Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir sie brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.

Dietrich Bonhoeffer

Liebe Mitchristen,

Noch nie hat es auf unserer Erde so viele Flüchtlinge gegeben wie heute. Die Ursachen für die Flucht sind unterschiedlich. Doch allen Flüchtlingen ist eines gemeinsam: Sie lassen Vertrautes zurück. Sie müssen sich von Liebgewordenen trennen. Sie erleiden großen Verlust. Sie verlieren Heimat: Häuser, Freunde, Nachbarn, samt ihren Zukunftentwürfen und Hoffnungen. Viele können nur ihr nacktes Leben und das ihrer engsten Angehörigen retten. Zu vielen gelingt nicht einmal das. Die Berichte über die im Mittelmeer Ertrunkenen sind erschütternd. Die Überlebenden – die ja in den Ankunftsländern so gut wie nie willkommen sind – müssen mit diesen Verlusten weiterleben. Neben den tiefgehenden Abschiedsschmerzen quält sie die bange Frage, ob sie es schaffen, in der Fremde ein würdiges Leben aufzubauen. Ihr Schicksal führt uns drastisch vor Augen, was jeder Mensch während seines Lebens zu lernen hat.

Abschiedliche Existenz – so nennt das die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast in ihrem Buch Trauern, inzwischen schon ein Klassiker der Trauerliteratur. Sie schreibt, der Tod rage in Gestalt der ständigen Veränderung in unser Leben hinein: „Wir müssen immer bereit sein, Abschied zu nehmen, uns zu verändern, und auch immer bereit sein, unsere Geschichte als Geschichte von unendlich vielen Veränderungen in uns aufleuchten zu lassen, als die Ausfaltung unserer Identität. Der Tod ..., dieser Extremfall des Verlustes, kann uns den Blick schärfen für unsere alltäglicheren Begegnungen mit dem Tod, sei es, dass wir uns verändern müssen, sei es, dass wir Verluste hinnehmen müssen. Der Tod ist nicht ein einmaliges Ereignis, er ragt schon immer ins Leben hinein, fordert immer schon Veränderung. Die abschiedliche Existenz ist die Antwort darauf.“

Doch Scheiden tut weh! Trennung geht nie schmerzlos. Selbst das Loslassen von Altgewohntem, um frei zu sein für Neues, kann sehr schwer werden. Jede Trauer dabei braucht Raum und Zeit und Ausdrucksmöglichkeiten. An der „Emotion der Trauer ... können wir gesunden, denn sie bewirkt Verwandlung ..., aber der Preis der Wandlung ist die Trennung, der Verlust“ (V. Kast).

Das gilt für die vielen natürlichen Trennungs- und Ablösesituationen: Wenn ein Kind seine liebgewordene Kindergartengruppe verlässt und eingeschult wird; beim Verlassenwerden durch das Weggehen eines Partners; beim Ablösen vom Elternhaus; beim Loslassen der erwachsenen Kinder usw. Immer wird etwas zurückgelassen. So aber werden Herz und Hände frei für etwas Neues.

Jesus bereitet seine zwölf Freunde und Jünger auf seinen Tod, auf den Verlust und die Wandlung vor. Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich ... ich gehe, euch die Wohnung vorzubereiten (Joh.14,1+2). In seiner Abschiedsrede entfaltet er weiter, in welche Trauer sie geraten werden, mit welchen dramatischen Verlusten sie zu rechnen haben (Joh.16,1-3). Dann benutzt er ein Bild, in dem Schmerz und Freude ganz eng miteinander verwoben sind, um die Verwandlung der Trauer in Freude anschaulich zu machen, die schmerzhaften Geburtsstunden: doch wenn das Kind geboren ist, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen (Joh 21-22). Schmerz und Trauer werden ernstgenommen, das Verlorene wird nicht ersetzt. Doch der Traurigkeit folgt neues Leben.

Das memento mori, die „abschiedliche Existenz“ kann uns sehr harte Lebenslektionen aufgeben. Doch die Aussicht zeigt: bei Gott ist Leid nie das letzte! Die Beiträge in dieser Ausgabe behandeln die unterschiedlichen Situationen und Aspekte des Loslassens, des Verlustes und des Sich-Neu-Ausrichtens. Aus ganz aktuellem Anlass haben wir gerne den Kommentar von Dominik Klenk zu den neuesten Auslassungen von Richard Dawkins nachgedruckt.

Mit herzlichen Grüßen – auch im Namen des ganzen Redaktionsteams

Maria Kaißling,

Greifswald, den 15. September 2014

NEU im September 2014

Uwe Schulz

Nur noch eine Tür

Letzte Gespräche an der
Schwelle des Todes, ca. 12.99 €

fontis-Verlag, Basel

Einen der unvermeidlichen Verluste bringt der Tod. Gleichzeitig ist der Tod einer der größten Tabus der Gegenwart. Und der Umgang mit ihm bleibt ambivalent.

Längst ist der Tod spektakulärer Teil der Alltagskultur im Abendkrimi, andererseits scheint er sich mehr und mehr vereinzelt und unsichtbar in einer Parallelwelt zu ereignen: in Krankenbetten, auf Palliativstationen und in Hospizen.

Das Buch des Journalisten Uwe Schulz konfrontiert uns mit den Fragen, die der Tod an uns richtet: Was kommt danach? Worauf darf der Sterbende hoffen?

In zwölf Gesprächen mit Sterbenden antworten Menschen existenziell, weil sie im Angesicht des Todes sprechen. Es sind Sterbende und Sterbebegleiter, Glaubende, Agnostiker und Zweifler, die Auskunft geben zu dem, was sie bewegt. Dabei kommt der Eindruck auf, als hätten es diejenigen, die glauben, deutlich einfacher. Sie gehen gelassener und getragener ans Sterben heran. „Nur noch eine Tür“ ist ein berührendes und tiefsinniges Lesebuch, das Sterbenden und deren Angehörigen auch Worte leihen kann und so ein existenzielles Thema nahe heran holt, dass manchmal schwer anzusprechen ist.

Dominik Klenk

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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