Eine beinah alltägliche Geschichte

Eine beinah alltägliche Geschichte

Zeugnis

 

Mein Mann hat seine Arbeitsstelle gekündigt und die Karriereleiter hinter sich gelassen. Das Haus haben wir vermietet, die Teenie-Mädchen aus der Schule abgemeldet und uns von Freunden und der Familie verabschiedet. Jesus hat uns gerufen und wir sind gefolgt – auf eine ­Bibelschule. Nun leben wir in einer großen ­Gemeinschaft, Tür an Tür mit anderen Familien. Unsere Kinder gehen am Ort in die Schule und mein Mann und ich drü­cken die Schulbank. ­Bewusst und mit viel Zeit setzen wir uns Gottes Wort aus.

Sie wird sich nicht fürchten vor böser Nachricht, fest ist ihr Herz, sie vertraut auf den Herrn. Diesen Satz aus den Psalmen lese ich zum wiederholten Mal. Und ich frage mich: wie reagiert mein Herz, wenn mich Böses erreicht, wenn etwas mein ­Leben berührt, das ich mir nicht ausgesucht habe?

Sturm

Wenige Tage später kann mein Mann das Abendmahl nicht einnehmen. Er rückt mit einer Wahrheit heraus, bringt ans Licht, was sich viele Jahre im Dunkeln verstecken konnte: Er hatte auf Geschäftsreisen unseren Ehebund gebrochen, mich mit anderen Frauen betrogen, mehrfach, über Jahre. Das liegt nun schon einige Zeit zurück. Er hatte lange geschwiegen, wollte mich nicht verletzen, mich nicht verlieren. Nun ist es heraus, erleichternd für ihn und zerschmetternd für mich.

Ich kann mich vor Übelkeit kaum halten. Mein Kopf dreht sich. Ich werfe ihm ein schreckliches Wort entgegen, knalle meine Bibel, die ich gerade in der Hand halte, auf den Boden und dann sacke ich zusammen.

In den ersten Stunden will ich niemanden sehen. Ich habe Angst, meinen Kindern zu begegnen. Ich will nicht, dass sie die Hässlichkeit dieser so ­frischen Wahrheit in meinem Gesicht lesen können. Mein Mann geht mit den Mädchen allein zum Mittagessen. Als sie dann später zu mir ins Zimmer kommen, sagen wir den beiden nur, dass wir Probleme haben, sie sich aber keinen Sorgen machen müssen. Damit geben sie sich nicht ­zufrieden, sie spüren und sagen uns auch, dass hier etwas völlig anders ist als sonst. Ich reiße mich zusammen, zwinge mich immer wieder zu einem Lächeln und versuche, ihnen mit soviel Normalität wie möglich zu begegnen,

Innerlich bin ich fast am Zerbrechen. Ich kämpfe mich durch den Tag mit einem ständigen „Hilf mir  Jesus“ auf den Lippen. Gegen Abend halte ich es im Haus nicht mehr aus. Ich muss raus. Ich ­laufe los, mit schnellen, festen Schritten. Ich will meine Sicherheit wiedergewinnen. Ich bin wie betäubt und habe das dumpfe Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Ich fühle mich wie im falschen Film, doch mit der wachsenden Erkenntnis, dass es sich hier um das Drehbuch meines eigenen Lebens handelt. Ab und zu spüre ich einen tiefen Schmerz, der mir nicht vertraut ist. Ich bete, weine und schreie. Ich schleudere dem Dieb, der meine Ehe stehlen will, entgegen: ­„Diese Ehe bekommst du nicht!“

Achterbahnfahrt

In den darauffolgenden Tagen vertraut sich mein Mann der Leiterschaft an und bittet sie, für uns zu beten. Wir sind dankbar für ihr Gebet und Verständnis. Ich bin dankbar für den Schutzraum hier und Gottes Zeitplan und ahne, dass ich diesen Wahnsinn nicht in einem ganz normalen ­Alltag zu Hause überlebt hätte. Ich erkenne, dass Gott mein Leben fest in seiner Hand hält, auch wenn es mir gerade unaufhaltsam aus den ­Händen gleitet.

Nach dem anfänglichen Schockzustand beginnt eine emotionale Achterbahnfahrt. In einem ­Moment habe ich eine großes Bedürfnis nach der Nähe meines Mannes, dann bringt mich allein sein Anblick zum Weinen oder ich explodiere vor Wut. Das ist extrem anstrengend für mich, aber auch für ihn.

Abends, wenn unsere Mädchen im Bett sind, ­reden wir. Ich erfahre mehr über die Einzelheiten seiner Sünde. Wir kämpfen uns durch die Vergangenheit unserer Ehe, trauern über das, was ­geschehen ist und nie hätte geschehen dürfen. Das kostet uns Stunden und wir schlafen viel zu ­wenig. Wir sind schnell überfordert und merken nach wenigen Wochen, das schaffen wir nicht ­allein. Ein Mitarbeiterehepaar begleitet uns und wir nehmen auch die Hilfe eines professionellen Eheberaters in Anspruch. Das stabilisiert mich ein wenig.

Ich entscheide mich, aus dem Bibelschul­programm auszusteigen. Der fehlende Schlaf und die Schmerzen meines Herzens, die sich mittlerweile auch in meinem Körper ausbreiten, fordern ihren Tribut. Ich kann mich nicht konzentrieren und will auch keiner fröhlich lärmenden Menge ausgesetzt sein. Mit meinem ständigen „Hilf mir Jesus“, schaffe ich es, mich einigermaßen um die Mädchen zu kümmern und die Zimmer zu ­versorgen. Unsere Kinder sind sehr irritiert und bekommen leider viel zu viele Auseinander­setzungen zwischen meinem Mann und mir mit. Wir erleben aber, dass Gott sie schützt und sich Freunde ganz besonders liebevoll unserer ­Mädchen annehmen.

Für mich ist es schwer, meinen Mann so „funk­tionstüchtig“ und stark zu erleben. Er nimmt ­weiterhin am Bibelschulunterricht teil und er­ledigt alle Aufgaben und Arbeiten erfolgreich. In meinen Augen leidet er viel zu wenig. Mir fehlt, dass ich seine „Umkehr“, die schon vor einiger Zeit erfolgt war, nicht bewusst miterlebt habe. Wie sehr es ihn schmerzt, dass er mir diese Wunden zugefügt hat, kann ich jetzt noch nicht wahrnehmen.

Zerbrochen

Ich fühle mich allein, isoliert, wie auf ein Abstellgleis geschoben, sehe mich als Verliererin und Versagerin und das inmitten eines Umfelds von leistungs- und glaubensstarken Menschen inklusive meines Mannes. Zu gerne würde ich diesen Weg durch das Tränental nicht gehen müssen, oder zumindest eine Abkürzung nehmen und so schnell wie möglich zur gewohnten Tagesordnung übergehen. In mir hält sich der Druck, eine christliche „Performance“ abliefern zu müssen. Ich meine, eine Erwartung erfüllen zu müssen, als ­Christin auch durch dieses dunkle Tal vorbildlich und stark hindurch zu schreiten; es zu schaffen, zu bleiben, zu vergeben, zu lächeln und möglichst schnell wieder zu funktionieren.

Im Gegensatz dazu lerne ich mich von meiner hässlichsten Seite kennen: Ich habe Wutaus­brüche, beschimpfe meinen Mann und auch Gott, habe den Wunsch aus meiner Ehe und dem Leben zu fliehen, werde gleichgültig und manchmal richtig dumm.

Mein Seelsorger sagt eines Tages zu mir: „Du musst es nicht schaffen“ und „was Jesus nicht in dir tut, kannst du nicht tun“. Seine Worte befreien mich. Der Würgegriff der Perfektion, den ich schon mein Leben lang so gut kenne, beginnt sich zu lösen. Das Bild von mir, das ich selbst so gern sehen würde, lasse ich endlich los – und es zerbricht.

Ich wende mich an den, der in mir lebt: „Jesus, du liebst meinen Mann, du vergibst ihm und du bleibst bei ihm. Schaffe du in mir, dass ich ihn wieder lieben, ihm vergeben und bei ihm bleiben kann.“ Während im Schulraum über mir meine Mitschüler von den Bibelschullehrern unterrichtet werden, lehrt mich mein ganz persönlicher ­Lehrer. Es ist der „Mann der Schmerzen, der mit Leiden vertraut ist.“

An einem Morgen fällt mir meine Lieblingstasse aus der Hand. Sie zerbricht. Ich sammle die Scherben auf, bin traurig, ärgere mich und will den Scherbenhaufen schon in den Mülleimer befördern. Ich schaue die Scherben in meiner Hand an. Wie diese Tasse bin auch ich zu Boden gefallen und zerbrochen. Doch dann stelle ich mir die Scherben meines Lebens in der Hand meines ­Retters vor. Und ich denke an das Lied „Broken things“ von Julie Miller:

You can have my heart,
if you don’t mind broken things
you can have my life,
if you don’t mind these tears well,
I heard that you make old things new,
so I give these pieces all to you,
if you want it, you can have my heart.

                Du kannst mein Herz haben,
                wenn du dich nicht
                an zerbrochenen Dingen störst.
                Du kannst mein Leben haben,
                wenn dir meine Tränen nicht zu viel sind.
                Ich habe gehört,
                dass DU alte Dinge neu machst,
                So übergebe ich dir
                meinen Scherbenhaufen.
                Wenn du es möchtest,
                kannst du mein Herz haben.

Ich weiß, er will es haben. Er verschwendet keinen Schmerz und keinen Zerbruch. Für ihn bin ich nicht unbrauchbar, nicht für den Müll bestimmt. Und so übergebe ich ihm mein zerbrochenes Herz und den Scherbenhaufen meines Lebens. Die Scherben meiner Tasse landen auch nicht im Mülleimer. Ich gebe ihnen einen Platz auf meinem Schreibtisch.

Wie ein Adler

Einige Tage später fällt mein Blick auf ein Bild mit einem Adler, das mir meine Tochter gestaltet hat. Ich weiß, auch der Adler durchläuft eine Zeit des Zerbruchs. Weil ich spüre, dass Jesus mein ­Augenmerk auf etwas Wichtiges richten will, ­beschäftige ich mich näher mit Adlern: Wenn das Federkleid des Adlers zu schwer zum Fliegen ­geworden ist und Schnabel und Krallen nicht mehr in der Lage sind, Beute zu fangen, muss er sich, um weiterleben zu können, einer schmerzhaften Erneuerung unterziehen. Er sucht sich ­einen geschützten felsigen Ort, wo es frisches, ­fließendes Wasser gibt. Dort rupft er sich mit dem Schnabel die Federn heraus, zerhackt an einem Felsen seinen Schnabel und schabt seine Krallen ab.

Dann geht er ins Wasser und reinigt er sich von all den Parasiten, die sich angesammelt haben und seinen Wunden.

Weil der Adler nun nackt und verwundbar ist, schützt ihn ein anderer Adler, bis Federn, Schnabel und Krallen nachgewachsen sind. Das dauert einige Monate. Doch dann erhebt er seine mäch­tigen Schwingen und fliegt in sein neues Leben.

Jesus sagt zu mir: „Du bist wie dieser Adler, ­dessen Kraft gebrochen ist. Du darfst dich ­zurückziehen. Lass los und ruhe dich aus. Deine Federn sind gerupft und dein Schnabel ist aus­geschlagen. Du bist im Moment sehr verwundbar. Vertraue mir und auch deinem Mann, dass du ­geschützt bist. Halte es aus, zerbrochen, verwundet, ohne Schmuck und ohne Kraft zu sein. Ich bin dein Fels. Bleibe in meiner Gegenwart. Geh ins Wasserbad meines Wortes. Reinige deine Wunden. Warte.“ Dieses Bild verankert sich tief in meinem Herzen.

Ich merke, nicht jeder Freund, der bisher mit mir unterwegs war, tut mir in dieser Krisenzeit gut. Ich lerne, mich abzugrenzen und wähle bewusst aus, wer ein schützender Adler in meinem Leben sein darf. Aber es gibt sie, diese Freunde, die ­wissen... Die meisten von ihnen sagen gar nichts, sondern lassen mir den Schmerz. Sie haben Ehrfurcht davor, wie vor etwas Heiligem. Sie erkennen meinen Schmerz an und machen ihn nicht gering. Ein tröstender Blick, ein stilles Gebet, ­Tränen, eine offene Tür, eine Tasse Kaffee und ein Muffin, eine Umarmung, das genügt mir, das schützt mich.

Entscheidung

Ich entscheide mich, in meiner Ehe zu bleiben. Ich entscheide mich, meinem Mann zu vergeben.

Seit jenem Tag in der Bibelschule sind zwei Jahre vergangen. Wir leben wieder in unserem Haus. Mein Mann hat eine passende Arbeitsstelle ge­funden, die Kinder sind in der Schule und bei ­ihren Freunden bestens angekommen. Wir genießen alte Freundschaften, leben uns gerade in eine neue Gemeinde ein, und sind am Aufbau von neuen Beziehungen. Ein Stück Normalität ist ­wieder eingekehrt in unser Leben, aber es ist ­anders als vorher.

Wir leben unser Leben bewusster und dankbarer, mit mehr Zeit für uns und unsere Familie. Kleinigkeiten werfen uns nicht mehr so leicht um. ­Unsere Ehe ist vertrauter und stärker geworden. Doch es gibt in unserer Geschichte nicht einfach das Happy End.

Ich kämpfe mich durch depressive Phasen, brauche die Unterstützung einer Therapeutin. Mir fällt es oft schwer, nach vorne zu schauen und ich habe meine gewohnte Kraft nicht zurück.

Noch heute begleitet mich das Bild des zerbrochenen Gefäßes. Und ich lese die Worte in meinem Tagebuch, die Jesus in der ersten schweren Zeit zu mir gesprochen hat: „Ich brauche zerbrochene ­Gefäße. Du musst nicht ganz dicht sein. Die Risse, die du hast, sind perfekt, damit meine Gnade hindurch sickern kann. Überall wohin du gehst, ­bewässerst du das Land mit meiner Gnade. Das einzig Wichtige ist, dass du dich von mir halten lässt.“

Und so kämpfen wir uns weiter durch viele Hindernisse, halten aneinander fest, nehmen Rückschläge in Kauf und geben nicht auf, auch wenn wir manche Schlachten verlieren. Wir haben ­unseren Ehebund erneuert – vor Gott und vor Zeugen – an einem Ostermorgen, als Zeichen der Auferstehung unserer Ehe. Für unsere „neue“ Ehe haben wir uns den Bibelvers aus Offenbarung 21,5 ausgewählt. Der auf dem Thron sitzt, spricht: ­Siehe, ich mache alles neu. Ja, und das muss mir Jesus ab und zu sagen: „Schau genau hin! Ich ­mache alles neu!“

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

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