Abschied vom alten Adam

Vor Gott heil und mündig werden

Mary Pytches

Loslassen und Eintauschen, beides geschieht das ganze Leben lang. Wie viele Kindertränen sind über das „Loslassen“ eines geliebten Spielzeugs oder vertrauter Orte vergossen worden, um Neues und Angemesseneres dafür zu erhalten. Diese Erfahrungen sind häufig begleitet von schmerzlichen Empfindungen wie Angst und Ungewissheit. Als ich nicht mehr mit meiner älteren Schwester zusammen in einem Bett schlafen sollte, hatte der Gedanke, meinen vertrauten Platz neben ihr aufzugeben, anfangs absolut nichts Anziehendes für mich. Das Loslassen war schmerzlich. Die unmittelbare Perspektive war das Alleinsein. Die Vorteile der neuen Regelung entdeckte ich erst nach und nach. Loslassen und Eintauschen sind unweigerlich Teile unseres Lebens. Zur Lebensübung werden sie dann, wenn wir beschließen, sie zum Erreichen eines bestimmten Zweckes einzusetzen. Und zur Lebensübung des Christseins werden sie, wenn wir beschließen, sie einzusetzen, um Gott zu gehorchen und Jesus ähnlicher zu werden. Das beginnt in dem Augenblick, in dem man Christ wird. Ohne uns dessen bewusst zu sein, nehmen wir den Kampf auf, alte Wege aufzugeben und neue zu erschließen. Am Anfang sind wir hoch motiviert, aber viel zu schnell erlahmen wir, wenn wir an die tieferen Schichten unseres Lebens und Wesens gelangen. Erst langsam begreifen wir, dass Gottes Wunsch für seine Kinder völliger Gehorsam und die ganze Abhängigkeit von ihm ist, genauso wie es bei Jesus sichtbar wurde. Das ist die Art von Reife und Mündigkeit, die Gott sich für uns wünscht. Voraussetzung für unsere Reife und Mündigkeit als Christen ist, dass wir unser altes Ich „ablegen“ und das neue Ich, das dazu geschaffen ist, wie Gott zu sein, „anziehen“. Ohne ein endgültiges Loslassen wird die erhoffte Veränderung nicht eintreten.

Biblische Vorbilder

Gott wartet unablässig darauf, dass Männer und Frauen aufhören, ihre eigenen Wege zu gehen und sich nach ihm ausstrecken, um Kraft, Befriedigung und Erfüllung zu erfahren. Er sagt zu ihnen: „Und ich dachte, du würdest mich dann ,lieber Vater’ nennen und nicht von mir weichen“ (Jer 3,19). Das Alte Testament ist voll von Gestalten, die die Lebensübung von „Loslassen und Eintauschen“ praktizierten. Noah verzichtet auf seinen guten Ruf, baut trotz heftiger und höhnischer Kritik die Arche und tauscht so den Tod gegen das Leben ein. Abraham verlässt die Sicherheit seines Zuhauses und seines Vaterlandes und tauscht das alles gegen die Unsicherheit des Gelobten Landes. Mose gibt seine privilegierte Stellung am Hofe des Pharao auf, um sich mit einem Haufen Sklaven zusammenzutun. Auch das Neue Testament fordert immer wieder dazu heraus, die alten Lebensmuster aufzugeben und gegen neue, gottgefällige einzutauschen. Die Christen von Ephesus weist Paulus an: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem trügerischen Wandel, der sich durch trügerische Begierden zu Grunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,22-24). In seinem Brief an die Christen von Kolossä drängt er sie, streng mit den alten fleischlichen Verhaltensmustern ins Gericht zu gehen. Sie sollen diese alten Gewohnheiten aufgeben und ein neues Ich anziehen, nach dem Ebenbild dessen, der sie geschaffen hat (Kol 3,5.10). Gott möchte die innersten Bedürfnisse seiner Kinder befriedigen, unsere Zerbrochenheit heilen, unsere Leere ausfüllen und uns unsere Einsamkeit nehmen. Aber solange wir Zeit, Mühe und Geld verplempern, um alle möglichen Wege zur Befriedigung dieses Bedürfnisses auszuprobieren, kann er nur warten. Hinter unserem üblichen Verhalten steht ja das Ziel, unseren inneren Schmerz zu verringern und dafür zu sorgen, dass wir uns besser fühlen. Sie bewirken auf lange Sicht nichts anderes, als dass uns durch sie das Beste, was Gott uns geben will, vorenthalten bleibt. Wenn wir heil und mündig werden wollen, dann müssen solche Praktiken entlarvt werden. Aber bevor man seine Überlebensausrüstung ablegen kann, muss man sie mit all ihren verschiedenen Tarnungen erst einmal identifizieren.

Kontrolle

Es ist für jeden Menschen irritierend, wenn er die Kontrolle verliert. Wir alle haben unsere täglichen Rituale, die uns das Gefühl von Sicherheit vermitteln, so dass wir ein gewisses Maß an Macht über unser Leben haben. Es gibt jedoch Menschen, die sich nur dann sicher fühlen, wenn es ihnen gelingt, alles im Griff zu haben. Oft sind das sehr disziplinierte Menschen, die ihre Umgebung und ihr Leben mit kleinen Regeln und Vorschriften managen. Solche Menschen erscheinen zu Verabredungen gern fünf Minuten zu früh und zwanghaftes Aufräumen und Putzen verringert ihr Unsicherheitsgefühl. Viele Magersüchtige gehören in diese Kategorie. Wo das Körpergewicht durch Hungern so drastisch kontrolliert wird, ist immer die Furcht vor Kontrollverlust im Spiel – zumindest zeitweilig.

… von anderen

Es gibt Menschen, die sowohl ihre Umgebung als auch andere Menschen von einer Führungsposition aus kontrollieren. Für sie ist es bedrohlich, Aufgaben zu delegieren, deshalb müssen sie alles selbst machen. Solche Menschen sind sich ihres Wertes nur dann sicher, wenn sie das Sagen haben. Andere haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, wenn sie in der Rolle des Nehmenden statt des Gebenden sind. Das Annehmen vermittelt ihnen ein Gefühl der Unsicherheit und Verletzbarkeit. Sie wollen lieber die Gebenden sein.

… durch negatives Selbstgespräch

Ein Mensch, dem es schwerfällt, sich auf Beziehungen einzulassen, kontrolliert manchmal sein Bedürfnis danach, indem er pessimistischen Gedanken nachgeht. „Er wird mich sowieso im Stich lassen, wenn ich mich auf ihn verlasse.“ Oder: „Sie wird mich verschlingen und wie eine Klette an mir kleben.“ Wieder ein anderer kontrolliert seine Angst vor Ablehnung vielleicht, indem er versucht, jedem zu gefallen. „Sie werden mich nur mögen, wenn sie mich brauchen.“ Solche negativen Gedanken verhindern Verhaltensänderungen und fesseln uns an ungute Lebensweisen. Sie sind uns oft nicht einmal bewusst.

 … durch Wichtigsein

Ein weiteres menschliches Grundbedürfnis ist, anderen Menschen wichtig zu sein. Das wird häufig befriedigt, indem man sich selber einen Namen macht. Der verlorene Sohn war im fernen Land vielleicht unter einem Namen bekannt, der ihm eine ganz spezielle Identität zuordnete: „der Spieler“ oder „der Waghalsige“. Als er wieder nach Hause zurückkam, erhielt er seine wahre Identität zurück als der geliebte Sohn seines Vaters. Es ist jedem Menschen ein tiefes Bedürfnis, anderen wichtig zu sein. Wir brauchen die Liebe und die Aufmerksamkeit anderer. Oft tun wir so, als ob dieses Bedürfnis nur befriedigt werden kann, wenn wir eine ganz bestimmte Identität annehmen. Bei einer „Opfer-Identität“ versuchen Menschen, andere zu manipulieren, sie in ihrer Rolle zu bestätigen: „Seht ihr, ich bin wirklich ein Opfer.“ Auf diese Weise sorgt das „abgelehnte Kind“ dafür, dass es von anderen abgelehnt wird, und versucht so zu beweisen, dass die angenommene Identität die eigentlich wahre ist. Das „Opfer“ selbst glaubt wirklich, dass es ständig von anderen zum Opfer gemacht wird. Andere sind „der nette Junge“, „der Retter“, „der Ratgeber“, „der Workaholic“, „der Perfektionist“, „der Sportsmann“ oder „der Hypochonder“. Jede dieser Personen lebt die selbst gewählte Identität, um die Angst zu mindern, ein Niemand zu sein. Solange das nicht abgelegt wird, kann er oder sie seine/ihre neue Identität nicht ergreifen und nicht das geliebte Kind Gottes werden.

… als falsches Ich

Für manche unglücklichen Kinder sind starke Bollwerke ihre Überlebensausrüstung, eine Frage von Leben oder Tod. Das gilt speziell für Kinder, die ein hohes Maß an Beschämung erlitten haben. Solche Kinder glauben, widerlich, ein Versehen, auf jeden Fall aber unannehmbar zu sein. Die Folge ist, dass sie unbewusst eine komplexe Struktur um sich her errichten, um das jetzt auf Scham beruhende innere Selbst zu verstecken. Beschämung ist eine Art Seelenmord. Scham ist totale Selbstablehnung. Sie ist deutlich von Schuld zu unterscheiden. Schuld sagt: Ich habe etwas falsch gemacht. Scham sagt: Mit mir ist etwas falsch. Schuld sagt: Was ich getan habe, ist nicht gut. Scham sagt: Ich bin nicht gut. Keiner kann mit solchen Empfindungen des Ekels vor seinem wahren Selbst leben. Um zu überleben, schafft er sich ein Gespinst von Illusionen, damit niemand die Wahrheit ahnt. Das falsche Selbst hat keine Ähnlichkeit mit dem schamvollen inneren Selbst. Es wirkt nach außen möglicherweise fähig, kompetent und optimistisch, aber die Wahrheit darf niemand erfahren. Dieses falsche Selbst blockiert unser Wachstum und muss als das betrachtet werden, was es ist, eine Abwehr gegen die tiefere Erfahrung unseres wahren Lebens. Ich bin einmal einem Mann begegnet, der fast immer den liebenswerten Clown spielte. Jeder Versuch, einen Blick hinter seine Maske zu werfen, wurde mit einem weiteren Witz quittiert. Manchmal, in Augenblicken der Unachtsamkeit, hörte der unablässige Tanz der Heiterkeit in seinen Augen auf und sein Blick wurde erschreckend leer. Ich fragte mich, was für ein Schmerz es erforderlich machte, ein solches falsches Ich aufrechtzuerhalten.

… durch Abhängigkeit

Bei der vielleicht häufigsten Methode, unsere Ängste unter Kontrolle zu halten, bedienen wir uns anderer Menschen. Die meisten von uns haben ganz normale Abhängigkeitsbedürfnisse. Sie dürfen aber nicht unsere Aktivitäten bestimmen oder unser Denken beherrschen. Wir sollten in der Lage sein, sie je nach Situation zum Ausdruck zu bringen oder zu kontrollieren.

… durch die Weigerung zu vergeben

Eine andere Form des Selbstschutzes ist die Weigerung zu vergeben. Zorn und Bitterkeit schützen uns vor der Tiefe unseres Schmerzes. Wir haben Angst, dass wir schutzlos weiteren Verletzungen ausgeliefert sind, wenn wir vergeben. Verletzungen aus der Vergangenheit kleben zäh an uns. Jede Erinnerung an diese Verletzungen entfacht erneut den Schmerz. Wenn Menschen, die uns viel bedeuten und die von sich behaupten, dass ihnen viel an uns liegt, uns durch egoistisches oder gedankenloses Verhalten weh tun, dann ist es schwer, diese Verletzung zu vergeben. Normalerweise können wir vergeben, wenn der andere sein Fehlverhalten eingesteht und uns um Verzeihung bittet. Aber sehr oft ist es so, dass der andere gar nicht weiß, welchen Schaden er angerichtet hat und nicht auf die Idee kommt, uns um Verzeihung zu bitten. Dennoch besteht Jesus darauf, dass diejenigen, die ihm folgen, allen vergeben, die gegen sie gesündigt haben. Vergeben bedeutet, seine Vorbehalte gegen jemanden aufzugeben, eine Schuld abzuschreiben. Wie kann ich das? Der erste Schritt in diesem Prozess ist das Eingestehen des eigenen Verletztseins und der schmerzlichen Empfindungen. Ein junges Mädchen, das als Kind von seinem Vater sexuell missbraucht worden war, hatte seine Gefühle zunächst sehr oft und sehr emotional in Anwesenheit ihrer Seelsorgerin zum Ausdruck gebracht, bevor sie den Wunsch aufgeben konnte, den Vater zu bestrafen. Seine negativen Empfindungen auszudrücken ist offenbar ein wesentlicher Teil des Heilungsprozesses, aber von einem bestimmten Punkt an muss der Vergebungsprozess beginnen. Vergebung zu verweigern ist eine Methode, den Täter zu bestrafen. Wenn wir anderen vergeben, was sie uns angetan haben, dann verzichten wir auf das Recht zu bestrafen. Wir übertragen das Gericht an Gott. Die Geschichte vom Schalksknecht endet damit, dass er im Gefängnis Qualen leidet, weil er nicht bereit ist, seinem Schuldner die Schulden zu erlassen. Jesus schließt die Geschichte ab mit den schrecklichen Worten: „So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder“ (Mt 18,35). Wenn wir an unserer Bitterkeit und Ablehnung festhalten, bleiben wir an sie gebunden und sie hindern uns an der Fortsetzung unserer Reise. Die „Quälgeister“ erscheinen dann in Form körperlicher Erkrankungen, seelischer Schmerzen und geistlichem Stillstand. Es kann auch sehr schwer sein, uns selbst zu vergeben. Statt dessen leben wir mit ständigen Schuldgefühlen. Die Weigerung, uns selbst zu vergeben, ist eine Methode, uns selbst für unsere Sünde bezahlen zu lassen. Wir bestrafen uns selbst und damit bestreiten wir, dass das Opfer Jesu am Kreuz für uns ausreicht. Daraus entstehen dann Selbstverdammung und Selbstmitleid. Bevor der verlorene Sohn die Wärme des väterlichen Willkommens und das wunderbare Fest anlässlich seiner Heimkehr erleben durfte, musste er zunächst das ferne Land verlassen. Schaffen wir es, unsere alte Überlebensausrüstung aufzugeben und dem Vater mit leeren Händen entgegenzutreten?

Konkrete Schritte

Wenn wir versuchen, die alte Überlebensausrüstung abzulegen, werden wir mehrere Phasen in diesem Prozess durchlaufen.

• Eingeständnis

Bevor wir uns in Richtung Reife und Mündigkeit bewegen, muss es eine Art Geistesblitz geben, in dem wir alles ganz klar sehen. Das geschieht auf sehr unterschiedliche Weise. Vielleicht wird uns bewusst, dass unserem Leben eine Richtung fehlt. Es kann die plötzliche Erkenntnis sein, dass alle Ziele, die wir verfolgen, rein egoistisch sind. Vielleicht befinden wir uns auch in einer lebensbedrohlichen Krise. In ihrem Buch „Puppet on a String“ (Marionette) beschreibt Helena Wilkinson ihren Kampf gegen die Magersucht. Eines nachts kam es im Krankenhaus zu einer einschneidenden Krise. „Es fühlte sich an, als würde das bisschen Leben, das noch in mir war, aus meinem Körper herausgesogen, als griffen die Hände des Todes nach mir. Ich hatte keine Kraft mehr zu kämpfen, keinen Lebenswillen mehr. Alles, was ich noch tun konnte, war, Gott zu bitten, dass sein Wille für mich geschehen möge. In diesem Augenblick übergab ich ihm das bisschen Leben, das noch übrig war, und sagte: ,Herr, wenn du willst, dass ich sterbe, dann werde ich sterben, aber wenn du willst, dass ich lebe, dann gib mir den Mut, gegen diese Krankheit zu kämpfen und zu leben.’“ Von da an setzte eine stetige Besserung ein. Helena hatte eine lange, beschwerliche Reise vor sich, aber sie begann mit einer erschreckenden Einsicht.

• Umkehr

Buße bedeutet, wie der verlorene Sohn einzugestehen: „Ich habe gesündigt. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und habe Gott verlassen. Ich habe versucht, meine Bedürfnisse auf meine Weise zu befriedigen.“ Häufig umgehen wir die Notwendigkeit wirklicher Buße für unsere gottlosen Einstellungen und egoistischen Ziele. Wir hoffen, dass Heilung ohne diesen schmerzlichen Prozess geschieht. Aber Buße ist grundlegend für die Heilung des Christen. Seelsorger dürfen die Notwendigkeit der Buße nicht verschweigen. Leanne Payne beschreibt den Irrtum, dem so viele Christen im Seelsorgedienst aufgesessen sind. Sie nennt es „Psychologisieren des Evangeliums“: „Weil er nur an die emotionalen Bedürfnisse und deren Befriedigung denkt, vergisst der Geistliche von heute oft, die Gegenwart Gottes wachzurufen und für den Menschen in Not die Gnade der Buße zu erbitten. Er vernachlässigt damit die Heilung an der Wurzel, von der jeder weitere Prozess ausgeht... Ein christlicher Seelsorger zu sein bedeutet, die Menschen in Not zu einer radikalen und vollständigen Umkehr aufzurufen und dann in der Vollmacht des Heiligen Geistes die Vergebung so zu verkünden, dass der Betroffene sie auch annehmen und empfangen kann.“

• Kampf und Risiko

Kummer über die eigenen Sünden erleichtert die Veränderung. Wenn die Überzeugung wächst, dass man nicht in Gottes Ordnungen lebt, wächst auch der Wunsch, sich zu ändern. Aber der Kampf, das Alte loszulassen und das Neue zu ergreifen, ist immer Bestandteil dieser Lebensübung. Ein Teil des Kampfes besteht darin, sich dem inneren Schmerz zu stellen und darauf zu warten, dass Gott uns rettet. Der einzige Weg, je zu entdecken, ob Gott in der Lage ist, unsere tiefsten Bedürfnisse zu erfüllen, besteht darin, auf unsere normalen Fluchtwege zu verzichten, die Leere, den Schmerz, die Panik zu riskieren und ihm genau darin zu begegnen. Der Psalmist sagt: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?... Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da“ (Ps 139,7-8). Eine zur Gewohnheit gewordene Identität abzulegen ist keine leichte Aufgabe. Ich habe mein ganzes Leben lang ein starkes Ich-brauche-niemanden-Image angestrebt. Das abzulegen hat viel Zeit und Mühe gekostet. Zuerst musste ich akzeptieren, dass diese Haltung überhaupt da war, dann musste ich herausfinden, was sie bedeutete. Sie war meine Methode, mein Bedürfnis nach Wert zu stillen. Ich brauchte Freunde, die mir halfen, die Wurzeln dieser Identität zu entwirren, und ebenso ihr Gebet, um die irrationale Überzeugung, dass es das Beste ist, niemanden zu brauchen, loslassen zu können. Nachdem ich das alles getan hatte, blieb immer noch die Aufgabe, die alten Verhaltensmuster abzulegen und sie für etwas einzutauschen, das Jesus ähnlicher war. Fast täglich habe ich die Wahl zwischen meiner alten Identität, die nichts an sich heran lässt, und der neuen, die offener und verletzlicher ist, mich menschlicher und nahbarer macht. Früher oder später müssen unsere Kämpfe von einem Glaubensakt begleitet sein, wenn wir das Vertraute aufgeben und bereit sind, ein Risiko einzugehen wie auch der verlorene Sohn. Es wäre ja möglich gewesen, dass sein Vater ihn gar nicht wieder aufgenommen hätte. Alles, woran er sich festhalten konnte, war die Erinnerung an einen großzügigen und barmherzigen Vater. Darauf musste er vertrauen.

• Balance halten

Aber auch das Balancehalten gehört zu dieser Lebensübung. Die Gefahr von Überreaktionen ist gegeben. Der unflexible und kontrollierende Erwachsene muss freier werden, aber nicht so, dass er die normalen Verantwortlichkeiten des Alltags dabei vernachlässigt. Der unabhängige, starke Mensch muss Schwäche und Abhängigkeit zulassen können. Vielleicht wird er mal starke Abhängigkeitsbedürfnisse haben und im nächsten Moment völlig umschwenken und solche Gefühle abstreiten. Wir brauchen Hilfe von Freunden und ganz sicher Hilfe von Gott.

• Gott anbeten

Mit Gottes Hilfe schaffen wir es, unsere Überlebensausrüstungen abzulegen und unsere nur auf uns selbst ausgerichteten Ziele aufzugeben. „Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht“ (Ps 118,6-7). Loslassen dauert manchmal schmerzlich lange, manchmal gelingt es schnell, aber fest steht, dass wir es nicht allein schaffen. Jesus wusste das, als er seinen Jüngern einen anderen Ratgeber versprach: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit... Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Joh 14,16.27). Gott wird die gebrochenen Herzen heilen, die leeren Räume ausfüllen und die tiefsten Sehnsüchte stillen. Wir haben einmal mit einem Mann gebetet, der als Kind auf ganz schreckliche Weise beschämt worden war. Immer wenn wir in seine Nähe kamen, um mit ihm und über ihm zu beten, kauerte er auf seinem Stuhl und rollte sich zusammen, als wolle er verhindern, dass wir sein inneres Ich sehen. Eines Tages beteten wir spontan anders, wir beteten Gott an und priesen ihn. Nach und nach stimmte er ein und wir beteten Gott gemeinsam an. Der Raum schien mit der Herrlichkeit Gottes erfüllt zu sein. Als wir dann aufblickten, saß unser Freund völlig aufrecht mit erhobenen Händen da. Wenn wir uns auf Gott ausrichten und konzentrieren, dann fängt unsere Heilung an und wir brauchen den Schutz der „Überlebensausrüstung“ oder des falschen Selbst nicht mehr. Der verlorene Sohn verließ das ferne fremde Land und tauschte es gegen die Gegenwart des Vaters ein. Dieses Eintauschen ist die Grundlage für unsere letzte Lebensübung. Wenn wir die Gegenwart Gottes feiern, werden wir heil.

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