Freude durch die Hintertür

Freude durch die Hintertür
© privat

Wenn Krankheit die Freude aussperren will

Mein Name ist Carolin und ich bin inzwischen 35, bald sogar 36 Jahre alt.
Warum ich das so betone? Na, weil es nicht selbstverständlich ist.
Aber der Reihe nach!

Als Kind war ich Geräteturnerin, später habe ich jahrelang Jazzdance gemacht, bin gern geschwommen, habe mich am Strand in der Sonne geaalt. Ich habe sogar einen Tauchschein. Ich war stolz auf meinen jungen, schönen und beweg­lichen Körper. Bewegung hat mir immer viel Freude gemacht, ich war gut darin und wurde gesehen. Ich konnte mich auf meinen Körper verlassen. Außerdem bin ich ein sinnliches Wesen − fühlen, hören, schmecken, riechen. Wenn sich Kopf und Bauch im Herzen treffen, fühle ich mich ausgeglichen, fröhlich und von Gott geliebt.

Durchgang versperrt

Mit 30 erkrankte ich zum ersten Mal an Brustkrebs. Es folgten zwei Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung, danach Reha, beruflicher Wiedereinstieg, ich war gesund – Gott sei Dank!

Mit fast 35 dann die niederschmetternde Botschaft: wieder ein Tumor! Inzwischen liegen weitere Operationen und ein Chemotherapie-­Marathon hinter mir. In dieser Zeit hat sich mein Körper sehr verändert. Ich habe viele Narben, die die Beweglichkeit einschränken. Ich habe oft Schmerzen gehabt und mit ihnen zogen finstere Gedanken ein, die jeder Lebensfreude den Boden entzogen. Gedanken wie diese:

Heute ist der Tag nach der dritten Chemo und ich fühle mich beschissen! Der Kopf ist schwer und tut weh, der Mund trocken, alles schmeckt irgendwie dumpf, ich kann nichts essen und kaum trinken, ich bin schlapp und dazu reizbar und gefrustet. Wenn ich liege, denke ich, es sei gut, aber wenn ich mich aufrichte, bekomme ich Schüttelfrost. Innerlich bin ich zerrissen: Ich habe den dringenden Wunsch, in diesem Elend nicht allein zu sein und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich mich heute nicht noch um meine kleine Tochter oder sonst jemanden kümmern muss. Es zermürbt mich, meine Nerven liegen blank und irgendwie kein Land in Sicht! Wie soll das nur weitergehen?? – Scheiße, noch 13 weitere Therapien stehen aus! Wir haben mit vielen engen Vertrauten schon so viel gebetet. Ich habe Jesus nachts angefleht – und ER?! Schweigt fein still! Ich bin darüber wahnsinnig wütend, fühle mich ohnmächtig, vergessen, abgelegt. Wo ist denn jetzt seine unendliche Güte, Heilkraft, Liebe? Ich merke jedenfalls nichts davon!“

Von Lebensfreude also keine Spur – gefühlt nicht mal von Leben und auch nicht von Gott.

Aber wie kommt die Freude zurück? Ist sie von körperlichem Wohlbefinden abhängig? Überhaupt – ist Freude nur ein Gefühl, das unbe­rechenbar kommt und geht? Und, haben wir einen Anspruch darauf?

Verkannter Schlüssel

In meinem Elend war es mir oft nicht möglich, so zu beten, wie es mir eigentlich angemessen erscheint. Manchmal war ich zu wütend und oft schlicht zu schwach. Lobpreis, Lieder, andächtiges Verweilen in Gottes Gegenwart und festen Herzens darauf vertrauend, dass wir das, worum wir bitten, bereits empfangen haben – ich konnte es nicht! Aber eines konnte ich: klagen!

Und damit meine ich nicht vorsichtiges Vorbringen meiner Befindlichkeiten; nein, ich habe mich bei Jesus wirklich „ausgekotzt“. Öfter habe ich meinen Frust Jesus in Briefen geschrieben. Wenn ich diese mit Abstand lese, bin ich erschrocken, mit welcher Heftigkeit ich Gott meine Wut, meine Schmerzen und meine Vorwürfe an den Kopf geknallt habe. Aber in der Rückschau weiß ich, dass es oft diese Momente waren, die den Wendepunkt gebracht haben.

Die Klage hat zwar die Situation äußerlich nicht verändert, aber der innere Sturm konnte sich entladen. Nach solchen Ausbrüchen war es oft so, als sei eine kleine Tür aufgegangen und durch sie nicht nur die Beziehung zu Gott wieder hergestellt, sondern auch zu Menschen wieder möglich. Erst dann war ich bereit, mich in meinen Schmerzen begleiten und schließlich trösten zu lassen. Immer wieder hat Gott mich dann beschenkt mit tiefen Erfahrungen des Friedens.

Die Klage hat den Blick von mir weg, hin zu Gott gerichtet und wer eine Weile in den Himmel schaut, kommt gar nicht drum herum, eben auch das andere zu sehen.

Etwas wie das hier:

Es ist Juli und die Kirschbäume tragen so viel Laub, dass sie die heiße Sonne abschirmen und gerade genug Strahlen durchlassen, dass es trotzdem angenehm warm ist. Der Lavendel duftet und im Schmetterlingsflieder tanzen weiße, braune und bläuliche Falter. Die Wärme steigt vom erhitzten Feldrand auf und am blauen Himmel sorgen kleine weiße Streifen und Tupfen dafür, dass dem Auge das Blau nicht zu eintönig wird. Es ist ruhig, aber nicht stumm, Vögel zwitschern und ganz in der Ferne hört man das Plätschern des Sees und das Lachen der Kinder, die im Wasser planschen.
Die Hängematte meiner lieben Freundin ist zwischen zwei Kirschbäumen aufgespannt. Das Polster in dem dicht geknüpften Netz ist ebenso kirschrot, genau wie meine lackierten Fußnägel. Und während ich da so rumdöse, kommt mir der Gedanke: Ich liege in Gottes Hängematte! Unter mir ist ein Netz, geflochten aus Anteilnahme, Fürbitten und Gemeinschaft. Es reißt nicht, selbst wenn gelegentlich der eine oder andere Knoten aufgehen würde. Nicht nur, dass es mich trägt, es passt sich meinem Körper perfekt an, wie es das an einem anderen nicht auf die gleiche Weise tun könnte. Die Hängematte ist bequem und die ideale Mischung: Ich bin mitten in der Natur, aber nicht schutzlos, in der Wärme, aber nicht zu heiß, bin nicht allein und muss doch gar nichts dafür tun, um so wunderbar gehalten zu werden.“

Schmerz war und ist meine Grenzerfahrung. Ich setze mich ihm nicht freiwillig aus, und doch verleiht er meiner Gottesbeziehung den nötigen Tiefgang. Er zeigt mir ganz deutlich meine Grenzen auf und wirft mich auf den zurück, der am Kreuz alle Leiden auf sich genommen hat. In der ehr­lichen Klage ringe ich mich schließlich zu jenem Punkt durch, an dem Ruhe eintritt. Und dann begreife und spüre ich plötzlich, dass ER doch da ist!

Gottes Beistand ist eben mehr als ein Gefühl, er ist ein festes Versprechen – mehr als das, es ist sogar sein Name: Ich bin der Ich-bin-da! Geheimnisvoll ist dieser Friede und wirklich höher als alle unsere Vernunft. Wenn das kein Grund zur Freude ist!

Von

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