Abenteuer Ost

Familie Schneider

Berufung nach Greifswald


Was war eure wichtigste Entscheidung bisher?

Daniel: Ich weiß nicht, ob ich die wichtigste Entscheidung benennen kann, eher könnte ich ein „Ranking“ danach machen, wie weitreichend die Folgen sind. Da steht natürlich meine Entscheidung für Jesus an erster Stelle, danach die Entscheidung für unsere Ehe und dann auch die Entscheidung für die OJC-Gemeinschaft.

Carolin: Meine wichtigste Entscheidung traf ich mit 18 Jahren, als ich den Eindruck hatte: Gott fragt mich, ob ich ihm mein ganzes Leben zur Verfügung stellen würde. Die vielen Entscheidungen, die ich danach getroffen habe, basieren auf der Grundlage dieser einen Entscheidung.

Trefft ihr gern Entscheidungen?

C: Grundsätzlich ja. Ich habe es gerne, wenn Dinge klar sind. Im Alltag mit den Kindern bin ich ja ständig gefordert, Entscheidungen zu treffen. Im Ungewissen zu leben finde ich schwieriger.

D: Ich mache mir oft viele Gedanken und merke, wie mich das lähmt, wenn ich mich im Für und ­Wider verliere, in den vielen Möglichkeiten und vielleicht auch in der Angst vor Fehlern, die Entscheidungen mit sich bringen können. Manchmal muss ich mich richtig überwinden, über diese Lähmung hinaus eine Entscheidung zu treffen. Aber ich merke, dass eine Entscheidung letztlich zur Freiheit führt, denn Unentschiedenheit kostet Kraft.

 Ihr seid im letzten Jahr aus Reichelsheim an die Ostsee gezogen. Wie kam es dazu?

C: Es war eine Berufung, nach Greifswald zu gehen, und unsere Entscheidung lag mehr darin, auf diesen Ruf zu antworten – dazu unser Ja oder eben auch Nein zu sagen. Grundsätzlich stand am ­Anfang die Bereitschaft, unser Leben Gott zur Verfügung zu stellen, das haben wir uns auch in unserem Eheversprechen zugesprochen: „Ich will mit dir zusammen Gott und den Menschen dienen.“ In der OJC können wir das leben: Menschen in Christus Heimat, Freundschaft und Richtung anbieten und ein Zuhause auf Zeit.    
Während einer Krankheitszeit kam mir die Frage: Kann es sein, dass Gott uns in Greifswald gebrauchen will? Das war keine Frage, die aus mir heraus kam, die hat mir auch kein anderer Mensch gestellt – ich glaube, dass das eine Anfrage Gottes war. ­Zunächst habe ich das keinem erzählt, später dann Daniel. Ein Schritt kam nach dem anderen. Wir sind erst einmal hierher in Urlaub gefahren, um zu spüren, was es mit uns macht, hier zu sein. Dann haben wir Gespräche mit den Greifswaldern und der Leitung der OJC geführt und merkten, dass sich eine Tür nach der anderen öffnet.

D: Als wir 2010 nach Reichelsheim kamen, war ­unser Ziel zu lernen, was es heißt, in Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten. Wir waren dabei nicht auf Reichelsheim fixiert, sondern von Anfang an mit der Offenheit gekommen, auch wieder wo­anders hinzugehen, um unserer Vision zu folgen

Was war denn eure Vision?

C: Ein Haus, in dem Menschen ein Zuhause auf Zeit finden, mit mehreren Wohnungen, in denen Familien, Mitarbeiter und Auszeitgäste leben können. Außerdem sollte es noch ein kleines ­Appartement geben, in dem auch mal eine Mama mit Kind oder eine Familie wohnen kann. Das Haus sollte in einer schönen Umgebung stehen, die zum Spazierengehen und zur Ruhe einlädt. Es sollte eine Arbeit sein, die sich von Spenden trägt, so dass wir unabhängig wären. Es darf eine stille Arbeit sein, aber mit Tiefgang. Das war die Basis, und ich finde es berührend zu sehen, wie Gott uns geführt hat.

D: Wir hatten mit Ende Zwanzig kein Haus, auch kein Geld und brachten nur wenig Erfahrung mit. Wir sahen uns auch nicht in der Lage, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Aber Gott hat uns ernst genommen. Er hat ein Haus für uns vor­bereitet, das „Haus der Hoffnung“ hier in Greifswald. Es entspricht in vielem dem, was wir uns damals vorgestellt hatten.

Ward ihr euch als Ehepaar einig in diesem Prozess?

C: Als ich meinen Eindruck geäußert habe, konntest du es dir eigentlich erst einmal gar nicht ­vorstellen, oder?

D: Einfach vom Gefühl her… mich hat es vorher nie in den Norden oder Osten gezogen.

C: Im Grunde waren wir uns schon einig, aber in unterschiedlichem Tempo unterwegs. Ich hatte immer das Gefühl, schon zehn Schritte vor ­Daniel zu sein und musste warten auf das, was in ihm passiert. Und auch vertrauen, dass, wenn Gott mir etwas sagt, er es ihm auch sagen wird.

Was haben eure Kinder dazu gesagt?

C: Das war ganz unterschiedlich. Lina und Levi waren zu klein, um sie in unseren Entscheidungsprozess einzubeziehen. Lina war sehr traurig, hat sich dann aber darauf eingelassen. Flinn haben wir am Ende unserer Entscheidungsphase gefragt, was er von einem Umzug halten würde. Auch da war erst einmal große Trauer, aber dann hat ihn die Abenteuerlust gepackt.

D: Es war hilfreich, dass wir in Reichelsheim das Neuankommen und Abschiednehmen jedes Jahr mit der Jahresmannschaft erlebt hatten und dass es ritualisierte Formen von Übergängen und Abschieden bei uns gab. Das hat den Kindern geholfen.

C: Der Entscheidungsprozess war auch von vielen sehr ­umbetet – von uns, von unseren Eltern und der Gemeinschaft.         

Konntet ihr darauf vertrauen, dass es für ­eure Kinder gut ist?

C: Es war meine größte Herausforderung, mit den Sorgen um die Kinder gut umzugehen. Immer wieder habe ich versucht mir vorzustellen, dass ­Jesus da ist. Es war letztendlich eine Willensentscheidung zu glauben, dass Gott für uns sorgen wird.     
D: Ich selbst habe erlebt, dass wir in der Teenie­phase umgezogen sind. Das war nicht einfach. Aber ich bin daran nicht zerbrochen, sondern gewachsen. Auch bei anderen Familien habe ich mitbekommen, dass es für Kinder nicht unbedingt schlecht sein muss, wenn sie umziehen und woanders neu an­fangen müssen.

Was hat sich verändert, als es offiziell war?

D: Dadurch wurde es auf jeden Fall endgültiger, kam in die Wirklichkeit. Hilfreich war, dass die Gemeinschaft sehr eindeutig entschieden hat, uns ziehen zu lassen, obwohl es arbeitstechnisch nicht ideal war.

C: Ich war einfach froh, als es endlich entschieden war und ich kein Für und Wider mehr abwägen musste. Für mich war es auch sehr wichtig, dass ich das meinem Vater, der schon im Sterben lag, noch sagen konnte. Er hat geantwortet: „Ich habe eine Perspektive und ihr habt eine Perspektive.“ Das hat mir große Freiheit gegeben.

D: Ich war froh, dass unsere Eltern uns so unterstützt haben. Sie haben uns ganz freigegeben, ­obwohl der jetzige Abstand von 800 km sowohl für sie als auch für unsere Kinder eine Heraus­forderung ist.

Zweifelt ihr noch manchmal?

D: Ich musste mich freimachen von der Frage, ob wir für diese Aufgabe in Greifswald geeignet sind. Wenn ich alte OJC-Literatur lese und mir den Auftrag und die Mitarbeiter im „Haus der Hoffnung“ anschaue, denke ich: Diese Fußstapfen sind uns viel zu groß. Von uns aus können wir nicht leisten, was von uns erwartet wird, bzw. was wir meinen, dass von uns erwartet würde. Da steigt in mir schnell das Gefühl von Unvermögen auf und ich muss mich selbst korrigieren und vertrauen, dass Gott uns mit dem ausstatten wird, was wir brauchen. Klar, wir bringen Gaben und Fähig­keiten mit, aber letztlich müssen wir uns von ihm füllen lassen und überfließen.

C: Eine Entscheidung zu treffen ist die eine Seite, sie dann aber zu leben, ist die andere. Es kostet Kraft und Tränen, ist anstrengend – braucht immer wieder neuen Mut und unser Ja. Für mich war es nie so, dass ich das Gefühl hatte, es gäbe nur diesen einen Platz. Es war mehr wie ein Angebot. Dass Gott sich das gut für uns vorstellen kann, und dass wir hier das teilen können, was wir haben.

D: Für mich war es wichtig, dass wir eine echte Entscheidung treffen konnten. Wir hätten uns auch sehr gut vorstellen können, weiter in Reichelsheim zu bleiben und da unseren Platz auszufüllen.

C: Es war wichtig, auch das anzuschauen, was wir dann nicht leben können. Wir sind beide noch einmal getrennt in die Stille gefahren. Da habe ich alles aufgeschrieben, was ich mir früher vorgestellt hatte, was ich mal leben würde. Das habe ich Gott abgegeben und „geopfert“. Auch Menschen musste ich konkret loslassen.

Was hat euch geholfen?

C: Der Satz von John Ortberg: „Wer auf dem Wasser gehen will, muss aus dem Boot steigen“ hat mich immer wieder daran erinnert, mich auch ­inmitten der inneren hohen Wellen auf Jesus auszurichten.

D: Mir wurde der Satz wichtig: „Wir können ­unseren Blick auf unsere Schwächen oder auf Gottes Kraft richten.“ Auf was richte ich mich aus? Worauf lenke ich meinen Blick?

C: Im Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ muss Indiana Jones mehrere Prüfungen ­bestehen, und die letzte ist eine Prüfung des Glaubens. Er muss einen tiefen Abgrund überwinden, über den es keine sichtbare Brücke gibt. Die Anweisung lautet: „Allein beim Sprung vom Kopf des Löwen wird er sich als würdig erweisen.“ Erst als er den ersten Schritt ins Nichts tut, sieht man, dass er von einer unsichtbaren Hand gehalten wird. Das wurde mein inneres Bild: Ich muss jetzt einfach diesen Schritt gehen, obwohl ich nicht weiß, was dann passiert. Ich muss glauben, dass es gehen wird.

Was werdet ihr hier konkret tun?

D: Wir haben das Privileg, zunächst einmal in Ruhe ankommen zu dürfen. Wir müssen nicht ­sofort in eine bestehende Lücke stürzen oder dringende Aufgaben übernehmen. Ich habe einen Teil meiner Aufgaben aus Reichelsheim vorüber­gehend mitgenommen und bin hier für Haus und Hof zuständig. Wir sind am Sondieren, in welche Arbeitsbereiche wir uns einbinden lassen und was an Neuem entstehen darf. Dazu gehört auch das Hineinwachsen in eine Gemeinde vor Ort, in der wir uns als Mitarbeiter einbringen möchten. Grundsätzlich fand ich es sehr hilfreich, dass von der Kommunität das Signal kam, dass Dinge sich verändern dürfen.

C: Diese Frage wurde uns seit unserem Umzug schon oft gestellt, und ich frage mich das selbst immer wieder. Ich sehe meinen Platz klar in der Familie. Auch wenn unsere Kinder größer werden, möchte ich nachmittags da sein, ihnen und ihren Freunden Raum und Zeit geben. Darüber hinaus möchte ich gern in die Seelsorgearbeit hineinwachsen und mein Herz und mein Haus für Menschen öffnen, die diesen Raum brauchen. In der OJC-Grammatik, der inneren Ordnung unserer Kommunität, heißt es: „Die OJC-Kommunität ist gerufen, Lebensräume zu eröffnen.“ Dazu möchten wir hier unseren Beitrag leisten.

Von

  • Carolin Schneider

    lebt mit ihrem Mann Daniel und ihren drei Kindern im Haus der Hoffnung in Greifswald.

    Alle Artikel von Carolin Schneider
  • Daniel Schneider

    ist Referent für Freiwilligendienste und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Haus der Hoffnung in Greifswald.

    Alle Artikel von Daniel Schneider
  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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