Testfeld Familie

© Paha_l  Dreamstime.com
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Ein verlassener Ort oder Freiraum zu wachsen?

Andrea Stein

Ich muss ich selbst sein, um den anderen zu sehen. Wie könnte ich seine Angst, seine Traurigkeit, seine Hoffnung, seine Liebe verstehen, wenn ich nicht selber Angst, Traurigkeit, Einsamkeit, Hoffnung und Liebe fühlen würde.  (Erich Fromm)

Das erste Du

Das erste Du in unserem Leben, das erste An­genommensein, das jeder und jede von uns ausnahmslos erfahren hat, ist das Du Gottes, als er den Ratschluss über unser Leben fasste: „Du sollst leben.“ Diese Zusage gilt jedem Menschen, unabhängig davon, wie „passend“ oder  „unpassend“, wie geebnet oder widrig die Umstände seines ­Lebensbeginns auch gewesen sind. „Der Mensch wird Ich am Du“ (Martin Buber).

Vor einigen Jahren begleitete ich eine junge Frau, die mir erzählte, durch eine Vergewaltigung entstanden zu sein. Ich war hilflos. Was kann man einem Menschen sagen, was ihn in dieser Situa­tion wirklich erreicht? Nach einigen Gesprächen kam mir ein Gedanke, für den ich Gott bis heute sehr dankbar bin, weil er auch meine Sicht ver­ändert hat. Ich sagte: „So groß ist Gott, dass er selbst die tiefste Dunkelheit nutzt, um neues ­Leben zu schaffen.“ Indem er neues Leben ent­stehen lässt, bringt er Licht in die Dunkelheit, um sie zu erhellen und letztlich zu überwinden. „Du sollst leben“ ist der erste Zuspruch, der uns zum Ich werden lässt.

Mit diesem Zuspruch geht das einher, was z. B. Maria und Josef in der Ankündigung der Geburt Jesu erfahren haben. Sie wurden zu Eltern be­rufen, Mutter und Vater zu sein. Die Konstella­tion Vater, Mutter, Kind nennt man „Familie“. Wenn Sie „Familie“ hören, was verbinden Sie ­damit? Welche Gefühle tauchen auf? An welche Erlebnisse erinnern Sie sich? Nehmen Sie sich doch einen Moment Zeit, ein paar Gedanken  zu notieren, die Ihnen spontan einfallen.

 Familie „die kleinste Zelle der Gesellschaft“ das heißt:

  • Einerseits erwächst die Gesellschaft aus der Familie,
  • andererseits: So wie es in der Familie läuft, läuft es in der Gesellschaft.

Diese kleinste Zelle ist die „Brutstätte“ unserer Gesellschaft. Unsere Fähigkeiten, andere anzunehmen, wird hier gelegt, in Beziehungen weitergelebt und wirkt so letztlich in die Gesellschaft hinein. Wenn wir uns aber unsere Gesellschaft ansehen, den zunehmenden Verfall der bisher tragenden Werte, die Beziehungslosigkeit, den immer härter geführten Kampf um Daseinsberechtigung und das eigene Überleben, die zunehmende Verrohung und Gewalt, dann können wir leicht zu dem Schluss gelangen: „In der Familie stimmt etwas nicht.“

Ich habe zehn Jahre  meines  Berufslebens in der Frühförderung gearbeitet und war danach elf ­Jahre nicht erwerbstätig, bevor ich im letzten Jahr in geringem Umfang wieder in meinen alten ­Beruf eingestiegen bin. Ich war erschrocken, was in diesen Jahren geschehen ist. Hatten wir damals vielleicht ein bis zwei Problemfamilien aus zehn, so hat sich diese Zahl umgedreht. Während wir damals viele Kinder mit unklaren Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen betreuten, sind es heute überwiegend Kinder, die sich aufgrund des familiären Milieus nicht entwickeln können. Auf der anderen Seite erlebe ich auch Menschen, die um ihre Familie ringen. Sie ver­lassen gesellschaftlich übliche Wege und nehmen persönlichen Verzicht auf sich, um Familie leben zu können.

Familie als Auftrag Gottes

Wenn wir ganz an den Anfang der Menschheit zurückgehen, so lesen wir in der Schöpfungs­geschichte 1. Mose 1,27 ff.: Gott schuf den ­Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf ihn als Mann und Frau ... Gott segnete sie und erteilte ihnen den Auftrag: Seid fruchtbar und mehret euch.

Gott schuf Adam und sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, ich will ihm ein Gegenüber machen. Und Gott schuf Eva (1. Mose 2,18 ff). Mann und Frau sind einander gegeben als Gegenüber. Zwei Pole, die grundverschieden und dennoch aufeinander bezogen sind. In einem Puzzle passen nicht die Teile zusammen, die gleich sind, sondern die in ihrer verschiedenen Form zu ­einem Ganzen gedacht sind.

Mann und Frau werden zusammen und gemeinsam ein Ganzes, helfen einander zum Leben und zur Vollkommenheit. Das geschieht in einem ­stetigen Prozess des gegenseitigen Findens, Einlassens, Kennenlernens, Infragestellens und wieder Annehmens. Mann und Frau bilden in ihrem Streben nach Ganzheit eine Einheit für ihre Kinder. Und jedes Kind trägt die Sehnsucht nach dieser elterlichen Einheit in sich. Die Erschaffung des Menschen ist ein Schöpfungsakt, das Leben von Eltern mit ihren Nachkommen Gottes Auftrag an Mann und Frau. Gott beauftragt uns mit dem ­Familienleben und traut uns diese Aufgabe zu.

Gottes Grundlage für Familie

Die grundlegenden Voraussetzungen für familiäres Miteinander finden wir  in 1. Mose 3. Ich ­beziehe mich auf die Grundaussage zur Gemeinschaftsbildung und Arbeitsteilung in der Bibel: „Der Mann wird den Acker bestellen.“ Der Acker meint die Lebensgrundlage, den Broterwerb. „Die Frau wird Kinder gebären.“ Das meint nicht nur den Akt der Geburt, sondern weiter gefasst heißt es, das Leben zu gestalten und Kinder ins Leben zu begleiten.

Heute gilt diese Aufgabenteilung und deren ­Zusammenspiel in der Ehe als konservativ und in zerbrochenen Beziehungen und der zunehmenden Zahl Alleinerziehender ist sie objektiv so nicht mehr lebbar. Ich habe es in der eigenen ­Familie und auch bei anderen erlebt, dass diese Lebensform Grundlage für Ruhe und Frieden ist.

Ohne das zum Maßstab erheben zu wollen, ­betrachte ich es als großes Geschenk, seit einigen Jahren in dieser Lebensform leben zu dürfen. ­Unser Eheleben ist reicher geworden, mein Mann und ich sind in unseren Aufgaben als Vater und Mutter angekommen und unser Sohn durfte ­beheimatet sein. Als er im vergangenen Jahr eine eigene Wohnung bezog, meinte er in den Abschiedstagen: „Schön war, als ich aus der Schule kam und es roch nach Mittag.“

Die Mutter begleitet durch den Tag, ist offen für Gespräche und gibt emotionale Zuwendung. Es gibt Sicherheit und Geborgenheit, wenn ein Kind beim Heimkommen empfangen wird und einen Ansprechpartner in der Familie hat, der einfach da ist, Liebe, Zuwendung und Zeit investiert.

Der Vater übernimmt die sachlichen und strukturierenden Lebensaufgaben und führt in das Leben ein, gibt Schutz, Halt und Tragkraft. (Natürlich gibt es immer Ausnahmen.) In diesem geschlechtsspezifisch gegebenen Miteinander wachsen Kinder ganz natürlich in eine eigene Familie, in Lebens- und Wirtschaftsformen hinein. Mit dem Erwerb von Fähigkeiten lernen sie zugleich im familiären Zusammenspiel Verantwortung füreinander und das Leben zu übernehmen und entwickeln Achtung vor den spezifischen Auf­gaben des jeweils anderen Geschlechts.

Die grundlegenden Potenziale und Aufgaben von Mann und Frau sind auch heute nicht aufgehoben, aber stellen sich anders da. Sie sind – bedingt durch eine lange Geschichte der Abwertung von Frauen und der immer größer werdenden Zahl von Alleinerziehenden – überlagert von Gleichstellungs- und Emanzipationsbestrebungen, die den familiären Kontext oft nicht mehr lebbar ­machen.

Politische Bestrebungen setzen darauf, dass „Mütter die produktivste Zeit ihres Lebens nicht in Kinderzimmern verbringen sollen“, bewerben die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ und setzen auf eine gesamtgesellschaftliche Erziehung. Das spiegeln 24-Stunden-Kitas, Ganztagsschulen und vieles mehr.

Leben mit Vor- und Nachfahren

In 1. Mose 5 findet sich ein Geschlechterregister von Adam bis Noah. Der jeweils Erstgeborene wird aufgezählt und hatte als „Stammhalter“ über Jahrhunderte hinweg besondere Bedeutung. Er ­erhält die Familie weiter, den Namen, die Abstammung. Der Stammbaum ist ein besonderes Symbol für Beziehungen: Jeder hat seinen Platz. Dieser Platz steht in Verbindung mit den Vorfahren, aus denen jeder von uns hervorgegangen ist und zu den Nachfahren, für die er die Grundlage bildet. Dieser Platz vermittelt: Ich gehöre dazu. Dazu­gehören ist die Voraussetzung für Hören. Das ­Hören fordert zum Antworten heraus, woraus V­erantwortung erwächst. So entsteht eine Be­ziehung, eine Kultur des Annehmens,  die über Generationen hinweg Tragkraft vermittelt.

Noch bis zum 2. Weltkrieg war es  üblich, sich zu den Festtagen in der „guten Stube“ bei den Großeltern zu treffen.  Sie konnten aus ihrem Leben ­erzählen, Erfahrungen einbringen, Fähigkeiten und Traditionen weitergeben. Wir sind weit davon entfernt und unser Stolz „ich kann das alleine“ reißt diese Beziehungen auseinander.

Meine Großeltern hatten einen Garten. Gerne ­erinnere ich mich an die vielen Gläser von eingewecktem Obst und Gemüse, die sie uns nach den Ferien selbstverständlich mit nach Hause gaben.

Eine 90-jährige Frau spricht mir und meiner ­Familie nach jedem Besuch bei ihr den Segen zu. Es ist einfach eine Wohltat, den Reichtum ihres Lebens so geschenkt zu bekommen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Stammbäume kleiner werden. Sie bestehen aus ein bis zwei Generationen und sind schwerer nachvollziehbar. Nicht jeder hat seinen Platz, sondern mancher dient vielleicht nur als Ersatz für andere, muss Verantwortung tragen, die nicht zu ihm passt und in die er nicht hineingewachsen ist, z. B. als Partnerersatz. Das Leben von Kindern, die fortlaufend wechselnde Väter haben, erinnert eher an einen abgeschnittenen Baum, der einem Busch gleicht und ständig neue Triebe hervorbringt, aber keine größere Tragkraft entwickelt. Heute versuchen wir das Alte wieder zu beleben, z. B. in Form von Mehrgenerationenhäusern und Leihgroß­eltern. Kinder lernen wieder ein wenig von der voran­gegangenen Generation, wobei jedoch oft das ­natürliche Gewachsensein und Dazugehören fehlt.

Der Erstgeborene hatte im alten Israel auch noch eine weitere Bedeutung: Er ist der Eckstein für die Beziehung zu Gott. Der Erstgeborene gehört Gott und wird ihm „geopfert“. Opfern meint in diesem Zusammenhang, dass der Erstgeborene Gott für einen Dienst zur Verfügung gestellt wird. Einen darauf bezogenen Zuspruch habe ich selbst einmal als große Versöhnung über viele Lebensfragen ­erlebt. „Andrea, du bist die Erstgeborene und die Erstgeborene gehört Gott.“ Ich war auf einmal mit vielem, das in meinem Leben so anders war, versöhnt, weil ich mein Angenommensein durch Gott dahinter sehen konnte. Das Selbstverständnis als Erstgeborene weckte in mir die Bereitschaft, ganz anders für Gott offen zu werden.

Leben als Söhne und Töchter

Im weiteren Verlauf des Bibeltextes wird von Töchtern und Söhnen geredet. Wir reden nur noch von Kindern, Jungen und Mädchen, und auch hier gibt es Bestrebungen, diese Gegebenheiten zu überwinden. „Töchter“ und „Söhne“ bezeichnen eine Beziehung, eine Zugehörigkeit. Mädchen und Jungen können durch die Annahme als Sohn und Tochter in ihre Aufgaben hineinwachsen und das Selbstvertrauen erwerben, diese Aufgaben auch ­leben zu können.

Nachdem Jesus geboren war, wurde Herodes zur Gefahr für das Leben dieses Kindes. Diese Gefahr ist auch in unserer Zeit real. Kinder werden durch vielfältige Einflüsse gestört, zu denen zu werden, als die Gott sie sich erdacht hat.

Solche Faktoren können sein:

  • Ablehnung
  • unangemessen frühe Fremdbetreuung
  • ständig wechselnde Bezugspersonen
  • Verlust der elterlichen Geborgenheit durch gesamtgesellschaftliche Erziehung
  • Vereinsamung durch Vernachlässigung oder Überlastung der Eltern
  • Schicksalsschläge wie Krankheit, Scheidung, Tod

Die Eltern begleiten ihr Kind, gewähren Nähe und Schutz. Sie sind ungeteilt mit ihrem Kind unterwegs. Durch dieses Zugewandtsein, besonders durch den Vater, kann sich die Individualität eines Kindes  entwickeln. Im Zusammenhang mit der wieder früher einsetzenden Fremdbetreuung er­leben sehr kleine Kinder oft eine große Ver­wirrung. Zuhause sind sie die kleinen Könige, die Schätze, das Liebste, was die Eltern haben. Und genau dieses Allerbeste wird weggebracht, ohne dass das Kind es nachvollziehen kann. Die Folge dieses Schmerzes kann zum Misstrauen gegenüber jeder Art  liebender Zuwendung führen. Kinder, die durch unangemessen frühe Betreuung in großen Gruppen die individuelle Zuwendung der Eltern entbehren müssen, lernen, einem „Leiter oder Führer“ zu gehorchen. Diesem ordnen sie sich unter, ohne einen eigenen Willen ausbilden zu können. Wer keine Individualität entwickeln konnte, kann ein Leben lang in dieser Leiter- oder Führersuche verhaftet bleiben. Im späteren Leben begegnen uns diese Menschen als Personen, die „nicht wissen, was sie wollen“ und deshalb nur sehr schwer eigene Entscheidungen treffen ­können. 

Was wir als Kinder erfahren haben, prägt unsere Beziehungen, unsere Bereitschaft und unsere ­Fähigkeit, andere anzunehmen, wie sie sind. Wir können nämlich nur leben und weitergeben, was wir selbst erfahren haben. So strahlen Familien­beziehungen in die Gesellschaft hinein und bauen Gutes und Ungutes. Hieraus wächst Verantwortung, unseren Kindern ganz authentisch Mutter und Vater zu sein und uns von Gott in diese Aufgabe hineinnehmen und zurüsten zu lassen.

Einige Fragen zum Schluss können eine An­regung sein, unseren eigenen Erfahrungen im Lichte Gottes zu erkennen:

  • Wie habe ich meine Mutter und meinen ­Vater erlebt?
  • Welches Gesicht hatte der „Herodes“ meiner Kinderzeit?
  • Nehme ich meine Aufgabe, Mutter oder Vater zu sein, gerne an?
  • Was möchte ich meinen Kindern und Enkeln weitergeben?

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