Nehmen wir mal an

© tomwang – 123rf
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Predigt zur Jahreslosung für 2015: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“  (Römer 15,7)

Die Gemeinschaft der Christen in Rom, an die sich der Brief des Paulus richtet, steckte in einer echten Beziehungskrise. Die Situation zwischen Juden- und Heidenchristen war verfahren. Die ­Israeliten stießen sich am vermeintlich laxen ­Lebenswandel der nicht an der Tora geschulten Gläubigen, die wiederum an der Gesetzlichkeit der Juden Anstoß nahmen. Wir erkennen die klassischen Anzeichen einer Beziehungsstörung: gegenseitige Anklagen, Unterstellungen, Verallgemeinerungen, Überheblichkeit, Streitigkeit und die feste Überzeugung, dass man selbst recht hat. In dieser Situation ermahnt Paulus seine Geschwister in Rom: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“  (Röm 15,7).
Ich möchte hier auf drei schlichte Fragen eingehen:

Was sollen wir tun?

Das mit dem Annehmen ist so eine Sache; mal fällt es leichter, mal schwerer. Manche Menschen können wir sehr leicht annehmen, andere nur, wenn sie möglichst weit weg sind. Aus sicherem Abstand tangiert es uns nicht, was sie tun oder lassen. Und dann gibt es jene, über die wir eher etwas annehmen, als dass wir sie selbst so an­nehmen, wie sie sind. Damit halten wir sie uns vom Leib: Wir bewerten, wie sie reden, wie sie ­essen, was für ein Auto sie fahren, wie sie sich verhalten, wie sie ihre Kinder erziehen. Der Reiz sie abzulehnen, scheint viel größer zu sein, als der, sie anzunehmen.

Wenig vorher schreibt der Apostel: Seid niemandem etwas schuldig; außer, dass ihr euch unter­einander liebt, denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt (Röm 13, 8).  Er zitiert das ­Liebesgebot aus dem 3. Buch Mose 19 Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.  Früher bin ich öfter über dieses „wie dich selbst“ gestolpert. Lange meinte ich, die Selbstliebe in christlichen Kreisen sei verpönt. Wir sollen uns doch hin­geben und selbstlos werden. Was hat denn das „Mich-selbst-Lieben“ mit der Nächstenliebe zu tun?

Der Religionsphilosoph Martin Buber übersetzt dieses Gebot folgendermaßen: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du! Prinzipiell kann ich dem Satz sofort zustimmen. Ja, mein Nächster ist ebenso ein Ebenbild Gottes und ein Sünder wie ich. Aber der Satz sagt in der Tiefe auch etwas über mich aus. Man könnte ihn auch so formulieren: Liebe deinen Nächsten, denn er ist dir ähn­licher als du denkst oder es dir wünschst. Und: Wenn du deinen Nächsten nicht annehmen kannst, dann ist das ein Hinweis darauf, dass du dich selbst nicht annehmen kannst.

Ein Satz des Paartherapeuten Michael Lukas Möller geht mir nach: „Wir werten den anderen ab, wenn wir uns minderwertig fühlen.“ Es ist manchmal gar nicht so einfach, die anzunehmen, die stärker als wir selbst sind. Der – aus meiner Sicht – Starke konfrontiert mich mit meinem Selbstwert. Nicht selten halte ich mich in seiner Gegenwart für minderwertig. Weil ich das nicht wahrhaben will, fange ich an, intensiv nach seinen Fehlern und Schwächen zu suchen, um mir zu beweisen, dass er doch nicht so stark ist. Indem ich ihn abwerte, kann ich mich aufwerten, mich in ­einem besseren Licht darstellen und zurecht­rücken. Aber das stört meine Fähigkeit zur ­Annahme des anderen.

Ein weiterer Satz von Michael Lukas Möller greift etwas auf, was wir auch bei Paulus finden: „Der andere entlastet uns von den Seiten, die wir an uns verachten.“ Verachtung ist im Römerbrief ein wichtiges Thema: Die die koscheren Gesetze befolgenden Judenchristen verachten die Heidenchristen, die unbelastet Fleisch von Tieren essen, die nach heidnischen Opferriten geschlachtet wurden. Hier bremst Paulus die Gesetzestreuen. Es ist nicht ihre Aufgabe, über andere zu richten und diese in unnötige Skrupel zu stürzen, während sie sich besser wähnen. Nur EINER kann richten und wird richten. Gott selbst. Die Heidenchristen, die sich mehr Freiheiten herausnehmen, ermahnt er ebenso: Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran sich dein Bruder stößt (Röm 14, 21). Nächstenliebe heißt in diesem Zusammenhang, dass ich meinen Bruder und meine Schwester durch mein Verhalten nicht in Bedrängnis bringe oder ihnen zum Anstoß werde.

Wenn ich mich selbst frage, ob es etwas an mir gibt, das ich nicht leiden kann, das ich verachte, kann ich mir auf die Spur kommen. Denn wenn jemand genau das tut, was ich an mir ablehne, reagiere ich oft auf den anderen mit Verachtung. Ich ermögliche mir so, vor meiner eigenen Wahrheit und der eigenen Selbstverachtung zu fliehen. „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ ist für uns deshalb eine Herausforderung, weil es hier mehr um mich geht, als um den anderen. Der ist nur Auslöser oder Symptom für mein Unbehagen, nicht die Ursache dafür. Es geht – gleichnishaft gesprochen – also darum, nicht den Splitter beim anderen zu suchen, sondern den Balken im eigenen Auge zu sehen. Dem nachzugehen lohnt sich.

Wie sollen wir das tun?

Wo Menschen miteinander arbeiten, glauben oder leben, entwickelt sich früher oder später immer auch ein Reizklima, am Arbeitsplatz genauso wie in der Familie. Das ist völlig natürlich. Paulus gibt im Römerbrief einige Hinweise, wie Christus ­seine Liebe und Annahme zu uns zum Ausdruck gebracht hat.

Das Kreuz der Annahme hat vier Pole: freiwillig (Entschiedenheit), vorleistungsfrei (Gnade), verlässlich (Treue bis zum Tod) und lebensspendend (Früchte der Gnade).

Jesus Christus hat sich uns freiwillig geschenkt und sein Leben für uns gelassen. Paulus schreibt: Denn dazu ist Christus gestorben und wieder ­lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei (Röm 12, 9). Freiwillig heißt aus freiem Willen: entschieden. Die Zeit, in der wir leben, wird von dem Gedanken beherrscht, dass den Reizen, die uns treffen, möglichst immer eine ­unmittelbare Reaktion folgen darf und soll. Wenn ich kein Gefühl der Annahme, Zuneigung oder Liebe empfinde, dann kann ich auch nicht an­nehmen. Wenn ich jemanden nicht leiden kann, dann kann (und muss) ich ihn nicht annehmen.

Der Logotherapeut Viktor Frankl, der die Todeslager von Auschwitz und Dachau überlebt hat, soll gesagt haben, dass zwischen Reiz und Reaktion ein Raum liegt. In diesem Raum liegt unsere Verantwortung – wir können wählen. Wir sind unseren Reizen nicht ausgeliefert, wie unangenehm die Umstände auch sind. Es gibt zwischen beiden Momenten einen Zeit-Raum, den müssen wir erweitern und alternative ­Reaktionsmöglichkeiten schaffen. Wer sich diese Wahlmöglichkeit nicht zugesteht, beraubt sich selbst der Freiheit und der Möglichkeit, über seinen Ist-­Zustand hinauszuwachsen.

Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung. Jede Entscheidung bedeutet, dass ich Verantwortung für meine Gefühle und meine Gedanken übernehme. Ich muss mich nicht nur entscheiden, ich darf es und ich darf mich dadurch verändern lassen. Gebet, Gespräch, Seelsorge – das sind die Räume, die ich aufsuchen kann, wo geschehen kann, was Paulus an die Römer schreibt: Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist (Röm 12,2).

Ich will nicht leugnen, dass es sehr schwer sein kann, eine solche Entscheidung zu treffen. Oft scheitere ich an meinem Unwillen. Aber wir können immer wählen – unabhängig davon, wie es uns gerade geht. Vielleicht nicht beim ersten Mal, vielleicht auch nicht beim zweiten oder zwanzigsten Mal. Doch irgendwann, weil mich das so nervt, gehe ich endlich anders damit um. Wir können unseren Schweinehund nicht wegbeten, wir können ihm aber ab und zu einen ordent­lichen Tritt in den Hintern geben.

Christus nimmt uns vorleistungsfrei an. Paulus schreibt im 3. Kapitel: Wir „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade und durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (Röm 3, 24).

Wir können uns füreinander entscheiden und ich kann mich entscheiden, eine Versöhnung anzustreben und den Nächsten lieben zu wollen. Wir können – und sollten – die Mühe dafür nicht scheuen. Gelingende Beziehung ist immer mit Arbeit verbunden. Aber am Ende ist es Gnade. Denn oft sind die eigenen Wunden so tief, dass wir sie nicht einfach überbrücken können. Zwei Objekte – wie Puzzlesteine –, deren Seiten ineinander passen, machen das anschaulich: Das Objekt mit der Erhebung in der Seite, das sind wir mit unseren Lebenswunden und Narben, die zum Teil heilen, zum Teil aber auch bleiben. Das Objekt mit den Vertiefungen steht für Christus und seine Wunden. Wenn wir unsere Wunde in die Wunde Christi legen, werden wir ganz.

Christus nimmt uns für alle Zeit an. Seine Treue gilt – trotz der Abwege, auf denen wir herum­irren. Wie kann man treue Zuwendung zum Ausdruck bringen? Ein jüdisches Sprichwort sagt: Gott gab den Menschen zwei Ohren, aber nur ­einen Mund, damit sie mehr zuhören als reden.

Ja, wir sind stark im Reden – stark, den anderen in Grund und Boden zu reden – und wir sind stark im Reden übereinander. Das Miteinanderreden fällt schwerer, weil es der Möglichkeit, Unrecht haben zu können, Rechnung trägt. Ich könnte Unrecht haben, meine Haltung relativieren müssen oder einsehen, dass das, was ich mir fein säuberlich zurechtgelegt habe, nicht stimmt. Der Philosoph Karl Jaspers sagte: „Dass wir miteinander ­reden, macht uns zu Menschen.“ Der Umkehrschluss wäre: Dass wir übereinander reden, macht uns zu Unmenschen. Treu sein heißt in ­bestimmten Fällen: Halt den Mund!

Oft meinen wir, schon alles über einen Gefährten zu wissen. Wir haben jeden fein säuberlich in Schubladen einsortiert. Wäre es nicht ein Zeichen der Treue und Verbundenheit, wenn ich die Haltung annehme: „In Wirklichkeit kenne ich dich nicht, ich entlasse dich aus meinen Vorstellungen. Ich habe Interesse an dir und ich möchte dich ­kennenlernen.“ Damit achte ich die Einzigartigkeit, das Gewordensein einer Person und erlaube meinem Gegenüber zu sein, was er wirklich ist.

Christus nimmt uns an: freiwillig, vorleistungsfrei und treu. Seine Annahme spendet Leben und Frucht. Das ist der springende Punkt, wenn es um die Frage geht:

Wozu einander annehmen?

Wir sollen einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat: zum Lobe Gottes! Dort, wo Christus mit seiner Gnade und seiner Gerechtigkeit in unser Leben, in unsere Beziehung und in unsere Bedrängnis kommt, reifen die Früchte der Gnade. Paulus schreibt: Wir rühmen uns der ­Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis ­Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist aus­gegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5, 3-6).

Der Nächste, der uns in Bedrängnis führt, ist ­eigentlich dazu da, dass wir an ihm wachsen und reifen. Ja, dass wir noch freier von uns selbst werden. Damit geschieht, was Johannes der Täufer von sich sagte: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3, 30). Mein Ich darf weniger werden, damit Christus und seine Liebe immer mehr Raum in meinem Leben gewinnen. Das befähigt uns zur Hingabe und zur Selbstlosigkeit und ­befreit uns, Gott mehr zu loben.

Die Zentrifugalkraft unserer Unterschiedlichkeit treibt uns voneinander weg. Die Mitte aber, an die wir uns halten und die uns hält, ist Jesus Christus. Bleiben wir in Ihm, tragen wir dazu bei, dass der Leib Christi nicht noch weiter auseinander gerissen wird. Das ist gemeinschaftlich gelebtes Lob Gottes; ein Lob mit eschatologischem Horizont, auf den sich unsere ganze Hoffnung richtet: Dass wir einst alle vor dem Thron Gottes stehen und ihn anbeten werden. Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung, durch die Kraft des Heiligen Geistes (Röm 15,13).

Von

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