Der Trauer Räume geben

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Abschied ist ein langer Weg

Birte Undeutsch befragt Gudrun Ruben

Ist Abschied ein Begriff, mit dem du etwas anfangen kannst?

Ich habe früh gelernt, mit Abschied umzugehen, denn ich bin schon als Baby, relativ bald nach der Geburt, zu meiner Großmutter gekommen. Meine Mutter musste arbeiten, sie hat den Familienunterhalt gesichert. Ich hätte keine schönere Kindheit haben können, aber natürlich bin ich von meiner leiblichen Mutter getrennt worden. Eigentlich habe ich drei Mütter, eine leibliche und ihre Schwestern, meine Tanten, die mich über alle Maßen geliebt haben. Ihr ganzes Leben lang waren sie für mich und meine Familie da. Sie haben mir immer gezeigt, dass sie mich lieben, dass ich etwas Besonderes für sie bin. Sie haben mich mit Liebe versorgt und darin auch meinen Mann und unsere Kinder eingeschlossen. Es war schwer, als die beiden Tanten dann nur wenige Jahre nach dem Tod meiner Mutter und innerhalb weniger Wochen Abstand gestorben sind. Von der einen konnte ich mich noch nach langer Pflege verabschieden, die andere starb rasch nach einem Schlaganfall. Das war viel, viel zu schnell.

Du musstest dich dann noch ganz anders mit dem Thema Abschied auseinandersetzen.

Als ich fünfzig wurde, musste ich an ganz vielen Stellen gleichzeitig Abschied nehmen. Es war ein dramatisches Jahr, in dem alles auf den Kopf gestellt wurde, was ich bisher gelebt hatte. Meine drei Kinder verließen das Haus, mein Sohn zum Studium, eine Tochter zog für ihre Ausbildung weit weg, die zweite musste längerfristig in eine Klinik und ich wusste nicht, ob sie zurückkommen würde. Dann starb meine Mutter, nachdem sie schon ein Jahr ein Pflegefall gewesen war. Monatelang war ich regelmäßig weit zu ihr gefahren, denn ich wollte und musste für sie da sein. Ich war viele Jahre aus ganzem Herzen Familienfrau in einem Haus voller Menschen. Als dann innerhalb eines Vierteljahres aus einem belebten Haushalt mit allem Drum und Dran eine leere Wohnung wurde, kostete es mich sehr viel Kraft, meine Kinder fehlten mir einfach ganz furchtbar, mal mehr der eine, dann die andere. Aber dann fällt mir auch wieder ein, dass es meine Aufgabe ist, sie gehen zu lassen und zwar mit meiner ganzen Liebe gehen zu lassen. Zurück blieben mein Mann, der jedoch den ganzen Tag über seinen Beruf ausübte, und ich. Diese Vielzahl von Abschieden hätte ich mir so niemals gelegt. Ich hatte mir nie Gedanken deswegen gemacht, dass meine Kinder mal gehen könnten, obwohl ich es natürlich irgendwo wusste. Ich hatte auch keine Vorstellung davon, was das oder der Tod meiner Mutter und meiner Tanten mit mir machen würde. So viel Abschied auf einmal. Die Grenzen meiner inneren und äußeren Kraft wurden in diesem Jahr fast gesprengt.

Welche Auswirkungen hat das auf das heutige Verhältnis zu deinen Kindern?

Ich wollte immer eine gute Tochter sein, in unserer Familie hatte das „Dasein“ füreinander immer einen großen Wert. Immer wollte ich lieb und gut sein. Niemals hätte ich mir erlaubt, meiner Mutter mit Härte oder auch nur mit klaren Grenzen zu begegnen. Als meine Kinder mir dann Grenzen gesetzt haben, gesagt haben, Mama, es gibt Bereiche, da hast du dich nicht einzumischen, war das sehr schwer für mich. Es war ein langer Prozess, bis ich ermessen konnte, was es für den anderen bedeutet, wenn ich ihn so sehr einbinde, dass die Grenzen sich auflösen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Kinder mir heute ausnahmslos mit großer Liebe begegnen, und das in großer Freiheit. Wenn ich von einem mal drei Wochen lang nichts höre, weiß ich, dass das nicht bedeutet, es liebt mich nicht, sondern es passt für ihn gerade nicht. Das will ich aushalten. Mir bleibt ja immer das Gebet für meine erwachsenen Kinder. In Bayern hört man oft ein „behüt dich Gott“. Das ist für mich mehr als eine Floskel. Die Verantwortung, die ich als Mutter immer noch spüre, kann ich weitergeben in gute, in bessere Hände. Jetzt sind meine Kinder über die ganze Republik verteilt und über ihre Partner schaut die halbe Welt zu uns herein. Das ist auch etwas sehr Schönes. Offen gegenüber dem Neuen zu sein, Gastfreundschaft zu leben bedeutet mir und meinem Mann sehr viel.

Plötzlich allein zu Haus. Wie hat sich das angefühlt?

Als mein Mann noch gearbeitet hat, ist er in der Früh gegangen und am Abend gekommen, in den Stunden dazwischen habe ich mich mutterseelenallein gefühlt. Viele Stunden habe ich in einem Sessel am Fenster gesessen und geweint. Tränen helfen mir, das ist bis heute so. In dieser absolut finsteren Zeit hatte ich keine Vorstellung, was mit mir werden oder wohin das alles führen soll. Trotzdem habe ich mich nie fallen gelassen gefühlt, sondern gehalten. Wenn ich mir bewusst machte, womit ich mich auseinandersetzen muss, dann hatte ich immer Sorge, ich würde abstürzen. Vor mir und unter mir lagen nichts als absolute Dunkelheit und Tiefe. Gleichzeitig wusste ich, dass ich gehalten bin, dass Gott mich hält. Hinter meinem Rücken ist eine Wand und der Grund, auf dem ich stehe, ist fest. Dass ich das so erleben durfte, dafür bin ich bis heute sehr dankbar.

Inzwischen engagierst du dich in der Hospizarbeit. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war immer gut in ehrenamtliche Aufgaben eingebunden, hatte Ämter sowohl in der politischen Arbeit als auch in schulischen Gremien und in der Kirchengemeinde. Ich hatte weder nach einer neuen Aufgabe gesucht, noch gewusst, dass ich etwas vermissen könnte. Da las ich in der Zeitung einen Hinweis auf einen Ausbildungskurs für Hospizarbeit. Die damaligen Kursleiter kannte ich gut von meiner früheren Berufstätigkeit als Sozialarbeiterin. Da fühlte ich mich sofort angesprochen. Noch am gleichen Abend wusste ich, dass da mein Weg weitergeht. Für mich ist es immer noch wunderbar, dass ich darauf gestoßen worden bin. Dass seit einigen Jahren auch mein Mann mitarbeitet und wir seit seiner Verrentung vieles gemeinsam machen können, ist eine Überraschung und fordert uns beide immer neu heraus.

Was ist für dich das Besondere an dieser Arbeit?

Ich habe hier nicht nur viele interessante Aufgaben, es geht immer um das Wesentliche. Die Kranken, die Sterbenden tragen keine Masken, spielen keine Rollen mehr. Und das erwarten sie auch von mir als Begleiterin. Da wird nicht taktiert, da werden keine Spielchen gespielt, wie ich es so oft in anderen Kreisen erlebt hatte. Ich kann dem Menschen in seinem Innersten begegnen – nicht irgendwelchen tollen Hechten oder Scheinwelten, sondern dem, was den Menschen ausmacht. Oft denke ich, wenn ich einen Menschen so sehe in seinem letzten Dasein: Da liegt Christus. So begegnet mir Christus in dem Gesicht eines Menschen und er kann alt, jung, sehr zerstört oder noch ganz vollkommen sein. Das sind absolute, unvergessliche Momente, wenn man jemandem auf seinem letzten Lebensweg zur Seite steht.

Inzwischen hast du weniger mit Sterbenden zu tun, sondern kümmerst dich um die, die zurückbleiben?

Ich habe eine intensive Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht und begleite Menschen in ihrem individuellen Trauerprozess. Da kann ich meiner eigenen Trauer immer wieder unter neuen Facetten begegnen und jedes Mal tiefer schauen. Trauernden Menschen kann ich mit meiner ganzen Persönlichkeit begegnen. Ich bin da, mit dem, was das Leben aus mir gemacht hat. Ich muss nicht irgendwelchen therapeutischen Modellen folgen, sondern kann dem Trauernden einfach zur Seite stehen. Meine Aufgabe in der Trauerbegleitung ist es, einen Menschen zu ermutigen, seine Trauer immer wieder aufs neue anzuschauen. Nicht die Trauer in eine Schachtel zu stecken und wohlverschnürt zu halten oder ihr einen bestimmten Ort zuzuweisen, sondern diese Trauer zur eigenen werden zu lassen. Ich versuche, ihm die Sicherheit zu geben, du bist nicht verrückt, du hältst das aus, auch wenn du denkst, das geht nicht. Da nicht wegzugehen halte ich für meine wichtigste Aufgabe.

Und deine Trauer? Hast du sie bewältigt?

Meine eigene Trauer ist nicht zu Ende. Trauer ist sehr komplex. Ich muss von Menschen Abschied nehmen, aber ich trauere auch um falsche Vorstellungen oder Lebensbilder. Früher habe ich gedacht, ich bräuchte mich nur entsprechend anzustrengen, dann würde ich alles richtig machen und bliebe von Schmerz verschont. Der Schmerz ob der Erkenntnis, dass es eben nicht so ist, sitzt sehr tief. Obwohl ich mich immer noch sehr bemühe, das Richtige zu tun, wird mir immer wieder deutlich, dass ich damit scheitern kann, weil mein Gegenüber einfach anders ist als ich. Das zu erkennen, bewegt mich sehr. Das macht mich ganz demütig. Ich bin, wie ich bin, und lerne mich immer besser kennen. Genau das ist mein Verständnis von Demut, ein Erkennen der eigenen Unzulänglichkeit, trotz allen Bemühens, aller Kämpfe und der dazugehörigen Schmerzen. Damit setze ich mich viel auseinander. Manchmal könnte ich verzweifeln: Wieso schon wieder diese Gefühle, habe ich es denn immer noch nicht kapiert?! Wenn ich in so einem finsteren Tal stecke, ist mir der 23. Psalm wichtig. Ich entdecke beim Lesen immer wieder neue Aspekte. Die Verszeile in der Übersetzung Martin Luthers „er deckt einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ ist mir zur Zeit sehr wichtig. Früher habe ich meinen Blick auf den „Tisch“ gerichtet, jetzt sehe ich mehr die „Feinde“. „Feinde“ sind weniger Menschen. Auch widrige Umstände oder alte Überzeugungen gehören dazu. Die Worte des Psalms schenken mir Kraft und Ermutigung. Ich kann mich neu auf den Weg machen.

Hat sich etwas für dich im Umgang mit Trauer verändert?

Was mir hilft, ist, dass ich gelernt habe, wütend zu werden. Das fällt mir inzwischen viel leichter als früher. Manchmal bin ich einfach stinksauer, mal auf andere, mal auch auf mich, weil ich wieder einer Täuschung aufgesessen bin. Ich pflegte diese Vorstellung, dass etwas mal ausgestanden sein könnte und mir das nicht mehr passiert. Aber ich habe lernen müssen, dass Abschied nehmen einen Prozess bedeutet, der vielleicht niemals ganz abgeschlossen ist. Ich akzeptiere, dass Trauer mich immer begleitet, mal mehr, mal ferner – aber diese Tatsache auch erst mein Leben rund sein lässt.

Von

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