Peter Zimmerling: Beichte – Gottes vergessenes Angebot

P.Zimmerling: Beichte
P.Zimmerling: Beichte

Buchbesprechung

Evang. Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 14,80 EUR

von Carolin Koch

Wenn meine 7-Jährige so richtig Mist gebaut hat, dann kann ich ihr an der Nasenspitze ansehen, dass etwas nicht stimmt. Wenn ich frage, druckst sie rum und verschwindet in ihr Zimmer. Ich mache uns Kakao und Kekse und biete sie ihr an, aber sie kann sich gar nicht freuen, mir nicht in die Augen sehen, unsere Beziehung ist einfach gestört. Etwas steht zwischen uns, das ihr das Strahlen nimmt und die Freude an den Dingen, die sie liebt. Irgendwann ist es dann so weit, plötzlich steht sie in der Tür und fängt an zu erzählen. Und ganz egal ob ich Grund zum Schimpfen habe oder nicht, eins ist unumstößlich: Sie ist und bleibt meine geliebte Tochter! Aber etwas hat sich verändert. Plötzlich ist der Weg wieder frei und während ich mich darüber freue, klingt der Satz meiner Seelsorgerin in meinen Ohren: „Seine Sünden kann man nur einem liebenden Herzen bekennen.“ Ob es Gott mit mir manchmal so geht, wie mir mit meiner Tochter – ist das der Kern einer Beichte?

Es ist etwas Urchristliches, das Bekennen von Schuld, Buße und Umkehr. Jesus selbst fordert dazu heraus, wenn er sagt „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen (Mt 4,17). Und er gibt Beispiele, welch befreiende und belebende Wirkung die Vergebung von Sünden im Leben von Menschen freisetzt. Denken wir nur an die Heilung des Gelähmten in Lukas 5, dem Jesus sagt: „Mensch, deine Sünden sind dir vergeben“ (V 18) oder an die Aufforderung der Urgemeinde aus dem Jakobusbrief, in dem es heißt „Bekennt also ein­ander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“ (Jak 5, 16)

Fraglos gibt es in unserer modernen Gesellschaft eine große Sehnsucht danach, sich auszusprechen, nach Heilung, Gnade und Ver­gebung. Warum will dann aber keiner beichten? Ist Beichte nicht nur die andere Seite der Barmherzigkeit? Wenn dem so ist, ist sie auf ­jeden Fall die unbequemere und deshalb un­populär. Oder ist sie es gar nicht mehr? Wo ­berühren sich therapeutisches Aussprechen und die christliche Beichte und worin unterscheiden sie sich? Ist Beichte vielleicht für reformatorisch geprägte Gläubige entbehrlich, weil wir überzeugt sind, dass uns allein der Glaube an Jesus Christus rettet und wir uns unser Seelenheil nicht verdienen müssen? Oder ist sie einfach nur in Vergessenheit geraten? Wie kann man die Beichte heute in unserem evangelischen Gemeindeumfeld leben? Was ist dafür nötig und was ist gefährlich? Braucht es dafür einen Beichtstuhl, eine institutionalisierte ­Liturgie oder einen ordinierten Geistlichen?

Diesen und weiteren Fragen geht Peter ­Zimmerling in seinem neuen Buch Beichte – ­Gottes vergessenes Angebot nach. Dabei zeigt er einfühlsam auf, wie insbesondere Seelsorge und Gemeinde fruchtbaren Boden für die (Wieder-)Belebung einer Beichtkultur ent­wickeln können, die weder unterdrückt, noch entmündigt oder verdrängt. Er widmet sich ­damit einem Thema, von dem er selbst sagt, dass „es den Menschen zu entlasten vermag, ihm gleichzeitig seine Verantwortlichkeit zurück gibt und so zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt“ oder kurz: in dem eine Lebenskraft liegt, die nicht ungenutzt bleiben sollte. Das Buch ist kurz und übersichtlich und lässt sich in zwei bis drei Tagen durchlesen. Der bisweilen sehr wissenschaftliche Sprachstil ist für theologische Laien anspruchsvoll und die Vielzahl der Querverweise auf weiterführende Literatur für den Lesefluss etwas erschwerend. Andererseits regt gerade das an, nachzu­schlagen und tiefer in die Thematik einzu­steigen. Es macht auch neugierig darauf, sich mit weiteren Beichtbefürwortern der Neuzeit (z. B. Dietrich Bonhoeffer) zu beschäftigen und inspiriert dazu, sich selbst kreativ mit Gottes vergessenem Angebot auseinanderzusetzen.

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