Volles Risiko

Vom Abenteuer der Freiheit

Wir forschen am besten nach der Freiheit, wenn wir uns in die Wüste aufmachen, in die Jesus sich für den Verlauf von vierzig Tagen zurückzieht und wo er mit dem Versucher zusammenstößt. Kurz vor seinem Aufbruch in die Wüste ereignet sich eine seltsame Szene. Jesus ist Johannes, dem Sohn des Zacharias und der Elisabeth, begegnet und hat sich von ihm taufen lassen. Die drei Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas berichten uns, dass in diesem Augenblick der Himmel sich öffnete und der Heilige Geist auf ihn in der Gestalt einer Taube herabkam und dass eine Stimme sich vernehmen ließ: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Es geht hier um den Nachweis, dass Jesus der Sohn Gottes ist. In der Wüste wird er vierzig Tage lang die tiefste Einsamkeit kennenlernen; er wird an sich den ganzen Hunger der Welt und alles Elend der Menschen verspüren, die unter dem Druck ihres Wesens stehen, in dem die Abwesenheit des Gottes zum Durchbruch kommt, der sich als Vater von Jesus bezeichnet. Hier wird die Stimme des Prüfers laut.

Die Stimme

Was ist mit dieser Stimme? Gehört sie einem Parteigänger oder einem Gegner? Jesus hat eine Stimme vernommen, die ihm sagte: „Du bist mein lieber Sohn!“, und er vernimmt jetzt eine Stimme, die sicher der ersten ähnlich ist und die dafür angesehen zu werden sucht: „Wenn du mein lieber Sohn bist, höre doch! Wenn ich der Sohn Gottes wäre, dann würde ich folgendes unternehmen, um die Menschen zu retten. Auf drei Dinge käme es hier an: Ich würde ihnen Brot geben. (Du kannst dich doch nicht mit leeren Händen vorstellen!) Ich würde bei ihnen Wunder vollbringen. (Der Gefallen am Wunderbaren und das Bedürfnis einer Fluchtbewegung und eines Jenseits ist noch viel größer als das Verlangen nach Brot.) Dann würde ich sie zur Eroberung der Welt anleiten. (Die Macht ziehen sie allem anderen vor.) Das ist der Retter, auf den sie warten. Ein solcher Retter bist du.“

Was ist mit dieser Stimme? Ist es so schwierig, sie zu erkennen? Klingt sie uns so fremd? Steigt sie nicht aus dem innersten Bezirk unserer Wünsche und unserer Erwartungen auf? Ist es nicht die Stimme von jedem einzelnen unter uns, die Stimme jenes ganz tiefsitzenden Gefühls, die behauptet, sie befinde sich in völligem Einklang mit der Stimme des Vaters? Ist das, was wir vom Sohn Gottes erwarten, nicht genau das gleiche, das der Vater von ihm erwartet? Auch wenn diese beiden Stimmen nicht deckungsgleich sind, so entsprechen sie doch einander. Die erste Stimme hatte als Zeichen eine Taube. Die zweite kennen wir nicht. Kein äußeres Zeichen wird erwähnt.

Das Entscheidende bei dieser Stimme liegt aber darin, dass Jesus sie nicht als die Stimme eines Partners vernimmt, sondern als die Stimme eines Gegners versteht, den es bis zu seinem letzten Atemzug zu bekämpfen gilt. Er macht einen unbedingten Unterschied zwischen diesen beiden Stimmen, die wir bereitwillig miteinander verwechselt hätten. Damit erfolgt die erste Erschütterung aller Illusionen und aller Religionen der Welt. Das ist das große Wunder. Jesus weiß und lehrt uns, dass er heute nicht seinem Vater begeg­net, sondern einem ganz anderem Vater. Dieser Satan, von dem das Evangelium redet, ist nichts anderes als der Sammelbegriff für die Götter, für jede nur denkbare Begehrlichkeit. [...] In diesem Sinn ist er unser Wortführer und wir Menschen dringen in der Gestalt dieses anderen beschwörend auf Jesus ein. Wir stellen ihm die Frage nach seiner Göttlichkeit: „Wenn du der Sohn Gottes, der Retter der Welt bist, dann gib Brot, Macht, ­Leben.“  Ja, die Stimme, die Jesus am Tag vorher bei seiner Taufe vernahm, war gewiss nicht unsere Stimme. Aber heute wird unsere Stimme, die Stimme der Welt, unserer Sehnsüchte und ­Bedürfnisse, unserer Hoffnungen und Erwartungen laut.

Es geht hier nicht um Frauen, Geld oder gehörnte Dämonen. Diese Versuchung trägt keine erregenden oder vergewaltigenden Züge. Der Gegner weiß genau, wo er Jesus packen muss. Er schlägt ihm nämlich Mittel zur Rettung der Welt vor; diese Mittel sollen dazu dienen, die Menschen für ihn einzunehmen. Nur auf dieser Ebene – im Bereich seiner Berufung – kann ein Retter in Versuchung geführt werden. Was kann nach dem Urteil von uns religiösen Menschen, die geradeso zu den Gefolgsleuten des Versuchers zählen, ein Sohn Gottes geben, wenn nicht Brot, Macht und Leben?

Aber hier wird unsere Stimme, die Stimme der Welt, unserer Sehnsüchte und Bedürfnisse, unserer Hoffnungen und Erwartungen laut. Wenn du der Sohn Gottes bist, dann gib! [...] Gewiss, wir begleiten Jesus, aber auf eine recht eigenartige Weise. Können wir ihn begleiten, ohne seine Versucher zu sein? Meine Religion, das heißt die Vorstellung, die ich mir von ihm als Sohn Gottes mache, kann ihn nur versuchen.

Gehört Jesus in die Reihe dieser Vorstellungen, und wenn ja, um welche Vorstellung handelt es sich dann? Wenn er aber nein sagt, was soll das bedeuten? Wenn er all unsere Vorstellungen ablehnt, muss Jesus selbst seine Antwort ausfindig machen. Er muss dann der Sohn Gottes auf eine nur ihm zustehende souveräne und freie Weise sein. Das ist das Geheimnis der Freiheit Gottes und unserer Freiheit.

Das Wagnis

Bei der Prüfung, der Jesus sich stellen muss, handelt es sich nicht um eine Formsache, die er über sich ergehen lässt, weil es ja ausgemacht sei, dass er sie unbedingt bestehen müsse und deshalb der Vater sich keine Sorgen zu machen brauche. Wenn dieser Mensch wirklich der Sohn Gottes ist, wird er die Prüfung glänzend bestehen; das ist un­bedingt sicher.

Wenn uns das Ergebnis bekannt ist, können wir es leicht in Worte kleiden. Aber wenn wir so das Ergebnis vorwegnehmen, wenn wir so das Wagnis der Prüfung ausschalten, ist es ein schreckliches Zeichen dafür, dass in unserem Leben die transzendente Dimension der Freiheit fehlt; dabei geht es um die Freiheit, die wir Jesus von vornherein wegzunehmen im Begriff sind. Denn wir sind ja hier nicht nur in der Gestalt des Gegners zur Stelle, um ihm zu erklären, was wir von ihm erwarten, nämlich Brot, Macht und Leben, sondern wir treffen auch unsere Vorkehrungen für den Fall, dass er diese Prüfung mit Erfolg bestehen und allen Versuchungen von unserer Seite widerstehen sollte. Wir machen alles zunichte, wenn wir etwa denken, dass er nicht wirklich geprüft werden konnte, dass, wenn er seine Rolle so gut spielte, es eben nur eine Rolle sein konnte, die Rolle des Sohnes Gottes, der dem Versucher Widerstand leistet.

Aber die tatsächliche Möglichkeit, dass Jesus hier unterliegen könnte, dass er zu einem Religionsstifter und Reichsbegründer werden und sich in seinem Vater täuschen könnte, wagen wir überhaupt nicht ins Auge zu fassen; denn eine solche Freiheit erfüllt uns mit Entsetzen. Es zeigt sich, wie unendlich weit wir von einem Gott entfernt sind, der wahrhaftig das Risiko auf sich nehmen könnte, die Welt, die Menschen und sich selbst in der freien Entscheidung des einen einzigen Menschen Jesus von Nazareth in der Wüste vor zweitausend Jahren zu verlieren.

Die Freiheit

Jedoch kann Gefangenen die Freiheit nur wiedergegeben werden von einem freien Menschen, der dabei seine Freiheit aufs Spiel setzt. Wenn dieser Mann in der Wüste nicht vor einer wirklichen Wahl steht, wenn er nicht ganz frei ist und keine andere Fähigkeit für sich in Anspruch nehmen kann als das schwächste Geschöpf, wenn also seine Entscheidung nicht in einem ganz strengen Sinn die unsrige ist, weil er nicht „versucht wurde wie wir“, und wenn er nicht die Möglichkeit und das Risiko des Unterliegens gehabt hätte, bedeutet das alles nichts. Dann ist diese ganze Geschichte nichts als eine endlose Komödie, bei der Jesus von Nazareth eine dramatische und erbauliche Vorstellung mit dem hier nötigen Happy End gibt.

Die unbedingte Voraussetzung für den Wert, die Wahrheit und den Sinn der Prüfung, der sich Jesus stellt, ist seine Freiheit. Ein Jesus ohne Freiheit, der nicht scheitern könnte und der nicht wirklich versucht wäre, würde auf einer falschen und lügnerischen Auffassung beruhen, die aus dem Sohn Gottes einen Götzen machen würde.

Damit die Prüfung Jesu überhaupt einen Wert hat und sein Sieg in der Gewinnung unserer Freiheit besteht, muss er frei sein. Es ging um eine echte Wahl; Jesus konnte die eine oder die andere Stimme wählen. Der Sohn Gottes konnte sich über seinen Vater täuschen. Er konnte scheitern. Es handelt sich nicht um ein Spiel, bei dem man genau weiß, dass der Schauspieler seine Unentschlossenheit, seine Angst und seinen Tod spielt, ohne etwas anderes als ein wenig Müdigkeit zu riskieren. Jesus spielt gerade keine Rolle, er ist ganz und gar er selbst und nichts als er selbst.

Als Gott seinen Sohn zu dessen Prüfung durch den Teufel in die Wüste führt, nimmt Gott nicht irgendein Wagnis, sondern das Wagnis schlechthin auf sich; Gott setzt mit diesem Menschen, mit der Freiheit und Schwäche dieses Menschen seine eigene Göttlichkeit und damit unsere ganze Menschlichkeit aufs Spiel.

Gott riskiert so nicht nur das Heil der Welt, sondern setzt auch sein ganzes Sein und seine Heiligkeit mit der freien Entscheidung dieses ausgehungerten Menschen aufs Spiel.

Das Brot

Da wir von einem Ausgehungerten sprechen, ist es normal, dass sich die erste Frage auf das Brot bezieht. „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann befiehl, dass diese Steine zu Brot werden.“ Da du an deinem Leib die Qual des Hungers verspürst, da du aus Erfahrung die Situation der Hälfte der Welt kennst, worauf willst du noch warten, um deine Macht in den Dienst dieser Hungernden zu stellen?

Das Brot! Darin steckt der ganze Hunger der Welt; und wenn Jesus der Sohn Gottes ist, muss er über das Mittel verfügen, alle Menschen und zuerst sich selbst zu sättigen. Wenn die Menschen nichts zu essen haben, muss man damit anfangen, sie zu speisen. Jesus weiß das auch; die vier Evangelien berichten uns, wie er die Volksmassen speist und die Kranken heilt. Wie kann also ein so elementarer, normaler und der Liebe dienender Vorschlag eine Versuchung sein? Wie kann also eine Tat, die ganz offensichtlich im Zusammenhang mit seinem Auftrag zu sehen ist, ein Akt des Ungehorsams sein?

Wenn er der Sohn Gottes ist, warum löst er dann nicht ein für allemal das ermüdende Problem der täglichen Nahrung? Wenn wir an seiner Stelle stehen würden, würden wir das tun. Und doch tut es Jesus nicht, zumindest nicht heute, wenn er sich weigert und dafür Mose anführt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Die Wahl

Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass ­Jesus hier keine Rangordnung aufstellt und den ­irdischen Speisen keine Verachtung entgegenbringt. Er sagt ganz einfach, dass das Brot nicht ausreicht, nichts kann ausreichen, weil nichts ­einen Sinn haben kann abgesehen von dem, was dieses Wort gibt. Zu allen diesen irdischen Speisen muss man sagen „nicht nur“, solange sie nicht die Nahrung eines freien Menschen sind und also ­keine Bedeutung haben können, solange diese Nahrung nicht in Beziehung steht zum Gespräch des Wortes und des Glaubens und also nicht das Brot ist, das Gott mit dem Menschen und der Mensch mit seinem Nächsten teilt. Welchen Retter hatte der Gegner eigentlich im Auge? Welchen Retter wollen wir eigentlich? Den Erhörer all unserer Bedürfnisse? Den Belohner, den Tröster, dem man nachfolgt wegen all dessen, was er uns gegeben hat, dem man aber nicht folgt um seiner selbst willen, nicht aus freien Stücken und nicht aus Liebe? Die ganze Welt würde ihm nur auf Grund eines solchen Verlangens folgen. Wer würde ihm denn sonst nachfolgen? Diese erste Ablehnung ist schon klar und deutlich. „Nicht nur das Brot, sondern das Wort Gottes“, das heißt doch: Nicht das Brot der Sklaven, sondern nur das Brot freier Menschen kommt in Frage. [...]

Selbstverständlich verachtet Jesus weder das Brot noch das Elend der Hungernden. Er wendet sich hier gegen die Macht, die ihm das Brot über uns geben würde, gegen den Menschen, den man mit dem Brot fangen würde. Er stellt sich gegen den Sklaven, der nur vom Brot allein und nicht mehr vom Brot und Wort Gottes, nicht mehr von dem Brot leben würde, das im Gespräch mit Gott und dem Mitmenschen geteilt sein will.

Jesus verweigert den Hungernden nicht die Speise. Wir wissen, dass er später die Massen mit dem vermehrten Brot speist. Das hat aber zur Voraussetzung, dass darin keinerlei Motiv für ihre Treue zu Jesus liegen darf; es kann dieses Brot nur noch obendrein gegeben werden an alle, die ihm schon in Liebe nachfolgen. Ja, die hier laut werdende Weigerung Jesu gleicht der, in der er sich wehrt, sich nach der Vermehrung der Brote zum König machen zu lassen. Er lehnt es ab, anders zu retten und zu regieren als mit dem Wort Gottes, jenem Wort, das die Gabe seiner selbst in Person ist. „Das Brot, das ich für das Leben der Welt geben werde, ist mein Fleisch.“ Anders kann man nicht der Herr und Freund eines freien Menschen werden. Diese Ablehnung Jesu bewirkt schon unsere Würde und Ehre oder stellt sie wieder her. Jesus wählt unsere Freiheit.

Die Wette

Durch das lebenschaffende Geschehen von Ostern will Gott deutlich machen, dass Jesus sich nicht getäuscht hat, dass er das getan hat, was zu tun war und sein Vater selbst von ihm erbeten hatte, nämlich, dass er mit seinem Leben den Preis dieser Freiheit bezahlte. Dabei geht es um jene Freiheit, die er törichterweise uns zugeeignet hat, um das Vertrauen, das er unverständlicherweise in uns gesetzt hat, und um die Vergebung, die er seltsamerweise wie einen Blankoscheck an uns ausgeteilt hat. Er hätte uns verloren, wenn er es anders gemacht hätte; er hat damit den einzigen Weg beschritten, der ihn bis zu uns führen konnte. Er ist auf einem Weg zu uns gestoßen, wo wir ihn nicht erwartet hatten und wohin der Widersacher keinen Zugang hatte. Entscheidend ist, dass er für uns gewettet hat und sich weigerte, eine Wette gegen uns einzugehen. Ausschlaggebend ist, dass er niemals Kapital aus unserem Elend geschlagen hat.

Eine erstaunliche Pädagogik Gottes! Eine wunderbare Behandlung der Entfremdeten durch den Befreier! Hören Sie doch darauf! „Du bist nicht mehr ein Sünder. Deine Sünde ist weggenommen – du hast überhaupt keine Sünde mehr. Du bist frei. Du bist nicht mehr ein religiöser, sondern ein freier Mensch, das heißt ein Mensch schlechthin. Wenn der Versucher dir die Religion bringt, dann bringe ich dir dagegen die Freiheit, den Auszug aus Ägypten, die Öffnung aller Gefängnisse, mit einem Wort – das Heil.             

Ich habe diese Freiheit errungen in meinem Tod als den einzigen Schatz, der es wert ist, dass ich mein Leben dahingebe. Ich habe diese Freiheit nicht denen preisgegeben, die zu mir schrien: ‚Steig vom Kreuz herab, dann werden wir an dich glauben.‘ Ich bin mit dieser Freiheit gestorben. Sie hat mir das Leben gerettet. Wenn ich aus irgend­einem anderen Grund gestorben wäre, dann wäre mein Tod endgültig. Aber deine Freiheit hat mir das Leben gerettet. Es war der Wille meines Vaters, der nicht frei sein wollte ohne dich und mir dein Heil anvertraut hatte. Im Sterben für und mit deiner Freiheit, gab ich meinem Vater die Freiheit zur Vernichtung des Todes zurück. Dieses Handeln ereignet sich in meinem Tod und bedeutet: ‚Ich war tot, aber ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit.‘ Gott ist tot, nein, Gott war tot, und sein Tod hatte nur vorläufigen Charakter. Sein Tod dauerte nur zwei Tage; darin waren alle Tage unseres Todes und die ganze Geschichte unseres Todes zusammengefasst. [...] Der leiseste Hauch von Freiheit und das geringste, von Liebe geprägte Handeln zerstören den Tod. Das Grab hat sich geöffnet. Der Tod Gottes war nur der endgültige Tod jenes Gottes, den der Feind aus dir gemacht hatte und der dich band und hinderte, den lebendigen Gott zu erkennen. Nun bist du los, bist gestorben, bist frei!“

„Wer gestorben ist, ist frei von der Sünde“, sagt Paulus.

Der Beweis

Haben wir es erfasst, wie Jesus sein Leben für unsere Freiheit gab und gerade dadurch das Leben gerettet und es uns wiedergegeben hat, so dass er sich in aller Wahrheit als unser Befreier bezeichnen kann? Man kann es sehen: Nicht unser Glaube rettet uns, sondern der Glaube Jesu, der Glaube daran, was sein Vater für uns gewollt hat. Unser Glaube besteht nur darin, dass wir den seinen anerkennen. Wir glauben an ihn und machen dadurch den Schritt in die Freiheit, weil er an uns geglaubt hat und sich dafür entschied, eher das Leben als den Glauben zu verlieren, weil er lieber sterben wollte, als die Freiheit Gottes von der des Menschen und den Dienst für Gott vom Dienst für den Menschen zu trennen.

Jetzt ist also die Freiheit vorhanden; diese Freiheit gilt der ganzen Welt und jedem einzelnen Menschen. Es handelt sich „um die Wahrheit, die frei macht“, die dem Menschen entspricht und ihren Grund im Tod und Leben Jesu hat.

Glauben bedeutet, vom Glauben Jesu zu leben. Es handelt sich dabei nicht in erster Linie darum, zu glauben, dass Jesus lebt – das könnte noch alle Illusionen und Selbsttäuschungen enthalten –, sondern es kommt darauf an, was Jesus geglaubt hat, dass wir sein sollten. Nun sind der Glaube, die ­Liebe und die Hoffnung Jesu tatsächlich in Fleisch und Bein vorhanden. Petrus ist frei, nicht dazu, um dreimal zu verleugnen, sondern um dreimal zu wiederholen: „Du weißt, dass ich dich liebhabe.“

Unsere neue Geburt, unsere Befreiung ist derartig mit der seinen verbunden, dass Paulus sagen kann: „Wenn die Toten nicht auferstehen, ist Jesus nicht auferstanden.“ Der einzige Beweis für die Auferstehung des Jesus von Nazareth besteht darin, dass uns beim Hören auf diese Proklamation die Freiheit zuteil wird. Unsere Freiheit hat ihn zugleich das Leben gekostet und gerettet. Deshalb sind wir in Zukunft mit ihm und durch ihn, was wir nicht waren und nicht sein konnten, nämlich Menschen, die gerecht und wahrhaftig, friedliebend und barmherzig sind – kurz, neue, lebendige und freie Menschen.

Aus: Das Abenteuer der Freiheit. Sieben Meditationen über die Versuchung Jesu, Neukirchen-Vluyn 1969. Gekürzt. Der Rechtsinhaber ließ sich trotz sorgfältiger Prüfung nicht ermitteln.

Von

  • Roland de Pury

    (1907-1979), Schweizer Pfarrer, der sich im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Juden zur Flucht verhalf und sich geistig-geistlich der Rassenideologie des Nationalsozialismus widersetzte.

    Alle Artikel von Roland de Pury

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