Keine Angst vor der Angst

Einsichten einer Psychotherapeutin

Wenn dieser Tag kommt, werdet ihr mich nichts mehr fragen (Joh. 16, 23).

Jesus beschreibt die Welt immer wieder als einen Ort, an dem wir Angst haben. Was meinen wir, wenn wir von Angst sprechen? Ist es ein unan­genehmes Gefühl, das möglichst schnell wieder verschwinden muss oder das man besser nicht ­haben sollte? Hat Angst automatisch mit Krankheit zu tun? Oder gehört die Angst zum Leben vielleicht sogar dazu und ist eventuell der krank oder auch einfach dumm, der nie Angst verspürt?

Woran erkenne ich die Angst?

Körperliche Symptome: Wer Angst hat, spürt dies mit seinem ganzen Leib. Unter anderem geht der Puls schneller, die Hände werden feucht, die Kehle wird trocken, es stellt sich ein flaues Gefühl in der Magengrube ein, unter Umständen zittert der ganze Körper und wir beginnen zu schwitzen oder zu frieren.

Gedanken, Gefühle: Innere Unruhe, Spannung, das Gefühl, es passiert gleich etwas Schreckliches, das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, Konzen­trationsstörungen, Schreckhaftigkeit.

Verhalten: Wenn wir einen Menschen beobachten, der Angst hat, dann sehen wir Unruhe, ziel­loses Weglaufen, Vermeidungsverhalten oder er stellt sich tot.

Zunächst sagt uns die Angst einfach nur: Hier ist eine Bedrohung. Sei es nun eine, die von außen auf uns zukommt, z. B. in Form eines drohenden Unfalls, einer großen Operation, eines Konfliktes mit anderen. Oder sei es eine mögliche Bedrohung aus unserem Inneren: eine unangenehme Erinnerung, die wieder aufsteigt, ein unbewältigter Konflikt, der uns wieder einholt. Angst zu haben bedeutet, dass etwas auf mich zukommt, dem ich mit meinen körperlichen oder seelischen Kräften möglicherweise nicht gewachsen bin. Da ist etwas, das meine Existenz vernichten kann, falls es mir nicht gelingt, mich entweder zu verteidigen oder zu fliehen.

Manchmal spüren wir dabei die Angst lediglich körperlich, ohne dass unsere Psyche oder gar ­unser Verstand überhaupt definieren kann, dass es sich bei den unangenehmen Gefühlen gerade um Angst handelt.

Angst ist also viel mehr als „nur“ ein Gefühl. Sie ist ein komplexes leib-seelisches Geschehen und gehört zur Grundausstattung des Menschen. Ob und wie weit ein Mensch sie überhaupt als Gefühl wahrnehmen oder gar in Worten ausdrücken kann, hängt unter anderem davon ab, welche Vorerfahrungen jemand gemacht hat, wie er auf­gewachsen ist, in welcher Umgebung er lebt.

Angst gehört zum Menschsein

Die Fähigkeit Angst zu empfinden, sich bedroht zu erleben, gehört für den Menschen vom ersten Lebenstag an ganz wesentlich dazu. Und jeder Reifungsschritt, beim Kleinkind wie beim Erwachsenen, ist auch mit Angst verbunden. Angst tritt an den Schwellen auf, an denen wir Vertrautes und Gewohntes verlassen müssen oder wollen und uns in Ungesichertes und Neues begeben. Dabei haben Menschen im Laufe ihrer Kindheit und ihres weiteren Lebens eine unterschiedliche Ausstattung mitbekommen, wieweit sie Unbehagen und Angstspannung ertragen können. Was der eine gut aushält, kann für einen anderen schon eine angstauslösende Gefahr darstellen. Was für den einen eine hochbedrohliche Situa­tion ist, stellt für einen anderen eventuell kein größeres Problem dar.

Ein Säugling, ein Kind, das sich in konstanter ­sicherer Bindung an zugewandte Bezugspersonen entwickeln kann, hat im weiteren Leben die beste Ausgangsposition. Was benötigt ein kleiner Mensch in seiner frühen Entwicklung, um möglichst belastungsfähig für das weitere Leben zu werden? Er braucht ein Gegenüber, das verlässlich und konstant verfügbar ist, das in der Lage ist, die Befindlichkeit eines Kindes zu spüren, mit ihm gemeinsam auszuhalten, zu bewältigen und Schritt­ für Schritt körperliches Erleben und diffuse Gefühle auch in Sprache zu übersetzen. Es braucht ein Gegenüber, das zum einen Belastungen lindert und erträglich hält und zum anderen in altersgerechter Form auch hilft und ermutigt, Spannungen und Belastungen auszuhalten und zu bewältigen, anstatt sie zu meiden.

Angst ist ein Signalgeber

Alle Menschen haben analoge Grundbedürfnisse, die angemessen erfüllt sein müssen, damit wir ­leben können. Dabei stehen sie in wechselvoller Spannung und sind, wenn wir sie nicht gut aus­balancieren können, damit auch mögliche Quellen, aus denen Angst entsteht. Dazu gehört u. a.:

  • Selbst werden als einmaliges Wesen in Spannung zu Einsamkeit und Ungeborgenheit;
  • zugehörig sein, zu einer Gemeinschaft gehören, in Spannung zu sich selbst verlieren und aufzulösen;
  • Bedürfnis nach Dauer und Beständigkeit in Spannung zu Erstarrung und Unabänderlichkeit;
  • Bedürfnis nach Veränderung und Wandel in Spannung zu nichts festhalten zu können, alles entflieht, Vergänglichkeit.

Angst ist für den Menschen unabdingbar nützlich und sinnvoll, und wir können keinesfalls darauf verzichten, sie an angemessener Stelle auch zu spüren. Angst erleben zu können, schützt uns davor, uns in eine zu große Gefahr zu begeben. So wäre es lebensgefährlich, auf der Autobahn spazieren zu gehen, und dummer Leichtsinn, ohne entsprechende Ausrüstung eine Wüstenwanderung oder Hochgebirgstour zu unternehmen. Es kann also kein wünschenswertes Ziel sein, in keinem Fall mehr Angst zu haben. Sondern es stellt sich die Frage, ob meine Angst der jeweiligen Situation angemessen ist oder nicht. Angst als Signal wahrnehmen zu können, ist lebensnotwendig, um ­Gefahren realistisch einzuschätzen und zu ver­hindern, dass wir in der Gefahr umkommen.

Angemessene Angst ist auch erforderlich, damit Menschen Kulturleistungen erbringen können. Die Angst vor Hunger und Kälte, bzw. der Wunsch, das damit verbundene Unbehagen ertragen zu können, bringt Menschen dazu, Häuser zu bauen und Vorräte anzulegen.

Wenn Angst zur Krankheit wird

Ein Problem mit Angst im Sinne von Krankheit entsteht dort, wo die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Gefühl der Angst und der zu bewältigenden Situation nicht mehr passt. Angst davor, eine Straße zu überqueren, ist angemessen, wenn es sich um die Autobahn handelt und völlig un­angemessen, wenn die Straße durch ein ruhiges Wohngebiet führt.

Die Angst wird zur Krankheit bzw. zum Zeichen einer seelischen Störung, wenn sie durch die äußere Situation nicht begründbar ist, in unangemessener Heftigkeit auftritt oder unangemessen lange anhält. Ebenso könnte es aber auch Zeichen einer seelischen Krankheit sein, wenn ein Mensch in bestimmten Gefahrensituationen keine Angst hat.

Noch vor einigen Jahrzehnten war unsere Welt wesentlich weniger komplex und überschaubarer. Wir müssen mit vielen schnellen und oft sprunghaften Veränderungen zurechtkommen, ebenso mit einer großen und widersprüchlichen Vielfalt von Lebenskonzepten. Es gibt von vielem zu viel, wir erleben ein ständig hohes Tempo, wenig Kontinuität, soziale Isolation. Lärm, fehlende Stille und Besinnung, zu wenig Zeit, hohe Pluralität an Weltanschauungen, verläss­liche Bindungen und Zugehörigkeiten lösen sich aus unterschiedlichen Gründen immer mehr auf. Herkömmliche Antworten tragen nicht mehr so leicht.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Fähigkeit und Bereitschaft vieler Menschen, Unbehagen zu ertragen, eine sofortige Befriedigung aufzu­schieben, sich anzustrengen, in unserem Kulturkreis eher abnimmt.

Was tun gegen die Angst?

Wir können in dieser Welt Angst nicht vermeiden. Wo wir dies versuchen, werden wir scheitern und möglicherweise sogar krank. Keine seriöse Therapie kann uns Angst, Unlust, Schmerz, Anstrengung, Mühe, Widersprüche und ungelöste Fragen wirklich ersparen. Aber sie kann uns ermutigen, damit möglichst produktiv und angemessen zurechtzukommen. Also sollten wir fragen, was wir tun können, was gegen die Angst nützt.

Ich möchte ein paar Aufgaben aufzeigen, die uns widerstandsfähiger machen gegen die Angst:

  • Wir können einüben, mit Unbehagen und Widersprüchen zurechtzukommen; uns darin üben, immer wieder in Beziehung mit den Menschen um uns herum zu bleiben und neu in Beziehung treten.
  • Wir sollten lernen, Kontinuitäten zu halten, Spannungen und Konflikte zu bewältigen, anstatt uns allzu schnell zu trennen, wenn es schwierig wird.
  • Es ist hilfreich, sich Zeit zu lassen, anstatt ­alles ganz schnell bewältigen zu wollen.
  • Die Bereitschaft und Fähigkeit zum Austausch mit anderen entwickeln.
  • Statt in eine Opferrolle zu verfallen hilft es, aktiv zu werden und Selbstverantwortung zu übernehmen – keine Schuldzuweisungen an andere und keine Selbstvorwürfe.
  • In allem eine konstruktive Anpassung an die jeweilige Situation suchen.

Eine Dichterin in schweren Zeiten sagte dies so:
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

     Mascha Kaleko

Von

  • Barbara Fuchs, Dr. med.

    Jahrgang 1956, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Balintgruppenleiterin. Seit über zwanzig
    Jahren niedergelassen in eigener Praxis als ärztliche Psychotherapeutin in Seeheim-Jugenheim

    Alle Artikel von Barbara Fuchs, Dr. med.

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