Alle sind Christus!

© Saravanan Dhandapani
© Saravanan Dhandapani

Leben mit dem Gütesiegel Gottes

Bernhard Meuser

Madame Helena Blavatsky, eine der schillerndsten Figuren des 19. Jahrhunderts, ist die Urheberin der sogenannten „Wurzelrassenlehre“, einer kruden Weltanschauung, die davon ausgeht, dass es verschiedene Grade von Menschsein und eben auch höhere und niedere Rassen gibt. Daraus schöpfte nicht nur Rudolf Steiner und die Anthroposophie, nach der ein Mensch bei der Geburt noch nicht voll und ganz Mensch ist – er wird es erst in Siebenjahres-Zyklen –, daraus schöpfte auch der Nationalsozialismus mit seiner Lehre von der Überlegenheit der arischen Rasse und ­ihrer Verachtung der „Untermenschen“.

Alle Menschen sind gleich …

In der scheinbar so harmlosen Esoterik finden sich häufiger Gedanken, die vom Hinduismus inspiriert sind. Dort gibt es seit Jahrtausenden so­genannte Kasten: Wer das Pech hat, in eine niedere Kaste oder gar in die niedrigste hineingeboren zu werden, ist offensichtlich „karmisch“ (vom Karma = Schicksal her) dazu verurteilt, Menschen einer höheren Kaste die Toiletten zu reinigen. Solange wir in Europa und Amerika darüber diskutieren, ob man Embryonen „züchten“ darf, um daraus – sie tötend – Stammzellen zu ge­winnen, haben wir keinen Grund, uns über das Menschenbild der Blavatskys, Arier-Ideologen und kastenfixierten Hindus zu erheben.

Penner und Kultstar

Benedikt von Nursia befiehlt seinen Mönchen, „alle Menschen zu ehren“. Damit war er nicht nur für seine Zeit – die Sklavenhalter-Gesellschaft des 5. und 6. Jh. – revolutionär. Es ist auch heute noch shocking, dass zwischen dem abgerissenen Penner und dem Kultstar, dem die Massen zu Füßen ­liegen, kein Unterschied zu machen ist. Es ist auch kein Unterschied zu machen zwischen einem Kind im Mutterleib oder einem dahinvegetierenden alten Menschen und einem Menschen in der Blüte seiner Jahre. Grundsätzlich haben sie alle die gleiche Würde.

Diese Würde ist nicht ein gefühlter Minimal­konsens („Schließlich ist der arme Hund ja auch ein Mensch!“); sie beruht auf einer göttlichen Garantieerklärung. Jeder Mensch trägt ein göttliches Qualitätssiegel auf der Stirn, „Made in Divinity“: Gott hat diesen Menschen, in welchem akuten ­Zustand er sich auch immer befindet, gewollt. Er liebt den größten, schönsten, würdigsten, ersten, besten Menschen nicht weniger als den Erst­besten. Er ist für die Heroen der Nächstenliebe nicht weniger gestorben als für die größten Ver­sager und ausgebufftesten Lumpenhunde.

Demente und Genies

Gottes Hand liegt auch auf den Dementen und Lästigen, den Schutzlosen und Preisgegebenen – ja, besonders auf ihnen.

Was heißt nun, einen Menschen ehren? Es heißt, ihm die Würde geben, die ihm zusteht. Da ist man schnell bei der Leistungsbilanz eines Menschen: Wer viel leistet, dem steht viel Ehre zu! ­Natürlich haben ein Regierungschef oder ein Konzernlenker Recht auf Ehre. Die wissen auch, wie sie drankommen. Aber was ist mit den ­Menschen, die keine Leistungsbilanz vorzuweisen haben? Haben die keine Ehre?

Nicht überall. Aber in einem Benediktinerkloster. Es ist hinreißend zu sehen, was man mit einem ­x-beliebigen Menschen gemacht hat, der in ein Benediktinerkloster kam. Noch hinreißender ist die Begründung, die Benedikt für seine alle kulturellen Muster und Standesmuster durch­brechende Regel 53 gibt: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.‘... Allen Gästen begegne man bei der Begrüßung und dem Abschied mit großer Demut: Man verneige sich, werfe sich ganz zu ­Boden und verehre so in ihnen Christus, der in Wahrheit aufgenommen wird.“

Hungrige und Fremde

Das ist ein ganz starkes Tool zum Leben auch in dieser Zeit. Man geht in den Tag – und jede ­Begegnung, die ich heute mit einem Menschen habe, hat eine radikal neue Dimension. Der Mensch, der mir in der U-Bahn gegenübersitzt – eigentlich müsste ich mich nach benediktinischer Art vor ihm auf den Boden werfen. Man unterlässt es besser, denkt aber vielleicht an Jesu Wort: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen (Mt 25,35-37).

Aus. Bernhard Meuser: Christsein für Einsteiger, fontis-Verlag 2014

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