Lebensbrücke Gotteswort

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Von Bo Giertz

Von versteinerten Herzen zum Fels des Glaubens

Der Hauptpastor stand am Rednerpult. Nach dem Gebet begann er zurückhaltend, als fürchte er, die Dämme würden gänzlich brechen, wenn er von der Leidenschaft, die ihn offensichtlich bis zum Bersten erfüllte, zu viel auf einmal freigäbe. Er ging von der Frage aus, wie Petrus seinen Heiland hatte verleugnen können. Auf dem Wege nach Gethsemane war er doch das schönste Muster von vollkommenem Gehorsam und ungeheuchelter Hingabe gewesen, das man sich wünschen konnte. Er war bereit gewesen, alles zu zerschlagen, um seines Meisters willen ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Da hatte Jesus etwas sehr Wunderliches gesagt: Wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder. Ganz, als wäre dieser begeisterte Jünger nicht einmal bekehrt!

 Was den Sünder gerecht macht…

In jener Nacht hatten Petrus und alle anderen Jünger erleben müssen, was alle ihre guten Vorsätze wert waren. Hätte es an ihrem Gehorsam gelegen und an ihrem Vermögen, Gottes Gebote zu erfüllen, so wären sie ewig verloren gewesen. Aber glücklicherweise gab es noch etwas mehr als Gott, Seele und Gehorsam: es gab einen Versöhner, der für seine unnützen Jünger starb. Und seine Versöhnung war das einzige, das etwas galt, wenn ein Sünder vor Gott gerecht werden sollte. In farbigen und drastischen Bildern begann er die Bekehrung zu malen: wie Gott das Rettungsseil auswirft und die Seele erreicht, die wie ein Boot stromabwärts auf den großen Wasserfall zutreibt, wie er sie zuerst auf den festen Boden des Wortes zieht, indem er den Menschen lehrt, in die Kirche zu gehen, zu beten und auf das Evangelium zu hören; wie er dann mit dem Wort seine Unarten beschneidet und ihn lehrt, die Sünde zu fliehen und nach Unsträflichkeit zu streben. Er fuhr mit immer größerer Lebhaftigkeit fort.

Dieser Kampf gegen die Sünde ist zu Beginn eine reine Freude für die erweckte Seele. Es ist, wie wenn der Eigenheimbesitzer anfängt, um sein neues Haus herum zu roden. Die Steine fliegen nur so, und der Spaten klingt in der Erde. Aber wenn der Mensch am Acker seines Herzens arbeitet, macht er allmählich die traurige Entdeckung, dass es mehr Steine werden, je tiefer er kommt. Er findet ständig neue Sünden bei sich, und sie lassen sich um so schwerer entfernen, je tiefer sie in seinem Innern sitzen.

Was schwer und was leicht abzulegen ist…

Mit dem Alkoholmissbrauch und den Flüchen und der Feiertagsnichtheiligung zu brechen, das ist an einem Abend möglich. Aber der Hochmut, die Lust von sich selber zu reden oder Fehler bei anderen zu finden, die sind nach dem harten Bußkampf vieler Monate immer noch da.

Eines Tages dann, wenn der Mensch mit der Sünde kämpft und auf dem Acker des Herzens Steine bricht, dass der Schweiß trieft, in der Hoffnung nun endlich die letzten Sündensteine loszuwerden und den Anfang ernstlichen Wachstums zu sehen, stösst er mit dem Spaten auf festes Gestein. Er geht umher, gräbt rundum, schrammt den Fels und versucht es aufs Neue. Da geht ihm die schreckliche Wahrheit auf: der ganze Untergrund ist aus Fels. Nun er Fuhre um Fuhre loser Steine herausgeholt und über den Zaun geworfen hat, hat er keinen Acker zustande gebracht, der anfangen kann, Frucht für Gott zu tragen; er hat eine Felsplatte aus Granit bloßgelegt, die nie, niemals einen nützlichen Baum tragen wird.

Das ist der Fels, der auch Sündenverderbnis Genannt wird. Es ist die verderbte Natur, die übrig bleibt, wenn der Mensch sich von allen seinen wissentlichen Sünden losgemacht hat. Der Fels im Herzen bewirkt, dass der Mensch der große Sünder vor Gott bleibt, auch nachdem er ihm alles gegeben hat, was ihm an Gehorsam und Hingabe zu Gebote steht.

Wenn der Mensch auf solchem Felsengrund steht, hat er drei Möglichkeiten, zwischen denen er wählen muss. Er kann im Unglauben weggehen wie Judas. Das führt zum Tode. Er kann bei der Arbeit des Rodens sich selbst betrügen wie die Pharisäer. Dann liest man die Steine aus, die von den Leuten gesehen werden. Man wird nüchtern, ehrlich und strebsam. Dann schafft man etwas Humus von eigener Gerechtigkeit heran und pflanzt solche Blumen, die einem selbst lieblich in die Nase duften: Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft, große Gaben in die Missionskollekte, eifrige Arbeit für das Reich Gottes, Zeugnis und Predigt oder vielleicht eine übermäßige Strenge im Essen und Trinken. Dann geht man unter seinen Blumen umher und findet, die Arbeit sei fertig. Aber für Gott liegt ja der Felsgrund bloß, und am Tage des Gerichts sind die Blumen längst verwelkt. Das ist die allergefährlichste Versuchung: mit dem Maßstab zu mogeln. Gott hat seinen heiligen Geist gesandt, um die Welt der Sünde zu überführen. Dieser heilige Geist wohnt im Wort. Jesus sagt ja selbst, dass die Worte, die er gesprochen hat, Geist sind, und die ganze Christenheit bekennt, dass die Bibel die Schöpfung des heiligen Geistes ist. Weicht man vom Wort, so wird man niemals der Sünde überführt, jedenfalls nicht der ganzen erschreckenden Tiefe der Sünde. Man stösst niemals auf den eigentlichen Fels. Es geht wie mit dem Bauern im Märchen, der eine Brücke bauen wollte und eine Leine als Maß mit in den Wald genommen hatte. Aber als er seine längsten Hölzer nachmaß, waren sie doch noch zu kurz. Da hieb er ein Stück von der Messleine ab und erklärte, die Hölzer seien lang genug. Auf dieselbe Weise betrügen sich die heiligsten und strengsten Eiferer des Gesetzes, wenn sie glauben, dass sie vor Gott kraft ihrer Gesetzeswerke einen einzigen Augenblick bestehen können. Sie haben ein Stück von dem Maß abgehauen. Sie haben sich eine eigene Messleine angeschafft, die wie ein Gummiband ist. Man nennt sie Gefühl oder Gewissen oder die eigene Erkenntnis des Willens Gottes. All das kann ausgedehnt oder zusammengezogen werden, bewusst oder unbewusst, so dass es überall passt.

 Was einen lehrt, recht zu unterscheiden…

Es gibt zwei unverkennbar sichere Zeichen, dass man das Maß gefälscht hat. Das eine ist, wenn man sich selbst, seine Taten und sein Leben so gut findet, dass man vor Gott bestehen kann; das andere ist, wenn man das Recht nennt, was Gottes Wort Unrecht nennt. Nur wer Gottes Wort recht gibt ohne zu markten, und es ganz und gar als Gottes Wort annimmt, stößt auf den harten Felsgrund und entdeckt der Sünde Gesetz, welches ist in den Gliedern. Nur dieser Mensch begreift, dass er nicht bloß Besserung nötig hat, sondern Rettung. Aber gerade dies: dass er begreift, er muss aus Gnaden gerettet werden, wenn er überhaupt gerettet werden soll, das ist ein Werk Gottes. Dahin wollte Gott die Seele führen, als er den Felsen bloßlegte.

Der Hauptpastor machte plötzlich einen Gedankensprung und fing an, von etwas ganz anderem zu reden.

Draußen vor Jerusalem liegt ein Felsen aus nacktem Stein, hart und hässlich wie ein Totenschädel. In diesem Felsen bohrte man vor langer Zeit ein Loch. Dort errichtete man ein Kreuz, und an dieses Kreuz hängten sie den Einzigen des Menschengeschlechts, der gerecht war und das Gesetz erfüllt hatte. Das ließ Gott geschehen, denn nachdem die Sünde bisher geblieben war unter göttlicher Geduld, wollte er nun doch zeigen, dass er gerecht ist, dass der Sünde Fluch und Strafe folgen und er sich mit dem Maßstab der Heiligkeit nicht betrügen lässt. Aber so wunderlich ist Gott, dass er den ganzen Fluch und die Strafe der Bosheit den Unschuldigen treffen ließ, der freiwillig in den Tod ging. Er ward ein Fluch für uns. So erkaufte er uns von dem Fluch des Gesetzes. Er ist für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Er hat unsere Sünden an seinem Leibe hinaufgetragen an das Holz, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

 Was uns auf Golgatha begegnet…

Darum ist der Felsen von Golgatha der heiligste Ort der ganzen Welt. Der Weg des Gehorsams führt bis an seinen Fuß. Da steht man als ein Stümper, ganz wie Petrus am Karfreitag voller Scham und Verzweiflung sah, wie sie den Herrn kreuzigten, dem er nicht hatte folgen können. Dort wird offenbar, dass des Herrn beste Jünger seiner unwürdig sind. Sie sind alle Verräter und Abtrünnige, mitschuldig an seinem Tod. Aber dort wird auch offenbar, dass der Herr selbst die Versöhnung ist für ihre Sünden. Wo der Weg des Gehorsams am Fuße von Golgatha mit dem Gericht über uns endigt, da darf jeder, der glaubt, auf den Felsen der Versöhnung treten. Dort beginnt der Gnadenweg, der neue, heilige Weg durch den Vorhang, der eröffnet ist durch Sein Blut. Der Felsgrund im Herzen braucht deshalb nicht der Grund zu einem Gericht über uns werden. Er kann mit Jesu Blut besprengt werden, wie der Felsen Golgatha an jenem Tage, als die Blutstropfen vom Kreuze fielen, aus einem Galgenberg zu einem Versöhnungsfelsen wurde. Da zeichnete Gott ein Kreuzzeichen über den argen Grund und machte den Menschen gerecht in Christus. Der ganze Felsgrund wird auf den Versöhnungsfelsen hinübergehoben und ruht auf ihm. Er bleibt harter Stein. Der Mensch, wie er an sich selber ist, bleibt seinem Wesen nach ein Sünder. Aber die Schuld ist gesühnt, der Fluch ist aufgehoben, freudig wie ein Kind kann er vor Gottes Angesicht treten, und in der Dankbarkeit für das Wunder der Versöhnung beginnt der Mensch zur Ehre seines Versöhners zu leben. Da kommen die Früchte des Glaubens hervor. Ein neues Erdreich hat sich über das Gestein im Herzen gelegt; das ist die gute Erde des Glaubens, die von der Gnade bewässert wird. Da fängt langsam etwas zu wachsen an, das vorher niemals keimen wollte. So konnte der abtrünnige Petrus, nachdem auch er die große Gnade empfangen hatte, die dem Schächer auf Golgatha zuteil wurde, ein Apostelfürst und ein Glaubenszeuge werden, der nicht mehr von seinem Glauben zeugte, sondern vom Erlöser, und der endlich freudig das äußerste Opfer brachte, das seines eigenen Lebens, das er nicht hatte bringen können, als er von seinen eigenen Vorsätzen und seiner eigenen Gerechtigkeit lebte.

Der Hauptpastor hielt einen Augenblick inne. Dann begann er eine neue Gedankenreihe. Es war zu merken, dass er aus dem Stegreif sprach.

 Was der Glaube vermag…

Der Felsgrund im Herzen und der Fels der Versöhnung auf Golgatha sind die beiden Felsen, an denen sich das Schicksal des Menschen entscheidet. Bleibt er auf dem Felsgrund, so ist er verloren. Aber vom Felsgrund zum Versöhnungsfelsen führt nur ein Weg, eine feste Steinbrücke, ein für allemal gebaut – das ist das Wort. Wie nur das göttliche Wort den Menschen der Sünde überführen und seine Seele bis auf den heiligen Grund hinab bloßlegen kann, so kann nichts anderes als das Wort die Wahrheit über den Versöhner offenbaren. Das äußere Wort ist ebenso unerlässlich für das Evangelium wie für das Gesetz. Kein ernstlich erweckter Mensch würde je an die Vergebung seiner Sünden glauben können, wenn nicht Gott eine Brücke zum Felsen der Versöhnung hinüber gebaut hätte, deren Pfeiler Taufe, Abendmahl und Lossprechung heißen und deren Bögen von dem heiligen Wort mit seiner Botschaft von der Versöhnung geschlagen sind. Auf dieser Brücke kann ein Sünder vom Felsen im Herzen zum Felsen der Versöhnung gelangen. Aber lässt man einen einzigen Brückenbogen einstürzen, so ist der Mensch auf ewig verurteilt, als ein verzweifelter Sünder oder ein selbstgerechter Pharisäer unter dem Fluch des Gesetzes zu bleiben.

Aus: „Und etliches fiel auf den Fels“, © SCM R. Brockhaus-Verlag, Witten

Von

  • Bo Giertz

    (1905 - 1998), schwedischer lutherischer Bischof von Göteborg und christlicher Schriftsteller.

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