Ich bringe dich ans Ziel

Handbike Ringli
© privat

Bei Gott ist Leid nicht das Letzte

Marianne:
Ich bin in einer Arbeiterfamilie am Zürichsee als Älteste von sechs Geschwistern aufgewachsen. Meine Eltern waren gläubige Christen und Gott war für mich immer Vater, Freund, Beschützer, Erlöser – und auch eine Art Wunsch-Erfüller: ich durfte meinen Wunschberuf lernen, heiratete und wir bekamen vier gesunde Söhne.

Der 1. August 1982 brachte eine einschneidende Veränderung in mein Leben und das Leben meiner Familie: Mein Mann und ich waren auf einer Bergtour im Wallis, als ein Schneebrett uns und acht weitere Personen ein paar hundert Meter in die Tiefe riss. Als ich auf der Intensivstation eines Baseler Spitals wieder zum Bewusstsein kam, teilte man mir mit, ich habe eine komplette Querschnittslähmung erlitten und werde für den Rest meines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein. Das bedeutet, dass ich unterhalb der Brust keinen Muskel willentlich bewegen kann und meinen Körper, auch Blase und Darm, nicht spüre. Ich war 33 Jahre alt, meine Kinder zwischen 3 und 10. Seither buchstabiere ich einen Satz des katholischen Theologen Karl Rahner: „Glauben heißt die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.“

Hilfen zur Bewältigung

Das Annehmen einer solchen ­Lebenswende braucht sehr viel Zeit und viele kleine Schritte. Auch Rückschritte gehören dazu und immer wieder schwierige Abschnitte. In dem allen verspricht Gott: „Ich bringe dich ans Ziel.“ Er bleibt ein ­Gegenüber, ein Du.

Ich kann vor ihm ehrlich mein Herz ausschütten, meine Klagen, meine Verzweiflung, meine ­Fragen, meinen Zorn, meine Bitten und Wünsche, aber auch meinen Dank für jeden kleinen Fortschritt, meine Freude über alles, was gerade gelingt. Er hält mich aus und bleibt da.

Wenn mir die Worte fehlen, und sie fehlen mir wirklich oft, darf ich Worte übernehmen. Dann greife ich zu Psalmen, Liedern, Gebeten und ­Gedichten von Anderen. In Gottes Wort liegt ­eine Kraft, die mich hält und trägt. Seine Verheißungen erlebe ich wirklicher als meine emotionalen Bewegungen.

Zum Glück muss ich meinen Weg nicht allein ­gehen, ich darf um Hilfe bitten. Das geht vom Gebetskreis am Sonntagabend bis zu den praktischen Einsätzen durch einige Frauen aus der Gemeinde: Zwei Mal im Jahr putzen sie alle unsere Fenster!

„Was wahr, gut, schön ist, dem denket nach“ (Phil 4,8). Das Wort Gottes fordert mich heraus, meinen Blick weg von der depressiven Klage, was ich doch alles verloren hätte, zu drehen und mich zu fragen, was ich noch habe, bzw. kann. Ich habe meinen Mann und meine Kinder, meine Hände, Bücher, Musik, ein Bike; ich kann kochen, schwimmen, Flötenunterricht erteilen.

Seit einigen Jahren begleitet mich ein Satz von Helga Modesto: „Ich kann mir innerhalb meiner begrenzenden Mauern einen Rosengarten pflanzen und andere einladen, zu mir zu kommen und Freude daran zu haben.“

In den schweren Jahren nach dem Unfall haben wir in unserem Leben die Gnade Gottes, seine Gegenwart und seinen Segen real erfahren: Gott hat unsere Ehe trotz unserer begrenzten Möglichkeiten bewahrt. Er hat uns bis hierher geführt, er wird dies auch bis ans Ende tun.

Fredi:
Ich bin 1946 in Winterthur in eine Lehrerfamilie hinein geboren. Schon als Kind habe ich Freude an Zahlen gehabt und bin dann Mathematiklehrer an einem Gymnasium geworden.

Mariannes Situation hat auch meinen Lebensalltag deutlich verändert. Ich habe Gewohnheiten und Verpflichtungen neu überdenken müssen. Zunächst ist es nötig gewesen, Prioritäten zu setzen und Fremdverpflichtungen zu reduzieren. Außerdem mussten die anfallenden Aufgaben möglichst rationell erledigt werden. Zu der Schule, an der ich unterrichtete, brauchte ich zu Fuß nur zehn Minuten. Oft konnte ich mittags zuhause sein und auch nach dem Schulunterricht die Kinder betreuen; für meine Unterrichtsvorbereitungen ist dann am Abend Zeit gewesen. Außerdem mussten die Kinder im Haushalt mithelfen. Zehn bis fünfzehn Jahre lang war das eine recht strenge Zeit, mit vollen Tagen und wenig Freizeit. Heute kann ich viel gemächlicher leben, aber das Dolcefarniente halte ich fast nicht aus. Einer unserer Söhne hat einmal gewitzelt, es sei immer noch so, dass wir Eltern morgens um 7 Uhr frühstücken, außer wenn wir ausschlafen, dann erst um 7.05 Uhr.

Schwierig war es immer wieder, Mariannes Bedürfnisse und Interessen gegen die Bedürfnisse und Interessen der Kinder abzuwägen. Vieles, was in der Freizeit und den Ferien für die Kinder ­attraktiv gewesen wäre, war für Marianne nur mit großen Anstrengungen möglich. Wir waren sehr dankbar, wenn sich die Kinder anderen Familien anschließen konnten, um z. B. Ski fahren zu ­gehen und etwas zu erleben, was in der Familie nicht mehr möglich war. Trotzdem gab es Situationen, in denen ich mich fühlte, als sei ich allein für fünf Kinder verantwortlich, statt wir zu zweit für vier. Als Team zusammenzuarbeiten und gemeinsam eine Aufgabe anzupacken, das ist uns nicht schwer gefallen, da haben wir uns gut ­ergänzt. Aber gemeinsam auch die schönen Seiten des Lebens zu erleben und zu genießen, da sind die Hürden viel höher und oft auch zu hoch.

Es sind vor allem die Berge und die alpinen Landschaften gewesen, die uns immer wieder ange­zogen haben, auch wenn die aktuellen Touren, die ich unternehme, eher „andante“ sind. Deshalb ­habe ich am Bergsteigen mit Freunden festgehalten, auch wenn Marianne nicht mehr mitkommen kann. Ich habe mich lange gefragt, ob es richtig ist, mich immer wieder tageweise auszuklinken aus der Familie, aber ein Freund hat mir geraten, ruhig mal wegzugehen und mit neuer Kraft zurückzukommen.

14 Jahre nach dem Bergunfall haben wir einen zweiten ganz schwarzen Tag erlebt. Unser dritter Sohn Matthias, knapp zwanzigjährig, ging am Morgen früh zu seinem Aushilfsjob, kam dort aber nie an. Etwas später hat uns der Posthalter angerufen, er sei nicht zur Arbeit gekommen. Als ich ihn mit dem Auto suchte, stieß ich auf einen Unfall und erhielt kurz darauf  die Auskunft, dass unser Sohn tödlich verunglückt sei. Was hat ein solches Geschehen für einen Sinn? Das ist doch die falsche Reihenfolge; er müsste uns begraben, nicht wir ihn, das wäre das Natürliche. Was will Gott damit?

Marianne:
Meine erste Reaktion war nur ein großes Nein! Das kann und darf einfach nicht wahr sein. Warum, o Gott, nimmst du nicht wenigstens mich mit meinem aufreibenden Lebenskampf? Warum dieses blühende Leben, das so ernsthaft nach deinen Plänen für sein Leben gefragt hat? Gott, soll das Liebe sein?

Ein erster Trost war der Abschiedsgottesdienst, der von vielen seiner Freunde mitgestaltet wurde. An dem Tag, an dem Matthias seinen 20. Geburtstag gefeiert hätte, bekamen wir einen Ordner geschenkt mit lauter sehr persönlichen Abschiedsgrüßen und Erinnerungen. Besonders kostbar ist mir bis heute eine Musikaufnahme, die wenige Tage vor dem Unfall gemacht worden war von Liedern, die Matthias in einem Quartett gesungen hat. Im Rückblick ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass Schmerz und Trauer ihre ganz persönliche Ausdrucksform finden, dass wir aber auch nicht stecken bleiben bei Tod und Verlust, sondern uns wieder dem Leben zuwenden.

So sind es wieder die gleichen Dinge wie bei meinem Unfall, die mir geholfen haben, und ich bin dankbar, dass wir dabei so viel Unterstützung ­erfahren haben.

Fredi:
Der Bergunfall mit Mariannes Behinderung hat unser Leben schwieriger gemacht, es schränkt uns auch heute noch ein. Der Tod von Matthias ist ­etwas ganz anderes. Mir ist ein Teil meiner Seele weggenommen worden. Gott hat mein Leben ­geschaffen, nicht ich, er hat es mir anvertraut, ich ­lebe in seiner Gegenwart.

Und Jesus sagt: „Ich lebe, und ihr werdet auch leben“ (Joh 14,19). In dieser Verheißung lebe ich und ich weiß, dass ich Matthias wiedersehen werde. Aber jetzt lässt Gott etwas zu, das ein Leben zerstört, das er selber geschaffen hat. Das lässt mich an Gott zweifeln. In seinem Roman „Die Brüder Karamasov“ schreibt Dostojewski, der Tod eines einzigen Kindes stelle die Existenz Gottes in Frage. Aber die Geburt jedes Kindes ist ein Beweis für die Existenz Gottes. In dieser Spannung muss ich leben, diese Spannung muss ich aushalten. Gott ist Gott, auch wenn ich ihn nicht verstehen kann. Aber ich will, wie der Psalmdichter, bei ihm bleiben und ihm vertrauen, auch wenn ich ihn nicht in allem verstehe.

Im Umgang mit dem Verlust sind mir zwei Überlegungen wichtig: 1. Der Verstand allein kann nicht trösten, aber er kann mir helfen, die Traurigkeit auszuhalten. Auch wenn ich verstehen würde, warum dies geschehen ist, wäre das für mich ein geringer Trost. 2. Ich habe kein Konzept gehabt, wie ich mit diesem Verlust umgehen kann, nicht alle Menschen reagieren gleich. Es gibt wohl kein Rezept.

Was mich hält und trägt

Ich will nicht resignieren, ich bin nicht am Ziel. Meine Emotionen können mir vielleicht alle Hoffnung nehmen, aber mein Verstand sagt mir, dass das Leben weiter geht. Das enthält eine tiefe Wahrheit. Da sind meine täglichen Anforderungen und Verpflichtungen, da ist die Sorge für die Familie. Ich will mich dem Leben stellen, auch wenn ich ohne meinen Sohn weitergehen muss.

Ich will aber auch nicht fliehen, sondern stillhalten und aushalten. Ich will mich nicht in Über­aktivitäten stürzen, um meine Traurigkeit zu verdrängen. Bei Jesaja lese ich: „Ich werde auf den Herrn warten, auf ihn werde ich hoffen“ (Jes 8,17). Ich muss den Schmerz aushalten und Gottes Gegenwart suchen, und das ist am Anfang am schwierigsten. Es braucht Zeit, bis ich wieder Kraft schöpfen kann.

Und ich will nicht die Warum-Frage stellen. Natürlich wüsste ich gerne, warum Gott so etwas zulässt, ich verstehe es nicht.

Meine räumliche Vorstellung der Welt ist auf drei Dimensionen beschränkt, eine vierte Dimension kann ich mir nicht vorstellen. Gott lebt vielleicht in vier, fünf, sechs oder noch mehr Dimensionen. Wieder ist es ein Vers aus dem Propheten Jesaja, der mich hier tröstet: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr, denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken (Jes 55,8-9).“ Mein Hirn ist zu klein, um Gott zu verstehen.

Zuletzt: Aus einer Wunde wird eine Narbe. Die Narbe schmerzt nicht mehr so akut wie die Wunde, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen sie sich bemerkbar macht. Die Wunde ist zwar verheilt, aber es wird nie mehr so, wie es vorher gewesen ist. Auch die Wunde, die der Tod von Matthias in meiner Seele hinterlassen hat, ist zu einer Narbe geworden. Ohne Matthias ist es nicht mehr so wie mit ihm, und es wird auch nie mehr so sein. Bis an mein Lebensende wird er mir fehlen. Wenn ich ­einen Jungen mit rotblonden Locken sehe, kommt mir die Erinnerung an Matthias wieder ganz nahe.

Marianne:
Aber bei Gott kann aus Fluch Segen, aus Tod ­Leben werden. Gott hat uns, gleich nach dem ­Unfall, eine ganz besondere Erfahrung geschenkt.

Matthias‘ Plan, ein Musical zu schreiben über seine Beziehung zu Gott wurde nach seinem Tod von seinem älteren Bruder und 50 jungen Freunden umgesetzt. Das Musical „Mats – Warum?“ drückt sehr ehrlich ihre Fragen und ihr Nicht-Verstehen aus. Das Musical löste ein überwältigendes Echo aus und wurde am Schluss etwa 40 Mal in der ganzen deutschsprachigen Schweiz aufgeführt. Es hat den Freunden geholfen bei der Verarbeitung dieses Todes und Tausende junger Menschen angeregt, über Sinn und Ziele ihres Lebens nach­zudenken. Mit den bei den Aufführungen erbetenen Kollektengeldern konnte in Mumbai (Indien) das „Mats Memorial Childrens Home“ gebaut werden, wo Straßenkinder ein Zuhause finden und die Chance bekommen, eine Berufsaus­bildung zu machen und Jesus kennen zu lernen.

Wir konnten erfahren, was Dietrich Bonhoeffer während seiner Gefängniszeit schrieb:
„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines ­lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unaus­gefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu ­bewahren. Ferner: je schöner und voller die ­Erinnerung, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das ver­gangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“

Von

Den Brennpunkt Seelsorge im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen.

Auch künftige Ausgaben von Brennpunkt Seelsorge (erscheint zweimal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie den Brennpunkt Seelsorge abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal