Von Zachäus lernen

Von Zachäus lernen

Bekehrung zur Spontaneität

A So unmittelbar geht aus dem Schauen des Kindes das Tun hervor, wie aus einer Quelle das frische Wasser. Wäre es anders, wäre sein Aufblick gehemmt durch Rücksicht und Vorsicht, würde es nicht je neu seine größere Möglichkeit verwirklichen.

B Spontaneität ist das Kennmal der Zachäus-Geschichte. Welch drängende Eile hat alles von dem Augenblick an, da Jesus den Sohn Abrahams wahr nimmt! „Zachäus, komm schnell ­herab, denn heute muss ich in deinem Hause einkehren!“ Eilig kam er vom Baume herunter und nahm ihn mit Freuden auf.

Hätte Jesus sich in das hungrig geöffnete Auge des Sünders zu eben dieser Stunde (da der Vater es ihm auftat) nicht sogleich und ganz hinein­geschenkt, hätte er erst klug disponiert, hätte er – alle Chancen, die dieser Tag bot, abwägend und ausnutzend – sich etwa für den folgenden Morgen bei Zachäus angesagt, wer weiß, ob der Heils­hunger dieses Mannes bis dahin nicht längst wieder einem anderen Hunger gewichen wäre, ob dieses Auge sich noch einmal aufgetan hätte, wie in dem Blätterdach jenes Baumes! Hätte Zachäus mit der Hingabe seines Reichtums gewartet, bis Jesus gegangen war, um sich erst in Ruhe zu überlegen, wie viel er vernünftigerweise wohl her­geben konnte, so hätte er vielleicht noch ein Viertel oder ein Achtel seines Vermögens gegeben (in dankbarer Erinnerung an den Besuch des Rabbi); und denen, die er betrog, hätte er nicht das Vierfache erstattet, sondern zum Geschuldeten vielleicht noch einen kleinen Reuezins hinzugelegt; er hätte, was er gab, nach der Gewohnheit verglichen mit dem, was andere gaben, und es wäre ihm ­sicher so vorgekommen, als hätte er viel gegeben...

Aber Zachäus nimmt den Augenblick wahr, den Augenblick Jesu; unter diesem liebenden Auge kann er, was er eigentlich nicht kann, wie Petrus in der Nacht auf dem Wasser: Er verlässt seine bisherige Welt, wie jener das Boot, er hört auf zu zählen; die Zahlen, die er jetzt nennt, sind (in seiner Sprache freilich) nichts als Ausdruck dafür, dass er nicht mehr zählt, sind kein Selbstruhm, sondern staunendes, stammelndes Geständnis ­eines Wunders (bei dem das Kamel durch das ­Nadelöhr kam), des Wunders der Selbstüberschreitung, bei dem er selbst tausendmal mehr der Beschenkte als der Schenkende war.

C.1 Was also ist von uns gefordert? Die Bekehrung zur Spontaneität gegenüber dem Licht, der wache Glaube an Gottes Heute und Jetzt, an Seine Stunde, in der das Uner­wartete geschenkt wird und geschehen will, das Unmögliche möglich wird.

Es wäre sehr viel mehr Licht in unserer dunklen Welt, wenn wir ganz anders mit den Eingebungen Gottes rechneten, sie ersehnten und das durch sie Nahegelegte ohne Zögern verwirklichten.

Es gibt manchen, der am Morgen das Herz hätte, ein halbes Vermögen herzugeben. Am Abend hat er nur mehr das Herz für ein paar Groschen. Am Morgen könnte ich endlich den guten versöhnenden Brief schreiben, der schon so lange fällig war. Wenn ich bis zum Abend warte, schreibe ich an die gleiche Adresse vielleicht einen bitterbösen Brief.

Mit der Klarheit und Kraft, die jetzt zu mir hindringen, könnte ich jenen Faden zerreißen, der längst zerrissen gehört, weil er nicht Gottes Ja hat, den Aufblick zu ihm und die Freiheit hindert: tu ich es nicht – am Abend knüpfe ich diesen Faden noch fester.

Oder: heute noch könnte und sollte ich im Lichte der Wahrheit, die meinen innersten Grund ­erhellt, jene Schuld bekennen, die im Dunkel des Unausgesprochenen mein Wesen nach und nach zu vergiften droht, und die mich zum Heuchler macht, wo ich gehe und stehe, das wäre endlich der Durchbruch aus meiner verborgenen Isolierung: zum Du des Bruders und Gottes hin. Schieb ich es auf, warte ich wieder, entzieht sich mir ­beides: mit dem Erkennen auch die Kraft des Bekennens: Alles wird wieder flächig, ich erkannte den Herd und sehe jetzt nur noch ein paar dumme Symptome. Und von Schuld und Vergebung weiß ich mit einem Mal nur mehr so viel, dass es gerade meine Haut ritzt.

Es gilt, die Segel zu setzen, wenn der Wind bläst, sonst tritt wieder Windstille ein. Es gilt zu entbrennen, wenn Gottes Feuer zünden wollen, sonst hat man dieses Feuer wieder mit der Asche seiner Ängste und Süchte und all ihren Vorwänden zugedeckt. - Wer aufschaut, das Licht sucht, hat nur einen Gesichtspunkt, in ihn ordnet sich alles ein. Wer erst wieder in die andere Richtung sieht, dem werden sich hundert Gesichtspunkte aufdrängen, die das Wagnis als Narrheit erscheinen lassen. Und diese vielen Gesichtspunkte werden den ­einen, allein wichtigen, rettenden, den, der die Selbstüberschreitung ermöglicht hätte, wieder verdrängen.

C.2 Es gibt auch eine Spontaneität nach ­unten, ein Sichfallenlassen aus der Mitte heraus in die Peripherie nach dem Gesetz der Schwere. Die nach oben ist ein innerstes Frei- und Schwereloswerden, das den ganzen Menschen durchlichtet, die nach unten ist ein den ganzen Menschen aufspaltendes, verunklärendes und beschwerendes Reagieren und Dominieren eines seiner Triebe.

Die nach oben ist wie ein aufstrahlender Morgen, ein fröhliches Lächeln, in der nach unten ist Reißendes, Scharfes, Gieriges oder Dumpfes, Stumpfes und Träges; die eine erlöst, die andere ver­kettet.

Aus: Orientierung am Kinde, © Johannes-Verlag, Einsiedeln 1984, S. 38-41

Von

  • Heinrich Spaemann

    (1903-2001) studierte zunächst Kunstgeschichte, nach dem Tod seiner Frau studierte er Theologie und wurde später zum Priester geweiht. Vater des Religionsphilosophen Robert Spaemann.

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