Gefäße der Gnade

Ambo in der Kirche von Weitenhagen
Künstlerin: Diana Obinja
Foto: Ruthild Modersohn

Predigt zur Verabschiedung von Elke und Wolfgang Breithaupt in Weitenhagen

Fast auf den Tag genau seit 43 Jahren feiert die Kirchengemeinde Weitenhagen mit den Gästen des Hauses der Stille jeden Sonntag Gottesdienst unter diesem eindrücklichen Kreuz. „Das Kreuz ist der einzige Ort in der Welt, an dem du keine Anklage, sondern nur Freispruch hörst“, sagt H. J. Iwand. Diese Gottesberührung erleben wir auch beim gemeinsamen Singen, in der Predigt, im Abendmahl oder auch durch die Aussagekraft der liturgischen Gegenstände. Diese wurden im Rahmen der letzten Renovierung unserer Kirche neu geschaffen als „Gefäße der Gnade“.

Einem solchen „Gefäß der Gnade“ möchte ich mich in der Predigt zuwenden, dem Ambo, in der Umgangssprache das Lesepult. Vier Blätter, mit je einem Bibelwort beschrieben, schweben in der Mitte des Ambo. Jedes weist in eine andere Richtung; denn Gottes Wort ergeht in alle Welt und kommt nicht leer zurück.

Das erste Blatt

ist ausgerichtet auf den Prediger (Himmelsrichtung Osten) und trägt das Wort „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt ­zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6). Dieses Wort Jesu richtet sich an jeden, der vom Ambo aus predigt und lehrt, aus der Heiligen Schrift vorliest oder zum Meditieren anleitet und macht deutlich: Es gibt keine christliche Spiritualität ohne ein klares Christus­bekenntnis, ohne Christusbeziehung. Der Weg zu Gott führt allein über ­Jesus. Dietrich Bonhoeffer versuchte seinem Schwager dieses nahe zu bringen, als er ihm 1936 schrieb: „Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch ... dagegen ist gar nichts zu sagen. Nur dass das nicht der Gebrauch ist, der das Wesen der Bibel erschließt, sondern nur die Oberfläche. Wie wir das Wort eines Menschen, den wir lieb haben, nicht erfassen, indem wir es zergliedern, sondern wie ein solches Wort einfach von uns hingenommen wird und wie es dann tagelang in uns nachklingt, einfach als das Wort dieses Menschen, den wir lieben, und wie sich uns in diesem Wort dann immer mehr, je mehr wir es im Herzen ‚bewegen‘ wie Maria, derjenige erschließt, der es uns gesagt hat, so sollen wir mit dem Wort der Bibel umgehen.“

Unser Leben in der Christusnachfolge, Leben mit Ewigkeitsqualität, ist an diese Beziehung ­geknüpft. Der Heilige Geist unterstützt unser ­Hören auf das Wort Gottes als SEINEN Liebesbrief an uns, mit dem wir immer wieder einge­laden werden, in unserer Christusbeziehung zu wachsen und zu reifen.

Das zweite Blatt

ist zur Gemeinde hin ausgerichtet (Himmelsrichtung Westen). Der Vers darauf heißt: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?“ (Röm 8,35). Dieses Schriftwort steht im Zusammenhang mit der unendlichen Liebe Gottes zu uns Menschen. Anthony de Mello, ein Christ aus Indien, berichtet, wie ihn diese Liebe Jesu berührt hat: „Ich hatte ein recht gutes Verhältnis zu Jesus. Ich bat Ihn um vieles. Ich sprach mit Ihm, ich lobte und dankte Ihm ... Aber ich hatte immer dieses unbequeme Gefühl, dass Jesus wollte, dass ich Ihn ansah, dass ich Ihm in die Augen gucken sollte. Das konnte ich aber nicht. Ich redete und guckte zur Seite, wenn ich merkte, dass Er mich ansah. Ich schaute immer weg. Und ich wusste auch, warum: Ich hatte Angst. Ich dachte, ich würde in seinem Blick so etwas wie einen Vorwurf finden, weil ich etwas falsch ­gemacht hatte. Ich fürchtete auch, ich würde in diesem Blick die Aufforderung finden, etwas zu tun, das ich vielleicht nicht tun wollte. Eines Tages nahm ich allen Mut zusammen und sah Ihn an. Da war kein Vorwurf und keine Forderung. Seine Augen sagten einfach: Ich liebe dich. Lange habe ich in diese Augen gesehen. Ich suchte in diesen Augen, aber immer war dort nur dies eine ‚Ich liebe dich‘.“

Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.

Das dritte Blatt

ist ausgerichtet zum Haus der Stille (Himmelsrichtung Norden) und heißt: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark werden“ (Jes 30,15). Das ist die Einladung Gottes zu einem gelingenden starken Leben. Diese Einladung hilft uns, ­erneut oder erstmals, die leise, innere Stimme Gottes in unseren Herzen zu hören. Sie schenkt ­Orientierung und Entscheidungskraft und hilft uns, die Segenslinien in unserem Leben zu erkennen. Dabei wächst unser Vertrauen zu Gott und zu den Menschen. Das ermutigt uns, den liebenden Blick Jesu aufzunehmen und in die eigene Seele hinein zu lassen. Dieser Blick heilt die Verletzungen und Enttäuschungen in unserem Herzen. Die Einladung Gottes zeigt uns auch, wie unser Leben entschleunigt werden kann. So finden wir Zeit und Kraft für das Notwendige eines jeden Tages, und auch, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, das Kleine klein und das Große groß zu sehen. Diese Einladung gibt Kraft zur Entsorgung von Lasten und Altlasten in unserem Leben, in der Sprache der Seelsorge: Sie ermutigt zur Beichte. Bonhoeffer sprach von der Stille als der „wunderbaren Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesent­liche.“ Die Einladung gilt und dafür steht das Haus der Stille.

Das vierte Blatt

ist ausgerichtet zum Liturgen (Himmelsrichtung Süden) und heißt: „...Denn das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Wir Christen haben Israel so viel zu verdanken. Die Offenbarung Seines Namens am brennenden Dornbusch: JHWH - ICH BIN DA - FÜR DICH ... gnädig, barmherzig, langmütig ... von großer Güte und Treue. Wir verdanken Israel die zehn Lebensangebote Gottes für uns Menschen. Zu ihnen gehört der Schutz der Familie und der menschlichen Beziehungen, ebenso wie der Schutz des Ruhetages zum Atemholen. Ohne diese Gebote ist das Zusammenleben der Völker auf Dauer nicht möglich. Wir verdanken Israel den Heiland und Erlöser der Welt. Ihn erwarten wir, gemeinsam mit Israel, zur Vollendung seiner Schöpfung. Juden und Christen haben eine gemeinsame Zukunftshoffnung für die ganze Welt.

Einige von Ihnen wissen, dass wir alle zwei Jahre israelische Ehepaare einladen, die ein Kind durch  einem Terroranschlag oder im Kampf verloren ­haben. Im Juni dieses Jahres konnten wir noch einmal Israelis in Weitenhagen begrüßen und mit ihnen ein Stück des Weges der Trauer um ihre ­gefallenen Kinder gehen. Die waren im letzten Gazakrieg ums Leben gekommen, die meisten beim Aufspüren und Zerstören der berüchtigten Tunnel. Ich habe die Eltern in Weitenhagen mit den Worten begrüßt: „Ich danke euch, dass es euch als Volk gibt. Denn ohne Israel wäre ich nie Pastor geworden − ich hätte nie Jesus Christus kennengelernt. Ja − wir alle würden heute nicht hier sitzen, wenn es den Heiland und Erlöser Jesus aus dem Volk der Juden nicht gäbe.“

Wenn unsere Gäste nach den gemeinsamen Tagen sagen: „Wir haben ein anderes Deutschland kennengelernt.“ und „Wir fahren mit neuer Hoffnung zurück nach Israel“, dann spüren wir: Gott hat Gnade geschenkt und Frieden zwischen unseren Völkern gewirkt. Es war ein Versöhnungsdienst. Wir konnten Gottes Bitte ein Stück nachkommen: „Tröstet, tröstet mein Volk, redet mit Jerusalem freundlich“ (Jes 40,1).

Warum heute eine Predigt über die vier Worte im Ambo

zu unserer Verabschiedung aus dem aktiven Berufsleben?

Dieser Ambo, dieses „Gefäß der Gnade“ verbindet uns miteinander. Hier sind wir alle Gemeinde, die unterwegs ist zum großen Ziel des Reiches Gottes. Hier redet Gott. Hier schenkt ER uns sein lebendig machendes Wort.

Dieses Gefäß der Gnade weist auf die Grund­berufung hin, die dem Haus der Stille vor 43 ­Jahren mit auf den Weg gegeben wurde und in vier Worte zusammengefasst ist: Stille, Seelsorge, Medita­tion und Gebet.

Das Haus der Stille ist in den vergangenen Jahren für viele Menschen aus nah und fern, für Gäste und Glieder unserer Kirchengemeinde eine ­Quelle geistlichen Lebens geworden − ein Ort, an dem Glaube empfangen wurde und so auch an die nächste Generation weitergegeben werden kann.

Die Kirche braucht solche Quellorte. Unter der Leitung Bonhoeffers gab es das Predigerseminar und „Haus der Stille“ in Finkenwalde bei Stettin. Die Gestapo hatte damals diesen Quellort geschlossen und versiegelt. Keine vierzig Jahre ­später entstand das „Haus der Stille“ in Weitenhagen bei Greifswald. Gott lässt sich seine Herzens­anliegen für eine Region nicht aus der Hand nehmen. Wo die Grundberufung eines Werkes gelebt wird, hat es Bestand, unabhängig von äußeren Veränderungen. Das möge innere Verpflichtung und freudige Hoffnung sein für alle, die nun für das Haus der Stille in seiner besonderen Verbindung mit der Kirchengemeinde in Weitenhagen die Verant­wortung tragen.   AMEN

Von

  • Wolfgang Breithaupt

    Landespfarrer für Seelsorge in der Pommerschen Evanglischen Kirche, seit 1987 Leiter des Friedrich-Wilhelm-Krummacher-Hauses und Pastor der Ortsgemeinde. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Einkehrtage im Bereich der EKD.

    Alle Artikel von Wolfgang Breithaupt

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal