Unfreiwillig glücklich

Ursula Räder

Den Verzicht bejahen - um des Lebens willen

Ich bin unfreiwillig Single

Ich hätte gerne geheiratet, Familie und Kinder gehabt. Es gibt Menschen, die Gott zur Ehelosigkeit beruft, die das schon früh spüren und entscheiden. Ich kenne solche Menschen und habe Respekt vor ihrer Lebensführung. Aber bei mir war das nicht so. Im Gegenteil, ganz tief in mir drin saß eine Überzeugung: „Ich werde irgendwann heiraten!“ Diese Überzeugung war mir zunächst gar nicht bewusst. Es schien das Normale zu sein. Man braucht sich ja nur umzusehen im eigenen Bekanntenkreis oder wie es in Filmen und Büchern geht... So habe ich es irgendwie stillschweigend erwartet: ­irgendwann wird mir dieses Glück wie eine reife Frucht in den Schoß fallen! Und schließlich gibt es ja auch noch andere aufregende Sachen im Leben: berufliche Herausforderungen, geistliches Wachsen, interessante Menschen − da gab es viel zu entdecken und das hat auch Spaß gemacht.

Manchmal gab es Phasen von Einsamkeit, Sehnsucht nach Zärtlichkeit, manchmal kam das Bedürfnis, mich irgendwo anzulehnen, wie eine Flutwelle über mich. Auch die Bemerkungen meiner Familie, aus dem Freundeskreis bzw. aus der Gemeinde waren nicht immer so leicht abzuschütteln: „Eine Frau wie du, das dürfte doch nicht so schwer sein, ...?!“ „Sind die Männer denn blind?“ Schlimmer war aber die Verunsicherung in mir selbst. Oft nagte die Frage an mir: „Stimmt irgendwas nicht mit mir?“ und das ­öffnete die Tür für quälende Selbstzweifel, Versagensängste und Minderwertigkeitsgefühle. Das Ganze gipfelte – und das waren die schlimmsten Momente – im offen formulierten Vorwurf an die Adresse Gottes: „Du enthältst mir etwas Wesentliches vor! Warum gibst du mir nicht, wonach ich mich so sehne?“

Und wie konnte es von dieser Seelenlage zu der zweiten Behauptung kommen?

Ich bin ein glücklicher Single

Das war ein Weg mit vielen kleinen und größeren Schritten, auf dem ich durchaus noch unterwegs bin. Von zwei größeren Schritten ­möchte ich kurz erzählen.

Das eine war das Scheitern einer für mich hoffnungsvollen Beziehung. Wir waren bereits verlobt und ich wollte diesen Mann ­un­bedingt heiraten, bin mit großer Entschlossenheit und Ziel­strebigkeit darauf zugegangen, auch mit der Überzeugung, dass Gott uns führt. Und dann wurden die Schwierigkeiten so ­unüberwindlich, dass wir die Beziehung ab­brechen mussten. Ohne auf das Warum und Wie einzugehen: Die Sache ist gescheitert, und das war sehr schmerzlich. Man spricht ja in solchen Fällen von „gebrochenem Herzen“ und tatsächlich denke ich, da ist etwas in mir zerbrochen. Aber nicht mein Herz, sondern vielleicht so etwas wie eine hart gewordene Kruste aus Selbstzufriedenheit, Idealvorstellungen von mir und meinem Leben, ­Illusionen über Liebe und Partnerschaft – ja, auch mein Gottesbild: Wenn ich tue, was ihm gefällt, dann hat er mich gefälligst zu segnen, und das heißt in meiner Vorstellung, mir Erfolg zu schenken. Diese Kruste ist zerbrochen – und das war gut. Denn an den Trümmern vorbei konnte Gott mit seiner Liebe jetzt viel besser an mein Herz herankommen, da wo es weich und verletzlich und empfänglich ist. Da konnte er jetzt Vertrauen aufbauen. Mir ist die banale Wahrheit, dass Gott mich liebt!, noch mal in einer ganz anderen, tieferen Weise spürbar und erfahrbar geworden.

Ich möchte damit keine Werbung für gescheiterte Beziehungen machen, aber vielleicht doch zu der Frage anregen: Gibt es in meinem Leben solche schweren Erschütterungen? Und könnte es vielleicht sein, dass Gott da eine neue oder verstärkte Art von Zugang zu mir sucht?

Ganz akut wurde die Frage nach Ehe in der Phase der Annäherung an die OJC-Lebensgemeinschaft. Ich wusste, wenn ich mich auf den Weg in die ­Gemeinschaft mache, dann braucht das meine ganze Aufmerksamkeit und Energie und fordert meine ganze Existenz. Ich kann nicht gleichzeitig etwas suchen, was mich herausführen würde. Es sind zwei verschiedene Richtungen und wenn ich die Richtung zur Gemeinschaft einschlage, sinken die Chancen für eine Ehe erheblich.

Eine Schlüsselerfahrung

Das Entscheidende ist passiert, als ich irgendwann den Gedanken zulassen konnte: „Es könnte sein, dass ich gar nicht mehr heirate!“ Ich habe diesem Gedanken ganz vorsichtig die Tür geöffnet und ihn nicht gleich wieder rausgeworfen, sondern in Ruhe zu Ende gedacht – und mich auf einen inneren Gefühlssturm eingestellt. Zu meiner größten Überraschung war nicht Panik die Folge, sondern Erleichterung und ein Gefühl der Freiheit. Der Bann war gebrochen, unter den ich mich selbst ­gestellt hatte: „Das darf dir auf keinen Fall passieren!“ Und jetzt kamen auf einmal Gedanken wie: Was ist eigentlich so schlimm daran, nicht verheiratet zu sein? Ging es mir so schlecht all die Jahre? Hat Gott mich vernachlässigt? War mein Leben nicht erfüllt? Bin ich weniger wert?

Wenn ich mir das alles nüchtern und in Ruhe überlege, dann komme ich bei jeder dieser Fragen zu einem klaren Nein! Es stimmt, dass ich manches entbehre: sexuelle Intimität, die Geborgenheit einer festen, langjährigen Partnerschaft; ja, da ist die Realität der inneren Kämpfe um mein schwankendes Selbstwertgefühl, und es stimmt auch, dass es schwer ist, mich durch viele Fragen und Situationen alleine durchfinden zu müssen. Aber eine Ehe ist auch keine Garantie dafür, dass ich diese Schwierigkeiten nicht hätte. Den Gedanken zuzulassen: „Es könnte sein, dass ich gar nicht mehr heirate!“, hat mir die Freiheit gegeben, ­meine tiefsten Wünsche loszulassen und sie ganz ehrlich in Gottes Obhut zu legen.       
Das hieß nicht, dass der Wunsch damit gestorben wäre. Im Gegenteil: Ich habe diesen Wunsch nach Ergänzung, die Sehnsucht nach dem Gegenüber eigentlich erst richtig als etwas schöpfungs­mäßiges anerkannt, als etwas, das Gott selbst in mich hineingelegt hat. Deshalb muss ich das nicht abschneiden und mich dafür schämen. Aber die Sehnsucht hat einen anderen Platz bekommen: in Gottes Händen. Diese Sehnsucht ist für etwas gut – auch wenn sie nicht in die übliche Form der Ehe führt. Und da bin ich auch bei der dritten Behauptung:

Ich bin gar kein Single

„Single“ im Wortsinn von neutrales, vereinzelt leben­des Wesen – das bin ich nicht. Ich lebe nicht vereinzelt, sondern eingebunden in ein Netz von tragenden Beziehungen. Ich bin auch nicht ­neutral, sondern eine Frau. Ich habe die Gefühle, Bedürfnisse und Denkweisen einer Frau – das will gestaltet werden!

Von

  • Ursula Räder

    Bibliothekarin, lebt seit Mitte der 90er Jahre in der OJC. Sie gehört zum Priorat und koordiniert das Gespräch unter den zölibatär Lebenden in der OJC-Gemeinschaft.

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