Mitten im Sturm

Von Gespenstern und Eisschollen

Ich bin von Natur aus kein ängstlicher Mensch, doch es gab Zeiten, da hat die Angst mir buchstäblich die Luft zum Atmen genommen. Das machte das normale Leben unmöglich. Ich schrieb damals in mein Tagebuch:
Von allen Seiten umgibst du mich, Angst,
du hältst deine Hand über mir und verbietest mir
Luft zu schnappen, Ruhe zu finden, zu leben.
Wo soll ich mich verstecken vor deiner Allmacht?
Wohin soll ich fliehen vor deiner Gegenwart?
Flüchte ich mich zu den Menschen, bist du da.
Verberge ich mich in der Vergangenheit, spürst du mich auf. Fliehe ich weit voraus in die Zukunft, kann ich deinem Würgegriff doch nicht entgehen.

Ich hatte keine Angst, die Angst hatte mich.

Angst in der Bibel

Angst gehört zu unserem Menschsein. Sie ist primär keine Sünde, aber eine Folge der Sünde, die unsere Welt in ihrem Bann hält. In 1Mo 3 wird beschrieben, wie die Schlange Misstrauen in das bis dahin ungestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch sät. Und dann die erste Begegnung zwischen Adam und Gott nach dem Sündenfall. Was sagt Adam da als erstes? Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich.

Im Neuen Testament lesen wir:
Und alsbald trieb er seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida, bis er das Volk gehen ließe. Und als er sich von ihnen getrennt hatte, ging er hin auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war das Boot mitten auf dem Meer, und er war an Land allein. Und er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern – denn der Wind stand ihnen entgegen –, da kam er um die vierte Nachtwache zu ihnen und wandelte auf dem Meer und wollte an ihnen vorübergehen. Als sie ihn aber auf dem Meer wandeln sahen, meinten sie, es wäre ein Gespenst, und schrien; denn sie sahen ihn alle und erschraken. Aber sogleich redete er mit ihnen und sprach zu ihnen: Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht! Und er stieg zu ihnen ins Boot, und der Wind legte sich. Und sie entsetzten sich über die Maßen (Mk 6, 45-51).

Am Anfang war die Stimmung der Jünger im Boot sicher gelöst und freudig, immerhin hatten sie gerade miterlebt, wie 5000 Menschen satt ­geworden waren. Nun hat Jesus sie über den See vorausgeschickt. Das Hinüberrudern ist kein ­Problem, die meisten von ihnen sind Fischer. Aber dann kippt die Stimmung, plötzlich kommt ein starker Wind auf. Stumm und verbissen arbeiten sie dagegen an und kommen doch kaum vorwärts – wie schnell schlägt unsere Hochstimmung um in Verbissenheit und Angst.

Geheimer Antrieb

Das führt mich zu meiner eigenen Geschichte: Vor einigen Jahren erlebte ich einen schweren Burnout. Schon lange merkte ich, wie ich mit meiner Kraft an Grenzen kam. Ich steckte mitten in der Aufarbeitung meiner persönlichen Geschichte, trotzdem arbeitete ich immer noch mehr: FSJ-Begleitung, Redaktion, Gottesdienstteam, Musikteam, Liturgieteam, Garten – ich schien unentbehrlich. Heute kann ich sagen: Mich trieb die Angst zu versagen, dem Tempo meiner Gemeinschaft nicht mehr gewachsen zu sein und aus­sortiert zu werden, aber auch die Angst vor dem, was hochkäme, wenn ich stillhielte. Ein Leben ohne Arbeit konnte ich mir nicht vorstellen – wer war ich dann noch? So ignorierte ich jedes Stoppschild und lief und lief und lief. Aber als ich nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause kam, ging gar nichts mehr. Die Treppe zu meiner Wohnung im ersten Stock zu bewältigen war schon Schwerstarbeit. Ich war ganz ­unten angekommen, am Ende meiner Kraft.

Heute weiß ich, dass Jesus mich zu diesem Zeitpunkt im Blick hatte, genauso wie er die Jünger sah, die sich beim Rudern abmühten. Er sah meinen Gegenwind, die kleiner werdende Kraft und die im gleichen Maße größer werdende Angst. Ich frage mich, warum Jesus in der Geschichte so viel Zeit verstreichen lässt: Am Abend haben die ­Jünger Probleme, und erst „in der 4. Nachtwache“, das ist gegen 3.00 Uhr morgens, kommt Jesus zu ihnen.

Angst vor Gespenstern

Stellen wir uns vor: Es ist stockdunkel und eiskalt, die Wellen gehen hoch, immer wieder schlägt ­eine Welle über den Bootsrand und alle sind schon klatschnass. Sie wissen kaum noch, wohin sie rudern, denn Sterne sind nicht zu sehen. Und da kommt Jesus über das Wasser gelaufen. Man ­müsste meinen, sie atmen auf: Endlich ist Er da! Aber sie schreien, denn sie denken, er sei ein Gespenst. Das ist gar nicht so abwegig, denn Angst verzerrt unsere Wahrnehmung. Unter normalen Umständen hätten sie Jesus sicher gleich erkannt, sie waren ja jeden Tag mit ihm zusammen, aber jetzt war alles Angst, für normale Wahrnehmung und nüchterne Überlegung kein Raum mehr.

Kennen wir das auch, dass uns vor lauter Angst die Dinge verzerrt, übergroß und furchterregend vorkommen? Angst ist ein schlechter Ratgeber und Angst ist ansteckend – nicht einer von diesen zwölf gestandenen Männern kann einen klaren Kopf behalten.

Aber Jesus spricht sie sofort an. Es ist der Klang seiner Stimme, der die Angst durchschneidet und sie in die Realität zurückholt: Erschreckt nicht, ich bin‘s! Das ist der vertraute Jesus, den kennen sie. Aber es ist noch viel mehr: Ich bin – so stellt sich Gott dem Mose vor – ich bin der Ich-bin-da. Hast du das vergessen in deiner Angst, dass ich, der ­Allmächtige, da bin; dass ich für dich da bin?

Ob die Jünger sich später dafür schämten, dass sie Jesus nicht erkannt haben? Auch uns kann es ­passieren, dass Gott so ganz anders antwortet, als wir uns das vorgestellt haben, uns anders ent­gegentritt, und dann erschrecken wir und haben große Mühe, ihn zu erkennen. Vielleicht werfen wir ihm noch vor, er ließe uns im Stich, dabei ist er lang schon da, nur eben anders als unsere kleine, angstverzerrte Wahrnehmung erkennen kann.

Jesus steigt zu den Jüngern ins Boot – und sofort legt sich der Sturm. Da sind sie erst recht fassungs­los. Es ist also nicht unbedingt eitel Freude und Dankbarkeit, wenn Jesus dazu steigt. Es kann verstörend sein, aber es ist Sicherheit, denn ER IST DA.               
Wir haben es nicht in der Hand, wie Gott hilft. Ein englisches Sprichwort sagt: Some­times God calms the storm, sometimes the sailor. (Manchmal beruhigt Gott den Sturm, manchmal den Seemann.)

Zwei Beobachtungen möchte ich mit Ihnen teilen:

  1. Die Bibel liefert uns fast immer eine Begründung für das Sich-nicht-Fürchten.             
    Zum Beispiel: Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn (1Mo 15, 1) oder Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst (Jes 43,1). Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört (Lk 1,13). Und in unserer Geschichte: Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht! Die Begründung heißt nicht: Es wird schon nicht so schlimm oder du schaffst das schon, sondern wurzelt in der Tatsache, dass Gott und wer Gott und wie Gott ist. Das allein ist guter Grund, sich nicht zu fürchten.
  2. Gottes Friede als Gegenstück zur Furcht.        
    Ich habe viele Bibelstellen nachgeschlagen, von denen ich dachte, da stünde fürchte dich nicht, aber stattdessen heißt es oft Friede mit dir!

Zum Beispiel: Die (geheilte) Frau fürchtete sich und zitterte… Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter geh hin in Frieden! (Mk 5, 33). Als die Jünger aber ­davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! (Lk 24, 36). Und natürlich: Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht (Joh 14, 27) u.v.m.

Ich leite daraus ab, dass der Friede Gottes ein ­Gegenstück zu unserer menschlichen Angst ist. Friede bedeutet viel mehr als „kein Krieg“. ­Schalom heißt Vervollständigung. Wo Schalom ist, finden sich Sicherheit und Ruhe, Gesundheit, Freude und ganzheitliches Wohlbefinden, in dem Angst keinen Platz mehr hat. Diesen Frieden hat Jesus uns hinterlassen als ein kostbares, mäch­tiges, unzerstörbares Geschenk. Mit seinem Schalom schafft Jesus einen Raum, in dem es schon jetzt zugeht, wie dermaleinst im Himmel. Hier können wir Leben einüben, das sich nicht von Angst und Sorge bestimmen lässt. Auch im Leid und sogar im Angesicht des Todes „funktioniert“ das – und nicht nur für geistliche Superhelden, sondern für ganz normale Leute.

Was tun, wenn die Angst groß wird?

Es wahr sein lassen, es mir selbst und anderen eingestehen, ist immer der erste und oft der schwerste Schritt. Die Statistik sagt, dass 15% der Deutschen spontane Angstanfälle und 6% Angst­störungen haben. Betroffene geben sogar den ­Beruf auf und können das Haus nicht mehr verlassen. Oft weiß niemand davon, weil es so schambesetzt ist. Einsamkeit verstärkt die Angststörung, ebenso Alkohol und Drogen. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren Leidenszeit nimmt ein Betroffener Therapie in Anspruch. Das muss nicht sein! Darum ist es entscheidend, sich Hilfe zu suchen. Neben der Alltagsbewältigung wird es immer auch darum gehen, eine Antwort auf die (Lebens-)frage zu finden, die die Angst mir stellt und der Angst einen Namen zu geben. Denn was wir benennen, verliert seine Macht über uns.

Was kann die Seelsorge leisten?             
Eine wunderbare alte jüdische Geschichte setzt das ins Bild:

Als Jiri Izrael, einer der Stillen im Getümmel der Welt
vor Ostern im Jahre fünfzehnhunderteinundfünfzig
bei Torun über die gefrorene Weichsel ging, begann vor
seinen Füßen plötzlich das Eis zu brechen. Und Jiri Izrael sprang von Scholle zu Scholle und sang dabei den Psalm:
Lobet im Himmel den Herrn, lobet ihn in der Höhe
lobet ihn, all sein Heer.

Von Scholle zu Scholle.
Lobet ihn, Sonne und Mond,
lobet ihn, alle leuchtenden Sterne.

Von Scholle zu Scholle.
Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel
und ihr Wasser über dem Himmel.

Von Scholle zu Scholle.
Lobet den Namen des Herrn, alle Dinge,
denn er gebot, da wurden sie geschaffen.

Von Scholle zu Scholle.
Lobet den Herrn auf Erden,
ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres.

Von Scholle zu Scholle.
Lobet den Namen des Herrn,
denn sein Name allein ist hoch
seine Herrlichkeit reicht, so weit Himmel und Erde ist.

Und so gelangte Jiri Izrael aus der Strömung des Flusses
glücklich ans Ufer.

Der Fluss ist ein Bild für all das Reißende, in dem wir zu ertrinken drohen, über das wir nicht einfach hinwegkommen. Kränkungen, Verletzungen oder Angst können zu so einem reißenden Fluss werden. Wie kommt man darüber? Von Scholle zu Scholle.          
Eine Scholle ist ein Klumpen Erde oder Eis. Ein Klumpen nur – nichts, worauf man sich nieder­lassen und bleiben könnte, aber etwas, das ich nutzen kann, um weiterzuspringen und den nächsten Schritt zu wagen.

Was sind meine Eisschollen?

Was bringt mich über das berstende Eis?
Das Lob Gottes. Wenn wir Gott loben, geschieht ein Richtungswechsel: Wir schauen nicht mehr auf uns selbst und den reißenden Fluss, sondern auf den, der größer ist und uns doch liebend ­zugewandt. Dadurch bekommt alles andere wieder eine realistische Größe und kann sich nicht ins ­Unermessliche aufblähen.

Deshalb haben in meiner eigenen Geschichte ­Lieder eine große Rolle gespielt. Außerdem wurden mir Gebetsrufe zu einer „Scholle“, wenn die Kraft für lange Gebete fehlte: „Herr, erbarme Dich!“ oder „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ oder „Herr, sei mir gnädig, denn mir ist Angst“.     
Eine andere Möglichkeit, sich Worte „zu borgen“, sind Psalmen. Ich habe viele von ihnen auswendig gelernt und sie zu meinen eigenen Worten ­gemacht. Die Psalmen 23, 25 oder 31 eigenen sich besonders gut dafür. Wenn weder eigene noch geborgte Worte zur Verfügung standen, blieben ­Bilder und Symbole. Auch sie tragen Wirk­lichkeit in sich und wurden zu „Schollen“ unter meinen Füßen. Da reichte es schon, eine Kerze anzünden mit den Worten „Jesus Christus, Sieger und Herr!“ oder das Kreuzzeichen über mir zu schlagen. Die mächtigste Waffe gegen die Angst ist wohl die Dankbarkeit. „Count your blessings!“ (Zähle die Segnungen deines Lebens!) Für dankbare Rückschau fand ich viele Gelegenheiten am Ende des Tages oder der Woche, am Altjahresabend oder Geburtstag. Letztlich ist jedes Tisch­gebet ein Sich-bewusst-Machen, dass wir von der Güte eines guten Gottes leben. Dankbarkeit ist keine Technik, sondern eine Lebenshaltung, die mich von innen nach außen hin verändert hat.

Der Weg aus der Angst heraus ist mühsam, aber die von Gott verheißene Freiheit ist es allemal wert! Mich hat angespornt zu wissen, dass es schon jetzt einen Menschen gibt, der auf dem ­Ehrenthron an der Seite Gottes sitzt und doch aus eigener Erfahrung weiß, was Angst ist. In Jesus sind unsere Ängste gehalten und entmachtet. Und in ihm gilt auch uns die uralte Verheißung: Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind (Jes 8,23).

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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