Was uns trägt

© Greg Epperson – fotolia
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Von der Liebe zwischen Gott und Mensch und Mitmensch

Rudolf M. Böhm

Aus der Bibliothek der Kirchenväter ist uns der Brief an Diognet (2. Jh.) überliefert. Darin heißt es über die Christen: „Sie lieben alle Menschen, und doch werden sie von allen verfolgt. ... Sie sind arm, machen aber viele reich. Sie werden geschmäht und in der Schmähung verherrlicht. Sie werden gelästert, aber gerechtfertigt. Sie werden beschimpft, doch sie segnen. Sie werden verachtet, doch sie erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden dennoch bestraft, als wären sie böse. Um es kurz zu sagen: Was die Seele im Leib ist, das sind die Christen in der Welt.“ Die folgende Betrachtung des Wortes aus Röm 15, 7 Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob will dazu anleiten, uns immer wieder zu prüfen, wie es um unsere Liebe bestellt ist.

Wie sollen wir einander lieben?

Viele Probleme in unseren Beziehungen, die wir schnell be- oder verurteilen, sind oft einfach ­Unterschiede in den Ausdrucksformen oder reine Missverständnisse. Es fällt uns schwer, die wirk­lichen Absichten und Motive des anderen zu erkennen, weil wir uns unterschiedlich ausdrücken und empfinden. Dass wir so verschieden sind, das müssen wir erst einmal realistisch zur Kenntnis nehmen und es – wenn möglich – mit Humor ­akzeptieren.

Dazu ein ganz alltägliches Beispiel: Es gibt Menschen, die sehr ordnungsliebend sind. Die geringste Unordnung macht sie nervös. Es gibt andere, die es in einer allzu ordentlichen und allzu sehr mit Vorschriften belasteten Umgebung kaum ­aushalten. Diejenigen, die die Ordnung lieben, fühlen sich persönlich angegriffen, wenn jemand auch nur eine Kleinigkeit irgendwo herumliegen lässt; ein anderer mit entgegengesetztem Temperament fühlt sich von dem, der eine perfekte Ordnung verlangt, schikaniert. Und dann sind wir übereinander entrüstet. Was uns beim anderen nicht passt, bringt uns gegen ihn auf. Statt miteinander ins Gespräch zukommen, reden wir mit anderen über den anderen oder die andere: „Das geht doch nicht, so wie der/die das macht. Das müsste man doch so und so, ganz anders und viel besser machen ...“. In diesem Ton urteilen und werten wir einander ab. Wenn man nicht aufmerksam ist, besteht die Gefahr, dass unsere Familien und unsere Gemeinschaften zu einem Ort unaufhörlicher Auseinandersetzungen werden, zum Beispiel

  • zwischen den Anhängern der Ordnung und denen der Ungezwungenheit
  • denen, die die Pünktlichkeit lieben und ­jenen, die sich den jeweiligen Situationen anpassen wollen;
  • denen, die die Ruhe lieben, und jenen, die lautstark ihre Fröhlichkeit ausleben;
  • denen, die früh aufstehen und jenen, die bis spät in der Nacht auf sind;
  • denen, die gerne reden und jenen, die lieber schweigen.

Wie können wir besser verstehen?

Wer verheiratet ist, kennt die Unausweichlichkeit solcher Situationen, in denen die Unterschiede zu einer hohen Schule der Liebe werden können. In unserer Ehe verwirkliche ich in der Regel zielstrebig meine Vorhaben. Meine Frau jedoch versucht in fast jeder gemeinsamen Unternehmung noch etwas Nützliches unterzubringen: einen kurzen Besuch auf dem Weg; ein Zwischenhalt, um jemandem noch „kurz“ etwas vorbeizubringen; ein kleiner Einkauf auf dem Heimweg; ein Umweg, um sich noch an einem Aushang über eine Ver­anstaltung zu orientieren. Im Laufe von 38 Ehejahren hat sich herausgestellt, dass es völlig sinnlos ist, darüber zu streiten! Nein, in diesen scheinbar kleinen Dingen ist es nötig, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, zu verstehen, dass seine Sensibilität und Werte nicht die gleichen sind wie meine. Meine Herausforderung ist es zu lernen, mein Herz und Denken in Bezug auf den anderen großmütiger und aufnahmebereiter zu machen. Diese Art der Selbstverleugnung aber kostet mich meinen Stolz. Und es lohnt sich nicht, unbedingt Recht haben zu wollen, ja besonders sogar dann, wenn wir wirklich einmal recht haben!

Es ist ein Glück, dass uns die anderen durch ihre Art und Weise, die Dinge zu sehen, wider­sprechen, denn so haben wir einige Aussicht, uns aus unserer Enge zu befreien und für anderes zu öffnen. Dabei erfahre ich, was der Theologe Paul Schütz so ausdrückte: „Der Nächste steht uns in Wahrheit nicht im Weg, sondern er steht am ­Rande des Abgrundes als Schutzengel, der uns hindert, aus den Realitäten des Lebens hinaus in die Illusion zu treiben.“

 Wir müssen und dürfen das, was zu uns gehört und unserem Wesen entspricht, nicht übergehen und uns verbiegen, um vielleicht die Anerkennung des anderen zu bekommen. Wir dürfen uns dem anderen ohne schlechtes Gewissen zumuten. Natürlich ist das kein Freibrief, unsere Eigen­heiten und Macken rücksichtslos auszuleben.

Wenn Christus sich auf Menschen eingelassen hat, ist er ihnen wirklich begegnet. Jemandem begegnen heißt, wirklich offen zu sein für ihn, sich ohne Vorbehalte und Vorurteile auf ihn einzu­lassen. Jesus wusste zutiefst um den Zustand der Herzen seiner Gegenüber, war mit all ihren inneren Beweggründen und Abgründen vertraut. Er durchschaute sie alle (vgl. Joh 5, 42 ff.). Und doch nahm er sie in Liebe an, so wie sie sind. Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Den anderen annehmen wie er ist, heißt nicht, alles gut zu heißen, was er tut. Jesus nimmt einen auch dann an, wenn er sagen muss: „Mein Freund, was du tust, wie du dich verhältst, ist nicht recht!“ Aus der Haltung Jesu können wir ablesen: Gott liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde. Jesus kommt zur Sache, ohne sein Gegenüber abzulehnen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von selbstverständlich, dazu braucht es eine übernatürliche Liebe. Um die können wir beten: „Mein Herr, lass mich den ­anderen mit deinen Augen betrachten, mit deinem Herzen lieben und achten.“

Wie können wir uns lieben?

Als ein Gesetzeslehrer Jesus auf die Probe stellen wollte und ihn nach der wichtigsten Lebensregel fragte, antwortete Jesus: Du sollst den Herrn, ­deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 22,37-40). Die Gottesliebe und die Nächstenliebe entfalten sich also in zwei Rich­tungen: „Mit der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen verhält es sich wie mit zwei Türen, die sich nur gleichzeitig öffnen und schließen ­lassen: Öffnet sich die eine, dann geht auch die andere mit auf. Schließt sich aber die andere, dann schließt sich auch die erste mit.“ (Sören Kierke­gaard)

Doch hier wird noch ein dritter Aspekt der Liebe aufgezeigt: die Liebe zu sich selbst: „Du sollst ­deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Diese Selbstliebe hat nichts zu tun mit dem Egoismus, der sich selbst unentwegt in den Vordergrund spielt, sich zum Mittelpunkt von allem macht. Vielmehr bedeutet Selbstliebe die Gnade, mit sich selbst im Frieden zu leben, in sein ganzes Sein, seine Gaben und Grenzen, seine Stärken und Schwächen einzuwilligen. Gott ist Realist. Seine Gnade wirkt nicht im Imaginären, im blutleeren Ideal oder im Erträumten. Gott liebt die Wirklichkeit, er wirkt in der ganz konkreten Existenz. Selbst wenn mir mein alltägliches Leben nicht sehr ruhmvoll vorkommt, so ist es hier und nirgendwo sonst, wo ich mich von der Gnade Gottes berühren lassen kann. Gott liebt mit der Zärtlichkeit ­eines Vaters, nicht die Person, die ich gerne sein möchte oder die ich vielleicht einmal in ferner ­Zukunft werden könnte. Nein, er liebt mich so wie ich bin. Er interessiert sich nicht für Schaufensterheilige, sondern für die Sünder, die wir sind. Wir verlieren zu viel Zeit damit, darüber zu klagen, dass wir so und nicht anders sind, dass wir diesen Fehler oder jene Schwäche haben, oder auch damit, dass wir uns all das Gute vorstellen, das wir wirken könnten, wenn wir anders wären, weniger verwundet, begabter… Das alles ist verlorene Zeit und verschwendete Energie und verhindert, dass der Heilige Geist unser Herz umwandeln kann.

Es gibt eine enge Verbindung zwischen der ­Annahme seiner selbst und der Annahme der ­anderen. Oft bringen wir es nicht fertig, die anderen zu akzeptieren, weil wir uns selbst nicht ­annehmen. Wer nicht im Frieden mit sich selber ist, befindet sich notwendigerweise auch mit anderen im Kriegszustand. Die Nicht-Annahme seiner selbst verursacht eine innere Spannung und Frustration, die wir oft auf andere übertragen, die dann zu Prügelknaben unserer eigenen inneren Konflikte werden. Etty Hillesum1 schreibt: „Ich fange an zu begreifen, dass man dann, wenn man Abneigung gegen seine Nächsten hegt, die Wurzel in dem Widerwillen gegen sich selber zu suchen hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Wer setzt das Maß?

Eine der schönsten Stellen des Evangeliums, die zum Versöhntsein mit sich selbst, seinem Nächsten und Gott einlädt, steht in Lukas 6,27-38. Es lohnt sich, ihn hier als Ausschnitt wiederzugeben, denn der Text ist Richtschnur für unsere Haltung anderen gegenüber.

Ihr sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist. Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und ­zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.

Es wäre oberflächlich zu sagen: Gott wird groß­zügig diejenigen belohnen, die großzügig sind in der Liebe und in der Vergebung, und er wird nur spärlich jene belohnen, deren Haltung gegenüber dem Nächsten kleinlich und engherzig ist. Dieser Vers beinhaltet einen wesentlich tieferen Sinn als den einer Bestrafung oder Belohnung, die Gott unseren Verhaltensweisen entsprechend austeilt. Gott bestraft nicht, es ist vielmehr der Mensch, der sich selber bestraft. Dieser Vers spricht ein „Gesetz“ aus: Wer sich weigert zu vergeben und zu lieben, der wird früher oder später selbst das unglückliche Opfer seines Mangels an Liebe sein. Das Böse, das wir den anderen antun oder antun wollen, wird schließlich immer auf uns selbst zurückfallen. Wer sich engherzig gegenüber seinem Nächsten verhält, wird selbst das Opfer dieser ­Enge werden. Wenn ich den anderen verurteile, ihn verachte, ablehne oder Groll gegen ihn hege, dann verfange ich mich selbst in einem Netz, das mich ersticken wird. Durch den Mangel an Barmherzigkeit gegenüber dem anderen schließe ich mich selbst ein in eine kleinliche und beengte Welt, eine Welt der Berechnung und des persön­lichen Vorteilsuchens, in der ich selbst ersticke. Es braucht nur ein wenig gesunden Menschen­verstand und Wirklichkeitssinn, um dieses Gesetz und seinen unerbittlichen Charakter zu erkennen: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast (Mt 5,26).

Wer in sich selbst verschlossen ist, wessen Herz dem Nächsten gegenüber kleinlich und eng ist, weigert sich zu lieben und ihm großmütig entgegenzukommen. Großmut in der Liebe und Barmherzigkeit im Urteil machen uns zu „Söhnen und Töchtern des Allerhöchsten“ und lassen uns in ­einer Welt des Wohlwollens leben, wo die tiefsten Sehnsüchte unseres eigenen Herzens eines Tages in Erfüllung gehen. Wenn du deinen Nächsten liebst, sagt uns Jesaja, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben... Du gleichst einem ­bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt (Jes 58, 6-11).

Unser Vorbild ist Jesus. Niemand besaß jemals ­eine solche Würde und niemand liebte die Menschen je so hingegeben wie er. Indem wir es dem Herrn gleichtun, werden wir

  • die anderen annehmen, wie sie sind, und über vieles, was vielleicht ärgerlich ist, hinwegsehen;
  • den Fehlern anderer, aber auch den eigenen gegenüber, nachsichtig sein;
  • uns schenken lassen, die anderen so zu sehen, wie Gott sie sieht, und dann wird es uns nicht schwerfallen, sie so wie er anzunehmen.

Kann man Liebe gebieten?

Viele Christen geraten unter Druck, wenn sie an der Liebe Jesu gemessen werden, und sie sagen: „Ich bin doch nicht Jesus!“ Ausdruck dieser Liebe ist, dass er seinen Jüngern die Füße wäscht. Wir neigen in der Regel eher dazu, einander die Köpfe zu waschen. Wenn Jesus befiehlt: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann sollt auch ihr einander die Füße waschen“, erscheint es naheliegend zu fragen: Kann man denn Liebe gebieten? Liebe kann man doch nicht befehlen. Sie ist doch ein Gefühl, das da oder nicht da ist, so lautet die gängige Meinung. 
Vielleicht ist es weniger die Frage, dass ich nicht lieben kann, sondern vielmehr, dass ich an etwas festhalte, was meine Liebe hindert: Rechthaberei, Selbstgefälligkeit, Stolz, Herzenshärte, Bequemlichkeit, Dünkel. Da wir höchst ungern mit unseren Schattenseiten konfrontiert werden, suchen wir nach praktischen Lösungen: „Was kann ich tun, um das Problem möglichst schnell loszu­werden?“ Auf dem Liebelernweg geht es aber nicht um schnelle Lösungen, sondern um eine beständige Umkehr. Doch immer, wenn es um wirkliche Änderung geht, leistet das Herz in der Regel ­Widerstand. Ob wir uns wirklich ändern, bestimmt nicht die Einsicht, sondern ganz allein unser Herz. „Im Herzen steckt der Mensch, nicht im Kopf.“ (Arthur Schopenhauer). Das verhärtete Herz hält am Gewohnten fest und gibt das, was es sich für sein Überleben gesichert hat, nicht einfach her. Oft scheitern wir auch daran, dass unser ängstliches Herz keinen Mut hat, etwas Neues zu wagen oder ihm die Kraft dazu fehlt.

Die Frage, was ich tun muss, damit ich mit dem anderen wieder gut auskomme, ist also falsch gestellt. Nicht eine bessere Erkenntnis oder eine durchschlagende Einsicht, rettet uns, sondern das Bekenntnis des eigenen Unvermögens. Meister Eckhart sagte: „Die Leute sollten nicht so viel darüber nachdenken, was sie tun sollen; sie sollten darüber nachdenken, was sie sein sollen.“ Es geht um unser Sein, nicht um das richtige Tun! Die Grundhaltung der Seinsgerechtigkeit wurde im Mittelalter zusammengefasst in dem großartig-einfachen Satz: „Weise ist der Mensch, wenn ihm alle Dinge so schmecken, wie sie wirklich sind.“

Gott ist der Maßstab! Glücklich, wenn wir beten und es auch wirklich so meinen: „Dein Wille ­geschehe.“ „Dasselbe wollen und dasselbe abweisen – das haben die Alten als eigentlichen Inhalt der Liebe definiert: das Einander-ähnlich-Werden, das zur Gemeinsamkeit des Wollens und des Denkens führt. Die Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch besteht eben darin, dass diese Willensgemeinschaft in der Gemeinschaft des Denkens und Fühlens wächst: der Wille Gottes ist nicht mehr ein Fremdwille für mich, den mir Gebote von außen auferlegen, sondern mein eigener Wille aus der Erfahrung, dass Gott mir inner­licher ist als ich mir selbst. Dann wächst Hingabe an Gott. Dann wird Gott unser Glück (vgl. Ps 73, 23-28).“2 Die göttliche Wahrheit ist nicht lebensfremd, sondern bestätigt unsere Erfahrung: Gott verlangt nichts von uns, was er uns nicht zuerst schenkt.

Gott hat uns zuerst geliebt!

Die Liebe Gottes ist darin sichtbar geworden, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben (1. Joh 4,9). Gott hat sich sichtbar gemacht: In Jesus können wir den Vater anschauen (vgl. Joh 14,9). In der Geschichte der Liebe, die uns die Bibel erzählt, kommt Gott uns entgegen, wirbt um uns – im letzten Abendmahl, im am Kreuz durchbohrten Herzen Jesu, im Auferstandenen und seinen Großtaten, mit denen er durch das Wirken der Apostel die entstehende Kirche auf ihrem Weg geführt hat. Er hat uns zuerst geliebt (1. Joh 4,10) und aus diesem „Zuerst“ Gottes kann auch in uns Liebe aufkeimen.

Das Wichtigste in unserem Leben ist also das Offensein für das Wirken Gottes; das große Geheimnis aller Fruchtbarkeit und allen geistlichen Wachstums besteht darin zu lernen, Gott handeln zu lassen: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh 15,5), sagt Jesus. Diese göttliche Liebe ist unendlich viel mächtiger als alles, was wir durch unsere eigene Klugheit oder eigene Kräfte bewirken können. Eine Bedingung, die es der Gnade Gottes erlaubt, in unserem Leben wirksam zu werden, besteht darin, Ja zu uns zu sagen und zu der Situation, in der wir uns befinden. Dies brauchen wir besonders dann, wenn wir nicht mehr durchblicken, weil wir uns in uns selbst verstrickt haben. Wenn scheinbar alles zusammenbricht, haben wir die Möglichkeit zu Gott aufzublicken und zu sagen: „Wir erkennen dich als den an, der jetzt dabei ist, etwas zu gestalten.“ Beispielhaft handelte so der Prior einer Gemeinschaft, in der es zu Eifersüchteleien gekommen war, so dass Gefahr bestand, dass sie sich auflösen könnte. Als es sich in einer Versammlung immer mehr zuspitzte, bat der ­Prior um einige Augenblicke der Stille und sagte schließlich: „Lasst uns zusammen das Te Deum beten und Gott preisen für das, was er jetzt vorhat!” Dieser gemeinsame Aufblick zu Gott führte unverzüglich die Änderung herbei. Denn darauf kommt es an: Wenn wir nichts mehr verstehen und trotzdem sagen: „Wir erkennen dich gerade jetzt an“, dann öffnen wir ihm dadurch alle ­Türen, so dass er handeln kann. Karl Barth sagte in einer Predigt über Röm 15,7: „Wenn das Lob Gottes Menschen zusammenführt, dann entsteht eine innige Gemeinschaft, die stärker ist als alle Arten von Beziehungen, die wir sonst kennen.“ An­betung führt zu einem Leben in Freiheit, in der wir nichts mehr festhalten und ängstlich schützen müssen, weil wir Gott, unserem Herrn, der alles in allem ist, ganz angehören, und wir somit nichts mehr haben, was uns entrissen werden kann. Wir erhalten dabei Antwort auf die tiefe Frage des Menschen „Werde ich geliebt und wer ist es, der mich liebt?“ und erfahren die Liebe Gottes als ­Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht nach Glück.

Einem Verliebten ist nichts zu viel

„Um das Glück zu finden, bedarf es nicht eines ­bequemen Lebens, sondern eines verliebten Herzens!“3 Viele meinen, sie wären glücklicher, wenn sie mehr besäßen, mehr Lob und Anerkennung ­erhielten, dabei ist nur eins nötig: ein verliebtes Herz. Gott hat unser Herz für die Fülle der ewigen Güter bestimmt. Deshalb kann keine Liebe dieses Herz sättigen, wenn die Liebe schlechthin – die Liebe zu Gott – fehlt. Von da her erhält jede andere Liebe ihren Sinn. Und umgekehrt: Der Egoist, der Eifersüchtige, der Besitzgierige kann die Freude nicht finden, die Jesus den Seinen verheißt (siehe Joh 16,22). Teresa von Avila schreibt: „Dies ist die Kraft der Liebe, wenn sie vollkommen ist: Wir ­vergessen unser eigenes Wohlgefallen, um dem zu gefallen, den wir lieben. Und es ist wahrhaftig so: Auch wenn wir große Mühen zu tragen haben, werden diese Mühen angenehm, wenn wir er­kennen, dass wir damit Gott gefallen.“4 Alle Nöte und Widerwärtigkeiten sind erträglich, wenn wir uns an Gottes Hand festhalten.

Mein Leib, für Euch gegeben

Beim letzten Abendmahl sprach Jesus das Dankgebet, brach das Brot und reichte es den Seinen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hin­gegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird (Lk 22,19f.).

Vor einigen Monaten hörte ich vom Zeugnis einer Missionarin, die in Äthiopien lebt. Im Heimat­urlaub wurde sie zu einem Gebetsabend einge­laden und fragte die Jugendlichen: „Was antwortet ihr, wenn jemand zu euch sagt: Ich liebe dich? Die einzig angemessene Antwort lautet: Ich liebe dich auch. Dann sprach sie weiter: „In jeder Abendmahlsfeier macht uns Jesus eine ultimative Liebeserklärung, wenn er sagt: Das ist mein Leib, hingegeben für dich! Was antworten wir darauf? Sagen wir, das interessiert mich nicht, ich habe das jeden Sonntag im Gottesdienst gehört, irgendwie langweilig. NEIN! Die einzige angemessene Antwort auf eine solche Liebeserklärung ist, dass wir zu Jesus sagen: Jesus, das ist mein Leib, hin­gegeben für dich! Wenn ich in Äthiopien zu den Armen gehe und in der Hitze lange Wege zu Fuß gehe, weil wir kein Auto haben und ich müde werde, dann sage ich: Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich! Und wenn ich eine Arbeit tue, die nicht so angenehm ist, dann sage ich: Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“

Als ich dieses schlichte Zeugnis hörte, traf mich das tief in meinem Herzen und ich dachte, das ist die Weise, wie jeder Christ die Liebe zu seinem Nächsten in seinem Leben konkret werden lassen kann.

  • Wenn mir etwas beim anderen nicht passt und ich aufgebracht gegen ihn bin, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn ich in der Versuchung stehe, nur meine eigene Sicht für richtig zu halten, dann ­sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn ich durch die „unmögliche“ Art eines Anderen ungespitzt durch die Decke gehen könnte, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn ich mich von keinem mehr richtig verstanden fühle und am liebsten flüchten möchte, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn meine Frau das Gespräch mit mir einfordert, weil ich seit Tagen so beschäftigt bin, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn ich in meiner Arbeit schon zum zehnten Mal unterbrochen werde und ich Angst habe, nicht fertig zu werden, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“
  • Wenn meine Gemeinschaft Dienste von mir verlangt, die meine eigenen Vorhaben einschränken, dann sage ich: „Jesus, das ist mein Leib, hingegeben für dich!“

Beim letzten Abendmahl hat Christus seine letzten Worte, seine innersten Gedanken den Jüngern mitgeteilt. Er sagte: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt, bleibt in meiner Liebe! Dieser Ruf zu lieben, wie Gott liebt, ist die wahre Berufung eines menschlichen Lebens; sie gilt für jeden!

Gott beruft uns zu einer Liebe, die vom Himmel und nicht von der Erde kommt. Der Heilige Geist wird unsere Herzen umwandeln und so weiten, dass wir fähig werden, so zu lieben, wie Gott liebt.

 

Anmerkungen:
1. Jüdin, die im September 1942 in Auschwitz ermordet wurde und deren Tagebuch „Das denkende Herz in der Baracke“ 1981 veröffentlicht wurde.
2. aus: J. Ratzinger, Enzyklika „Deus Carita est“
3. J. Escriva, Die Spur des Sämanns, Nr. 795.
4. Teresa von Avila, Buch der Klosterstiftungen, 5,10.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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