Wage die Freiheit!

Auslegung zu 2 Mose 14

Als der Pharao sich näherte, blickten die Israeliten auf und sahen plötzlich die Ägypter von hinten anrücken. Da erschraken sie sehr und schrien zum Herrn. Zu Mose sagten sie: Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan? Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der ­Wüste zu sterben. Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten. Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Und du heb deinen Stab hoch, streck deine Hand über das Meer und spalte es, damit die Israeliten auf trockenem Boden in das Meer hineinziehen können. Mose streckte seine Hand über das Meer aus und der Herr trieb die ganze Nacht das Meer durch einen starken Ostwind fort. Er ließ das Meer austrocknen und das Wasser spaltete sich. Die Israe­liten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. Die ­Ägypter setzten ihnen nach; alle Pferde des Pharao, seine Streitwagen und Reiter zogen hinter ihnen ins Meer hinein. Mose streckte seine Hand über das Meer und gegen Morgen flutete das Meer an ­seinen alten Platz zurück, während die Ägypter auf der Flucht ihm entgegenliefen. So trieb der Herr die Ägypter mitten ins Meer.

Die Aufgabe

Israel steht nicht mehr nur vor der Frage: wie wäre es, einmal frei zu sein, sondern sie stehen vor der Aufgabe der Freiheit und der Arbeit, die damit verbunden ist. Als der Pharao sich näherte, blickten die Israeliten auf und sahen die Ägypter von hinten anrücken. Und da beginnt die Angst. Das Volk verschwendet sein Herz an die Angst, weil sie die falsche Blickrichtung haben. Sie sind rückwärtsgewandt, sonst könnten sie nicht sehen, was von hinten kommt. Sie schauen auf das, was ihnen Angst macht, auf Pharao, seine Streitmacht – und sie erstarren. Diese Erstarrung passiert uns ­Menschen immer dann, wenn wir uns auf das ­fixieren, was uns Angst macht. Wir spüren, wie es uns die Kraft nimmt und den Mut raubt. Und dann kommen die Fragen Israels auch in uns auf. Sie sind Fragen der Angst, mit denen wir eine verklärte und vergessliche Sicht des Alten ent­wickeln. Dann erscheint uns alles, sogar die furchtbare Vergangenheit, besser als das, was auf uns zukommt. Dann malen wir uns wunderbare phantastische, aber ziemlich einseitige Bilder ­davon aus, wie es früher einmal war.

Schauen wir uns ihre Fragen an: Gab es denn ­keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in diese Wüste holst? Doch, natürlich gab es Gräber in Ägypten, aber was sie schon vergessen hatten, war, dass die Gräber gefüllt waren mit den Leichen ihrer Kinder, dass Ägypten ein Land war, das ihre erstgeborenen Söhne tötete. Wenn man nach hinten schaut, wird man schnell ein Gefangener solcher Nostalgie.

Dann sagen sie zu Mose: Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben. Diese Geschichte beginnt, indem Gott zu Mose sagt: Ich habe den Schrei meines Volkes gehört. Und dieser Schrei war nicht: wir wollen Sklaven bleiben, sondern: lass uns leben!

Hier haben wir die ultimative Verschwendung des Herzens: Menschen haben so sehr Angst, dass sie sich freiwillig in die Sklaverei zurückmelden. Das kennen wir doch auch: Wir kehren zum Alten ­zurück, dienen wieder dem, was uns das Leben rauben will. Es ist eine Versuchung zu sagen: Ach, es nützt doch alles nichts. Dann melden wir uns zurück zu alten Mustern, schlechten Erfahrungen, unbrauchbaren Beziehungen und Rollen des Lebens, die uns nicht gut tun, mit denen wir uns aber auskennen, statt das Neue zu wagen.

Der Gott unserer Träume

Und dann kommt die Wende der Erzählung, so jedenfalls scheint es: Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten. Aber was Mose vorschlägt, ist kein guter Weg, sein Rat ist hochgefährlich, sogar fatal. Wenn sie jetzt auf Mose hören, wird das Volk sterben, denn sein Rat ist: Bleibt stehen! Die biblischen Erzählungen jedoch sagen uns: Ängste, die hoch­kommen, sind Fragen und nicht Aussagen. Und zwar Fragen, die beantwortet werden müssen.

Die Ängste, die wir spüren, wollen uns in Bewegung setzen, damit wir anfangen zu fragen: Was verlangt das von mir? Wie kann ich das bewäl­tigen? Was muss ich tun? Die biblischen Erzählungen geben immer den Rat: Bewege dich! Wage Schritte, geh neue Wege! Geh hinaus und schaue nach! Brich auf!

Doch hier ist ein Mose, der sagt: Schaut zu! Werdet Zuschauer, bleibt passiv. Er sagt es wörtlich: Gott wird alles für euch erledigen, er wird für euch kämpfen und ihr könnt ruhig abwarten. Es ist nicht schwer zu verstehen, was Mose hier anbietet: es ist der Gott unserer Träume. Nach dem Motto: Setzt euch hin, wartet ab, es kommt einer, der mächtiger und stärker ist, der regelt alles für uns!

Gottes Traum für uns

Und jetzt kommt die wahre Wende der Geschichte, weil Gott nicht der Gott unserer Träume ist. Weil Gott dem Volk einen ganz anderen Rat gibt. Sein Befehl ist Aufbruch, nicht Stillstehen und zuschauen. Der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen. Hier liegt die Lebensunterweisung Gottes. Um zu tun, was er ihnen und uns ans Herz legt, müssen sie ihre Haltung und ihre Blickrichtung ändern. Sie müssen endlich aufhören zurückzuschauen auf die Bedrohung (Pharao und seine Streitmacht), und stattdessen das anschauen, was vor ihnen liegt. Denn was vor ihnen liegt, steht zwischen ihnen und ihrem Herzenswunsch, ihrer Freiheit. Schau nicht an, was dich ängstigt, sondern schau an, was deine Blockade ist, was zwischen dir und deinem Traum als Hindernis steht. Was zwischen Israel und dem Leben steht, ist das Rote Meer.

Die Frage dieser Angst ist: Was muss ich jetzt tun, um mein Leben zu retten? Was muss ich jetzt tun, um dorthin zu kommen, wo Leben möglich ist? Was ich sicher nicht tun sollte ist: stillstehen, mich fixieren lassen von dem, was mich ängstigt. Die Herausforderung ist nicht Pharao, sondern das Rote Meer.

Gott sagt zu Mose: Hebe deinen Stab hoch! Ein Stab ist Stütze und Autorität zugleich. Und das ist, was Gott sagt: Setze deine Autorität ein. Wenn du leben willst und ein Mensch sein willst, der andere zum Leben führt, dann investiere, was du in dir hast.

Alle Menschen, die ich kenne, die jemals irgendwie an Unfreiheit und Gefesseltsein gelitten haben, innerlich oder äußerlich, sprechen von der Befreiung. Und die Botschaft ist: Nimm teil an deiner Befreiung! Wir träumen von einem Gott, der auf einem weißen Pferd hineinreitet und uns rettet. Aber in diesen Träumen sind wir immer nur die Abwartenden. Der Traum Gottes für uns Menschen ist, dass wir mit ihm an unserer Freiheit arbeiten. Dass wir selbst Teilnehmer sind.

Gott sagt: Strecke deine Hand über das Meer. ­Erhebe deine Hand, lege Hand an, setz deine Handlungskraft ein! Gott verlangt nicht von Mose oder vom Volk, dass sie das allein regeln. Doch das passive „abwarten und Tee trinken“ ist keine Spiritualität für Menschen, die frei leben wollen. Wenn ich so viel Angst habe, dass ich lieber nostalgisch zurückblicke, anstatt Freiheit zu wagen, dann brauche ich diese Erzählung Gottes. Denn hier zeigt uns Gott, wie es über die Angst hinaus in die Freiheit geht. Und was er uns sagt, ist: ­Konfrontiere, was dir solche Angst macht, und du wirst Lebensatem genug haben, um die Gefahren zu durchqueren und Blockaden zu überwinden. Mose hatte am Ende noch so viel Atem übrig, dass er ein Danklied singen konnte und Miriam hat ­einen Dank am Ufer getanzt.

Übungsfeld Alltag

Wir haben große Ängste vor solchem Engagement, vor dieser Konfrontation, weil wir glauben, wir hätten es nicht in uns. Was die biblischen ­Erzähler uns ans Herz legen: Es ist mehr in uns an Kraft und Möglichkeit. Und die Angst – nicht die Bedrohung – wird dafür sorgen, dass wir nicht entdecken, was noch in uns steckt, was noch möglich ist. Hier lernen wir, dass wir einen Preis zahlen müssen für die Freiheit. Manche Leute hören diesen Satz nicht gern. Aber es gibt einen Preis und den muss man zahlen: Wenn ich frei leben will, geht es nicht nur darum, Vorbedingungen zu erfüllen: Hebe deine Hand! Setz deine Autorität ein! Bewege dich! Es geht darum, das zu tun, was freie Menschen immer tun, Tag für Tag. Das ­Problem für Israel ist, dass sie zwar sehr gelitten haben, aber sie haben auch schon so lange als Sklaven gelebt, dass sie weiterhin sklavische ­Haltungen einnehmen.

Schauen wir mal auf die Ägypter. Sie sind nicht die Helden dieser Geschichte, aber sie tun das, was freie Menschen tun: Sie bewegen sich, suchen das, was sie zurückhaben wollen. Sie sind nicht passiv und jammern. Sie setzen ihre Macht ein. Sie legen Hand an.

Was Gott von Mose und vom Volk verlangt, ist nichts Außergewöhnliches. Wir denken immer, das ist nur etwas für außergewöhnliche Menschen oder erfordert außergewöhnliche Kräfte oder eine außergewöhnliche Rolle. Gott dagegen sagt: Nein, das ist Alltagskram der Freiheit. Wir müssen ­lernen, wie freie Menschen zu leben. Und du, Israel, hast ver­gessen, wie Freiheit geht. Deshalb muss er es ihnen beibringen. Ich kann es kann nicht genug betonen: Nimm teil an deiner Befreiung. Passivität wird einen Menschen niemals ins Leben bringen.

Denn das sollten wir nicht vergessen: Niemand, der am Ende am Ufer des Lebens steht, ist dort, weil jemand ihn hinübergetragen hat. Niemand (außer vielleicht kleine Kinder) wird hinübergetragen. Es gibt keine Engel, die die Menschen hinüberfliegen. Wenn du frei sein willst, musst du schon hindurch.

Offene Wege

Was tut Gott in dieser Geschichte für das Volk: Er öffnet ihnen einen Weg in einer Situation, die ausweglos erscheint. Und er öffnet ihnen eine Möglichkeit, ins Leben zu gehen. Unser Teil ist, dass wir die Wege gehen, die Gott uns öffnet. Gott gibt eine Chance, die wir uns selbst nicht geben können. Aber wir müssen sie auch wahrnehmen und umsetzen, damit die Chance nicht nur zu einer nostalgischen Erinnerung wird an eine Stunde, da wir stehengeblieben sind.

Gott öffnet das Meer, er zeigt den Weg. Diese Geschichte legt uns ans Herz: Wähle das Leben, denn eine neutrale Lösung gibt es nicht. Eine Wahl muss getroffen werden: Wenn wir das Gute nicht wählen – die Freiheit, die Liebe, das Leben – dann brauchen wir für das Böse, den Hass und die Sklaverei nicht zu sorgen. Wir denken, wenn wir keine Entscheidung treffen, bleiben wir in der Neutralität. Doch die Bibel sagt: Wer das Gute nicht wählt, der hat einen Raum für den Tod geschaffen. Wer sein Herz an Ängste verschwendet und nicht durch die Öffnungen Gottes geht, wird sterben, ohne je bewusst den Tod gewählt zu haben. Und darum: Verschwende dein Herz nicht an Ängste, sondern wage die Freiheit!

Von

  • Erik Riechers, SAC

    Ordenspriester der Pallottiner. Als systematischer Theologe hat er sich auf dem Gebiet der Narrativen Theologie spezialisiert. Der gebürtige Kanadier arbeitet als Bibliodramaleiter, geistlicher Begleiter
    und Exerzitienbegleiter.

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