gönnt und uns abgrundtief hasst. Wer sich zum Ankläger gegenüber seinem Nächsten macht, verbündet sich unbewusst mit dem Teufel. Unsere Aufgabe ist es, für Menschen um Heilung und Rettung zu beten, nicht sie abzuurteilen. Gott selbst ist der Richter aller Menschen am Tag unseres Heimgangs und sein Urteil wird gerecht sein und barmherzig.

10. … führt ins Wesentliche

Das Wirken des heiligen Geistes führt immer auf Wesentliches hin. Er lehrt uns, unnütze Vorstellungen abzuwehren, unnütze Tätigkeiten und Reden zu meiden. Wir brauchen den Geist der Unterscheidung, um klar trennen zu können zwischen Wesentlichem und Dringlichem.

Die Geister der Verwirrung legen es darauf an, uns mit unnützen Beschäftigungen unsere kostbare Zeit zu stehlen. Sie versuchen, den Menschen vom Wesentlichen in seinem Leben abzulenken. So vergeudet der Mensch kostbare Lebenszeit, trifft Fehlentscheidungen, gerät auf Abwege und viel Gutes bleibt ungetan.

Der heilige Geist wird uns niemals ins Nebensächliche führen, sondern lenkt ins Wesentliche, damit wir das eigentliche Ziel unseres Lebens erreichen: ewiges Leben in der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott. In der Schrift heißt es: Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse! (Eph 5,15-16).

Der Kirchenvater Augustinus hat in seiner Auseinandersetzung mit Irrlehren einen dreifachen Satz aufgeschrieben, der für die Unterscheidung der Geister wesentlich ist: „Im wesentlichen Einheit, im zweitrangigen Freiheit, in allem aber Liebe.“

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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