Wenn nichts mehr geht, dann geh!

40 Tage als Pilger auf neuen Wegen

Welche Beweggründe auch immer wir für die Gestaltung unseres Lebens haben – am Ende wollen wir nur herausfinden, wie Glück geht. Das Glücksverlangen ist als geschöpfliche Wirklichkeit tief in der Seele eines Menschen verankert. Doch die Verwirklichung des Glücks fällt uns nicht leicht und wir stehen uns dabei häufig selbst im Weg. Ein Grund dafür mag sein, dass wir in der Regel nicht das tun, was wir brauchen, sondern das, was wir gewohnt sind. Zumeist greifen wir nach dem, was uns vertraut ist. Auch wenn es uns nicht gut tut, es ist uns zumindest bekannt und wir sind darauf eingestellt. Im Kampf ums Überleben in einer fehlerhaften Welt mit unvollkommenen Gegenübern haben wir vielfach das Gespür für das verloren, was wirklich nottut. Für unser Verhalten bestimmend geworden sind meist schon sehr früh entwickelte Strategien, Denk- und Verhaltensmuster, die häufig ungeprüft auch im Erwachsenenalter weiter gepflegt werden. Zu einer inneren Umstellung kommt es – wenn überhaupt – zumeist erst dann, wenn wir in einer Krise unausweichlich feststellen müssen, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

In diesem Jahr habe ich eine 40-tägige Pilgerreise nach Santiago de Compostela unternommen. Dabei bin ich immer wieder auch Menschen begegnet, die aus einer Verlusterfahrung kommend, z. B. Scheidung, Krankheit, Sucht, Arbeitslosigkeit, Enttäuschungen, etc. aufgebrochen sind, um Antworten für eine neue Lebensausrichtung zu finden. Unterwegs begegnete mir der Spruch: „Wenn nichts mehr geht, dann geh!“ Ein Wortspiel, das durchaus Sinn macht. Manchmal muss etwas zerbrechen, bevor ein neuer Aufbruch möglich ist.

Beten mit den Füßen

Nun bin ich schon einige Jahrzehnte auf dieser Erde unterwegs und durch viele Krisen hindurchgegangen. Dabei habe ich gelernt, viel natürlicher und selbstverständlicher mit meiner Schwachheit umzugehen und sie nicht mehr für ein Versehen oder die Ausnahme zu halten. Schwäche entspricht nach dem Sündenfall unserer Natur. Unsere ursprünglich ungetrübte Beziehung zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen ist seitdem verändert und gestört. Wir kennen jetzt Gut und Böse, und das Böse lässt uns seine Gegenwart spüren, wie der Ring, den Frodo in Der Herr der Ringe trägt. Doch so wie wir an den Folgen der Ursünde Adams tragen, ist uns auch die Wirklichkeit der wiederherstellenden Kraft Christi zuteil geworden. In Christus ist uns die Umkehr zu unserem ursprünglichen Gleichgewicht möglich, auch wenn wir bis zum Ende unseres Lebens Sünder bleiben.

Dieser in meinem sechzigjährigen Leben gewachsene biblisch- nüchterne Realismus macht es mir möglich, ohne Illusionen beherzt und im Frieden mit mir, mit Gott und meinen Mitmenschen mein Leben mit wachsender Freude zu gestalten. Ich möchte noch viel mehr ein von Gottes Liebe erfüllter Mensch werden, was meiner Erfahrung nach nur möglich ist, wenn ich ihm viel Zeit widme, ihm aufmerksam zuhöre und so in eine immer größere Vertrautheit mit ihm komme. Benedikt XVI. sagt uns in seiner 1. Enzyklika „Deus Caritas Est“ (Nr. 17), was der eigentliche Inhalt der Liebe ist, indem er auf den römischen Historiker Sallust zurückgreift: „Dasselbe wollen und dasselbe abweisen – das haben die Alten als eigentlichen Inhalt der Liebe definiert: das Einander-ähnlich-Werden, das zur Gemeinsamkeit des Wollens und des Denkens führt.“ Dieses Zitat hilft mir zu verstehen, dass lieben bedeutet, unseren Willen mit dem Willen Gottes in Einklang zu bringen. Das führt uns in die Nähe Gottes. Nirgendwo anders liegt unser Glück, wie es die Jahreslosung 2014 präzise auf den Punkt bringt: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28).

Aus diesem Beweggrund fühlte ich mich auch auf den Pilgerweg gezogen. Genauer gesagt war es das tiefe Verlangen, Gott uneingeschränkt Zeit zu widmen, um ihm in langen Momenten inniger Vertrautheit die Möglichkeit zu geben, mich von seiner Liebe auf unvorhersehbare Weise noch weitergehend umgestalten zu lassen. So war für mich das Gehen über eine Entfernung von 820 km eine einzige Gebetserfahrung. „Pilgern ist Beten mit den Füßen“, sagte mein Pilgergefährte.

Wege ablaufen und sich Neues erlaufen

Da ich lange auf die Erfüllung dieses Wunsches warten musste, hatte ich genug Zeit, mich innerlich darauf einzustellen. Mein geistlicher Begleiter, selber ein erfahrener Pilger, sagte mir bevor ich losging: „Du wirst dir manches auf dem Weg ab-laufen und manches wirst du dir dabei er-laufen! Wie das geschieht, musst du jetzt noch gar nicht wissen; lass dich einfach von Gott überraschen. Auch wenn der Weg für alle, die mit dir unterwegs sind, derselbe ist, sind die Mittel, die er dabei verwendet, von Person zu Person verschieden. Wichtig ist nur die Gemeinschaft mit Jesus Christus. Er allein weiß, was du erleben, hören, empfangen musst, damit sich die Umgestaltung in dir vollziehen kann. Du wirst noch nicht einmal bewusst mitbekommen, was in dieser Zeit mit dir tief in deinem Inneren geschieht. Erst wenn diese Umgestaltung fest verankert ist, bemerkst du die Veränderung, sei es, weil du dich nicht mehr so wie früher verhältst, sei es, weil du die Menschen und die Ereignisse nicht mehr auf dieselbe Weise siehst.“

Dankbar darf ich tatsächlich Veränderungen in mir bemerken, die ich nur als Gnadengeschenke verstehen kann. Kleine Dinge, die ich früher eher beiseite geschoben habe, haben an Bedeutung gewonnen, und andere, die mir bislang sehr dringlich erschienen, treten ohne Aufregung in den Hintergrund. Dazu gehört, dass ich wieder mehr Briefe schreibe und beantworte. Ich wundere mich auch darüber, dass ich in den täglichen Arbeitsabläufen Störungen ohne innere Abwehr hinnehmen kann und es sogar fertig bringe, Gott dafür zu danken, dass ich auf diese Weise Geduld lerne. Sehr kostbar ist es, wenn meine Frau an mir feststellt, dass ich anders als zuvor auf Menschen zugehe. Ich habe das sichere Empfinden, dass noch manches zum Vorschein kommen wird, das ich zu gegebener Zeit als Geschenk auspacken darf. Das größte Geschenk für mich ist ein tiefer Friede, der mich inmitten der Wogen des Alltags trägt und eine bleibende Geborgenheit in Gott vermittelt. In den vierzig Tagen des Unterwegsseins ist etwas in meinem Herzen nachhaltig umgestellt worden, was schon lange vorbereitet war. Die Zahlen der Bibel haben neben ihrem tatsächlichen Sinn und Wert auch vielfach eine geistliche Bedeutung. Die Zahl 40 ist die Zahl der vollen Reife, der Prüfung und Erziehung (z. B. dauerte die Wanderung Elias 40 Tage und Nächte; 40 Tage und Nächte fastete unser Herr, 40 Tage Gemeinschaft mit dem Auferstandenen). In all dem finde ich bestätigt: Was unser Verhalten bestimmt, ist nicht das, was wir wissen, sondern das, was in unserem Herzen verankert ist. In Krisen gilt immer nur das, was unser Herz glaubt, auch wenn es im Widerspruch zu dem steht, was wir vom Verstand her besser wissen müssten. Das Herz ist in der Bibel das Zentrum der Person, der Ort, an dem die Entscheidungen fallen. Es ist der Sitz des Willens (z. B. Mk 3,5), des Verstandes (z. B. Mk 2,6.8) und der Gefühle (z. B. Lk 24,32). Gott verheißt uns ein neues Herz, erfüllt von seinem Geist, damit wir seinen Willen tun können (Hesekiel 36, 26-27). Das Herz ist der lenkende Mittelpunkt, die Gesinnung, die unsere Handlungen bestimmt.

Aus Krisen aufbrechen

Durch einen Schlaganfall vor 14 Jahren kam ich selbst in eine Krise, in der mir klar wurde, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Ich hatte jedes Gespür für das, was ich für mein Wohlergehen brauchte, verloren und habe in zuhöchst angespannter Umtriebigkeit mein großes Arbeitspensum aus eigener Kraft zu bewältigen versucht. Dann tat es einen „Schlag“. Was ich im Kopf schon lange gewusst hatte, begann jetzt langsam auch mein Herz zu begreifen: Gott geht es nicht darum, dass ich alles richtig mache, sondern dass er mir alles aus lauter Güte gerne umsonst schenken möchte, wenn ich ihm nur die Möglichkeit gebe, mich von ihm füllen und ihn in mir wirken zu lassen. Im Rückblick betrachtet war ich wie besessen von der Idee, Gott zu beweisen, dass ich gut bin. Ich meinte, mir sein Einverständnis mit mir trotzig erarbeiten zu müssen. Trotz aller schon vorhandenen Bibelkenntnis und theologischer Bildung blieb mein Glaube einem mehr oder weniger ethischen Verständnis verhaftet. Anstatt mich darauf zu konzentrieren, mich von Gott lieben zu lassen und seine Liebe weiterzugeben, hatte ich meine Aufmerksamkeit vorwiegend auf meine Schwäche und Unzulänglichkeit gerichtet. Immerzu wollte ich mich bessern. Das hat mich nicht besonders glücklich gemacht. Mein Verständnis des Glaubens als eine Liebesbeziehung von Herz zu Herz war noch weniger ausgereift. Zu diesem großen Umbruch meines Glaubenslebens konnte es erst kommen, als ich mich entschlossen hatte, nach Hause zum Vater zurückzukehren und mich von seiner Zärtlichkeit umfangen zu lassen. Mit dieser Erfahrung komme ich zu der Überzeugung, dass die Kenntnis vom Vater das höchste Gut ist, das der Mensch besitzen kann, weil sie der tiefsten Sehnsucht im menschlichen Herzen nach Glück entspricht. Thomas von Aquin sagt uns, dass „Glück die Erkenntnis ist, dass wir das Gut besitzen, das wir suchen“. Ich verliere keine Zeit mehr, um woanders zu suchen, und trete in die große Einfachheit ein, die man auch Kindsein vor Gott nennt.

In der durch die Krankheit ausgelösten Krise hatte ich mich sehr nach einer inneren Erneuerung gesehnt und unwillkürlich stieg aus Kindertagen etwas sehr Vertrautes in mir auf und wurde für mich zu einem neuen Weg, den ich nun seit 14 Jahren unverändert gehe und der in meiner Pilgerreise einen Höhepunkt gefunden hat. Die Mittel, um die Liebe Gottes in unserem Herzen zu befestigen, sind von Mensch zu Mensch verschieden. Wichtig ist nur die Gemeinschaft mit Jesus, die ihre feste Verankerung im Alltag braucht. Das geht nicht, ohne anderes dafür zu lassen. „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden“ (vgl. Mt 16,25), sagt Jesus zu seinen Jüngern, als er sie zur Nachfolge einlädt.

Was das bedeutet, habe ich auf besondere Weise auch wieder auf meiner Pilgerreise erlebt. Ich bin überzeugt, es war nicht – zumindest nicht nur – meine Idee. Gott hat mich auf den Weg gerufen. Es war wohl Zeit für diese Art der Begegnung mit ihm. Über einen längeren Zeitraum habe ich seine Einladung als Sehnsucht seines Rufens nach mir und meines Rufens nach ihm im Gebet immer wieder vernommen. In einem meiner Lieblingspsalmen kommt dieser Ruf voller Sehnsucht auf unübertreffliche Weise zum Ausdruck: Gott, du mein Gott, dich suche ich. Meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser (Ps 63,2.6). Die Erfahrung im geistlichen Leben lehrt, dass der Beter Gott umso mehr sucht, je mehr er ihn gefunden hat. Im Zusammenhang mit meiner Pilgerreise erlebte ich: Je näher der Zeitpunkt des Losgehens rückte, desto drängender spürte ich das Verlangen, endlich aufzubrechen. Wenn Gott ruft, spürt man – mit Worten von Teresa von Avila - eine „große, höchst entschlossene Entschlossenheit, nicht anzuhalten, bevor die Quelle erreicht ist, käme unterwegs auch der Tod, wäre auch der Mut den Mühsalen des Weges nicht gewachsen und ginge auch die Welt unter“ (Weg der Vollkommenheit, 35,2). Unterwegs las ich auf dem Pfeiler einer Autobahnbrücke in großen Lettern den Spruch eines Pilgers: „Es gibt nur zwei Fehler, die jemand auf der Straße der Wahrheit machen kann: Er geht den Weg nicht bis zum Ende; er macht sich nicht auf den Weg.“

Danke, liebe Füße

Unzählige Male und auf sehr unterschiedliche Weise hat die Gemeinschaft der Pilger unterwegs auf Steinen, Bänken und Wänden ihr Verlangen nach Glück, nach Nicht-Verzichten, Nicht-enttäuscht- Sein, nach Heimat, die nicht endet, wo das Sein nicht mehr dürftig, sondern erfüllt ist, ausgedrückt. Menschen machen sich auf den Weg, um Heimat zu finden. Genau genommen ist jedes Leben von Anfang bis Ende ein Pilgerweg. „Der Camino erscheint mir wie eine verdichtete Anschauung des ganzen Lebens zu sein...“, schrieb ich unterwegs in mein Pilgertagebuch. Nur was uns in der Tiefe bewegt, setzt uns in Bewegung und vermag auch andere zu bewegen.

Was brauche ich, um meinen Weg zu schaffen? Ein erfahrener Pilger beschränkt sich auf das wirklich Notwendige – das Nötigste an Kleidung und Lebensmitteln und sehr bald auch auf das Lebensnotwendigste in dem, was die Seele beschäftigt. Der Pilgerweg ist alles andere als eine romantische Idylle. Normalerweise spielt sich auf dem Weg nichts Spektakuläres ab. Was uns beim Pilgern von morgens bis abends in der Hauptsache beschäftigt, steht zumeist im Zusammenhang mit ganz praktischen Dingen: Wann stehen wir auf? Welche Strecke legen wir heute zurück? Wie geht es deinen Füßen? Wo frühstücken wir unterwegs? Sollten wir noch etwas einkaufen oder gibt es am Zielort einen Laden? Werden wir rechtzeitig in der Herberge sein, damit wir noch einen Platz bekommen? Gibt es da eine Gelegenheit, die Kleider zu waschen? Werden die Kleider bis zum Abend noch trocken? Gibt es hier eine Pilgermesse? Wie ist die Wetterlage morgen? Hast du deine Regenkleidung bereitgelegt? Mit Abstand betrachtet erscheint das vielleicht banal, ist für den Pilger aber von lebenswichtiger Bedeutung. Manches mag seltsam anmuten: Unwillkürlich habe ich bereits in den ersten Tagen mit meinen Füßen zu reden begonnen: „Danke, liebe Füße, für euer Stehvermögen und dass ihr auch heute so gut durchgehalten habt.“ Noch nie zuvor habe ich sie so bewusst als „Grund-Lage“ für mein Stehen und Gehen in dieser Welt angesehen. Mein Fazit: Gottes Liebe zeigt sich in oft selbstverständlich hingenommenen und gern übersehenen Dingen und es liegt nahe, ihnen dankbare Beachtung schenken. Eine große Chance, um wieder zu lernen, ungeteilt zu leben! Verweile so lange bei einer Sache, bis du ihr gerecht geworden bist! Der Pilgerweg ist ein Weg, der große Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber verlangt. Hier gilt, was uns nicht weniger bei der Gestaltung unseres Alltags wichtig sein sollte: sich nicht übergehen, nichts beschleunigen, sich nicht mit anderen vergleichen, stets bei sich bleiben; sein eigenes Tempo suchen und gehen.

Ein beliebter Pilgerspruch lautet: „Beim Pilgern geht die Seele zu Fuß.“ Das äußere Tempo ermöglicht die innere Auseinandersetzung mit Lebensfragen und ein ganz langsames Zu-sich-Kommen. Diese Umstellung geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit.

Leben ist Pilgern

Was brauche ich am dringendsten, um mein Leben zu schaffen, ja – um gut zu leben? Im Grunde ist das, was wir Menschen suchen und zum Leben und zu unserem Glück brauchen, sehr einfach auf den Punkt zu bringen: Wir sehnen uns nach Liebe. Aber weil diese Liebe nicht selten verzerrt und enttäuschend erfahren wird, ist es nicht leicht, das deutlich zu machen. Um zu verstehen, was Liebe wirklich ist, müssen wir darin leben. Das wird uns nur möglich, wenn wir auf den Rhythmus unseres seelischen Lebens achten. Was Gott von Anfang an für das Gelingen eines guten Lebens vorgesehen hat, stellt sich der Seele wieder in Klarheit vor Augen.

Auf der Pilgerreise unseres Alltags scheint dieses Bewusstsein leicht verloren zu gehen. Da sind wir unterwegs in einem ganz eigenartigen Beschleunigungskarussell. Die moderne Technik erlaubt uns, vieles schneller zu erledigen, unser Lebenstempo zu steigern. Immer mehr Menschen versuchen immer mehr Dinge an einem Tag, in einer Woche, im ganzen Leben unterzubringen.

Um in dieser Beschleunigungsgesellschaft die Kunst des Lebenspilgerns zu lernen, einen eigenen Weg zu gehen, genügen nicht kleine Korrekturen. Wir müssen innehalten und uns der Frage stellen: Woraus lebe ich? Jeder von uns steht heute unter bestimmten Zeitzwängen, denen wir nicht entgehen können. Aber es ist für unsere seelische und körperliche Gesundheit und für unser Lebensglück entscheidend, dass wir uns bewusst werden, was wir wirklich brauchen.

Das Leben verlangt von uns ein Gehen, das sich selbst und anderen gegenüber achtsam ist. Dazu ist es wichtig, sich nicht zu übergehen, Wachstumsprozesse nicht künstlich zu beschleunigen, Spannungen auszuhalten, nicht wegzulaufen; sich nicht zu verurteilen und andere nicht zu richten; Rachegedanken zu widerstehen; sich nicht zum Maßstab für andere zu machen; nicht ungefragt zu reden und gelassen abzuwarten; Maß zu halten, auch in geistlichen Dingen; die Lebenszeit als tägliche Chance zu verstehen, die Gott dem Menschen schenkt.

Aus meinen Camino-Notizen unterwegs: Wenn man das Leben gewinnen will, darf man es nicht als Tourist durchschreiten, sondern nur als Pilger. „Der Tourist verlangt, der Pilger dankt“, so lautet ein Sprichwort, das man gelegentlich in den Herbergen findet. Dankbarkeit ist die Wachsamkeit des Herzens, die ein reines Sehen und ein ungetrübtes Hin-Hören ermöglicht. Touristen gehen eher selbstbezogen durchs Leben, fordernd, anspruchsvoll und klagend. Ein Pilger weiß sich von Gott gerufen, gesandt und in ihm geborgen. Man erkennt ihn nicht an seinem Äußeren, sondern an seiner inneren Haltung. Was er wahrnimmt, bestimmt sein Herz.

Eine entschiedene Wahrheitssuche, kompromisslos und ohne Vorbehalt, gehört unbedingt zum Pilgersein dazu. Auch sich auf Begegnungen einlassen, sich ansprechen lassen, antworten, fragen und immer wieder prüfen.... Ein Pilger verfügt nicht über das Leben, sondern macht sich dem Leben verfügbar. Er kontrolliert nicht das Leben, sondern lässt sich vom Leben halten, aushalten und erhalten. Er beharrt nicht auf seinen Vorstellungen, sondern nimmt alles, was ihm begegnet (Menschen, Situationen, Umstände, Wetterlagen, etc.), dankbar und vertrauensvoll aus Gottes liebenden Händen an. Diese Haltung wächst langsam, es braucht immer mal den Rückzug in die Einsamkeit, dann kann sie sich im gemeinsamen Gehen festigen.

Was bleibt?

Wie kann man im Alltag die Gesinnung des Pilgers beibehalten? Am letzten Tag kam mir während einer Zeit der Anbetung in der großen Kathedrale die Verklärung Jesu in den Sinn: Auf dem Berg offenbart Jesus den drei Jüngern das Geheimnis seiner Person. Ihnen wird klar, wer er ist. Auch mir ist beim Pilgern manches neu und tiefer klar geworden. Ich habe gelernt: Auch wenn uns etwas von Gott klar geworden ist, können wir das nicht festhalten, aber wir können weitergehen – in und aus und mit diesem Licht.

Mein persönliches Fazit aus dem Unterwegssein als Pilger: Es ist sicher mehr als „Ich bin dann mal weg“. Zum Pilgern gehört, sich auf das, was heute geschieht, einzulassen, für Begegnungen offen zu sein und zu vertrauen, dass mein Gehen unter Gottes gütigen Augen geschieht und ich mich auf seine treue und liebende Fürsorge verlassen kann. Pilgern ist eine Lebenshaltung, die ich unterwegs aber auch im Alltag entdecken und einüben kann. In einer Franziskanerkirche auf dem letzten Drittel unseres Pilgerwegs fand ich ein Gebet, das auf seine Weise zusammenfasst und herausstellt, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Pilgergebet von La Faba

Auch wenn ich auf allen Straßen gegangen bin, von Ost bis West Berge überwunden und Täler durchquert habe –  wenn ich nicht die Freiheit entdeckt habe, ich selbst zu sein, bin ich nirgendwo angekommen.

Auch wenn ich unterwegs all meinen Besitz mit Menschen anderer Sprachen und Kulturen geteilt habe, auf tausend Wegen Freundschaft mit Pilgern geschlossen oder gemeinsam mit Heiligen und Fürsten die Herbergen geteilt ... –  wenn ich nicht in der Lage bin, meinem Nachbarn morgen zu verzeihen, bin ich nirgendwo angekommen.

Auch wenn ich meinen Rucksack vom Anfang bis zum Ende getragen und auf jeden Pilger, der Ermutigung brauchte, gewartet habe, oder mein Bett einem anderen gegeben, der verspätet ankam,und ihm meine Wasserflasche geschenkt habe, ohne eine Gegenleistung zu erwarten ... – wenn ich nicht in der Lage bin, nach der Rückkehr in meine Heimat und Arbeit, Brüderlichkeit, Glück, Frieden und Einheit zu schaffen, bin ich nirgendwo angekommen.

Auch wenn ich jeden Tag zu essen und zu trinken gehabt habe,und jeden Abend ein Dach über dem Kopf und einen warme Dusche genossen,wenn meine Verletzungen allesamt gut geheilt sind... – wenn ich in all dem nicht die Liebe Gottes entdecken kann, bin ich nirgendwo angekommen.

Auch wenn ich alle Altäre in den Kirchen bewundert habe und über prachtvolle Sonnenuntergänge ins Staunen geraten bin, wenn ich die Begrüßung in jeder Sprache gelernt oder das frische und saubere Quellwasser aus jedem Brunnen geschmeckt habe ... – wenn ich in all diesem Reichtum nicht erkenne, wer der Erfinder von so viel Schönheit und Erquickung ist, bin ich nirgendwo angekommen.

Wenn ich nicht fortan Deine Wege gehe und nicht bestrebt bin auch zu leben, was ich auf dem Camino gelernt habe: wenn ich nicht in jedem Menschen – Freund oder Feind – einen Begleiter meines Weges zu sehen vermag, wenn ich nicht den Einzigen Gott erkenne, der in Jesus von Nazareth Mensch geworden und der Herr meines Lebens ist, dann bin nirgendwo angekommen.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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