Von der Menschenfurcht

Wie wir lernen, aufrecht zu stehen

Quellen für Menschenfurcht

Die Menschenfurcht in ihren Unterarten speist sich aus verschiedenen Quellen unsittlicher Grundhaltungen und Untugenden. Wenn die Menschenfurcht mehr dem Irenismus* entspringt, dann betont ein Mensch immer wieder die Begriffe „Frieden“ und „Einheit“ und sagt, er sei jemand, der nach „Harmonie und Ausgleich“ strebe. Alle diese Wörter können in einem guten Sinne benutzt werden; und die damit gemeinten Sachen sind sittlich gut, wenn sie sich einfügen in die gesamte Sittlichkeit. Indessen werden diese Begriffe auch oft missbraucht. Der Irenismus will nicht erkennen, dass die Wahrheit immer höher steht als ein sogenannter Frieden, der ohne Wahrheit zum faulen Kompromiss wird. Es liegt auf der Hand, dass der Irenismus verkennt, dass der wahre Frieden nur wachsen und werden kann, wenn zuerst die Gerechtigkeit herrscht. Ringt sich jemand aus Menschenfurcht nicht zur gerechten Beurteilung eines Menschen durch, sondern vertieft seine Vorurteile infolge von Irenismus, ist die Wahrheit verletzt. Diese sich aus dem Irenismus speisende Menschenfurcht wird immer da schweigen, wo sie protestieren müsste. Sie wird tausende Einwände ins Feld führen, wo es darum geht, zu bekennen, dass die Wahrheit gegenüber allen Kompromissen zu tun ist.

Karriere: Die Menschenfurcht kann auch dem Karrierestreben entspringen. Wer immer dann redet, wenn er dazu sittlich verpflichtet ist, also jeder unbequeme Mahner oder auch Prophet, wird bei den Machthabern dieser Welt in Missgunst fallen. Wer dagegen aus Menschenfurcht schweigt, wird als „kluger Schweiger“ auf der Leiter der beruflichen Laufbahn ganz nach oben kommen. [...] Diese Menschenfurcht schweigt auch dann noch, wenn schon längst die sittlichen Gebote zur Disposition gestellt sind, man schweigt aus Taktik und macht sich nicht selten vor, es „besser“ machen zu können, wenn man erst einmal ganz „oben“ sei. Man hält sich eben raus aus allen Diskussionen aus Angst vor Benachteiligung und überhört auch die Hilferufe derer, die ungerecht behandelt werden. Aus der vom Karrierestreben gespeisten Menschenfurcht wird im alltäglichen Leben oft die Schmeichelei. [...]

Neutralismus: Auch ein Neutralismus gegenüber den Werten kann die Menschenfurcht speisen. Was ist der neutrale Menschentyp? Es ist der Mensch, der „keine Werte, sondern Zwecke und Ziele kennt, für den die Welt ein Gewebe von Zwecken ist.“ Die Menschenfurcht fragt in dieser Variation nicht nach den Werten und was die Werte jetzt von mir fordern, sondern man „schweigt“, damit man seine Ziele durchsetzen kann. Vielleicht hält man sich in diesen Augenblicken für besonders geschickt, aber eine Stellungnahme, die sich neutral zu der Wertewelt und letztlich Gott verhält, ist unsittlich und böse. [...]

Autoritätsglauben: Die Menschenfurcht kann auch aus einem schlimmen Autoritätsglauben entspringen. Keine Autorität hat das Recht, etwas Böses zu gebieten. Menschenfurcht schweigt oft da, wo Autoritätsglaube vorliegt. In einer Art von blindem Gehorsam ist man der Autorität zugetan; eine Art von unsittlichem Abhängigkeitsverhältnis lässt nicht mehr sehen, dass sich die Autorität jenseits der Grenze der Unsittlichkeit bewegt. Hier ist dann übersehen, dass es eine legitime und eine legale Autorität gibt, ebenso wird der dies­bezügliche Unterschied von Gesetzen nicht gesehen, die zwar legal sein mögen, aber nicht legitim sind. So kann ein legal gewähltes Parlament ­Gesetze erlassen, die objektiv der Sittenordnung widersprechen und somit illegitim sind; formal vermögen sie einem Staatsgefüge entsprechen, aber sie verstoßen doch gegen das Recht. Das ist z. B. dann der Fall, wenn die Menschenwürde ­bestimmten Gruppen vorenthalten wird, wie es in Deutschland für die Menschen im Mutterleib gilt. Hier maßt sich der Staat an, festzusetzen, wie lange ein ungeborener Mensch abgetrieben werden darf. Diese und ähnliche Gesetze dürfen nicht ­infolge der Menschenfurcht hingenommen werden, weil die Autorität des Staates nicht die Ver­fügungsgewalt über Leben und Tod hat, wenn es um unschuldiges Menschenleben geht, das sich zudem nicht wehren kann.

Gott ist die letzte Autorität des Menschen und ­alle menschliche Autorität kann nur als „Stellvertretung Gottes“ begründet sein. Und deswegen ist die Menschenfurcht immer dann zu überwinden, wenn eine menschliche Autorität unmenschliche, weil ungöttliche, Gebote zu erlassen sich anmaßt.

Zeitgeist: Wenn eine bestimmte Mode so sehr verherrlicht wird, braucht es viel an Zivilcourage, um die Menschenfurcht zu überwinden und gegen die Mode oder gegen den Ungeist einer Epoche anzugehen. Diese Menschenfurcht taktiert mit den Begriffen „man muss mit der Zeit gehen“ oder „wir leben doch nicht mehr im Mittelalter“. Offensichtlich fragen solche Menschen nicht mehr danach, ob eine Aussage richtig oder falsch ist, oder ob sie etwa dem Glauben der religiösen Gemeinschaft entspricht oder nicht. Man möchte nicht auffallen und deswegen passt man sich stromlinienförmig an den „Zeitgeist“ an. Wenn diese vom Zeitgeist gespeiste Menschenfurcht über die Kirche hereinbricht, dann ist der Säkularismus, eben die billige Anpassung an die „Welt“ vorprogrammiert. „Nicht wir dürfen von den Ungläubigen durch unsere Menschenfurcht abhängig werden, nicht sie und ihre Maßstäbe dürfen uns vorschreiben, was wir tun und lassen, sondern wir müssen in der vollen, freudigen Bereitschaft, als Toren Christi zu gelten, vor Gott entscheiden können, was wir um des fremden Seelenheils willen unterlassen oder tun sollen“ (Dietrich v. Hildebrand). Menschenfurcht aus dem Zeitgeist heraus ist besonders im Zeitalter der Massen­medien eine reale Gefahr für die Menschen.

Als 1815 Napoleon von seinem Exil auf der Insel Elba floh und nach Paris zurückkehrte, lief in der damals noch jungen Presse ein Musterbeispiel für Menschenfurcht ab:
28.Februar: Der Menschenfresser hat seine Höhle verlassen.
7.März: Der korsische Vielfraß ist im Golf von ­Juan gelandet.
11.März: Der Tiger ist in Gap angekommen.
16.März: Der Usurpator zeigt sich bereits 60 ­Meilen vor der Hauptstadt.
18.März: Bonaparte nähert sich mit großen Schritten, aber wird in Paris niemals einziehen.
19.März: Napoleon wird morgen unter unseren Wällen sein.
20.März: Der Kaiser ist in Fontainebleau angekommen.
21.März: Seine Kaiserliche und Königliche Majestät hat gestern Abend Ihren Einzug in den Tuilerien gehalten inmitten Ihrer getreuen Untertanen.
In wenigen Tagen war aus einem „Menschenfresser“ eine „Majestät“ geworden; hier zeigt sich, was Menschenfurcht, die sich aus dem Zeitgeist speist, an Unsittlichkeit in sich hat.

Todesangst: Die Menschenfurcht kann sich aber auch aus der Todesangst speisen. Die fehlende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit, mit dem Alterungsprozess, dem jeder Mensch unterworfen ist, kann die Menschenfurcht übergroß werden lassen. Es ist der fehlende „metaphysische Mut“, der den Menschen hindert, der Wirklichkeit im allgemeinen und dem Sterben ins Auge zu sehen. Diese Haltung des metaphysischen Mutes „ist bereit zu dem großen Wagnis, sich den Dingen anzuvertrauen und sich von ihnen tragen zu lassen; sie ist eine schlichte, gesunde, innere Gewilltheit, auf deren Stimme zu lauschen“ (Dietrich v. Hildebrand).

Verlust an Gottesfurcht und Hochmut: Menschenfurcht ist aber immer gespeist von einem Verlust an Gottesfurcht. Das zeigt sich dann, wenn der Mensch nicht mehr fragt, wie er vor Gott steht, sondern es ihm wichtiger erscheint, was die Menschen von ihm denken.

„Man fürchtet… vor allem, vor den anderen als dumm, verstiegen, rückständig, lächerlich zu erscheinen“ (Dietrich v. Hildebrand). Letztlich ist es der Hochmut des Menschen, der die Menschenfurcht speist; der demütige, wertsuchende Mensch ordnet sich Gott und den göttlichen Geboten unter und erfreut sich an der Botschaft der Werte, die von Gott ausgeht.

Schritte zur Überwindung

Da der Mensch einen freien Willen geschenkt bekommen hat, kann er auch die Menschenfurcht schrittweise überwinden.

Kritische Distanz: Ein erster Schritt ist die Entlarvung von Schlagwörtern und die Erkenntnis, dass es in allen Lebensgebieten modische Erscheinungen gibt, die nicht mit der Wahrheit in eins zu setzen sind. Die Frage, ob eine Idee oder eine ­Sache gerade bei vielen Menschen „ankommt“ oder einfach „in“ ist, muss strikt unterschieden werden von der Frage nach der Wahrheit einer Idee oder Sache. In dem Augenblick, in dem jemand nicht mehr bereit ist, Denkmuster oder Schlagwörter einfach zu übernehmen, sondern kritische Distanz zu den Vor-Urteilen bezieht, wird die Menschenfurcht schon im Ansatz überwunden. Es tritt eine freimachende Wirkung der Wahrheit ein. Jemand, der sich quer zu Moden oder Ideen stellt, auf seine Sprache achtet und die Denkmuster der Meinungskonzerne nicht übernimmt, überwindet im Herzen schon alle ­Menschenfurcht. [...]

Das rechte Tun: In einem zweiten Schritt kann die Menschenfurcht überwunden werden, wenn die erkannte Wahrheit nun auch ins Leben, in die Tat umgesetzt wird. Wir können dies mit einem Sprichwort als eine Situation beschreiben, in der ein Mensch das Rechte tut und deswegen niemand scheut. Er hat erkannt, dass er nicht Verantwortung vor den „Nachbarn“ hat, sondern dass er seinem Gewissen, letztlich Gott, der die Quelle aller Sittlichkeit ist, Rechenschaft schuldet. Wo die Schlagwörter keinen Einfluss mehr haben und das Gewissen als letztgültiges Organ erkannt wird, da kann Menschenfurcht nicht mehr aufblühen.

Besinnung und Verantwortung: Ein dritter Schritt ist die Besinnung auf das Berufsethos oder die spezielle Verantwortung, die jetzt und in dieser Situation besteht. So überwindet der Richter seine Menschenfurcht dadurch, dass er weiß, welche Verantwortung er durch den Staat bekommen hat. Der Richter fällt das Urteil, weil er die Gesetze auslegen muss, weil er die Strafe aus­sprechen muss von Amtswegen. [...]

Und auch die Besinnung auf die Amtspflichten lässt den Geistlichen leichter die Menschenfurcht überwinden. Als Friedrich von Spee seine „Cautio criminalis“ gegen die Hexenprozesse verfasste, hatte er vieles an terror humanus in seinem Herzen zu überwinden. Aber er wusste: „Das Amt des Geistlichen ist, mit seinem Bellen sogar die Könige zu erschrecken und sie aus dem Schlafe zu we­cken, wenn in der Nacht Gefahr droht.“ Es war diese Besinnung auf seine Pflichten als langjähriger Seelsorger an „Hexen“, die den Weg frei machte für eines der großen Dokumente der überwundenen Menschenfurcht.

Ja, wenn der Beruf als Berufung angesehen wird, wenn die Berufung eine bestimmte Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen bein­haltet, dann ist es geradezu eine Pflicht, die Menschenfurcht zuerst in den Bereichen zu über­winden, die mit dem Berufsethos zusammen­hängen. Der hl. Thomas Morus, ein Vorbild eines ganz dem Berufsethos verpflichteten Menschen, sagte einmal: „Kleinmut und Ängstlichkeit hindern einen Menschen oft, das Gute zu tun, zu dem er fähig wäre, wenn er im Vertrauen auf Gottes Hilfe Mut fassen würde. Feigheit maskiert sich oft als Demut.“

Der Wert des Opfers: Der vierte Schritt zielt mehr auf die negativen Folgen für den Menschen. Denn unzweifelhaft bringt die Überwindung der Menschenfurcht Verachtung und Nachteile ein. Diese Nachteile kann der Mensch nur tragen, wenn er sich zuvor klargemacht hat, dass sich diese Nachteile lohnen, dass es seine Ziele erfordern, den schwierigeren Weg zu gehen. Die Logotherapie Viktor Frankls geht u. a. davon aus, dass das menschliche Leid dann zu ertragen ist, wenn der Sinn des Leidens erkannt wird. Wenn jemand seine Menschenfurcht überwindet und z. B. ein Urteil fällt oder ein mutiges Buch schreibt, das ihm viele Nachteile einbringt, so muss der Wert des Opfers vorher erkannt sein. Aus der richtigen Überwindung der Menschenfurcht darf der Mensch nicht in die Tollkühnheit fallen, in eine Haltung, die die Augen vor den wirklichen Gefahren verschließt. In den Sinn-Zeilen findet sich folgendes Gedicht:
Du läufst vor der Ameise davon,              
wenn du hysterisch bist.
Du läufst vor der Hornisse davon,           
wenn du allergisch bist.
Du läufst vor der Maus davon,  
wenn du zimperlich bist.
Du läufst vor dem Hund davon,                
wenn du ängstlich bist.
Du läufst vor der Ziege davon,  
wenn du unsicher bist.
Du läufst vor dem Stiere davon,               
wenn du ungewarnt bist.
Aber du bleibst stehen vor dem Löwen,               
der dich in Stück reißt, wenn du um etwas weißt, das dein Opfer wert ist.

Die Überwindung von Menschenfurcht kann also nur gelingen, wenn der Mensch seine Wertskala neu einstellt. Er muss sich entscheiden für das Wahre, und hat er einmal den Wert der Wahrheit erkannt, dann kann er auch die Nachteile in Kauf nehmen. Er weiß dann, dass die Nachteile, die er tragen muss, der Beginn einer neuen Sichtweise ist, die letztlich in neues Leben führt. Er sieht jetzt über den Tag hinaus, er kann über sein Leben hinaussehen lernen, wenn er religiös ist.

Liebe zur Wahrheit: Ein fünfter Schritt besteht in der vollkommenen Liebe zur Wahrheit, die weit über den ersten Schritt hinaus geht. Nun demaskiert der Mensch nicht mehr nur Schlagwörter und Moden des Denkens, sondern jetzt erkennt er, dass aller Sinn des Lebens darin besteht, die Wahrheit objektiv zu erkennen. Es gib für diese Haltung viele Beispiele. Zu erwähnen sind all die Menschen, die aus klarer Erkenntnis der Wahrheit Nachteile auf sich genommen haben, alle Menschen, die wie Sokrates überzeugt sind, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Hier liegt die klare Erkenntnis vor, dass der Anruf der Wahrheit den Menschen immer bindet und dass das Nichttun des Erkannten immer etwas Falsches ist. Diese Liebe zur Wahrheit überwindet die Menschenfurcht und setzt Energien frei, die einem verlogenen Menschen nicht einsichtig ­gemacht werden können. [...]

Gottesfurcht: Ein sechster Schritt ist die Einsicht, dass der Mensch Gott immer mehr verpflichtet ist als den Menschen. Der Tod erscheint hier nicht als die größte Katastrophe. Sokrates z. B. überwindet seine Menschenfurcht und damit auch die Furcht vor dem Tod, weil er alles einem Höheren, einem Göttlichen anheimstellt. Er weiß, dass die frohe Botschaft der Werte auch nicht durch den Tod aufgehoben werden kann, sondern dass Göttliches ihn erwartet. Dieses klare Bewusstsein darüber, dass es neben menschlichen Gerichten auch die Hinwendung zu göttlichen Gesetzen gibt, lässt ihn ruhig in den Tod gehen. Die Menschenfurcht ist dann endgültig überwunden, wenn die Gottesfurcht gesiegt hat.

*Irenismus, von griech. Eirene, der Friede, bezeichnet eine Grundhaltung, die im Übermaß das Gemeinsame herausstellt und klare Abgrenzungen vermissen lässt.

 

Aus: „Von der Menschenfurcht“, 1997 Kral Verlag, Abensberg, Kap. II und IV © J. Overath

Von

  • Joseph Overath, Dr. theol.

    geb. 1950, ist römisch-katholischer Priester im Erzbistum Köln. Die Liste seiner Veröffentlichungen umfasst rund 170 Titel zu Theologie, Kirchengeschichte und Seelsorge

    Alle Artikel von Joseph Overath, Dr. theol.

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