In mir ist Freude

Kraft aus der Lebensbiografie

Meistens erzählen wir unsere Lebens­geschichte unter dem Aspekt von Schwierigkeiten: Wir erzählen, wie die Schwierigkeiten, die wir heute haben, entstanden sind, vielleicht noch, welche Schwierigkeiten wir überwunden haben, wie wir das Leben dennoch gemeistert haben, und das kann dann auch mit etwas Freude und Stolz verbunden sein. Die Freudenbiografie nimmt eine ganz andere Perspektive ein: Es wird danach gefragt, wie und in welchen Situationen im Leben Freude und freudiger Stolz erlebt worden sind: wie wir uns die Freude bewahrt haben, wie wir sie abgewehrt haben, wie sie einem verdorben wurde und was aus ihr im Laufe des Lebens geworden ist. Ist sie weniger geworden, ist sie mehr geworden? Diese freudigen Situationen werden in der Vorstellung noch einmal erlebt, man versenkt sich imaginativ in diese Situationen − und erlebt dabei wieder Freude. Dabei werden auch wichtige, schwierige Veränderungen im Leben sichtbar, ja in ihrer emotionalen Bedeutung sogar greifbarer. Da die Emotion der Freude das Selbstwertgefühl stärkt, ist es leichter, auch zu schwierigen Situationen zu stehen.

Freudenauslöser

Das Gefühl der Freude erleben wir dann, wenn etwas besser ist als erwartet, uns mehr zukommt, als zu erwarten war. Wenn wir uns freuen, sind wir einverstanden mit uns, mit der Welt, mit den Mitmenschen. In der Freude strahlen unsere Augen auf, Gesichter leuchten auf: In der Freude vermitteln Menschen den Eindruck von etwas Strahlendem, Leuchtendem, Lichtem. Die Bewegungen, die wir mit der Freude verbinden, sind Bewegungen zur Höhe und zur Weite hin: So gehen die Mundwinkel nach oben, wenn wir uns freuen oder wenn wir lächeln. Wir könnten vor Freude Luftsprünge machen oder wir werfen etwas hoch in die Luft. So wird deutlich, dass in der Freude ein Gegengewicht zur Erdenschwere und zur Dunkelheit ist. Freude suggeriert uns eine mög­liche Verbundenheit mit etwas, das über uns hinausgeht.

Wenn wir uns freuen, dann fühlen wir eine Wärme in uns aufsteigen, eine körperlich erfahrbare, aber durchaus auch eine seelische Wärme. Diese lässt uns offener und lebendiger, aber auch erregter werden. Das Selbstgefühl, das wir bei der Freude erleben, ist ein Gefühl des selbstverständlichen Selbstvertrauens, das daraus resultiert, dass wir im Moment der Freude uns selbst, die Innenwelt, die Mitwelt akzeptieren können, wie sie ist. Die Welt, das Leben − sie sind besser, als wir gedacht haben. … Dieses selbstverständliche Selbstvertrauen, das wir als Menschen im Zustand der Freude erleben, lässt uns offen sein für andere und die Welt.

Wir betrachten andere Menschen mit freund­lichen, akzeptierenden Augen. Wir können dann auch etwas hergeben, gönnend sein: Wir müssen unsere Ich-Grenzen nicht stur behaupten, wir können sie öffnen. ...

Selbstverständliches Selbstvertrauen, Bedeutsamkeit, auf der man nicht beharren muss, Offenheit und die Möglichkeit des Sich-Öffnens: Dies alles ergibt ein Selbstgefühl der Vitalität und der Kompetenz, mit dem Leben umgehen zu können. Wir spüren neue Lebensenergie. Daraus resultiert, dass wir den Menschen nahe sein möchten, dass wir teilen möchten, dass wir den Mut finden, miteinander Lösungen zu erproben. Freude ist die grundlegende Emotion für Verbundenheit und Solidarität. Das Erleben von Freude, das Erinnern von Freude ist eine zentrale Ressource auch in schwierigen Zeiten − und für den Lebensrückblick.

Fast alles, was es gibt auf der Welt, kann auch Freude auslösen. Dabei ist zu beachten, dass es vor allem die kleinen Freuden sind, die uns den Alltag entscheidend verschönern und beleben können.

Bei einer Befragung stellte sich heraus, dass, statistisch gesehen, je nach Geschlecht und Alter andere Freuden dominierten. Männer zwischen 30 und 40 erwähnten an erster Stelle die Freude an Leistung und Kompetenz. Die gleichaltrigen Frauen stellten an die erste Stelle die Freude an Erfahrungen in Beziehungen, besonders die Freude daran, bei anderen Menschen Freude ausgelöst zu haben. Bei Frauen steht die Freude an der Kompetenz und an der Leistung an zweiter Stelle, bei Männern die Freude an der Freude anderer Menschen an dritter Stelle. Freude wird weiter erlebt im Zusammenhang mit Essen, Trinken und Sexualität.

Arbeit, die herausfordert, aber nicht überfordert, löst dann, wenn man sich so richtig in sie ver­tiefen kann, bei Jung und Alt eine stille Freude aus. Auch das „Finden“ ganz allgemein, geht es nun um das Erfinden von etwas oder um das Finden eines besonders günstigen Angebots, löst viel Freude aus und scheint weder geschlechts- noch altersabhängig zu sein. Dies gilt auch für Situationen, in denen man Geschenke macht und Geschenke bekommt, besonders dann, wenn es unerwartet geschieht. Damit in engem Zusammenhang steht die Freude am Wachsen und Werden von Menschen, von Ideen, von Zusammenarbeit usw. Das Erleben von Freude hat deutlich etwas damit zu tun, dass wir „mehr“ bekommen oder erleben, als eigentlich vorauszusehen war. Für ältere Befragte stand die Freude an der Natur, am Wachsen, am Grünen, die Freude an der Kultur, an Schönheit, die Freude am Austausch mit anderen Menschen im Vordergrund. Auch die Ab­wesenheit von Schmerz, nachdem dieser lange ­dominiert hat, kann als Freude erlebt werden.

Es geht also darum, bei sich selbst im Leben herauszufinden, wo und wann wir am meisten Freude empfinden können oder auch empfunden ­haben. Dies ist möglich, indem wir den freudigen Situationen in unserem Leben nachspüren und sie in der Erinnerung imaginativ nacherleben, auch die aktuellen Freuden. …

Vorfreude

Die Vorfreude ist eine besonders intensive Freude. Sie ist verbunden mit einer etwas ängstlichen Erwartung, ob es denn auch so kommen könnte, wie man es sich in der Vorstellung ungehindert ausmalt. Oder man meint zumindest, dass niemand einem die Vorfreude nehmen kann, auch wenn das Ersehnte nicht eintrifft oder vermutlich in einer anderen Form eintrifft, als man es sich ausmalt. Die Vorfreude, diese erregte Freude, bezieht ihre spezielle Qualität gerade daraus, dass sie nur in der Imagination dieses „besser, als zu erwarten ist“ ausmalt. Sie zeigt damit aber sehr deutlich, wie denn unsere Wünsche aussehen könnten. Wer den Gewinn aus der Vorfreude ziehen kann, wird die Vorfreude als die beste aller Freuden bezeichnen. Wer in der Vorfreude Erwartungen konstruiert, von denen er oder sie denkt, dass sie auch ganz und gar erfüllt werden müssen, wird diese Freude als riskanteste der Freuden zu vermeiden wissen oder ständig enttäuscht sein. Sicher, das Realitätsprinzip ist auf der Seite der zuletzt ­genannten, aber nicht die ungefährliche Lust am Leben.

Also: Wo sind die Vorfreuden? Es gibt auch ganz ungefährliche Vorfreuden: etwa, wenn man sich darauf freut, dass es bald wieder Spargel geben wird, dass der See warm genug zum Schwimmen sein wird oder dass man sich einen schönen ­Blumenstrauß aussuchen wird.

Freudenbiografie

Es geht darum, diese Emotion immer wieder zu finden und zu erweitern. Situationen, die Freude ausgelöst haben, müssen dazu immer wieder in die Erinnerung zurückgeholt werden, man muss sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen und sie auch auskosten. Viele Freuden werden mehr, wenn man sie mit anderen Menschen teilt, vorausgesetzt, diese sind nicht neidisch und müssen einem die Freude nicht verderben. Kann man Freude teilen, dann ist es doppelte Freude. Dann gewinnt man Freude durch Ansteckung. Emotionen sind ansteckend: Es ist zum Beispiel sehr schwierig, sich bei ärgerlichen Menschen aufzuhalten und dabei selber nicht ärgerlich zu werden. Mit der Emotion Freude könnte man sich bei freudigen, heiter gestimmten Menschen anstecken: Es ginge also darum, sich von freudigen Menschen, aber auch von Texten, die Freude bereiten, oder von Musik, bei der es uns kalt den Rücken hinunter läuft, anstecken zu lassen. Auch Träume können, besonders wenn sie imaginativ ausgearbeitet werden, nicht nur auf Konflikte hin befragt werden, sondern auch auf Situationen, die Freude auslösen. Und diese Situationen dürfen ausgekostet werden. Und wenn das zu wenig ist: Es gibt da­rüber hinaus die Methode der „Selbstansteckung“ durch die Rekonstruktion der Freudenbiografie.

Können Sie sich erinnern, mit wem Sie als ­Vorschulkind oder als junges Schulkind Spiele ­gespielt haben, die große Freude ausgelöst haben? Können Sie sich eine solche Situation, die ihnen gefallen hat, in Erinnerung rufen? Die Beantwortung dieser Fragen kann eine Freudenbiografie einleiten.

Ein 68-jähriger Mann erinnert sich, wie er mit den Großeltern Mühle gespielt hatte. Sie ließen ihn manchmal gewinnen. Später, als er es besser konnte, wollte er nicht mehr, dass sie ihn gewinnen ließen.

Er erinnerte sich daran, dass es bei den Groß­eltern nach gebratenen Äpfeln geduftet hatte. Er ließ sich länger über diesen Duft aus. „So hat es nur bei den Großeltern geduftet. Wenn es annäherungsweise so bei jemandem duftet, dann bin ich emotional verloren: Dann vertraue ich blind ...“ (...)

So kann der Beginn einer Rekonstruktion der Freudenbiografie aussehen. Sie kann dann ergänzt werden durch Erzählungen von Eltern, Geschwistern usw.; auch Fotos können weitere Erinnerungen wecken, Kinderbücher, die man besonders geliebt hat, alte Spielsachen, Zeichnungen, Träume usw. Zu einer Freudenbiografie gehören natürlich auch die aktuellen Freuden. Was löst aktuell Freude aus, gibt uns dieses beschwingte Gefühl der Leichtigkeit und der Wärme? Auch diese aktuellen Freuden können in der Vorstellung verlebendigt werden. Oft ist es uns nämlich nicht bewusst, dass wir uns freuen,  denn wir nehmen die Qualität dieser Emotionen und dieser Gefühle zu wenig wahr. Die Gefühle von Angst und Wut etwa bleiben uns wesentlich präsenter ­­− sie sind ja auch Emotionen angesichts einer Gefahr. Freude, freudiger Stolz aber lässt uns nur gut fühlen. Dass das auch lebenswichtig sein kann, vergessen wir zu leicht. Dem kann man mit einem Freudentagebuch begegnen. Oder wir erinnern uns während eines Spaziergangs an die Freuden der letzten vierzehn Tage, das bringt auch einiges in Bewegung.

Durch solche Rekonstruktion und vielleicht noch öfter durch die Konstruktion der Freudenbiografie kommt man in Kontakt zu sich selbst als auch freudigem Menschen. In der Erinnerung wird die Freude wieder belebt. Damit werden Situationen erneut lebendig, in denen man mit sich und mit der Welt einverstanden war, in denen das Leben besser als zu erwarten war, in denen man bereit war, sich zu öffnen und mit anderen zu teilen. Wir fühlen uns ganz, im Modus des Verbundenseins mit anderen Menschen, in einem Welterleben, das uns das Leben in seiner unerwarteten Fülle auch zeigt. Wir können gönnend sein, brauchen nicht geizig auf unserem zu beharren, nicht neidisch ­anderen Menschen ihr Glück missgönnen.

Freude braucht Muße

Durch das Erstellen einer Freudenbiografie werden wir auch für die aktuellen Erfahrungen von Freude sensibilisiert, können sie stärker wahrnehmen, achtsamer sein und sie auch mehr genießen.

Auf diese Weise kann man erlebte Freuden wieder reaktivieren: Sie sind eine wichtige Ressource, möglicherweise verbessern sie sogar unsere Immunabwehr. Vor allem aber hilft die emotionale Erinnerung an Freuden auch, das Leben nicht nur mit den Schwierigkeiten, sondern auch im Geglücktsein wahrzunehmen. Das Erstellen einer Freudenbiografie ist in jedem Alter sinnvoll, besonders aber in höherem Alter, wenn man sich mit Gewinn und Verlust auseinandersetzt. Die Freude ist auf der Seite des Gewinns. Und: Viele Freuden sind zugedeckt von den Alltagssorgen, von der Geschäftigkeit. Freude braucht Muße, auch Erinnerungsmuße. Es geht dabei nicht darum, einen Konflikt zu lösen, sondern sich einfach zu freuen. Gelingt das, dann fühlen wir uns verbunden mit anderen Menschen, mit der Natur, mit dem Ganzen. Die Erfahrung von Freude, aktuell oder aktuell in der Erinnerung, kann zu einer wichtigen spirituellen Erfahrung werden.

Wenn wir uns freuen, schaffen wir uns eine ganz andere Welt als wenn wir ärgerlich sind. In der Freude erzählen wir auch von uns ganz andere Geschichten, eben Freudengeschichten. Das sind Geschichten von selbstverständlichem Selbst­vertrauen, von Bedeutsamkeit, auf der man nicht beharren muss, von Offenheit und der Möglichkeit des Sich-Öffnens, von einem Selbstgefühl der ­Vitalität und der Kompetenz, mit dem Leben umgehen zu können, von Lebensenergie. Es sind Geschichten, die meistens von Nähe zu anderen Menschen geprägt sind, von Großzügigkeit, von der Überzeugung, miteinander Lösungen zu finden. Freude ist eben die grundlegende Emotion für Verbundenheit und Solidarität.

Bei der Rekonstruktion der Freudenbiografie kann aber auch Wehmut auftauchen, darüber, dass einige Freuden zwar noch in der Erinnerung, aber nicht mehr aktuell zu erfahren sind. … Dann kann man sich vielleicht neuen, noch möglichen Freuden zuwenden. Gelingt es, das Bleibende, die Erinnerung, zu sehen, oder erleben wir nur den Verlust? Und kann man die noch möglichen Freuden, vielleicht auch ganz neue Freuden, sehen und auch wertschätzen?

In den Freudenbiografien fällt auf, das es offenbar vor allem stille Freuden, kleine Freuden sind, die die Lebensqualität ausmachen. Freuden, die sich ohne viel Aufwand im täglichen Leben immer wieder ereignen können. Oft sind es Freuden, die selber hergestellt werden können und die möglichst wenig abhängig von gewissen Lebensumständen sind oder davon, dass andere Menschen uns etwas Gutes tun. Das heißt nicht, dass man sich über diese unverhofften Gaben nicht freut. Aber die Freuden, die wir selber herstellen können, sind Freuden, auf die wir uns verlassen können. Sie bilden eine zuverlässige, nachhaltige Ressource. 

aus: Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks © Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. 2015, S. 75f, leicht gekürzt

Von

  • Verena Kast

    Jahrgang 1943, studierte Psychologie, Philosophie und Literatur. Sie war Professorin für Psychologie an der Universität Zürich und Psychotherapeutin in eigener Praxis. Seit April 2014 ist sie Präsidentin des C.G. Jung-Instituts, Zürich, Küsnacht.

    Alle Artikel von Verena Kast

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal