Was würde Jesus tun?

Road to Emmaus
Road to Emmaus © Ivanka Demchuk

Handreichung für Entscheidungen

„Was macht dich denn sicher in der Entscheidung, ausschließlich mit dieser Frau durchs Leben zu gehen?“, so wurde ich 1977 von Kommilitonen ­gefragt, als ich ihnen sagte, dass ich heiraten ­wolle. Irgendwann hatte ich den Entschluss dazu ­gefasst – auch wenn er nicht alle Zweifel und ­Fragen beseitigen konnte, die in nachdenklichen Momenten auftauchten. Die Entscheidung für meine Frau war sowohl eine leidenschaftliche als auch eine wohlüberlegte, die – wie sich im Laufe unserer Ehe herausgestellt hat – immer wieder ­erneuert werden muss. Ich muss mein einmal gegebenes „Ja“ immer wieder aufs Neue in Wort und Tat umsetzen. „Wähle den, den du liebst und liebe den, den du gewählt hast“ (Ingrid Trobisch) – das ist das Geheimnis einer gelungenen Ehe. Meine Glaubwürdigkeit in unserer Ehe stand mehr als einmal auf dem Prüfstand. Doch weil wir beide unser Herz Jesus Christus offen hielten, schenkte er uns immer wieder einen Neuanfang.

Entscheidungsrecht als Würde und Bürde

Unser Glaube sagt uns, dass Gott, der die Liebe ist (1. Joh 4,8), den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat (Gen 1,27). Gott lässt den Menschen von Anfang an sein Personsein erfahren und ihm zur Gewissheit werden: Ich bin um meinetwillen geliebt, so wie ich bin; ich habe ein Recht zu sein; ich werde gesehen, gefragt, geachtet und ernst genommen.

Diese Erfahrung lässt den Menschen seine Freiheit erleben als ein Zeichen seiner unveräußer­lichen und unzerstörbaren Würde: Ich kann und darf selbst über mich bestimmen; ich bin Herr meiner selbst. Zutiefst spürt jeder Mensch – auch noch nach dem Sündenfall –, dass das Entscheidungsrecht über sich selbst wesentlicher Bestandteil seiner Freiheit ist. Gott selbst macht davor Halt. Er will nicht vom Menschen Besitz ergreifen, sondern nur freie Geschenke in Liebe.

Diese Erfahrung seiner Würde kann dem ­Menschen jedoch auch zu einer schweren Bürde werden, besonders, wenn er weitreichende Entscheidungen treffen muss. In der Entscheidungssituation erlebt sich der Mensch zutiefst einsam, konfrontiert mit dem eigenen Ich. Er muss den Knoten lösen und die Situation meistern. Es kann sinnvoll sein, sich Rat zu holen oder auch Gott zu bitten, erkennen und unterscheiden zu können, was jetzt ins Leben führt oder was mein Leben beeinträchtigt, verhindert, zerstört, – aber letztendlich bleibt die Entscheidung die eigene; nicht einmal Gott wird sie mir abnehmen. Ich muss mich mit meinem Tun vor mir selbst und meinem Gewissen verantworten, die Konsequenzen meiner Entscheidung trage ich – alleine!

Wer die Freiheit und Last dieser Einsamkeit in seinem Leben spürt, den ermutige ich zu beten:

Guter Gott, Du bist da. Um mich. Vor mir. Mit mir. Und doch erkenne ich den nächsten Schritt nicht. Zu viele Wege bieten sich mir an. Dein Wille geschehe. Lass mich ihn erkennen, tun und lieben. Ich brauche rechten Glauben und Erkenntnis, feste Hoffnung und Mut. Ich bitte um echte Liebe, Demut und Vertrauen. Sende mir Deinen heiligen Geist. Er atme in mir, damit ich sehe, was Du willst. Er treibe mich, damit ich tue, was ich als richtig erkannt habe. Er hüte mich, damit ich treu bleibe auf dem Weg mit Dir.

Bedrückt, überfordert, überlastet

„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten“ (George Bernard Shaw). Der west­liche Mensch des 21. Jahrhunderts entwirft und plant sein Leben – von der Religion bis hin zur Geschlechterrolle. Er wird zum Designer seines Lebens, doch diese beispiellose Freiheit bürdet uns eine ungeheure Verantwortung auf. Die Vielfalt der Angebote und der Anbieter ist unübersichtlich geworden und droht, uns über den Kopf zu wachsen. Wir leben in einer Zeit, in der alles im Übermaß vorhanden ist: Konsumartikel, ­Informationen, Erlebnisse, Musikrichtungen, ­Lebensperspektiven. Tausend Dinge stürzen auf uns ein. Freunde und Mitarbeiter sagen uns, was heutzutage alles ein „Muss“ ist. Das Leben ist so komplex und widersprüchlich geworden, dass wir die Orientierung und den Halt verlieren. Ungeborgenheit und Angst sind die Folgen. Ein junger Mann schrieb mir: „Was ich will, das tue ich nicht, und was ich tue, das will ich nicht. Ich schiebe auf und kann mich nicht entscheiden. Immer wieder ist es dann zu spät und schon entschieden, ohne dass ich entschieden hätte. Ich führe mein Leben nicht, sondern werde geführt, wie an einer Leine – und weiß weder von wem noch wohin.“

Erst unterscheiden, dann entscheiden

Unser Glaube sagt uns: Der Mensch ist von Gott aus Liebe erdacht, aus Liebe gewollt und zur Liebe berufen. Das menschliche Herz ist nicht nur zur Liebe fähig, sondern geradewegs für sie gemacht. Wir können ohne Seine Liebe nicht leben. Unser Leben verwirklicht sich, indem wir immer mehr lernen zu lieben wie Gott liebt. Da Liebe Freiheit voraussetzt, kann der Mensch sich frei in dieses Abbild-der-Liebe-Sein einfügen oder sich dagegen entscheiden. Aus der Liebe auszusteigen, ist eine Lüge gegen das eigene Sein, ein sicheres Rezept für Dauerfrust.

Wenn wir unser Leben nach eigenem Gutdünken kreieren, laufen wir Gefahr, uns im Dschungel der Angebote und Verlockungen zu verlieren. Viele wollen uns heute weismachen, dass es egal ist, wie und was wir leben. Wer damit rechnet, dass höhere und liebende Gedanken über sein Leben ­gedacht werden, dass es eine Hand gibt, die ihn führt, gewinnt ein neues Verhältnis zur Zukunft. Wir haben einen Vater, der um uns weiß. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6). Wir können den heiligen Geist bitten, uns unterscheiden zu lehren: das Erstwichtige vom Zweitwichtigen, das Gute vom Bösen, die Wahrheit von der Lüge, das Richtige vom Falschen, Gottes Stimme von den eigenen Stimmungen, sein Erbarmen von meiner Verharmlosung, das Letzte vom Vorletzten. Der Theologe und Philo­loge Friso Melzer bringt das Gesagte auf die Formel: „Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht gehen, wer den Weg nicht geht, kommt nicht ans Ziel.“ Gute Fragen helfen weiter:

Wonach richte ich mich aus? – Welchen Raum gebe ich Gott in meinem Leben? – Wo bin ich verwurzelt? – Was ist der Grund meines ­Lebens? – Wem gehört mein Leben? – Worin suche ich meine Sicherheit? – Worauf kommt es mir an?  – Wofür setze ich mich ein? – Auf ­welches Ziel hin lebe ich?

An Jesu Leben wird die Wirklichkeit alltäglicher Leitung durch Gott und die Möglichkeit, Seinen Willen zu erkennen, deutlich. Wir betreten neues Terrain, wenn wir darauf achten, wie Jesus sein Handeln entscheidet: „Von mir selbst aus kann ich nichts tun; ich richte, wie ich es (vom Vater) höre, und mein Gericht ist gerecht, weil es mir nicht um meinen Willen geht, sondern um den Willen ­dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 5, 30). Davon lassen sich drei Kennzeichen ableiten, wie Jesus seinen Erdenweg verstanden und verwirklicht hat.

  • im Wissen um seinen Auftrag
  • mit der Bereitschaft, sein Leben Gott zur Verfügung zu stellen
  • im hörenden Ausgerichtetsein auf den Vater.

Wissen um seinen Auftrag

Jesus wusste um seinen Auftrag: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Lk 19,10). Das ist der Grund dafür, dass er nicht aus sich selbst heraus handelt. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch eine ganz besondere Sendung und Berufung hat, eine Auf­gabe, die niemand anderes so erfüllen kann. Alle sind berufen, Dinge zu tun, die Bedeutsamkeit ­besitzen. Unsere Welt ist voller Optionen und Angebote, die wir ergreifen können. Aber die meisten sind ohne Bedeutung. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda hat einmal gesagt: „Mir ist die Sinnlosigkeit meiner Sportkarriere auf­gegangen. Es gibt Wichtigeres im Leben als mit dem Auto im Kreis herumzufahren.“

Um unsere Bestimmung herauszufinden, kann unser Herz uns hilfreiche Hinweise geben, indem wir hören, wofür es schlägt.

Wofür will ich mein Leben einsetzen? – Was will ich verändern in dieser Welt? – Was geht mir wirklich nahe? – Was beunruhigt mich so sehr, dass ich nachts nicht schlafen kann? – Was ist das Wichtigere? – Worauf kommt es mir im Leben an? – Was will ich mit meinem Leben in dieser Welt ausrichten? – Was ist meine­ Bestimmung, was ist (noch) mein Weg?

Um die richtigen Lebensentscheidungen treffen zu können, brauchen wir eine Ahnung davon, was unser unverwechselbarer Beitrag zum großen Ganzen ist. Dann können wir in das Wort des ­ungarischen Schriftstellers Imre Kertész einstimmen: „Ich will das Leben leben, das mir zugefallen ist, und es so leben, dass es mir ganz zufällt.“

Jesus wählt den Weg des Gehorsams; den lehrt er seine Jünger im Vaterunser: Dein Wille geschehe auf Erden, so wie er jetzt schon im Himmel ­geschieht. Bis zu seiner Todesstunde hält er daran fest: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Der Verzicht auf eigene Lebensplanung und ­Lebensführung, damit Gott ungehindert wirken kann, ist keine Lebensminderung, sondern das Höchstmaß an Selbstverwirklichung. Das Vaterunser ist das Gebet des Menschen, der nur eine Sorge hat: seinen Weg bis ans Ziel zu gehen, an dem Gott ihn erwartet.

Nun kommt es nicht selten vor, dass wir uns zwar die Ziele geben lassen, dann aber meinen, selbst zu wissen, was zu tun ist. Jesus aber urteilt, so wie er hört – jedes Mal! Wie ich höre, so handle ich – ich will nichts aus mir selbst tun. Dieser Weg erfordert das Opfer meines Eigenwillens und doch ­bleibe ich selbst Subjekt meiner Handlungen. Gott handelt nicht ohne den Menschen und wartet auf sein „Ja“. Abbé Huvelin schrieb einst an Charles de Foucauld: „Man tut Gutes in dem Maße, indem man von Gott, Gottes Eigentum ist.“

Hörend, still, zielgerichtet

Jesus lebte aus der Stille heraus: „Des Morgens, als es noch sehr dunkel war, ging er hinaus in den Garten, um zu beten“ (Mk 1,35). Er lebte nach der Weisung: „Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger“ (Jes 50,4). Der Wille Gottes ist auch Jesus nicht im voraus bekannt. Er bedarf des Hörens. Der große Liederdichter Gerhard Tersteegen schrieb seinen Mitchristen den Satz ins Stammbuch: „Du hast deinem Herrn stetsfort viel zu ­sagen; bald hättest du dieses gern, bald kommst du jenes klagen. Halt doch ein wenig ein. Schweig ihm ein wenig still, und hör, was Er dir sagt und von dir haben will.“

Wer im Sinne Christi handeln will braucht Stille. Gott spricht am ausdrücklichsten in der Heiligen Schrift. Aber er spricht auch – oft verborgen – im Herzen jedes Menschen, im Urteil des Gewissens oder durch eine innere Freude. Das Wort Gottes in der Schrift macht das Wort Gottes im Herzen hörbar, verleiht ihm eine Stimme. Machen wir uns vertraut mit ihm, indem wir ihn in unserem Beten zu Wort kommen lassen. Lernen wir, seine Stimme von vielen anderen Stimmen zu unterscheiden und seinen Willen zu erkennen.

Gebet und Schriftlesung trainieren unsere Sinne für die Signale seiner Führung.

Gläubige leben zielgerichtet. Das ordnet die Kräfte und heilt die Seele. Die Zeit des Betens verlangt die Entscheidung, mir täglich Zeit zu nehmen für meine Beziehung zu Gott. Die Entscheidung für das Morgengebet fällt schon am Abend und für das Abendgebet schon am Morgen. „Vor allem ­gehört zum rechten Beten, dass wir es regelmäßig tun, also nicht nur, wenn das Herz einen drängt. Die Seele lebt aus dem Gebet. Aber alles Leben will Regel und Wiederkehr, will Rhythmus.“ ­(Romano Guardini). Beten heißt wach sein dafür, dass Gott mir zugewandt ist.

Für die Zeit des Gebetes gibt es drei Kriterien, die hilfreich sein können.

  • Nimm dir eine feste Zeit (Gewohnheit hilft).
  • Eine ruhige Zeit (das ist oft der frühe Morgen und der Abend).
  •  Eine wertvolle Zeit, die du gern hast, aber auch gern deinem „Freund“ wegschenken magst (keine „Abfallzeit“).

Charles Spurgeon, einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts, sagte: „Wir können zu allen Zeiten beten –  ich weiß, wir können es –, aber ich fürchte, dass diejenigen, die nicht zu ­bestimmten Zeiten beten, nur selten beten.“

Selbstbestimmung an langer Leine

Christen und Juden kennen den alten Gebetsvers: „Weise mir, Herr, deinen Weg, ich will ihn gehen in Treue zu dir“ (Ps 86,11). Wenn ich auf mein bis­heriges Leben zurückschaue, dann leuchtet mir die alte jüdische Weisheit ein: „Du wirst des ­Weges geführt, den du wählst.“ Genauer: „Der Mensch wird des Weges geführt, den er mit ganzer Seele wählt.“  Selbstbestimmung an der langen Leine Gottes? Das glaube ich von ganzem Herzen. Leben vor und mit Gott ist immer auch mit der Bitte verbunden: „Ebne deinen Weg vor mir“ (Ps 5,9b)! Jeder weiß aus Erfahrung, wie leicht er sich „ver-gehen“ kann. Im Nachhinein mag ich vielleicht erkennen, wie wahr das alte Verheißungswort ist: „Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern. Die Finsternis vor ihren Augen mache ich zu Licht“ (Jes 42,16a).

In entscheidenden Situationen sind wir immer wieder konfrontiert mit der Frage: Warum tue ich das –  wofür lebe ich? Wer es mit der Nachfolge ernst meint, weiß: Weil Er es so will. „Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen“ (Ps 18, 20). Darum lasse ich mich nicht gehen und lasse auch nicht alles schicksalsergeben laufen. Wir leben in Christus verankert mit Gottes Zusage: „Um seines Namens willen wird er dich führen und leiten“ (Ps 31,4). Das darf man nicht missverstehen als himmlische ­Bevormundung oder Gängelband. Der Mensch steht aufrecht und soll wählen. Wir sind „Freigelassene der Schöpfung“ (Johann Gottlieb Herder).  Gott wirkt auf uns ein wie die Sonne auf Pflanzen. Er lockt und weckt die eigenen Kräfte, damit wir seine Führung auf unserem Weg erkennen und „in Treue zu dir“ (Ps 86,11) gehen. Liebende wissen es. Glaubende wissen es. Leben „vor seinem An­gesichte“, denn „er wird uns führen in Ewigkeit“ (Ps 48,15).

Wenn Christen und Juden von Gottes Hand sprechen, meinen sie immer die Kraft, die Menschen in ihre Eigenverantwortung und Freiheit lockt, ­jeden in die Spur, die er gehen kann und soll. Deshalb bitten wir: „Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!“ (Ps 25,4). Erst im Aufbruch, im Gehen und Tun, erfahren wir das göttliche Weggeleit, nicht Zuhause im Sessel. Nichts ist für den Gläubigen Zufall, nichts passiert einfach so.

Was würde Jesus tun?

Die letzten Jahre seines Lebens hatte Steve Jobs, der Gründer von Apple, mit einer Krebserkrankung zu kämpfen. In seiner berühmten Rede vor Absolventen der US-amerikanischen Stanford-Universität sagte er: „Der Gedanke, dass ich bald tot sein werde, ist die wichtigste Entscheidungshilfe für die großen Fragen des Lebens. Weil fast alles, alle äußeren Erwartungen, aller Stolz, alle Ver­sagensangst im Angesicht des Todes bedeutungslos wird, bleibt nur das wirklich Bedeutsame übrig. Sich vor Augen zu halten, dass man sterben wird, ist die beste Methode, die ich kenne, um nicht in die Falle zu tappen, sich selbst vorzumachen, man ­habe etwas zu verlieren. Wir alle sind bereits nackt. Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu ­folgen.“

In einer Zeit, in der der Tod verdrängt wird, wurde eine CD mit alten gregorianischen Chorälen über eine Million mal verkauft. „Chant – Music for Paradise“ haben die Mönche die CD genannt. Es ist ihre Totenliturgie! Der Grund ist klar: Die Gesänge des gregorianischen Chorals sind vom Text her ernster und von der Melodie her freudiger, fröhlicher, himmelsstürmender als die Lieder, in denen es um den Tod und die große Zukunft geht. Viele Menschen fragen sich, warum diese Musik so schön ist. Weil in ihr die Freude steckt, auf ein großes Ziel hin unterwegs zu sein.

Die Lebensspanne zwischen Geburt und Tod ist der Zeitraum, in dem wir den Anruf Gottes hören und uns entscheiden müssen. Innerhalb dieser Zeit muss alles passieren, worauf es ankommt. Das ist die begrenzte Frist, in der wir am Kreuzweg stehen, in der wir alles gewinnen und alles verlieren können. Es gibt keine Nachholkurse im Jenseits! Man lese dazu nur das Gleichnis vom ­reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,19-31). Es gibt keinen anderen Weg zu Gott, als ­seinen Ruf ernst zu nehmen.

Unsere menschliche Würde ist in unserer Freiheit zur Entscheidung begründet und entfaltet sich in dem bedingungslosen und freiwilligen Ja zu ­Gottes Liebe. Kardinal Franz König brachte es in einer Predigt auf den Punkt: „Es gibt keine halbe Sünde, keine halbe Lüge, keine halbe Wahrheit. Es gibt kein halbes Christentum, keine halbe Verantwortung, keine halbe Liebe, keine halbe Hoffnung, keinen halben Glauben! Es gibt nur ein Ja oder Nein, kein Drittes. Das ist die Entscheidung.“ 

Fehler – kann man machen

Ausgangspunkt für jede Entscheidung ist die Bejahung des Augenblicks. Die ideale Situation ist in diesem Augenblick. Denn wenn ein Christ die ­unbedeutendste Kleinigkeit des Alltags mit Liebe verrichtet, dann erfüllt sich diese Kleinigkeit mit der Größe Gottes. Legen wir allen falschen Idealismus, Träume und Fantastereien beiseite: Wenn ich doch ledig geblieben wär – wenn ich doch einen anderen Beruf gewählt hätte – wenn ich eine ­bessere Gesundheit besäße –  wenn ich noch jung wäre –  wenn ich doch schon alt wäre... Halten wir uns nüchtern an die ganz unmittelbare Wirklichkeit, denn da ist der Herr.  „Gott gibt uns keine Landkarte, aber er gibt uns seine Hand.“ (René ­Padilla) Entscheidend ist und bleibt, dass Jesus den ersten Platz in unserem Leben bekommt und ­behält.

Zum Schluss noch ein paar Empfehlungen, wie wir lernen können, in vollkommener Weise auf Gott zu hören.

  • Übergib dem Herrn jede Sorge, sobald du sie bemerkst.
  • Erkenne dein Kleinsein und deine Ohnmacht an!
  • Nimm alle Situationen, denen du begegnest, an.
  • Preise den Vater in allen deinen Lebenslagen, seien sie gut oder schlecht.
  • Halte deinen Blick immer auf den Vater gerichtet.
  • Erwarte alles von Ihm, von Ihm allein.
  • Danke Ihm für alles, was du empfängst; ja, danke Ihm bereits im Voraus für das,was Er dir schenken wird.
  • Sei ganz bereit, alles aufzunehmen, die Mittel und der Inhalt sind nicht ausschlaggebend für Dein Ja.
  • Bleibe achtsam gegenüber deinen Eingebungen, aber bitte um die Gabe der Unterscheidung, damit du erkennst, was von Ihm oder aus anderen Quellen kommt.
  • Widme dem Gebet und der Anbetung mehr Zeit.
  • Lass dich nicht vom Zeitgeist beeinflussen.
  • Vergiss, wer du bist, was du tust oder was du besitzt, um einzig das zu wollen,was Gott will.
  • Sei stets bereit, dein Ansehen, deinen Ruf und deinen Besitz zu verlieren.
  • Sei bereit, deine Gedanken und Überzeugungen loszulassen, um Gottes Gedanken anzunehmen.
  • Wenn du betest oder Gott anbetest, achte darauf, dass es dabei lange Augenblicke gibt, in denen du schweigst, um auf Gott zu hören.

Wer mit allem zu Gott geht, kommt immer von Gott her und findet so garantiert seinen Platz, wo er hingehört.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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