Der Augen-Blick Gottes

Zeit in der Seelsorge

Rebekka Havemann im Gespräch mit Ruth Weiss

Leben im Augenblick - ­was bedeutet das für die Seelsorge?

Das bedeutet zuerst einfach mal: Ich bin da. Und der Mensch, der kommt, ist auch da. Und das ­geschieht in der Gegenwart Gottes, der auch und sowieso immer da ist. Es ist ein Einschnitt in den Fluss der Zeit. Dazu führe ich den Besucher in ­einen besonderen Raum, weg vom Alltag, in dem er schon empfangen wird von einem Kreuz, einer Kerze und einer wohltuenden Atmosphäre.

Was gibst du den Menschen, die zu dir kommen?

Ich gebe ihnen Wertschätzung und Annahme. Darin unterscheide ich mich nicht von einer Therapeutin. Das ist eine Grundhaltung, dass ich ­alles, was der andere bringt, achte und wert achte. Das ist zutiefst menschlich und zutiefst göttlich, denn so geht Gott mit uns Menschen um. Und ich nehme den anderen mit hinein in mein eigenes Grundverständnis vom Leben und vom Glauben. Ich weiß, dass Gott mich liebt und den anderen liebt, das teile ich mit ihm.

Welche Rolle spielt Zeit in der Seelsorge?

Es geht in der Begleitung um mehr, als nur darum, etwas zu verstehen und in Ordnung zu bringen, damit es wieder funktioniert. Wenn ich für die Seele Sorge tragen möchte, dann gehört auch die Gefühlsebene dazu, die sich vom Verstand ja nicht einfach steuern lässt. Und damit sich die Gefühle zeigen und aufgenommen werden können, braucht es mehr als eine Stunde. Das sind dann Wegstrecken, die man miteinander zurück legt.

Solche regelmäßigen Gespräche und erst recht ­eine ganze Seelsorgewoche bieten die Chance, dass sich auch unangenehme Gefühle zeigen und da sein dürfen. Das ist wichtig, denn hinter der Aggression oder Wut steckt vielleicht ein tiefer Schmerz oder ein leiser Jammer. An diese zarten Stimmen des Herzens zu kommen, geht nur über einen Vertrauensweg.

Das hört sich nach sehr viel Zeit an, die man da investieren muss.

Das stimmt. Aber ich habe auch schon das Gegenteil erlebt: Dass nämlich menschlich gesehen ­wenig Zeit da ist und wir miteinander im Gebet in die Gegenwart Gottes eintreten, die unsere begrenzte menschliche Zeit umschließt. Und dass dann in einem ganz kurzen Augenblick Gott das Herz eines Menschen berührt. Das ist Ewigkeit.

Diesen Augen-Blick Gottes kann ich auch mit viel menschlicher Zeit nicht ersetzen. Ich kann nur den äußeren Rahmen geben. Immer wieder erlebe ich, dass Gott durch ein Wort, durch einen Traum, eine kleine Begegnung Antwort gibt. Das ist, menschlich gesehen, etwas ganz kleines, kann aber viel bewirken. Deshalb darf ich aufhören zu rechnen: reicht es?

Verschenkst du deine Zeit?

Ja und Nein. Meine Zeit gehört mir doch gar nicht. Sie ist mir geschenkt, ist mein anvertrautes Gut, genau wie meine Gesundheit, meine psychische Verfassung, mein Temperament usw. Ich möchte in der Verantwortung mit diesen Gaben, die er mir geschenkt hat, leben. Und ich muss nur in dem Rahmen leben, den er mir anvertraut hat, das entspannt mich auch. Er hat mir „nur“ 24 Stunden anvertraut, einen Tag und eine Nacht. Darin muss auch Schlaf seinen Platz haben und Muße. Ich will verantwortlich leben mit der Zeit, die mir anvertraut ist.

Gibt es auch einen äußeren Rahmen für diesen Dienst?

Ja. Ein Gespräch dauert ungefähr 1,5 Stunden. In diesem zeitlichen Rahmen bleibe ich in der Regel, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott zu seinem Ziel kommt und nicht über meine Grenze geht.

Wir bitten die Gäste, dass sie entsprechend ihrer finanziellen Situation einen Richtwert für unser Werk bezahlen. Das würdigt den Gast und unseren Dienst an ihm.

Was ist dein Ziel, wenn du mit Menschen in der Seelsorge unterwegs bist?

Dass sie in eine versöhnte Beziehung kommen auf drei Ebenen: zu sich selbst und ihrem Leben, zu Gott und zu ihren Mitmenschen.

Dabei ist Jesus selbst der große Beziehungs­vermittler. Er stellt sich in die Mitte, in den Riss. ­Er erstattet, was uns verloren gegangen ist an Würde, Schutz und Halt, und er vergibt, wo wir selbst schuldig geworden sind. So ist es mein tiefster Wunsch, dass die Menschen in eine Liebesbe­ziehung zu Jesus finden.

Das hört sich sehr fromm an.

Bei manchen Menschen nehme ich das Wort „Gott“ gar nicht in den Mund, weil es grad nicht dran oder schwierig besetzt ist. Aber ich als ­Zuhörende stehe vor Gott. Ich höre in zwei Richtungen: Zum einen höre ich dem Menschen zu, der erzählt und lasse mein Herz auch davon berühren. Und zum anderen höre ich auf Gott, der gegenwärtig ist. Seine leise Stimme spricht oft in die Situation hinein und zeigt den nächsten Schritt.

Wie tankst du auf?
Gehst du auch zu jemandem in die Seelsorge?

Ja. Ich war viele Jahre in einer regelmäßigen intensiven Begleitung. Dafür bin ich sehr dankbar. Derzeit nehme ich mir einmal im Jahr eine Seelsorgezeit für mich. Ich empfinde es als großes Vorrecht, dass jemand mir zuhört, Impulse gibt, mit mir betet.

Ich tanke auch im Alltag auf, in meiner freien Zeit, in der Natur, im Lobpreis und im Gespräch mit Gott. Ich brenne nicht so aus, wenn ich ein entschiedenes Leben lebe. Das heißt, wenn ich das, was ich tue, ganz tue. Die Tage, an denen es mich innerlich zerreißt, an denen ich das Gefühl habe, ich muss hier und dort und da sein, machen mich fertig. Da hilft mir dann manchmal ein ­kurzes Innehalten und mich selbst wieder in der Liebe Gottes zu verankern.

Und oft komme ich tief zur Ruhe, wenn wir morgens in unserer kleinen Kirche in Boitin sitzen und einfach vor Gott da sind.

Von

  • Ruth Weiss

    leitet zusammen mit Kathrin Stumpp das Pfarrhaus Boitin und bietet dort Seelsorge, Beratung und Lebenshilfe an, gehört zum Seelsorgewerk ICHTHYS e.V.

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