Weiterleben, Weitergehen

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Wenn ein geliebter Mensch stirbt

Johann Christoph Arnold

Wenn ein Mensch stirbt, kann es für die Hinterbliebenen eine Herausforderung sein, diese Tatsache zu ertragen. Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet sie so etwas erleben müssen. Wenn wir uns sorgen, wie unsere Familien damit zurechtkommen werden, wenn wir nicht mehr da sind, können uns die folgenden Worte Mut machen: „Der Herr ist denen nahe, deren Herzen zerbrochen sind. Er rettet die, deren Geist zerschlagen ist“ (Psalm 34,19). Einige der ergreifendsten Momente in meiner Tätigkeit als Seelsorger habe ich mit Menschen erlebt, die nach vierzig, fünfzig oder sechzig Ehejahren ihren Partner verloren haben. Die meisten dieser Ehepaare hatten einen tiefen Gottesglauben. Als Mann und Frau hatten sie sich lebenslange Treue versprochen, weil sie wussten, dass es das einzige Fundament ist, auf dem eine gesunde und stabile Ehe Bestand hat. Diese Menschen hatten kein leichtes Leben; viele von ihnen mussten Zeiten von Leid und Not durchmachen. Manche hatten die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre durchlebt, andere als Soldaten in einem der Kriege des letzten Jahrhunderts gedient. Wenn man so viel zusammen erlebt hat, ist es kein Wunder, dass der Tod des einen den zurückbleibenden Partner besonders schwer trifft. Aber jedes Mal konnte ich Zeuge einer bemerkenswerten Fähigkeit sein, das Geschehene zu akzeptieren.

Als Großmutter starb...

Auch Thelma, einer jungen Frau aus meiner Gemeinde, ist das aufgefallen, als sie eine Zeitlang ihren Großeltern half. Nachdem ich mit der Schule fertig war, bot sich mir die Gelegenheit, meiner Großmutter zu helfen, die rund um die Uhr betreut werden musste. Wie Opa sich um sie gekümmert hat, hat mich sehr beeindruckt. Bis ganz zum Schluss schlief er in einem Bett gleich neben Oma, auch als die Nächte schwierig wurden. Sein Kommentar war: „Vor einundsechzig Jahren habe ich ihr meine Hand gegeben, und ich werde sie jetzt nicht alleine lassen:‘ Als Oma starb, war Opa an ihrer Seite. Ich werde mich immer an sein Gebet erinnern: „Lieber Gott, ich danke dir für einundsechzig gemeinsame Jahre. Danke, danke!“

Wie können wir einen solchen Frieden finden, wenn unser Ehepartner gestorben ist? Ich bin mir nicht sicher, ob es mir so gut gelingen würde wie Thelmas Großvater. Vielleicht ist es vor allem wichtig, den Schmerz, den man spürt, nicht zu unterdrücken, sondern wirklich zu trauern. Diesen Prozess des Trauerns kann man nicht vermeiden, aber oft passiert genau das und wir kehren so schnell wir können in die „Normalität“ zurück. Viel zu häufig hoffen wir, dass alles nach ein paar Wochen vorbei sein wird. Aber so ist das nicht.

Für den zurückgebliebenen Partner wird das Leben nie wieder so werden wie vorher, soviel ist klar. Aber durch die Trauer hindurch kann wirklicher Friede mit Jesus gefunden werden. Oft ist der Trauernde dabei alleine; der tiefste Schmerz kommt hinter geschlossenen Türen zum Vorschein, wenn weder Familie noch enge Freunde dabei sind. Aber Gott wird immer da sein.

Was zum trauern hilft

Wer sich keine Zeit zum Trauern nimmt, wird auch keine Heilung erleben. Wir müssen innerlich ruhig werden und Gott bitten, uns zu helfen. Da ist nichts Düsteres; der Tod kann erlösend, sogar freudig sein. Wer das einmal entdeckt hat, für den kann Trauer eine Würdigung des Verstorbenen sein.

Das habe ich mit meinen Eltern Heinrich und Annemarie erlebt. Meine Mutter hatte eine viel robustere Gesundheit als mein Vater, trotzdem überlebte er sie um zwei Jahre. Sie waren 46 Jahre verheiratet gewesen und hatten in dieser Zeit viel von Gottes Wirken erlebt.

Mein Vater liebte die Worte von Mutter Teresa: ,,Wir müssen Gott finden, aber inmitten von Lärm und Geschäftigkeit geht das nicht. Gott ist ein Freund der Stille. Seht, wie die Natur in Stille wächst: Bäume, Blumen, Gräser. Seht die Sterne, den Mond, die Sonne. Auch sie bewegen sich in völliger Stille... Wir brauchen Stille, wenn wir die Herzen von Menschen berühren möchten.“ Diese Worte halfen ihm zu trauern. Nach dem Tod meiner Mutter verbrachte er viele Stunden in Gebet und Stille, einfach aus dem Verlangen heraus, Gott zu finden und ihm nahe zu sein.

Wir haben gemeinsam die Tagebücher und Briefe durchgesehen, die meine Mutter als junge Frau geschrieben hatte. So kam ihr Leben uns allen noch einmal ganz nahe. Die Briefe und Tagebücher eines geliebten Menschen gemeinsam zu lesen und seine Erfahrungen nachzuerleben, kann für eine trauernde Familie eine große Hilfe sein. Schon als Teenager hatte mein Vater sich für die Mystiker des Mittelalters interessiert, vor allem für Meister Eckhart, dessen Schriften immer wieder auf die Bedeutung von Stille und Gebet verweisen. Diese beiden Elemente spielten eine wichtige Rolle im Leben meines Vaters und bestimmten es in seinen letzten Jahren. Vielleicht war das einer der Gründe, warum so viele Menschen ihn liebten und sogar Fremde ihm ihre Lebensgeschichten anvertrauten. Er selbst durchlebte all die Versuchungen und inneren Kämpfe, die jeder Mensch erfährt, der dem Ende seines Lebens entgegengeht. Die Kraft, ihnen offen ins Auge zu sehen, bekam er in der Stille und durch das Gebet. Deshalb war er auch in der Lage, anderen zu helfen. Sogar in ihrer Trauer können die Hinterbliebenen für andere eine Quelle von Kraft und Mut sein. Gill Barth hat das trotz aller Schwierigkeiten erleben können:

Als bei meinem Ehemann Stephan ein inoperabler Hirntumor diagnostiziert wurde, konnte ich nicht fassen, dass seine Tage gezählt sein sollten: Der Tag der Diagnose fiel auf das sechsundvierzigste Jubiläum unserer Verlobung. Dass unsere Kinder uns Blumen brachten, machte es nicht leichter, diese Situation zu ertragen. Aber Stephan sagte nur: „Ich kann das entweder einfach hinnehmen oder ich kann es bewusst annehmen und mich unter Gottes Willen beugen“. Er wischte sich die Tränen vom Gesicht und sagte zu mir: „Sei nicht traurig! Von jetzt an werden wir das Leben feiern und unsere Freude mit allen anderen teilen“. Seine Akzeptanz hat mir sehr geholfen, meine ängstlichen Gedanken loszulassen. Im Laufe der folgenden Tage stellte ich fest, dass Stephan nicht mehr nur „mein“ Mann war: Ich musste ihn mit anderen teilen, denn von nun an war unsere Tür offen für Freunde und Nachbarn. Mit den Besuchern kamen Erinnerungen, Lachen und Weinen. Jedes Mal, wenn ich mit Schreck daran dachte, wie der Tumor in ihm wuchs, lenkte ich absichtlich meine Gedanken auf das, was Stephan uns aufgetragen hatte: Das Leben feiern. Aber er war nicht unrealistisch und Schritt für Schritt ließ er die Dinge los, die ihm etwas bedeutet hatten: die Obst- und Weingärten, die er gepflanzt hatte, sein eigenes Auto, die Kartenspiele mit Nachbarn am Wochenende. Nur einmal hörte ich ein trauriges Wort über seine Lippen kommen: „Das Sterben dauert so lange.“ Aber auch hier war der Ton nicht jammernd. Dann kam der Moment des Abschieds. Wir weinten, aber wir wussten auch, dass er seine Lebensaufgabe erfüllt hatte. Und dann war ich Witwe. Während der Tage und Monate nach Stephans Tod überschwemmten mich Freunde, Nachbarn und Familie mit ihrer Liebe, und das war eine enorme Hilfe, auch wenn ich Stephan fürchterlich vermisste. Als es zum ersten Mal nach seinem Tod regnete, lief ich los, um seinen Regenmantel zu holen – und erinnerte mich plötzlich, dass sein Körper unter der Erde lag. Abends nach Hause zu kommen und seinen Sessel leer herumstehen zu sehen, war immer schmerzhaft. Es gab so viele kleine Dinge, die an meinem Herzen zerrten: Ein Lied, Erinnerungen an einen Ort, der uns viel bedeutet hatte, die leuchtenden Sterne, die wir so oft gemeinsam angeschaut hatten. Oft fiel mir das Atmen schwer. Ich versuchte, nicht zu weinen, damit andere sich keine Sorgen machen würden. Erst später habe ich verstanden, dass es ein Fehler war, meine Tränen zu unterdrücken. Ich habe versucht, tapfer zu sein, aber ich war es nicht wirklich. Meine Mutter hatte mir Jahre zuvor erzählt, dass, nachdem mein Vater gestorben war, niemand mit ihr über ihn gesprochen hatte und es ihr dadurch so vorkam, als habe er überhaupt nie existiert. Wie hatte sie sich gewünscht, dass jemand einfach nur seinen Namen sagen würde! Ich hatte nicht gewusst, wie sehr ich diesen Trost selbst brauchen würde. Jahrelang hatte ich mit Stephan zusammen in einer kleinen Firma gearbeitet und jetzt war es plötzlich, als ob ich überhaupt keine Beziehung zu meinen Mitarbeitern hätte. Stephan hatte in meinem Leben eine so zentrale Rolle gespielt. Es klingt seltsam, aber es fühlte sich an, als sei ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich versuchte herauszufinden, was meine neue Rolle sein könnte. Ich sprach mit meinem Pastor darüber und fing an zu begreifen, dass, wenn ein Mensch stirbt, andere zurückbleiben und trauern müssen. Ich traf mich mit anderen Witwen und Witwern, die genauso litten wie ich. Durch sie lernte ich, dass man ein neues Leben anfangen kann, indem man neue Beziehungen, neue Verbindungen knüpft. Genauso wie ich Stephan mit anderen „teilen“ musste, als er krank war, musste ich mich jetzt selbst „teilen“, mich mitteilen und meine Zeit und Kraft für andere bereitstellen. Ich konnte nicht mehr nur um ihn trauern. Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis ich das wirklich konnte. Aber dadurch habe ich einen neuen Frieden geschenkt bekommen und wieder ein dankbares Herz für all die Jahre, die Stephan und ich zusammen hatten. Ich habe erfahren, dass Liebe nicht endet, sondern aus der Ewigkeit bis in unsere Herzen hier auf Erden scheint.

Allein im Alter...

Wie viel Frieden und Sinn wir im Alter finden, hängt damit zusammen, wie gut wir trauern und ob wir den Schmerz des Verlassenseins hinter uns lassen und neue Freude am Leben finden können, nachdem ein geliebter Mensch von uns gegangen ist. Wenn wir in Depression versinken oder zu viel Zeit damit verbringen, über Vergangenes nachzudenken, verpassen wir vielleicht Gelegenheiten, wie wir positiv mit unserer Trauer umgehen können.

Kürzlich habe ich eine Anekdote von einer Verwandten meiner Mutter gehört, die das sehr schön verdeutlicht. Sie berichtet, wie eine Tante von ihr jedes Jahr in der Woche vor Totensonntag zu Fuß mit einem Bollerwagen voll Schnittgrün den langen Weg von ihrem Heimatdorf Schaala in Thüringen zum Friedhof des talaufwärts gelegenen Keilhau machte, um dort die Gräber ihrer Verwandten zu pflegen. Das war nichts Trauriges oder gar Düsteres und auch kein bloßes Ritual, zu dem sie sich verpflichtet fühlte, sondern ein Zeichen herzlicher Liebe und Verbundenheit. Für sie war es ganz einfach ein Besuch bei Verwandten – so wirklich konnte sie die Präsenz dieser geliebten Menschen erfahren. Ihre Einstellung zum Tod war bodenständig und pragmatisch. So erzählte sie einer Nichte: „Der Tod macht mir keine Angst. Wir sind auf du und du miteinander.“

Eines ist sicher: Durch Liebe und Glauben sind die Menschen, die von uns gegangen sind, noch immer mit uns, den Lebenden, verbunden. Mein Großvater schrieb in seinem letzten Brief an seine Frau: „Ich werde bis in alle Ewigkeit vor Gott für dich beten.“ Ein solcher Gedanke wird für jeden gläubigen Menschen ein großer Trost sein, auch wenn er zu gewaltig ist, als dass wir ihn vollständig verstehen könnten.

Aus: J.C. Arnold, Reich an Jahren, The Plough Publishing House, 2014

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