Heilung der Erinnerungen

Heilung der Erinnerungen

Obwohl wir nicht in der Lage sind, alles in unserem ­Leben bewusst zu behalten, lebt alles, das uns je über den Weg gelaufen ist, in unserer Erinnerung weiter. Es liegt verborgen im Vorratsraum unseres innersten Wesens. Das ist wundervoll und schrecklich zugleich. Das ist das Elend und zugleich die Größe unseres Menschseins. Das Allergrößte aber ist, wenn wir dem Heiligen Geist gestatten, bis in das tiefste Innere unseres Wesens einzudringen, bis in den Vorratsraum unseres Erinnerungsvermögens, um diesen Teil unseres Wesens zu einem der schöpferischsten Gebiete unserer Persönlichkeit werden zu lassen. …

Aber das Unterbewusstsein kann auch ein schrecklicher Quälgeist sein, denn in ihm liegt eine ungeheure Kraft, ­Unheil und Böses hervorzubringen. Das bezieht sich vor ­allem auf schmerzliche Erinnerungen aus der Kindheit. Sie liegen in unserem Herzen lebendig begraben und behalten eine erstaunliche Sprengkraft.

Wir meinen zwar, wir seien von diesen anscheinend ver­gessenen Quälgeistern frei, aber das ist nicht der Fall. Ungute Erinnerungen lassen sich nicht in einer friedlichen Weise versenken wie angenehme Erinnerungen. Wir müssen immer wieder die Tür zuschließen, um diese schmerzlichen ­Erinnerungen nur ja nicht in unser Bewusstsein vordringen zu lassen. Da sie nicht durch die Tür unseres Wachbewusstseins eindringen können, verkleiden sie sich und versuchen, sich durch eine andere Tür wieder in unser Leben zu ­drängen.

Die große Anstrengung, die erforderlich ist, diese Erinnerungen unter der Oberfläche unseres Wachbewusstseins zu halten, zehrt ständig an unseren Kräften. Manche von uns sind morgens, wenn sie aufstehen, ebenso müde wie abends, als sie ins Bett gingen, obwohl sie acht Stunden geschlafen haben. Warum? Die ganze Nacht lang hat tief im Inneren unseres Wesens der Kampf getobt und beständig unsere Kräfte gefordert.

Manche Menschen leben jahrelang mit den ungelösten Spannungen schmerzlicher Jahre, und währenddessen wächst die Last beständig. Wenn man dann mit seiner Ausdauer am Ende ist und seine Kräfte erschöpft sind, wird man zu einem bevorzugten Kandidaten für eine seelische Krise. Wenn man dazu noch durch körperliche Erschöpfung, Krankheit oder einen seelischen Schock geschwächt ist und etwas eintritt, was sich mit einem schmerzlichen Ereignis aus der Vergangenheit deckt, werden diese verborgenen Erinnerungen mit schrecklicher Wucht frei. Die untergetauchten Gefühlserlebnisse tauchen auf und machen sich in Gefühlen einer tiefen Depression, in Wut, unstillbarer Lust, in Minderwertigkeitsgefühlen, in Furcht, Einsamkeit und Verlassenheit bemerkbar.

Schmerzliche Erinnerungen werden durch eine Hinwendung zu Christus nicht automatisch überwunden oder umgestaltet. Sie ändern sich auch nicht unbedingt, wenn man geistlich wächst. Ja, solche Erinnerungen sind vielmehr oft ein großes Hindernis für ein Wachstum im Glauben. Und ein Mensch gelangt eigentlich erst dann zur Reife, wenn er von ihnen loskommt. Es ist so, als stecke ein Teil seines Wesens in einem Gefrierschrank oder in einer Zeitmaschine. Sein Körper reift heran und sein Verstand entwickelt sich, aber dieses bestimmte Gebiet ist eingefroren. Er bleibt ein kleiner Junge, sie ist immer noch ein kleines Mädchen, gefangen auf der Kindesstufe des Lebens.

Es sieht leider so aus, als ob solche Erinnerungen vor der normalen Form unserer Gebete unberührt bleiben. Manchmal scheint es gar so, als ob Beten den Schmerz noch verschärft. Man kommt sich so vor, als stecke man in Treibsand; je mehr wir kämpfen und ringen, desto tiefer sinken wir ein. Meiner Überzeugung nach bedarf es in einer ­solchen Lage einer besonderen Gebets- und ­Heilungsgemeinschaft. …

Heilsames Beten

Was lässt sich in solch einer Lage tun? Oft ist es erforderlich, für die Heilung der Erinnerungen zu beten – das Geheiltwerden von dem kleinen Kind oder dem Jugendlichen, der bestimmte Erlebnisse hatte, die sein Wachstum hemmten, die ihn gefangen legten, die ihn auf einer bestimmten Wachstumsstufe gefrieren ließen. Alle diese Erinnerungen müssen vor Gott in einem Gebet um Heilung ausgebreitet werden, damit der Betreffende von seinen Schmerzen und von seinen Zwangsgefühlen befreit werden kann.

Vielleicht fragen Sie: „Was geschieht dann? Wird er sich dann nicht mehr an diese Ding erinnern? Werden seine Erinnerungen ausgelöscht sein?“ Gewiss nicht! Aber die Macht der Gefühlswallungen, von denen diese Erinnerungen begleitet sind – die Stiche, die Schmerzen, die Furcht, der Hass, die tiefe Not, die Last – die wird zerbrechen. … Ihnen wird die Lebensfähigkeit entzogen, so dass sie im Erwachsenenleben nicht mehr wirksam sind.

Hier mag man fragen: „Wie ist so etwas möglich? Diese Kindheitserlebnisse sind doch schon lange vorüber. Sie haben sich vor vielen, vielen Jahren abgespielt. Wie können unsere heutigen Gebete noch das Kind in uns aus der ach so fernen Vergangenheit erfassen? Das gibt doch gar keinen Sinn!“ Darauf möchte ich mit den Worten Jesu antworten: Ihr irrt euch und kennt weder die Schrift noch die Kraft Gottes (Mt 22,29).

Die Schrift hebt immer wieder hervor, dass Jesus Christus über der Zeitlichkeit steht. Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit (Hebr 13,8). Johannes der Täufer bezeugt von ­Jesus: Er ist der, von dem ich gesagt haben: Nach mir wird derjenige kommen, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich (Joh 1,15). Die Juden sagten einmal im Spott zu Jesus: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt, und hast Abraham gesehen? Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich ich ­sage euch, ehe Abraham war, bin ich (Joh 8,57-58).

Jesus von Nazareth ist der ewig lebendige ­Christus, der die Zeitschranke durchbrach und in die Geschichte eintrat. Er lebte 33 irdische Jahre lang in unserer Zeit. Aber die Zeit ist ein begrenzter Raum. In ihr erleben wir alle die Wirklichkeit – in Abschnitten, in Teilen. Wir teilen die Zeit ein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber Christus steht über zeitlichen Begrenzungen. Du bist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit..., denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist (Ps 90,2+4). So ist unser Herr unser ewiger Zeitgenosse, der auch mit dem kleinen Kind in uns fertig werden kann, das uns solche Not macht. Jesus kann es liebevoll in seine Arme nehmen. Er kann das Kind trösten und lieb haben, das so sehnsüchtig nach Liebe verlangte, aber keine ­bekam. Er kann das kleine Kind verstehen, das sich so nachdrücklich nach Verständnis sehnte, aber es nicht erhielt. Er kann dieses Kind so sehr mit der bedingungslosen, hingebenden Liebe ­erfüllen, die es so dringend brauchte, aber nie ­erlebte. Er kann dem schuldig gewordenen, schamerfüllten kleinen Kind so vergeben, wie es damals sehnsüchtig nach Vergebung ausschaute, und ihm Mut zusprechen und die Gefühle von Schmutz und Selbstverdammung durch Gefühle der Tüchtigkeit und Sauberkeit ersetzen. Jesus, der mitfühlende und ewig lebendige Hirte, kann die Lämmer in seine Arme nehmen und ihre gequälten, von Dornen geplagten Erinnerungen heilen. …

Anne

Ich habe mich oft wie Nikodemus gefragt: „Kann ein Mensch wirklich von neuem geboren werden, wenn er alt wird?“ Ich möchte Ihnen von Anne ­erzählen, einer verheirateten Frau Mitte Vierzig, die nach einer Versammlung zu mir kam. Sie hatte mehrere Kinder im heranwachsenden Alter, ­ihre Ehe drohte zu scheitern, weil sie unter schrecklichen inneren Spannungen litt und diese auf ihre Familie übertrug. Als sie zu mir in die Seelsorge kam, merkte ich, dass sie eine aufrich­tige Frau war, die viele Stunden lang über ihren Nöten gebetet hatte. Wir sprachen einige Male miteinander und ich gab ihr einige Bücher zu ­lesen. Das half ihr, offen zu werden und mir vieles mitzuteilen, worüber sie vorher noch nie gesprochen hatte. Als ich meinte, dass Anne so weit sei, beteten wir zusammen um ihre Heilung. Sie legte ihre schrecklichen Kindheits- und Jugenderinnerungen vor Gott. Ihr Vater war ein Alkoholiker, der ausfällig wurde, sich ihr sexuell näherte und dann ihr Familienglück zerstörte und schließlich im Selbstmord endete. Wir beteten darum, dass diese Jugenderinnerungen so tief wie möglich ­geheilt und ihr ganzes aus den Fugen geratenes Gefühlsleben gereinigt werden möge. Es sah aber so aus, als würde sich durch unser gemeinsames Gebet nichts ändern. Ich sah sie ungefähr zwei Wochen lang nicht. Dann erzählte sie mir folgende erstaunliche Geschichte und wir wussten, dass Gott unsere Gebete erhört hatte. Folgendes war geschehen: Ungefähr eine Woche nachdem wir gebetet hatten, wachte sie eines Morgens sehr früh auf. Sie konnte nicht wieder einschlafen, deshalb betete sie. Sie sagte, ihr sei so gewesen, als ob Christus selbst in das Schlafzimmer gekommen sei, sie gerufen und zu ihr gesagt habe: „Komm, Anne, fass mich bei der Hand. Ich möchte, dass wir dein Leben noch einmal durchgehen.“
„Herr, das halte ich nicht noch einmal aus. Es fiel mir schon so schwer, mit dem Pfarrer drüber zu sprechen.“
„Anne, dieses Mal wird es anders. Ich bin bei dir auf jedem Schritt, den du gehst.“

Anne beschrieb dann diesen Gang, den sie an der Hand Jesu gemacht hatte, in höchst ungewöhn­licher Form. Sie standen beide in einer großen Gemäldegalerie, in der jedes schmerzliche Erlebnis als Bild an der Wand hing. So standen sie vor ­jeder lebhaften Erinnerung wie vor einem Ge­mälde. Und als sie sich eines nach dem anderen ansah, überkamen sie alle die Gefühle wieder, die sie früher durchlitten hatte. Von neuem durch­lebte sie die Angst, die Schmerzen, die Scham und die Wut, die an diesen grässlichen Erinnerungen hafteten. Jedes Mal weinte sie bittere Tränen und jedes Mal sagte eine innere Stimme: „Mein Kind, liefere es nur mir aus. Vergib den Beteiligten und empfange Vergebung für deine eigenen Hass- und Rachegefühle!“ Und während sie jede Erinnerung dem Herrn auslieferte, war ihr, als ob Jesus die Hand ausstreckte und ein Bild nach dem anderen von der Wand abnahm, bis sie sich schließlich umschaute und alle Bilder weg und die Wände ­ihres Innenlebens rein und heil waren. Die ­kochende Bitterkeit und der giftige Groll waren aus diesen zerstörerischen Erinnerungen entfernt.

Dieses aufregende Erlebnis fand vor vielen Jahren statt, und obwohl in der Folgezeit noch viele Dinge umgestellt werden mussten, war das ganz deutlich der Anfang ihrer Heilung.

Aus: „Befreit vom ­kindischen Wesen“, Marburg/Lahn 1992, S. 18ff. Rechteinhaber trotz sorgfältiger Prüfung nicht zu ermitteln.

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