Schutzmantelchristus Stiftskirche Stuttgart
Schutzmantelchristus Stiftskirche Stuttgart

Meine Hoffnung und meine Freunde
Meine Stärke, mein Licht,
Christus, meine Zuversicht:
Auf Dich vertrau ich
und fürcht mich nicht!

                                   Aus Taizé

Liebe Mitchristen!

Ich sehe sie noch ganz lebendig vor mir – Mother Pia Nazareth, die Direktorin aller katholischer Mädchengymnasien in Indien. Sie hatte uns wieder einmal für einige Tage in der OJC besucht; beim Abschiedsessen fragten wir sie nach ihrem Resümee. Viele gute und ermutigende Gedanken gab sie uns mit auf den weiteren Weg. Dann lehnte sie sich kurz zurück und sagte : Ihr habt in eurem Alltag zu wenig Freude. „To get joy, count your blessings. You have got so many“ (Um Freude zu empfangen, zählt eure Segnungen. Ihr habt so viele). „Count your blessings“ wurde für einige von uns nicht nur zu ­einem geflügelten Wort gegen das unvermeidliche Alltagsgrau. Diese Aufforderung sich zu erinnern durchzieht schon das Alte Testament wie ein roter Faden: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat…“ Die guten Gaben Gottes, ebenso die Freundlichkeiten in Worten und Gesten, die einem die Tage erhellen – sollen nicht in Vergessenheit versinken. In Erinnerung ­gerufen werden sie zur Quelle des Dankens und der Freude im Alltag.

Dass geteilte Freude sich verdoppelt, weiß schon der Volksmund. Wir freuen uns, wenn wir mit uns und der Welt einverstanden und zufrieden sind. Doch wie oft sind wir das nicht! Meist liegen uns Ärger, Ängste, Unzufriedenheiten näher. Schwierigkeiten, auch mit unseren Nächsten, scheinen sich leichter erzählen zu lassen. Doch nicht die Ängste, sondern die Freude, die sich frei und gerne mitteilt, steht am Anfang des Evangeliums: Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude…

Diese Freude ist das tragende Fundament für ­Verbundenheit und Solidarität, daraus können ­Lösungen miteinander entwickelt und Nöte überwunden werden.

„Freude, schöner Götterfunke“ − wäre das alles, was über die Freude zu sagen ist, dann hätten wir wenig bis nichts davon. „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ − in diesem Glaubensbekenntnis nimmt Freude Gestalt an: Jesus Christus ist der Grund der Freude, die Berge versetzt und Brücken über Abgründe spannt, die Herzen höher schlagen lässt und die „Augen des Herzens erleuchtet, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid“( Eph 1.18a). Berufen, Christus anzugehören, das engt nicht ein. Diese Verbundenheit macht weit, befreit zur Freude am Miteinander auch in dieser Welt.

Der indische Philosoph und Buchautor Vishal Mangalwadi, der kürzlich auch in den deutschsprachigen Ländern eine Vortragsreise machte, sagt: „Bachs Eltern starben, als er nur neun Jahre alt war. Bach wusste, dass das Leben auch Leiden bedeutet. Aber seine Musik zeichnet sich dadurch aus, Freude zu verbreiten. Woher kam diese Freude? Aus der Bibel! Ein Buddhist kann solche Musik nicht komponieren!“ Wie erfrischend und aufmunternd kann es wirken, wenn wir miteinander den Bachsatz zu „In dir ist Freude, in allem Leide … durch dich wir ­haben himmlische Gaben…“ singen! Da kommt mancher Seelensturm zur Ruhe!

Wieder von einem Inder, dem Theologen Anthony de Mello stammt die Empfehlung, sich von Zeit zu Zeit in sein „Erinnerungsalbum“ zu vertiefen. Die frohen Lebensereignisse liegen wie eine verborgene Schatzkammer in uns. Jederzeit können wir ein­treten und die Schätze hervorholen. Es lohnt sich, Zeit und Muße mitzubringen: „Kehre zu einem ­Augenblick zurück, in dem du Freude empfunden hast…wie kam die Freude zustande? Durch eine ­gute Nachricht? Durch die Erfüllung eines Wunsches, den Anblick der Natur? ... Erlebe den Augenblick nach und spüre, was du damals gefühlt hast, von neuem… Verweile bei diesem Augenblick, solange du kannst.“  Diese Augenblicke, in denen wir Liebe und Freude erfahren haben, so fährt de Mello fort, gehören zu den wertvollsten Übungen für die Entwicklung unserer seelischen Gesundheit.

Welche seelsorgerliche Bedeutung hat diese „Erinnerungsübung“? Unter anderem „hilft sie allen, ihr eingefleischtes Gefühl, wertlos und unwürdig zu sein, zu überwinden, das ein wesentliches Hindernis ist, das wir zwischen uns und die Gnade Gottes stellen“. Doch darüber hinaus erhöht diese Betrachtung unsere Fähigkeit, im Vertrauen zu wachsen. Außerdem macht sie uns empfänglicher für alles Gute, was Gott noch in unser Leben hineinlegen will. Freude ist ansteckend, eine Infektion, die uns reifen lässt und kräftigt – im Vertrauen, im Hoffen und im Lieben.

Wie wir Anschluss finden können an die Quellen der Freude in den unterschiedlichen und oft so tragischen Lebensereignissen, davon legen einige Beiträge von jungen und schon älter gewordenen ­Christen in diesem Heft (S. 44, S. 54) Zeugnis ab.

Verena Kasts „Freudenbiografie“ (S. 40) begleitet mich schon länger. Ich bin froh, hier einen Auszug aus dem inspirierenden Aufsatz nachdrucken zu können; er ist wie die reife Frucht eines langen Psycho­therapeutenlebens – ermutigend.

Am 22. August wurden die Freunde Elke und Wolfgang Breithaupt offiziell aus den Diensten in der Leitung des Hauses der Stille und der Kirchengemeinde Weitenhagen entpflichtet. Breithaupts ­waren unserer OJC Zelle in Greifswald treue Freunde und großzügige Begleiter in diesen 16 gemein­samen Jahren. Dafür sind wir sehr dankbar. Gerne ­legen wir Ihnen Pfarrer Breithaupts Predigt aus dem Festgottesdienst vor. Sie erinnert uns an das „Fundament“, auf dem unser Christsein gründet.

Am Ziel unseres Lebens erwartet uns wieder die Freude – die Bibel braucht dazu das Bild des Hochzeitsmahls! Darauf weist schon Jesu erstes öffentliches Wunder bei der Hochzeit von Kana hin: „Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen. Wer die Menschen liebt, liebt auch ihre Freude. … Ohne Freude kann man nicht leben.“ (Dostojewski, Die Brüder Karamasow)

Mit diesem Zitat grüße ich Sie zu den letzten Monaten dieses Jahres – auch im Namen des ganzen ­Redaktionsteams.

Herzlich, Ihre
Maria Kaißling,
Greifswald, den 25. September 2015

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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