Herausforderung Gemeinschaft

Vom kleinkarierten Freund-Feind-Schema in die Weite lebendiger Beziehungen

Jean Vanier

Die beiden großen Gefahren einer Gemeinschaft sind „Freunde“ und „Feinde“. Menschen, die sich ähneln, finden sich sehr schnell. Man ist gern mit jemandem zusammen, der einem gefällt, der dieselben Ideen hat, dieselben Ansichten, denselben Humor. Man bestärkt sich gegenseitig, man schmeichelt sich: „Du bist wunderbar“, − „Du bist auch wunderbar“, − „Wir sind beide wunderbar, denn wir sind wirklich intelligent, echt begabt.“ Aus menschlichen Freundschaften kann aber sehr schnell ein Klub der Mittelmäßigen entstehen. Man sondert sich ab, man schmeichelt sich gegenseitig und macht sich glauben, man wäre wirklich intelligent – und intelligenter als die anderen. Die Freundschaft ist dann aber keine Ermutigung mehr zum Wachstum, den Brüdern und Schwestern besser zu dienen, mit den empfangenen Gaben treuer hauszuhalten, intensiver auf den Geist zu hören, mit mehr Vertrauen durch die Wüste in das Gelobte Land der inneren Befreiung zu ziehen. Die Freundschaft wirkt dann erdrückend und wie eine Mauer, die uns daran hindert, auf die Anderen zuzugehen und auf ihre Bedürfnisse zu achten. Auf Dauer können solche Freundschaften zu ­gefühlsmäßiger Abhängigkeit führen. Sie ist dann nur eine andere Form der Knechtschaft.

Bedrohte Selbstgefälligkeit

In einer Gemeinschaft gibt es auch „Antipathien“. Es gibt immer diejenigen, mit denen ich mich nicht verstehe, die mich blockieren, mir widersprechen, die das aufkeimende Leben in mir ­ersticken. Allein ihre Gegenwart erscheint mir ­bedrohlich, sie löst Aggressivität aus oder auch ­eine Form knechtischer Unterwürfigkeit. Ich kann mich nicht ausdrücken und nicht ausleben. Manche lassen in mir Eifersucht und Neid aufkommen. Sie sind all das, was ich gern sein möchte. Ihre Gegenwart erinnert mich daran, dass ich nicht bin, was sie sind. Ihre Ausstrahlung und ihre Intelligenz verweisen mich auf meine eigene Armseligkeit. Andere wiederum fordern zu viel von mir. Ich kann ihrem andauernden gefühlsmäßigen Anspruch nicht genügen. Ich bin gezwungen, sie zurückzustoßen. Diese Menschen sind meine „Feinde“. Sie bringen mich in Gefahr. Und selbst wenn ich es nicht zuzugeben wage, ich hasse sie. Sicher ist dieser Hass nur psychologisch und nicht moralisch, das heißt, er ist nicht ­gewollt. Dennoch würde ich es vorziehen, wenn diese Menschen nicht da wären! Ihr Verschwinden, ihr Tod wäre mir eine echte Befreiung.

Es ist ganz natürlich, dass es in einer Gemeinschaft sowohl eine gefühlsmäßige Nähe gibt als auch Blockierungen zwischen Menschen, die ­verschieden empfinden. Das hat seinen Grund zumeist in der Unreife unserer Empfindungen, verursacht durch Ereignisse unserer frühesten Kindheit, über die wir keinerlei Kontrolle haben. Man muss diese frühkindlichen Verletzungen durchaus ernstnehmen.

Lassen wir uns aber ausschließlich von unseren Gefühlen leiten, so werden in der Gemeinschaft sehr bald Cliquen entstehen. Von Gemeinschaft kann dann nicht mehr die Rede sein, eher von ­einer Ansammlung mehr oder weniger in sich verschlossener Gruppen. Kommt man in gewisse Gemeinschaften, dann spürt man bald solche Spannungen und die unausgesprochene Feindseligkeit. Man sieht sich nicht mehr an. Man kreuzt sich in den Fluren wie Schiffe in der Nacht. Eine Gemeinschaft ist nur dann echte Gemeinschaft, wenn die Mehrheit der Mitglieder sich ganz bewusst entschlossen hat, diese Schranken zu überwinden, aus jenen Freundschaften, in die man sich allzusehr versponnen hat, auszuschlüpfen und dem „Feind“ die Hand zu reichen.

Aber das ist ein weiter Weg. Noch keine Gemeinschaft ist an einem Tag entstanden. Tatsächlich ist sie niemals am Ziel. Sie ist immer unterwegs zu einer größeren Liebe – oder aber sie fällt zurück.

Befreiende Selbsterkenntnis

Der Feind macht mir Angst. Ich bin unfähig, ­seinen Schrei zu hören, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Seine Aggressivität und seine Herrschsucht ersticken mich. Ich fliehe vor ihm oder möchte, dass er verschwindet.

In Wahrheit macht er mir meine eigene Schwäche bewusst: meine mangelnde Reife, meine innere Armut – und die möchte ich nicht sehen. Die Fehler, die ich bei anderen kritisiere, sind oft meine eigenen Fehler, die ich nicht sehen möchte. Wer andere und die Gemeinschaft kritisiert, wer nach der idealen Gemeinschaft sucht, flieht oft nur die eigenen Fehler und Schwächen. Er will sich seine Unzufriedenheit und seine Verletztheit nicht eingestehen.

Die Haltung Jesu ist deutlich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen, betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin... Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden (Lk 6,27-29.32).

Ein falscher Freund ist derjenige, bei dem ich nur gute Eigenschaften habe. In seiner Gegenwart ­lebe ich auf. Er verhilft mir zu einem gewissen Wohlbefinden. Er offenbart mich mir selber. Er regt mich an. Deswegen mag ich ihn gern.

Der „Feind“ dagegen ruft Gefühle in mir wach, die ich nicht wahrhaben möchte: Aggressivität, Eifersucht, Angst, falsche Abhängigkeit, Hass, die ganze Welt der Finsternis, die ich in mir habe.

Solange ich nicht bereit bin, mich als jenes Gemisch aus Licht und Finsternis anzunehmen, das ich nun einmal bin – aus Fehlern und Vorzügen, aus Liebe und Hass, aus Reife und Unreife – werde ich stets die Welt in „Feinde“ (die „Bösen“) und „Freunde“ (die „Guten“) einteilen. Ich werde weiter Schranken aufrichten, sowohl in mir als auch um mich herum, und weiter mit Vorurteilen um mich werfen.

Bin ich aber bereit, meine eigenen Fehler und Schwächen anzunehmen und damit auch die Möglichkeit, Fortschritte in Richtung auf die innere Befreiung und wahrhaftigere Liebe zu ­machen, dann werde ich auch die Fehler und Schwächen der anderen besser annehmen können. Ich werde auch ihnen die Möglichkeit des Fortschreitens auf innere Freiheit und echtere Liebe zugestehen. Ich werde allen Menschen realis­tischer und in Liebe begegnen. Alle miteinander sind wir sterbliche und schwache Wesen. Aber wir leben aus Hoffnung: Die Möglichkeit zum Wachstum bleibt immer gegeben. 

 

Aus Jean Vanier: Gemeinschaft. Ort der Versöhnung und des Festes. Verlag St. Peter, Salzburg, 1983

Von

  • Jean Vanier

    Dr. phil., Philosoph und Theologe, ist Gründer der „Arche“, einer internationalen ökumenischen Organisation, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben. In der von ihm mitgegründeten Bewegung „Glaube und Licht“ treffen sich Behinderte mit Freunden und Verwandten zu regelmäßigen Austausch, Gebet und Feiern. Von den 135 Archen weltweit sind drei in Deutschland (Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg am Lech).

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