Wie erkenne ich Gottes Willen?

Maria Kaissling

Mit bewährten Lehrern auf Spurensuche

Mein erstes Dienstjahr in der Gemeinde als ­Gemeindepädagogin näherte sich seinem ­Ende. Wie sollte es nun für mich weitergehen? Am liebsten wäre ich weit fort gezogen. Eine Stelle als Religionslehrerin in Texas war noch offen. Aber auch ein kleines Versöhnungszentrum bei Belfast lockte mich. Außerdem lag ein Angebot zur Mit­arbeit in einer großen Tagungsstätte vor und ganz im Keller meines Herzens regte sich der Gedanke, zur OJC als Mitarbeiterin zurückzukehren.

Doch was von all dem sollte ich wählen?

Wilde Abenteuerlust und die vage Vorstellung, „etwas Großes für das Reich Gottes“ tun zu wollen, hielten mich wochenlang von einer konkreten Entscheidung ab. Auf meinen Listen, die mir bei der Klärung helfen sollten, sprach für jede Option viel und nur wenig dagegen. Eines stand für mich jedoch fest: Wohin mich meine Entscheidung auch führen würde, ich wollte da sein, wo Gott mich haben wollte und ihm dienen. Dennoch fand ich zu keinem ­Ergebnis. Nach einer weiteren morgendlichen Stillen Zeit, war ich sehr ungehalten und unwillig. Da sprach Gott ganz über­raschend zu mir, und zwar in einer „Vision“:

Ich stand mit Freunden und Hunderten anderer Menschen auf ­einem großen Feld. Unsere Stimmung war fröhlich und ausgelassen, wir sangen und lachten und dann rief jemand: Jesus kommt. Alle wandten sich dem Licht zu, das ganz am Ende des Feldes ­erschienen war, und wir setzten uns in Bewegung. Meine Freunde und ich rannten los, so schnell wir konnten. Die Gestalt in dem sanften Licht kam uns entgegen. Und dann stand ich vor ihm, ­allein, atemlos und überaus glücklich. Nach einem kurzen Gedankenaustausch drehte Jesus mich in die Richtung, aus der ich gerade herbeigerannt war und fragte: „Wo sind eigentlich all die anderen, die ich dir anvertraut habe?“ Es war kein Tadel in seiner Stimme, kein Befehl, sondern echtes Interesse. Und dann schickte er mich zu ­denen zurück, die ich hinter mir gelassen hatte.

Mit einem Ruck kam ich wieder zu mir, noch voller Freude und Gewissheit, wohin ich meine Schritte lenken sollte. Kurz entschlossen schrieb ich einen Bewerbungsbrief und drei Wochen später erhielt ich die Zusage für eine Mitarbeit bei der OJC. Das war 1973, seitdem lebe und arbeite ich hier.

Das Entscheidungs-Sieb

Ob ich mich schneller hätte festlegen können, wenn ich hilfreiche Entscheidungskriterien gekannt hätte?

Da wäre z. B. das „Entscheidungs-Sieb“, das uns Friso Melzer nahe brachte: Soll ich? Will ich? Kann ich? ­Friso Melzer (Sprachforscher und Missionar, 1907-1998) hat ­vielen jungen Erwachsenen geholfen, ihre eigene Richtung zu finden: Soll ich in ein anderes Land? Was treibt mich dazu? Das kann ja zunächst Abenteuerlust sein oder ein verlockender Fluchtweg heraus aus der augenblicklichen Situation oder eine romantische Vorstellung. Daran ist nichts Verwerfliches, aber ich muss wissen, ob es eine Berufung ist oder nicht.

Liegt eine Berufung vor, ist die nächste Frage: Will ich es? Will ich dafür wirklich alles aufgeben? In welchem Rahmen will ich mich einlassen? Zu welchen Bedingungen kann ich mir so einen Schritt vorstellen?

Die letzte große Frage für das „Entscheidungs-Sieb“ lautet: Kann ich das? Was tue ich, wenn ich zwar soll und will, aber nicht kann? Vielleicht muss ich eine weitere Ausbildung absolvieren oder andere ­Fertig­keiten lernen. Dieses „Entscheidungs-Sieb“ ist einfach und wirkungsvoll.

Ein Freund und Lehrer der OJC war der Theologe Klaus Bockmühl (1931-1989). In seinem letzten Buch „Hören auf den Gott, der ­redet“ fasst er wie in einem Testament die Entscheidungskriterien zusammen, nach denen er selbst gelebt und entschieden hat:

 Die Heilige Schrift

„Wer von Gott geführt zu werden wünscht, wird unter den ersten sein, die sich in die Lehre der Bibel versenken. Wie müssen getränkt sein vom Wort der Schrift, um richtig hören zu können.“  „Wir sollten zutiefst dankbar sein, dass uns die Heilige Schrift zur Ver­fügung steht als eine objektive Basis, selbst in Krisenzeiten, wenn wir uns in einem Irrgarten von Widersprüchen und Wirrungen befinden, die uns zur Verzweiflung führen, wenn wir nur auf die Stimme in unserem Inneren hören.“

Das Beispiel Jesu

Immer wieder lesen wir, was Jesus über sich und sein Tun sagt: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn“ (Joh 5,19). Oder: „Was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat“ (Joh 12, 49f.). In allem, was er tut und lässt, will Jesus, dass der Wille Gottes geschehe. Das ist das „Grundprinzip seines ganzen Kommens“ (Joh 6, 38).              
Darum lehrt Jesus seine Jünger, was er selbst bis zum Ende seines Erdenlebens betet: „Vater, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe!“ Danach entscheidet er seine Bewegungen. Er lebt uns vor, dass die Beziehung zu Gott, das Hören auf ihn und das Reden mit ihm uns stärkt, korrigiert und tröstet, aber nicht bei uns selbst stehen bleibt. Jesu Intention war die Herrschaft Gottes im Leben aller Menschen. „Sein Ziel war es, die versteinerten menschlichen Verhältnisse wieder lebendig zu machen und sie zu erneuern im Sinne von Liebe zu Gott und dem Nächsten.“ Diesem Ziel sollten alle Entscheidungen Jesu dienen!

Der innere Lehrer

Einen weiteren Helfer auf dem Weg zu einer Entscheidung nannte die frühere Kirche „doctor internus“ – der innere Lehrer. Jesus nannte ihn Heiliger Geist, Tröster, Lehrer, Beistand (Joh 14, 26). Es ist der Geist der Liebe, der uns in alle Wahrheit leiten wird. Damit schenkt er uns Orientierung und weist uns unsere Richtung. Er „erleuchtet“ unsere Vernunft, ermutigt uns zum Gottvertrauen und vergegenwärtigt uns Christus. Er stärkt unsere Gewissheit, dass Gott uns nicht in die Irre führt, auch wenn unser eigener Wille und unser ängstliches Herz uns das einreden können. Mit Christus sind wir „Gottes Hausgenossen“ und Miterben seines Reichs. Dass wir darum auch Anteil nehmen an Gottes Herrschaft über die jeweiligen Situationen unseres Lebens, dazu leitet uns dieser „doctor internus“ an in unserem Denken, Fühlen und Wollen.

Die Geschwister

Außerdem sind unsere Mitchristen, die Menschen unseres Vertrauens von großer Bedeutung. Der Blick von außen, das gemeinsame Beten, Hören und ­Prüfen, miteinander Gott fragen und austauschen: Keiner von uns muss allein weitreichende Entscheidungen treffen. Außerdem zielt Gott immer auf das Fördern unserer Liebe zu ihm und zum Nächsten und den Geschwistern.

Inzwischen bin ich älter geworden und kann auf ­eine längere Wegstrecke zurückschauen. Wie oft ­haben mir diese „Entscheidungskriterien“ geholfen, mich nicht im Dickicht von Illusionen zu ver­heddern; wie oft haben sie mich aus Engführungen in die Freiheit hinausgeführt und meine Kreativität und Fantasie in eine lebensfördernde Richtung ­gewiesen! Ich bin sicher: Gott liebt das Abenteuer des Lebens – und auf diese Reise, die mir nicht i­mmer gefiel, hat er mich mitgenommen.

Mein Gott, wie dankbar ich dafür bin!

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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